Zu Hause! Rechts die Anhöhe hinauf, immer der Richtung zu, in der sich allmorgendlich die Sonne zeigte. Wer doch Flügel hätte!
Vier seiner Gefährten hatten im Juli den Versuch gemacht, zu Fuß die Grenze zu erreichen. Heilige Mutter Gottes, in was für einem Zustand hatte man sie wieder hergebracht. Zu Gerippen abgemagert, verprügelt und verhungert. Wie die Wölfe waren sie über die bereitgestellte Mahlzeit hergefallen, sie, der Nahrung wochenlang entwöhnt. Jammervoll, wie sie erkrankten.
Von dieser Erinnerung verfolgt, kehrte Iwan in das kleine Haus zurück, in dem er mit seinen Kameraden wohnte. In einem viereckigen Raum, dessen Decke tief herunterreichte, saßen neun Männer auf Holzbänken um einen schmalen Tisch beim Abendessen. Sie schoben eben ihre Blechnäpfe beiseite, in manchen war die Grützsuppe nicht bis zur letzten Neige ausgelöffelt. Nicht daß die Leute übersatt gewesen wären; doch ihr Magen hatte ein standhaftes Gedächtnis, er verschmähte immer noch die fremde Kost und malte ihnen, mit der Übertreibung eines Dichters, die Tafelfreuden der Vergangenheit. Sie standen auf; einige von ihnen schütteten ihre Schwermut in die Klänge einer Ziehharmonika, der lange Jakow blies die Glut im Ofen an und fütterte sie mit einer Hand voll Reisig. Wie anders prasselten daheim die Scheiter in dem Bauch des Kachelofens, wie schmorte man, auf die Ofenbank gestreckt, in seiner ausströmenden Hitze. Die Augen gingen ihnen über, seufzend streckten sie sich auf die Diele, unausgekleidet, in ihre Decke eingewickelt.
Iwan hatte die Schüsseln aufgestapelt, um sie in das Herrenhaus zu tragen. Er war bevorzugt, dort zu der Hintertür ein- und auszugehen und Hilfedienste zu verrichten. Der Himmel stäubte noch, er hatte den entlaubten Obstbäumen im Garten mächtige Perücken aufgesetzt und überpuderte auch Iwans Schädel, als er im Vorübergehen durch den dünnen Vorhang in das Herrschaftszimmer lugte. Der junge Gutsherr saß darin mit seiner hübschen jungen Frau unter der Hängelampe, die mit einem gelben Seidenschirm verschleiert war, sie hielten sich umschlungen und lasen aus demselben Buche.
Iwan verzehrte diesen Anblick wie ein süßes Gift, das, genossen, die Eingeweide auseinanderschneidet. O Katinka! ein Tränenkloß erstickte ihm die Kehle, seit einem Jahr von dir getrennt. Dich so in meinen Armen halten, ich wüßte etwas Gescheiteres als Lesen mit dir anzufangen. Er hatte Mühe, nicht herauszuheulen.
In der Küche war noch Lärm und Bewegung. Die Köchin rührte irgend etwas auf der heißen Platte, das Lehrmädchen knetete den Teig zum Sonntagskuchen, ein Weib, das in der Ecke hockte, vermehrte den Vorrat der enthäuteten Kartoffeln, die sie in einen mit kaltem Wasser angefüllten Kübel warf, das Stubenmädchen putzte Silber, die Küchenmagd scheuerte an Holzgefäßen; und über diesem Klappern, Kratzen, Schlurren erhob sich die schrille Vielstimmigkeit des polnisch sprechenden Gesindes mit einem Tonfall, der dem harmlosen Gespräch den Anschein eines ausbrechenden Streites gab.
Franziska Wechsel, die Mamsell, hatte sich in den Flur zurückgezogen. Sie packte Äpfel, die versendet werden sollten, in zwei hohe Kisten ein, jedes Stück wickelte sie sorgsam in Papier, um es vor Schaden zu bewahren. Sie wehrte Iwan nicht, daß er sich einen Schemel hole, um ihr beizustehen.
Franziska hatte erst vor acht Wochen ihre Stellung angetreten. Ihr, der Königsbergerin, des Polnischen unkundig, der einzigen, der Verständigung mit ihm unmöglich war, gesellte Iwan sich am liebsten zu. Er meinte, daß sie seiner Katja gleiche; nicht so rundlich wie sein Schatz, aber auch so blond, dieselben treuherzigen braunen Augen, und der Mund ... Iwan konnte ihn nicht ansehen, ohne den Geschmack von Katjas Lippen auf den seinigen zu fühlen.
Auch sie wurde durch den Russen lebhaft an den Bräutigam gemahnt, der vor Ypern in die Hand der Engländer geraten war. Anton war wohl dunkler, untersetzter, auch viel selbstbewußter als der schlanke Bursche mit dem wehmütigen traurigen Gesicht, aber in Gang und in Gebärden dünkte ihr die Übereinstimmung so groß zu sein, daß sie zuweilen beim Eintreten von Iwan glaubte, die Schritte ihres Liebsten zu begrüßen. Sie vermochten nicht, sich mitzuteilen, daß sie ineinander die Verkörperung ihres beherrschenden Gedankens fanden, die Zahl der Worte, die sie tauschen konnten, war überhaupt eine beschränkte; aber sie hatten einander ihre Lieder abgelauscht. Ob sie von Scheiden, Vergißnichtmein und kühler Mühle sang, ob er vom Ringlein und der Saronrose, stets fiel der andere mit der zweiten Stimme ein. Warum auch nicht? Waren denn die Melodien nicht alle auf der gleichen Unterlage aufgebaut? Auf der ewigen Verurteilung der Menschen, welchem Volksstamm sie auch angehörten, zur Unerbittlichkeit der Liebe, zu den Stürmen der Geschlechtlichkeit?
Auch jetzt summten die beiden, während ihre Finger schafften. Es war schummrig in ihrem Arbeitswinkel, der nur aus der Küche Helligkeit empfing; das Papier, das sie zerrissen, raschelte, der Duft der Äpfel drang ihnen berauschend in die Nase, er mischte sich mit dem tierischen Geruch ihrer jungen Körper, die sich tagsüber in Staub und Luft getummelt hatten. »Anton,« sehnte sich Franziska. In Iwan schrie es »Katinka«. Ihr Verlangen, das sie gemeinsam zu verschiedenen Zielen schickten, sonderte sie von den anderen ab wie eine Mauer.