Doch wenn ihr die Besinnung wiederkehrte, hörte sie, wie ihre Seele klagte: du schwelgst und läßt mich darben. Du glühst, und ich erfriere. Fühlst du denn nicht? Er ist nicht dein Freund. Was er dir gibt, ist nichts als sein Begehren.
Dann weinte sie und forderte vom Schicksal: erhöre mich. Nimm ihm sein Begehren, gib mir dafür seine Freundschaft.
Die Blüten ihrer Freude fingen an zu welken. Ein Mißton gellte durch ihr innerliches Jauchzen. In die festen Wurzeln ihres Glaubens drang ein Fäulnistropfen, und dem zerstörten Erdreich entwuchs der Schmerz wie eine kranke Blume.
Er ahnte nichts von ihren Qualen. Dankbar genoß er ihr Verstummen und schlürfte ihre wehe Zärtlichkeit wie eine neue Würze. Er ahnte nicht, daß ihre Lippen, auf denen eben noch die seinen brannten, in sich den Schrei erstickten: Schicksal, erhöre mich. Nimm ihm sein Begehren. Gib mir dafür seine Freundschaft.
Einmal aber kam es, daß ihre Zweifel durch ihr Schweigen brachen. Wie ein lang zurückgedämmter Strom stürzten ihre Klagen über ihn hinweg: »Du liebst mich nicht, an deiner Seele hab' ich keinen Anteil, du gibst mir nichts als deine Sinne.«
Er blieb die Antwort schuldig. Er nahm sie sanft in seine Arme, wiegte sie hin und her und sagte nur mit einem müden Lächeln: »Du Kind.«
Am nächsten Tage fehlte er um die gewohnte Stunde.
Sie stand und wartete auf ihn, in Unruhe zuerst, dann in Erstarrung. Sie stand ganz nahe bei der Tür, weit vorgebeugt, um das Nahen seiner Schritte eher zu erlauschen. Es wurde finster, und sie wartete noch immer. Sie zündete kein Licht an. Ihr war, als bringe ihn das Dunkel ihrer Sehnsucht näher.
Plötzlich streifte sie sein Atem. – Sie fuhr empor und sah ihn in der Tiefe eines Sessels lehnen.
Sie fragte nicht: wie ist er eingetreten? Sie fragte nicht: wer hat die Lampe angesteckt, die rot verschleiert aus der Ecke leuchtet? Ein Nebel lag auf ihrem Denken, sie fröstelte. Das kam daher – er hatte sie beim Kommen nicht geküßt.