Doch noch verweilte Frau Beate an dem Gartentor. Mit feuchten Augen sah sie in die Herbstlandschaft hinaus.
Durch die große Ruhe der Natur ging es wie ein Ton verhaltenen Gefühls. Wehmütig entflatterte das fahle Laub den kahlen Zweigen. Daneben aber flammten Bäume purpurn auf, als jauchzten sie im Abschiednehmen schon dem Wiedersehen zu. Und die grünen Wiesen, ganz durchwirkt mit lichten Herbstzeitlosen, gaben sich der auslöschenden Abendröte mit solcher Inbrunst hin, daß sie, wie von innen her, erglühten.
Auch in Frau Beatens Seele war ein Weinen und ein Lachen. Unter einer sanften Traurigkeit sammelte sich eine aufsteigende Kraft in ihr, etwas wie ein Wunsch, der noch unter der Schwelle des Bewußtseins schläft.
Vom Hause her kam jemand, um sich eine wirtschaftliche Anweisung zu holen. Das riß die Sinnende aus ihrem Träumen. Langsam ging sie, die schwere Schleppe nachlässig gerafft, der Villa zu, den mit gelbem Kies bestreuten Weg entlang, zwischen den Rabatten, an denen noch ein paar späte Rosen blühten.
Sie mied den Eingang durch die Halle, in der die Dienerschaft beschäftigt war, die gewohnte Ordnung wiederherzustellen und stieg die Seitentreppe aufwärts, zu dem Zimmer ihrer Tochter. Ein süßlicher Geruch schlug ihr entgegen. Er strömte aus den halbverwelkten Blumenkränzen, die sich, von liebevoller Hand gewunden, um die hellen Möbel schlangen.
Beate öffnete ein Fenster, drehte den Verschluß der elektrischen Beleuchtung auf, das Zimmer befand sich noch in demselben Zustand, in dem die Neuvermählte es verlassen hatte. Allerlei Zierlichkeiten, wie eine elegante Frau sie zu ihrer Kleidung braucht, lagen durcheinander. Auf dem Teppich Nadeln, Bänder. Die weißen Seidenstrümpfe mit den Myrtensträußchen neben den Atlasschuhen, als seien sie eben von den Füßen abgestreift. Über die Sofalehne floß das Brautkleid wie ein Lebendiges hinunter, in seinen Falten hing noch der Duft zarter Mädchenhaftigkeit.
Frau Beate drückte ihre Lippen in die weiche Seide, innige Segenswünsche im Gemüt. Dann bückte sie sich nach dem Schleier, der auf den Fußboden herabgeglitten war.
Mit Fingern, die vor Erregung bebten, hatte sie Kranz und Spitze aus dem Haar der Braut gelöst. Etwas hastig. Denn von Zeit zu Zeit hatte der junge Ehemann mahnend an die Tür geklopft. »Lena, Liebling, beeile dich ein wenig, bitte. Wir haben eine Stunde bis zum Bahnhof. Und bei dem Pech, daß wir gerade heute das Auto nicht benutzen können ...«
Glättend fuhren Frau Beatens Hände über das kostbare Gespinst, ein Erbstück, das von ihres Mannes Mutter stammte, und das auch sie an ihrem Ehrentag getragen hatte. Einundzwanzig Jahre war es her.
Wie das lebendig vor ihr aufstand – den ganzen Tag über hatte es sie schon verfolgt. In einer anderen Stimmung als die Lenas war sie damals vor den Altar getreten. Nicht so siegessicher, weil nicht so begehrt. Mit der Unruhe im Herzen: werde ich Robert genügen? In demütigem Staunen: warum wurde gerade ich von ihm gewählt? Von ihm, dem so viel Älteren, Gereiften. So klug, so fein, so reich. Und sie hatte nichts als die frische Unberührtheit ihrer Jugend.