Auch dieser Gast verschwand. Ganz leise. In das Schweigen, das er hinterließ, fiel ein sehr alltägliches Geräusch.
Der Grauhaarige hatte an seinem Feuerzeug geknipst für eine seiner vielen Zigaretten. Er steckte die Zündschnur noch einmal in Brand und half der Nachbarin ein Kerzenende aus ihrem Reisesacke kramen. In Schlupfwinkeln von Männertaschen wurden Wachsstreichhölzer aufgestöbert.
In dieser unzureichenden Beleuchtung sahen wir, wie sich die Frau in Nonnentracht erhob, die beim Instandsetzen der kahlen Kammer wacker mitgeholfen hatte, um sich dann, als sei jede Minute Müßiggang ein Raub, den Nadeln ihres Strickstrumpfs zuzuwenden. Jetzt legte sie die Arbeit nieder und faltete die Hände.
»Ach, meine lieben Schwestern und Brüder, mein Herz ist bis zum Rand gefüllt mit Traurigkeit um euch. Wie ihr alle aneinander leidet. Wie ihr einander weh tut und eins sich nach dem anderen doch sehnt und nach ihm sucht und an ihm vorbeitappt in die Einsamkeit. Das kommt daher: Jeder von euch ist zu viel mit sich selbst beschäftigt, ihr seid beständig hin und her gerissen von Wollen und Verlangen. Ihr habt nicht mehr den Glauben. Nein,« schnitt sie Bedenken in uns ab, noch ehe sie sich regten, »ich will euch nicht bekehren. Nennt ihn Jehova, Jesus Christus, Gott oder Natur. Nur daß euch eine Zuversicht gegeben ist, an die ihr euch vergeßt, eine Frömmigkeit, an der ihr euch beruhigt.«
Ihr klares, gütiges Organ, etwas eintönig, als seien im Gebet seine feinen Schwingungen ertötet, aber unendlich wohltuend, gleich einer Auflösung der vorhergegangenen Dissonanzen, schilderte das kleine Haus, in dem sie demütig dem Herrn diente.
Habe ich ihre Absicht recht verstanden? Und sie in meiner Wiedergabe richtig ausgedeutet? Daß sie uns an einem Beispiel lehren wollte: das Nichtwissen schließt die höchste Weisheit in sich ein.
Frohe Botschaft
Herbstnebel! Er überspinnt das ganze Dorf, umflort die Häuser, hängt graue Tücher vor die Berge und über das Gesicht des Sees. Die Sonne müht sich vergebens, ihn zu durchdringen, er verzehrt ihre Strahlen und frißt ihren Schein, daß sie fahl am Himmel steht wie eine Tote. Da tun sich die große Turmuhr und der Wind zusammen. Die Turmuhr schleudert zwei Schläge und dann noch elf gegen die geballte graue Masse, der Wind springt hinterher und bläst aus vollen Backen. Von obenher bohrt sich die Sonne durch. Und Schall und Wind und Wärme reißen den Brodem auseinander. Noch klammert er sich am Gebirge an und raucht aus den Schluchten. Aber als der Mittag ausgeläutet wird, findet er den Himmel reinlich ausgefegt. Die letzten grauen Fetzen, zwischen Felsen eingeklemmt, haben die Kraft nicht mehr, sich festzuhalten. Sie verflattern zu Fahnen, lösen sich in Flocken auf und vergehen in den Tannenwipfeln. Nichts bleibt mehr von dem Dunst zurück als ein zarter Silberhauch, der wie ein Schleier über den sanften Umrissen der Landschaft liegt.
Alle Geräusche, die in dem dicken Nebel eingepackt gewesen waren, schallen in der aufgehellten Luft. Das Gebell der Hunde, das Räderknarren, der Schlag des Schmiedehammers und das Kreischen eines Hobels. Von dem Gespräch, das zwei Frauen über die Straße weg miteinander führen, ist jede Silbe zu verstehen. Und schon von weitem hört man das Schwatzen und Gelächter der Kinder, die, nach ihrem Mittagessen, wieder zu den frommen Schwestern gehen, um dort bewahrt zu werden, bis die Mütter aus der Arbeit kommen. Von allen Seiten trippeln sie herbei, das Seeufer entlang, vom oberen Dorf her durch die Wiesen, einzeln oder paarweis, ein sechsjähriges oft schon der Schutz für jüngere Geschwister. In der entlaubten Kastanienallee, der Kleinkinderbewahranstalt gegenüber, finden sie sich zueinander. Sie vergnügen sich damit, die verfaulten feuchten Blätter mit den Füßen aufzuwühlen, und um jede halbvertrocknete Kastanie, die sie im Laub entdecken, gibt es ein Gerauf und ein Gepuff.