Gut und rücksichtsvoll war er auf der Hochzeitsreise dann zu ihr gewesen, hatte sie vor den Kunstwerken Italiens und Griechenlands nicht fühlen lassen, wie wenig sie wußte und verstand. Und doch dieses Ungreifbare zwischen ihnen, diese Sehnsucht, ihm einmal aus verborgenster Empfindung »Du« zu sagen.
»Laß uns nur erst zu Haus sein,« hatte sie sich getröstet, »nicht mehr fremden Blicken ausgesetzt. Dann will ich meine Schüchternheit bezwingen und ihm zeigen, wie heiß, wie leidenschaftlich meine Liebe zu ihm ist.«
Da, noch vor der Heimkehr, jene Stunde, in der sie ihm ihr Geheimnis hatte anvertrauen müssen.
Nein, hatte sie je eine so strahlende Glückseligkeit aus den Zügen eines Menschen brechen sehen? Ihre Hände hatte er geküßt, wenig fehlte, er wäre vor ihr auf die Knie gesunken.
Fortan war sie mit ausgesuchter Sorgsamkeit von ihm behandelt worden, jedes Unbehagen, das sie traf, für ihn ein Schreck. Am liebsten hätte er sie gar nicht mehr verlassen. In ihrem ganzen Leben war sie noch nicht so verhätschelt worden. Was peinigte sie sich mit der Vorstellung: das alles gilt nicht dir. Du bist nur das Tabernakel für sein künftiges Idol.
Frau Beate ging zum Toilettentisch, griff nach Lenas Bild und strich liebkosend darüber hin. Wie in nachträglicher Abbitte für allen Groll und alle Eifersucht auf das Übermaß der väterlichen Liebe.
Das Kind. Das Kind, der Mittelpunkt alles Geschehens. Ihm zuliebe hatte sich die Frau allsommerlich auf Monate von ihrem Manne trennen müssen. Ihm zuliebe, um es nicht so lange zu missen, wurde dann das Landgut angekauft. Und damit das eigene Geschick besiegelt.
Vor drei Monaten war Lena einer Einladung Barons von Norden, des neuen Gutsnachbarn, gefolgt. Ihr Vater, durch eine Erkältung verhindert sie zu holen, hatte ungeduldig der Verspäteten geharrt. Endlich – das Signal der Hupe. Heiß und aufgeregt war die Tochter dem Vater an den Hals geflogen.
»Vatti, ich bin so unaussprechlich glücklich.«
Sie war verlobt. Mit Kurt von Norden. Eine Liebe auf den ersten Blick, seit Wochen brannte sie in beiden. Auf der Heimfahrt war das »Ja« gefallen.