»In was für Abgründe man hineinblickt, wenn man mit dem Volk in Berührung kommt,« dachte die Städterin. Aber ihr Prinzip, daß alle Frauen solidarisch sind dem gemeinsamen Feind, dem Mann, gegenüber, ließ es ihr als Pflicht erscheinen, Vefis Stumpfheit aufzurütteln. Sie legte ihr Gesicht in ernste Falten und salbte ihr Organ mit dem Öl der Menschenfreundlichkeit.
»Haben Sie denn nie daran gedacht, was für ein Unrecht Sie begehen?«
In Vefis Mienen zog ein Gewitter auf.
»Ös sprechts akrat a so wie der Kurat, wo am a a jed's Bußl as'n Sünd' anrait.«
»Von der Moral will ich ja gar nicht sprechen.« Klarisse tat sich viel zugut auf ihr Verständnis der Volksseele. »Aber so ein armes Kind in die Welt zu setzen, um das sein Vater sich nicht kümmert ...«
»Sell müßts net denken,« unterbrach sie Vefi heftig; »a Klemmer is der meine net, er zahlt vierzig Gulden 's Jahr fürs Muckerle.«
Nun wurde auch das Fräulein ungeduldig.
»Sie verstehen mich nicht; ich meine, wenn er nun eine andere nimmt und läßt Sie sitzen. Ich sage Ihnen,« sie war von ihrer Güte ganz hingerissen, »Sie sollten sich nicht so wegwerfen, so ein Mensch ist nicht wert, daß Sie so an ihm hängen. Folgen Sie meinem Rat, schreiben Sie ihm, oder wenn Sie wollen, schreibe ich für Sie –«
»Unterstehts Enk,« fauchte Vefi auf, ohne zu bedenken, daß die Fremde des Burschen Aufenthalt nicht kannte, »daß mir mei' Schatz die Liab aufsagt.«
Von so viel Natur fühlte sich das Fräulein angewidert.