Und nun wartete er draußen.

»Darf er herein?«

»Nein!«

»Auch morgen nicht?« Das verwöhnte Mädchen war ganz fassungslos geworden. »Du verweigerst deine Zustimmung? Aus welchen Gründen? Aber ich lasse nicht von ihm ...«

Was nun folgte: Tränen, Nervenkrisen, Selbstmordgedanken. Seit jener Zeit teilte Frau Beate Lenas Zimmer in der Nacht. Bis der Sieg errungen war. Die schlimme Brautzeit, auch für die Mutter, die den Vater trauernd leiden sah.

Armer Freund! Wie tapfer er sich heute gehalten hatte (nur bei dem Trinkspruch auf das junge Paar war seine Selbstbeherrschung sekundenlang bedroht gewesen), mit welch gutgespielter Heiterkeit er sich erboten hatte, den Hochzeitswagen auf dem Weg zum Bahnhof selbst zu lenken. Aber in was für einer Stimmung würde er ihr wiederkehren?

Mechanisch hatte Frau Beate in das Spiegelglas geblickt, ohne sich darin wahrzunehmen. Wie kam es, daß sie sich jetzt entdeckte? Daß aus dem Gedächtnis die Erinnerung an Huldigungen tauchte, die heute unbeachtet an ihrem Geist vorbeigegangen waren? Ein freches Wort dabei, nicht für ihr Ohr bestimmt: Wenn ich zu wählen hätte, weiß Gott, die Mutter wär' mir lieber.

Sie drängte sich näher an das Glas heran, prüfte Haare, Haut, Gestalt. Wie ein Schauer überlief sie ein Verständnis, das schon vorhin leise aus der Natur zu ihr gesprochen hatte. Daß dem Verblühen ein heftigerer Reiz entströmen könne als dem Entknospen, der tödlich süße Schmerz des Endes, der dem Genuß die feinste Wollust gibt. Und jäh und heiß schoß ihr eine Vorstellung ins Blut: wenn er zurückkommt, gehört er mir allein. Wie vor einundzwanzig Jahren. Kein Drittes zwischen uns.

Eine Hoffnung lohte in ihr auf, ihr Herz tat einen großen Sprung, sie mußte sich am Tischrand halten.

Dann, verwirrt, mit fieberhaft erregten Pulsen, lief sie an einen Schrank, suchte, wühlte. Das Kleid, das sie in ihrer Hochzeitsnacht getragen hatte, war dort aufbewahrt. Ein weites faltiges Gewand aus blaßblauer Seide. Es paßte noch. Die Haare rasch gelöst, zu der Frisur von einst geordnet. Den Mantel umgeworfen, wie zu unerlaubter Tat hinabgehuscht, die spätblühenden Sträucher zu berauben. Die betauten Rosen in Roberts Junggesellennest getragen, daß sie ihre Düfte über die Einsamkeit des Lagers streuen.