Die Leute in der Küche machten Feierabend. Iwan wurde ausgesperrt. Er machte wieder einen Umweg durch den Garten; das Haus war dunkel, nur aus dem Schlafzimmer der Herrschaft blinzelte ein Licht. Iwan stöhnte auf; im Drang, irgend etwas zu umarmen, umklammerte er einen Baum und preßte sich an dessen eisigkalte Rinde. Dumpf knallte ein Klumpen Schnee hinunter. Iwan erschrak, er ergriff die Flucht. Die Ausdünstung neun Schnarchender schlug ihm in der Russenschlafstelle entgegen, auch war sein Platz am Fenster so geschmälert, daß er um seine Rückeroberung hätte kämpfen müssen. Er zog es vor, wie er schon bisweilen unentdeckt getan, im Pferdestall zu übernachten. Unter der braunen Stute kroch er in das Stroh, sie beschnupperte ihn zutraulich; er war gut Freund mit allen Tieren.

Wie im Vaterhaus lag er gebettet, über sich das Pferdeschnauben, links ein gedämpftes Grunzen aus den Schweinekoben, rechts hier und da das Muhen einer unruhigen Kuh. Dieses heimische Behagen machte ihm die kalte Fremde um so qualvoller bewußt. Von bitterlichem Schluchzen hart gestoßen, verzweifelte er, den nächsten Tag in dieser trostlosen Vereinsamung zu überleben; wie von einem Berg war sein Herz von Traurigkeit verschüttet, seine Sehnsucht flüchtete zu seiner Liebsten, nannte sie mit allen Kosenamen, bis sie ihm der Schlummer an die Seite legte.

Auch Franziska hatte keine Ruhe finden können. Der Vielbeschäftigten gebrach es meist an Muße, um Empfindsamkeiten nachzuhängen. Es waren seltene Augenblicke, in denen sie das Gleichgewicht verlor und eine Unruhe zu ihrem Liebsten ihr das Blut verbrannte, eine Auflehnung gegen die Grausamkeit, ihre Jugend ohne seine Zärtlichkeiten zu verwarten. Eine solche Stimmung hatte ihr heute die Müdigkeit verscheucht. Sie holte Antons Karten, die aus dem Westen in großen Zwischenräumen an sie gelangten, doch an den kargen, eingezäumten Worten kühlte sich ihr Fieber nicht.

Ein gedämpfter Laut des Kummers, der vom Wirtschaftshof her zu ihr drang, brachte sie der Wirklichkeit zurück. Die braune Kuh, Franziskas Liebling, hatte vorgestern gekalbt, und das Kälbchen war ihr sofort weggenommen worden, weil es, laut Kriegsgesetz, auf die mütterliche Vollmilch keine Berechtigung besaß. Darum jammerte die Mutter und rief das Menschenmitleid an. Franziska, der vierbeinigen Kreatur stets sorglich zugetan, fühlte sich ihren Nöten eben mehr denn je verbunden. Sie schlüpfte in die Schuhe, warf den Mantel über und tappte bei der Führung der Laterne durch den Schnee. Nach einem kurzen Zuspruch an die Wöchnerin besann sie sich nicht lange, die militärische Verordnung zu umgehen; sie hob das Neugeborene aus dem Verschlag, in dem es zitternd und klagend nach der Erfüllung der betrogenen Instinkte suchte, und legte es der Mutter an den vollen Euter. Als sie das Sattgetrunkene, Eingedöste aufnahm, um es wieder auf seiner Streu zu bergen, kuschelte es sich, seinen Aufenthalt verkennend, in die Weichheit ihres Schoßes ein, zog ihren Finger in sein zartes Mäulchen und begann, wohl in dem Wahne, seine Mahlzeit fortzusetzen, daran zu lutschen.

Es war nur ein Tier, doch seine Hilfsbedürftigkeit, die Wärme, die aus seinem Körper in den ihren strömte, das sanfte Saugen, als Ausdruck seines kindhaften Vertrauens in die gütigen Zusammenhänge der Natur, rührten das Urgründigste in Franziskas Weibeswesen auf. Die Tränen, die das Fell des Kälbchens überschwemmten, flossen aus den Quellen ihrer ursprünglichsten Bedürftigkeit, und die Forderungen ihrer Sinne, die zugleich ein Umweg zu ihrer Mutternotwendigkeit waren, stürzten in Gedanken zu dem einzigen, durch den sie sich erfüllen wollten.

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»Katja, Täubchen,« sagte Iwan im Traum zu seinem Mädchen, »ich muß weg von dir, es ist schon Tag. Nebenan haben sie schon die Stalltür aufgemacht.« Dabei schmiegte er sich ihr wieder an, unfähig, ihre Nähe aufzugeben.

Hatte er sich dann doch ermuntert, war in die ungestirnte Nacht hinausgetreten und hatte in den Nachbarstall gelauscht? Aber wie kam denn Katinka, die er eben erst verlassen hatte, dazu, schon dazusitzen und zu melken? ihm den Rücken zugewendet und von der Finsternis kaum zu unterscheiden. Nur wenn ihr Kopf in den Bereich der Stallaterne tauchte, blitzte der Goldschein ihrer langherabhängenden blonden Zöpfe auf und das Weiß des Hemdes, das ein wenig von der vollen Schulter rutschte. Wie oft hatte er sie im Morgengrauen so überrascht? Sie so beschlichen, ihren Nacken so ungestüm geküßt?

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Wunderkräfte wirken in der Liebe. Auf ihrem Zauberwagen flog Iwan, über Hunderte von Meilen weg, zu seinem Russenmädchen. Mit Antons Schritten lief sie auf Franziska zu.