Im Dunkeln, hinter herabgelassener Gardine, spähte sie in die Nacht hinaus. Mit hämmerndem Herzschlag, in zitternder bräutlicher Erwartung und der Sehnsucht der gereiften Frau.
... Männerschritte unten in dem Garten. Und oben in ihr eine fast mädchenhafte Scham, ihm hier zu begegnen, eine Wendung zu entfliehen. Zu spät, er ist schon auf der Treppe. Jetzt geht die Tür zu ihrem Schlafgemach. Gewiß, er sucht sie, gleich wird er die Schwelle dieses Zimmers übertreten ...
Da kommt ihr eine große Kühnheit. Sie macht Licht, er soll sie sehen, wie sie sich für ihn geschmückt. Nicht mehr nur die Mutter seines Kindes. Seine Liebste. Seine Frau. Wo er nur bleibt? Auf leichten Sohlen, die Nerven in weher Zärtlichkeit gespannt, schleicht sie hinaus, lugt durch die Spalte der angelehnten Tür.
Vor dem Bett der Tochter liegt der Mann, das Gesicht im seidenen Pfühl begraben. Wie vom Krampf geschüttelt beben seine Glieder. Und er weint ...
Daß sie nur unbemerkt entkommen kann. In Lenas Stube reißt sie schamüberflammt die blaue Seide ab, knöpft ihren unscheinbarsten Morgenrock bis zu den Ohren zu, streicht die Haare fest zurück, zöpft sie zu einer matronenhaften Flechte.
Hart und hörbar tritt sie auf, gibt ihm Zeit aufzustehen, sich zu besinnen.
»Ich erfahre eben, daß du schon zurück bist, Robert. Bitte komm in das Rauchzimmer hinunter. Dort ist für dich gedeckt. Du mußt mir von den Kindern erzählen. Und nach der langen Fahrt wirst du sicher hungrig sein.«
Ich hatte keinen Blick von der Erzählerin gewendet. In ihrer Selbstverständlichkeit zu Pflichterfüllung und Entsagung schien sie mir die Verkörperung der Fraulichkeit. Erstaunt bemerkte ich, daß sie das Interesse der anderen Hörer nicht in gleichem Maße erregte. Hier und da war einer aufgestanden, ich hörte gedämpftes Flüstern vom Fenster her. Als ich hinzutrat, nahm auch ich Leute auf der Straße wahr, die mit dringenden Gebärden Einlaß verlangten. Wir wagten nicht, den Bauer aufzuwecken, mochten auch nicht, wir die Selbstgeschützten, den Bittenden die Unterkunft versagen. So übten wir eigenhändig Hausrecht aus. Die Eingelassenen gaben sich als Fahrtgenossen zu erkennen. Nachträglich hatten sie den Zug verlassen und nirgends Aufnahme gefunden. Ich dachte, als sie sich aus ihren Hüllen schälten: seltsame Bettgenossen macht die Not. Ein Mann im Kaftan, Ringellocken an den Schläfen, ein zweiter, bartlos, abgezehrt, die Augen glanzlos, wie nach innen blickend, den schwarzen Rock hoch zugeknöpft, zum Mönch fehlte ihm nur die Kutte. Eine Frau zuletzt, robust, den blonden Scheitel weißlich ausgeblichen. Den Händen sah man an: sie scheuten sich nicht, unbedenklich zuzugreifen.
Und nun wurde zum erstenmal in diesem Raum gelacht. Als einer der Anwesenden sich auf die Weißlichblonde stürzte und sie sich beide vor Heiterkeit die Seiten hielten: da haben wir, meiner Seel', im selben Zug gesessen, und eins hat nix vom anderen gemerkt. Sie machten kein Hehl aus ihren Wie's und Wo's. Wer wollte, konnte es erfahren, daß der Südtiroler Aloys und die Holländerin Katje in Scheveningen in dem nämlichen Hotel bedienstet waren, vor zehn Jahren, er als Kellner, sie als Stubenmädchen. Laut und unbekümmert füllten sie die Lücken ihres Nicht-voneinander-Wissens aus. Geruch des Krieges haftete an ihnen. Ihn hatte England interniert, sie war in Flandern Pflegerin gewesen.