Von irgendwoher wehen abgerissene Laute zu ihm hin. Menschenstimmen. Er saugt sie gierig ein. Tastet sich zu ihnen hin. Etwas Lichtes durchzittert den feuchten Brodem. Der Fuß stößt an ein Hindernis, wagt sich behutsam ein paar Stufen aufwärts. Die ausgestreckte Hand rührt an eine Holzwand, faßt eine Messingklinke, drückt sie herab: ein Tor geht auf ...

Ein Glashaus, in dem zwischen hohen Palmen leichte, aus Stroh geflochtene Möbel stehen. Dahinter der weite Saal. Grellweiß mit zopfiger Vergoldung. Von der Decke, an metallenen Ketten, geschliffene Kristalle, in denen Glühkörper wie Blumen blühen. Unter ihrem strahlend grellen Schein ein Mischmasch von surrenden und summenden Geräuschen. Gespräch, Gelächter, das Rascheln weicher Seiden, das Schleifen kostbarer Brokate. Frauennacken, die tief entblößt aus Tüll und Spitzen steigen, mächtige Frisuren, von Reihern bekrönt und mit diamantenen Kämmen festgehalten. Aus dem bunten Durcheinander sticht das dumpfe Schwarz der Herrentracht hervor und die einförmige Blankheit der steifgestärkten Hemdenbrüste.

Inmitten dieses Wirrwarrs von Schattierungen und Tönen ein grün-roter Farbenfleck, wie aus einer Riesentube hingeschleudert. Die roten, grün besetzten Wämser und Barette der Italiener, die eben ihr Konzert beginnen. Mit einem Ritornell zum Lobe Neapels. Sie stehen aufrecht, wie von ihrem Enthusiasmus aufgeschnellt, und schmettern mit begeisterten Gebärden gemeinsam den Refrain heraus:

Dolce Napoli
O suol beato
Ove sorridere
Volle il creato.

Den Mann, der aus dem dunkeln Grauen in den hellen Leichtsinn tritt, erfaßt ein Schwindel. Er flüchtet in eine der Nischen, um deren Rundung ein silbergrauer Diwan läuft. Er läßt sich in das Polster sinken und winkt einem der Diener, die, im blauen Frack mit messinggelben Knöpfen, durch die Menge laufen. Der beäugelt mißtrauisch den Gast, der wagt, im Sportdreß, den Nachttau in den verwühlten Haaren, in diese festliche Versammlung einzutreten. Doch die Gebärde, von der der Befehl, eine Flasche Sekt zu bringen, begleitet wird, ist so gebieterisch, daß sich die Lakaienseele duckt.

Auch der übrigen Gesellschaft ist der Fremde aufgefallen, der so rücksichtslos der hergebrachten Sitte trotzt. Man einigt sich: so kann nur ein Deutscher sich vergessen. Und er ist auch wirklich blond, blauäugig und, trotz seinen langen geraden Gliedern, ein bißchen unbeholfen. Nur seltsam, daß der junge Kopf schon an den Schläfen graue Fäden zeigt. Und was für ein Kontrast zwischen den breiten, festen Flächen des oberen Gesichts und dem zurückfliehenden Unterkiefer. Die Musternden sind geneigt, ihn für einen Skandinaven zu halten. Man gibt zu: gegen Stoff und Schnitt des beanstandeten Knickerbocker sei kein Einwand zu erheben. Und das Gebaren dieses Außenseiters habe einen Zug von Vornehmheit. Manches Mädchen denkt: holt er mich heute wohl zum Tanz?

Er, blind für Beobachtung oder Kritik, ist ganz erfüllt von dem beglückenden Bewußtsein: ich bin geborgen. Über die Schwelle dieser billigen Karawanserei wagt sich der Spuk der Nachtgesichte nicht. Zweimal schon hat er den hohen Kelch geleert. Eine wohltuende Wärme legt sich besänftigend auf seine Brust.

Da kommt ihm von irgendwoher eine Hemmung seines Wohlbehagens. Was ist es, das an seinen Nerven zerrt? Er sucht die störende Empfindung wegzustreichen. Vergebens. Sie umschwirrt ihn wie ein lästiges Insekt. Er hebt den Kopf und begegnet einem Augenpaar, das sich fest und unbekümmert in das seine bohrt. Den Augen eines Weibes.

Schön? Bizarr. Wie eine fremdländische Tropenblume. Wie ein kostbares Geschmeide, in einer uralten Kultur entdeckt.

Rostbraunfarbige starre Haare umschließen in schweren Wellen eng die schmalen Schläfen. Der vorgewölbte Mund schneidet brennendrot durch die gelblich blasse Haut der Wangen. Die Augen, mit grünlichen Pupillen, stehen etwas schräg gegen die kleine, gerade Nase. Ein weißes Pannekleid, rosig angehaucht wie das Innere einer Muschel und in jeder Biegung von irisierenden Reflexen überrieselt, steigt hoch hinauf bis zu den kleinen Ohren. Und sie ist juwelenlos. Nur auf der Stirn liegt, von einem dünnen Kettchen festgehalten, ein schimmernder Opal. Sehr jung ist sie dabei; und so mädchenzart, daß man den feisten, kahlköpfigen Herrn, der neben ihr hinter seiner Zeitung fast verschwindet, für ihren Vater halten könnte, wenn nicht die Besitzermiene, mit der er, den Arm um sie gelegt, von Zeit zu Zeit ihr etwas zuflüstert, verriete, daß er ihr Gatte ist. Sie achtet weder seines Redens noch seines Verstummens. In dem Armstuhl, der für ihre schmale Gestalt viel zu weit ist, lehnt sie sich ein wenig vor, ein Lächeln teilt ihre Lippen, die Augen haften fest an ihrem Gegenüber.