Kyll (heftig): Daß sie da sind, daß man von ihnen weiß. Daß sie auf uns drücken mit ihrer Freude und mit ihren Sorgen. (Wie zu sich selbst.) Tage gibt es, da muß ich immer daran denken, was die anderen leiden. Auf der Straße sehe ich nichts als Schmerz und Kummer. Jede traurige Gestalt, jede ausgestreckte Hand trifft mich wie ein Vorwurf.

Broß: Sind Sie denn nicht Mitglied des Vereins gegen Verarmung und Bettelei?

Kyll (ohne auf ihn zu hören, leidenschaftlich erregt): Die Vorstellung von allem Grausamen, was in demselben Augenblick geschieht, verfolgt mich. Ich höre die Kinder, die man prügelt, um Erbarmen flehen, ich höre die Tiere winseln, die man peinigt. Ich fühle die Bangigkeit von verlassenen Kranken und wie Hunger, Angst und Kälte Verzweifelte zum Selbstmord treibt. (Immer erregter.) Ich ahne alles Unglück, alles Elend, das in all den Tausenden von Häusern verkommt und zittert. Ich bin wie ohne Haut, alles verwundet mich. Das Mitleid bohrt sich mir wie mit Stacheln in das wehe Fleisch. Das Herz schnürt sich mir zusammen, ich kann nicht sprechen, ohne laut zu weinen. (Er hält inne, um nicht in Schluchzen auszubrechen.)

Broß: Sie sind sehr nervös, Herr ... Sie sollten Brom nehmen.

Kyll (den Kopf in den Händen, leise vor sich hin): Dann kommen wieder Stunden – im Frühling – die Sonne scheint – verhalten, wie wenn die Natur ganz still vor sich hinlacht. Ich gehe durch den Wald – es riecht so untereinander – nach alten Blättern und jungem Gras; ein bißchen schon nach frischen Tannensprossen. Und ich komme auf eine Lichtung, der See liegt vor mir, ganz still, wie eingeschlafen. Nur manchmal schüttelt er sich, wie im Traum. Ich werfe mich hin, sehe in den Himmel, breite die Arme auseinander – mir wird so weit, so groß. Szenen, Bilder stehen vor mir auf – ich hab' es gefunden – endlich – das Erhabene, das noch niemals Dagewesene. Ich schreie vor Jubel los, ich brülle vor mich hin, Worte, Sätze, ganze Verse. Auf einmal fällt mir ein: Das hat schon in Goethe gestanden, das in Heine, das habe ich von Ibsen, das von Maeterlink – von all den anderen, die vor mir gelebt und gedichtet haben – die verfluchten anderen. (Er wirft sich mit dem Gesicht auf die Hände.)

Broß (überlegen wie mit einem Kind): Wie wollen Sie das ändern? Es muß doch noch Menschen auf der Welt gegeben haben außer Ihnen.

Kyll (auffahrend): Weiß ich das nicht? Natürlich muß es. Das ist notwendig wie – Schmerzen – Krankheit – wie das Leben selbst. Aber man könnte doch auch nicht durch die Wüste reisen, wenn nicht Oasen wären. Das müßte sein – Oasen müßten sein. Jeder Mensch müßte noch einen haben, der kein anderer ist.

Broß (ihn verständnislos ansehend): Sie meinen?

Kyll (ganz unpersönlich): Sie haben sich gewiß gewundert, daß ich mich an Ihren Tisch gesetzt habe und Sie angesprochen. Wir passen doch gar nicht zueinander. Ich (auflachend), der verrückte Dichter, und Sie, der Krämer.

Broß (verletzt): Erlauben Sie –