Das Laternchen war umgefallen. Im Dunkel vollzog sich das Geheimnis der Verwandlung. In festerer Treue wurde Untreue noch nie geübt.
Der Mann im Kaftan hatte schon den Heimwehkrampf der Grödner-Vefi mit sonderbaren Ausrufen begleitet. Mir war es, während ich sprach, beunruhigend gewesen, daß er sich mit leisem Stöhnen hin und her bog wie in Schmerzen. Ich ging zu ihm, um ihn zu fragen, was ihm fehle. Er hob den Kopf, ich blickte in Verzweiflung. Er preßte meine Hände. Seine Kehllaute, verständlich, wenn die Rede ruhig floß, verschwammen oft, wenn er in äußerster Erregung in sein Jiddisch-Deutsch verfiel. Was der Auslegung aber nicht bedurfte war der Ton, der aus ihm schrie, wie aus den finstersten Verließen menschlicher Unbarmherzigkeit, das Leid, das aus ihm brach wie Eiter aus Jahrtausend alten Wunden, die von Haß vergiftet, ewig am Leib der Menschheit schwärend, sich niemals schließen können.
Heimat
In dem tschechischen Fabrikort Zlatnik kündete der grelle Schrei der Pfeife die Mittagspause an. Die Arbeiter entströmten den Gebäuden, verteilten sich in das Dorf und die Kantine, und viele streckten sich, um das zugebrachte Essen zu verzehren, gemäß ihrer Gewohnheit, am Waldesrand im Schatten aus. Der und jener zog eine Zeitung aus der Tasche, er las vor, seine Umgebung lauschte; heute aber entspann sich nicht wie sonst eine aufgeregte Unterhaltung zwischen ihnen: es lag ein Dämpfer auf den Worten und Gebärden, und nur die ausgelassensten der Weberinnen waren zum Schäkern mit ihren Schätzen aufgelegt. Auch sie verstummten, als ein Zug vorbeimarschierte, Kameraden, die, zum Kriegsdienst einberufen, auf den Bahnhof zur Versammlungsstelle zogen. Sie trugen Ränzel auf dem Rücken oder eine Schachtel in der Hand, die Schirme ihrer Mützen verschwanden unter Laubgewinden, und große Sträuße schmückten ihre Brust. Die Burschen johlten, die Familienväter aber, umkreist von ihrer tiefbetrübten Sippe, schritten schweigend und tauschten ernste Grüße mit den vom Wald her Zuwinkenden aus. Ortsansässige waren darunter, die neben ihrem Häuschen ein Stückchen Feld besaßen und einen Streifen Wiese. Diese stockten an der Gabelung des Weges, um ihr Heim noch einmal zu begrüßen. Dürr war das Leben ihnen hingelaufen; aber da sie es verließen, blühte es in ihrer Schätzung auf. Waren sie auch karg genährt gewesen, eng behaust und knapp bezahlt, sie hatten doch besessen, was innerhalb der engen Wände stand; und ein paar Rabatten Sommerblumen an der Hecke und das bißchen Ackerland dabei; dort hatte man sich nach dem Arbeitsschluß getummelt und die mit Flachs und Baumwollfasern verfilzte Lunge wieder ausgespült. Krautköpfe hatte man gebaut, Erdäpfel, Rüben; Gras geschnitten für die Ziege und ein paar Löcher in den vielen Mägen damit zugestopft.
So friedlich lag es da, im Kranz der baumbewachsenen Hügel, das kleine Dorf, in dem man du sagte zu jedem Ziegelstein, zu jeder Staude. Wer weiß, ob man es jemals wiedersah? Die Abziehenden lüfteten die Mützen und sangen ihm das wehmütige Lied zum Preis der Heimat zu. Es klang den Hörern im Walde wie eine Mahnung: Machet euch auch bereit!
Die stärkste Wirkung des Gesanges drückte sich in dem Benehmen einer Gruppe von Arbeitern aus, an Zahl etwa ein Dutzend, die sich ein wenig abseits der Genossen hielten. Es waren Südtiroler aus vom Krieg bedrohten Grenzgebieten, den Tschechen durch die Gemeinsamkeit des Vaterlandes verbunden, doch durch alle Merkmale des Wesens von ihnen getrennt. Von einem Tag zum anderen waren sie aus ihrem Land verwiesen und der Gemeinde Zlatnik zugeteilt worden; hier hatten sie das Arbeitsangebot des böhmischen Fabrikherrn wie ein Geschenk der Vorsehung begrüßt; sie waren anstellig und fleißig und Meister der Bedürfnislosigkeit. Doch etwas nicht Gegenwärtiges haftete an ihrer Haltung, etwas Aufgescheuchtes, als hätten sie den Atem noch nicht wieder, der ihnen bei Einbruch einer Naturgewalt weggeblieben war. Man möchte sie wohl befragen, da sie jetzt schweigend beieinander hockten: »Du grauhaariger Mann, du junger Knabe, ihr schlanken, braunäugigen Weiber, was bekümmert euch so sehr?« Sie müßten sich vielleicht besinnen, um ihr Weh in seine Elemente aufzulösen. Da war die Sorge um die Zukunft, der Gram um den Verlust von schwer erworbener Habe, jetzt den Diebstrieben ihrer Nachbarn belassen. Und die Unrast in dem Blut der Mädchen, deren Jugend nach dem Freunde schrie. Vor zwei Wochen noch ihr Liebster; heute galt er als ihr Feind; heute hob er die Waffen gegen ihre Brüder.
»Uns ist bange nach der Heimat«: in diese Formel würden sie wahrscheinlich ihre Stimmung fassen; und gedrängt, ihr tiefer nachzuforschen, vielleicht hinzufügen: »Eure Häuser halten dicht und stehen gerade, unsere klaffen, und der Regen dringt in sie hinein; aber auch der Sonnenschein, der blaue Himmel und der Duft der Blumen. Und wir halten uns in unseren Stuben wenig auf. Ach, wenn ihr doch nur unsere Berge kenntet, wie schroff sie ragen; auf halber Höhe, dicht am Abgrund, klebt ihnen, mit seinem steilen Gäßchen, irgend ein verwegenes Raubnest an, aus der Zeit der Sarazenen; auf manchen liegt in Ewigkeit der Schnee; über andere laufen die silbergrauen Wellen der Oliven; von ihren Gipfeln kann man in das andere Tal hinunterspähen, der See blinkt wie ein Spiegel, an seinen Ufern, die im Zickzack lustig in das Wasser schießen, reihen sich die weißen Sommerhäuser, festtäglich anzuschauen in ihren Schleiern von Rosen und Glyzinen.« Und ihrer Ständchen würden sie gedenken, des nächtlichen Lautenspieles; denn Musik bewegt sie sehr. Die innige getragene Weise, mit der die Tschechen Abschied nehmen, fällt ihre Fassung; die Frauen weinen, den Männern steigt ein Schluchzen würgend in die Brust.