Ihr Gebaren fällt den Tschechen auf; sie vermuten die Kenntnis ungünstiger Kriegsberichte bei den Zugereisten und beschließen eben, einen Dolmetsch an sie abzusenden, als sich ihr Interesse einem anderen Schauspiel zuwendet. Ein Mann, mit einem achtjährigen Jungen an der Seite, kommt von der Höhe der Landstraße herab. Wie mit der Schere ausgeschnitten, steht er im Rahmen der betannten Forste, vor dem hellen Hintergrund der Luft. Seine hageren Glieder sind in die Röhre eines fettglänzenden Kaftans eingepreßt, ein Filzhut deckt die ungepflegten langen Haare, die sich mit enggerollten Schläfenlöckchen an den roten Bartwuchs schließen; des Sohnes Gestalt ist dieser wunderlichen Leib- und Haartracht lächerlich getreues Widerspiel. Die Tschechen lachen auch; mit der Grausamkeit des Kindes, das dem Schwächeren achtlos weh tut, meckern sie den beiden ein »Handelevuh« entgegen; die Südtiroler, ganz mit sich beschäftigt, achten der Vorbeigehenden nicht. Der Jude aber läßt die sanften, schwermütigen Augen lange auf den Fremden ruhen. Er denkt: »So habt ihr freien Christen jetzt auch an euch erfahren, was es heißt, entrechtet und verjagt zu sein.« Die Vorstellung der selbst erduldeten Mißhandlung ist ihm noch ganz nahe, sie knebelt seine Seele, sie zwingt ihn, sich in ein Gespräch mit seinem unmündigen Sohn zu flüchten. »Jakobleben, erinnerst du dich noch?« Kann das Hirn des Kindes je vergessen, wie sie sich im engen Raum verängstigt einander drückten: er und die Großmutter, der Onkel, die Eltern, die Schwestern, die Bruderfrau mit ihrem Säugling, den sein Vater, weil er im Felde steht, noch nicht kennt? Mit Geratter und Geknatter jagt ihnen der Donner der Geschütze näher zu. Sie wagen nicht, die Lampe anzuzünden. Die Frauen stöhnen, die Männer, in die Gebetriemen gewickelt, murmeln Todespsalmen. Horch! Klingt es jetzt nicht, als sei der Fluß aus seinem Bett getreten und wälze sich heran? Ein verkneultes Brüllen, Trampeln, Splittern, Stürzen. Jemand trommelt an die Scheiben. »Sie kommen, die Russen ziehen sich hierher zurück. Flieht, flieht, daß sie euch nicht finden und erschlagen!« Die Grenze von Galizien ist nicht weit; in drei Stunden kann ein Rüstiger die Strecke überwinden. Welche qualvoll lange Nacht vergeht der kraftlosen Familie, ehe sie ihr Ziel erreicht! »Jakobleben, erinnerst du dich noch?« Der Knabe nickt. Hat er doch den Säugling tragen müssen, als dessen Mutter niederbrach. Die Schwestern stützten ihren Onkel, der Vater buckelte bald die Ahnin auf und bald die Ehefrau, manchmal faßten seine Arme beide. Sie kommen eben im Galizischen zurecht, um in den Sturmwind zu geraten, der alle Juden aus der Gegend fegt. »Was meinst du, Jakobleben,« fragt der russische Pole, »ob man die Südtiroler auch in offene Viehwagen verladen hat wie uns, durch Sonnenglut und Unwetter gefahren, dann wieder ausgeladen und hinter Bahnhofsschranken, eingepfercht wie Schafe, den langen kalten Nächten schutzlos preisgegeben?« Und doch, sie sagen es einander, sind sie Bevorzugte des Glückes. Das Ungestüm der Fliehenden in jener Nacht war wie ein Keil in die Masse der gehetzten Wanderer gestoßen; da mochte mancher am Wege gestrauchelt und verkommen sein. Sie aber hielten sich umschlungen, halbnackt, beschmutzt, verhungert, doch vereint. Und das Reich, zu dem sie nicht gehörten, forschte nicht; sie waren eben mitgeschwommen in dem Meer von Elend, das sich von Osten her ergoß.

Aus der Sicherheit des Hafens blickt der vertriebene Jude die verjagten Südtiroler an: »Beneidenswert seid ihr trotzdem. Ihr dürft Gebete schicken eurem Gott, daß er euern Waffen Sieg verleihe. Was aber sollen wir, wenn wir vor ihm im Staube liegen, aufschreien zu Jehova aus unserer großen Not? Können wir ihn anflehen: Führe uns zurück in unser Vaterland, wo doch steht auf seiner Schwelle der Henker mit dem Messer, das uns sticht?«

Den Weg entlang, den sich die Übung bahnte, durch die tiefen Furchen seitlich der gekrümmten Nase, rinnen dem Juden schwer und langsam die Tränen über das verkümmerte Gesicht. Und wie um sich vor seinem Sohn zu erklären, sagt er leise: »Die Heimat ist für jeden eine Mutter. Fragt einer, ob die Mutter häßlich ist, ob schön? Man hat sie lieb, man ist aus ihr geboren, in ihren Schoß will man sich niederlegen, wenn man müde ist. Kein Kraut ist so gering, es verlangt nach mütterlicher Erde. Uns hat sie ausgestoßen, wir haben keine Ruhestätte in der weiten Welt.«

So unheimlich nahe hatte uns in dieser Nacht der Flügelschlag der Zeit noch nicht gestreift. Unsere eigenen kleinen Nöte hielten ein paar Sekunden lang den Atem an.

Unser aller?

Ein Mann trat in den Vordergrund. Nichts Merkwürdiges an ihm als die Augen, die wie Zangen nach uns faßten und unsere Erscheinung, so undeutlich sie hervortrat in dem kargen Licht, in sich einzusaugen schienen. Er schalt mit uns. Da habe er nun stundenlang gesessen und unserer Unterhaltung zugehorcht. Nichts, mit einer Ausnahme (er nickte zu dem heimlichen Poeten), als Brotsorgen, Liebesgram, Heimweh, Nationalitätenstreitigkeiten. Immer habe er gelauert: brüllt denn nicht endlich einer auf: die größte Marter ist die Kunst.

»Ihr alle, scheint es, wißt nichts von der Kunst, sie ist euch kein Bedürfnis. Ich bedauere euch. Erdenwürmer, ohne Flügel, euch ins Licht zu retten. Ich beneide euch. Ihr kennt die Folter nicht, von der Idee verfolgt zu werden wie von einem Raubtier, das uns hetzt. Wie ein Besessener ringt man mit dem Werk, das man nicht fassen kann, das einen äfft. Ja, ich bin so ein armer Schächer.« Er schnippte mit dem Finger in die Luft. »Habt keine Angst. Es gibt keine Tragödie. Nur eine Anekdote. ›A lustigs Stückl‹ würde Aloys sagen.« Er saß nieder und kreuzte seine langen Beine. »Also die Geschichte von Mark Crystoll und der Sonnenblume.« Er unterbrach sich. »Das heißt, der Mark Crystoll, das bin natürlich ich.« Als ob er sagen wollte: ich mach' euch keine Flausen vor. Aber es paßt mir besser, von mir zu sprechen, wie von einem Dritten.

Die Sonnenblume