Die kleinen Mädchen, gesitteter, weil sie sich schwächer fühlen als die Buben, mahnen: »Seids stad, Buben, gehts zua, Schwester Brigitte tuat g'wiß schon auf eis warten.« Sie laufen über die Landstraße hinweg hinüber zu der Schule; langsam trotten die Jungen hinterdrein.
Die Kleinkinderbewahranstalt liegt in einem alten Haus (es ist fünf Fenster breit und trotz seiner beiden Stockwerke nur niedrig), dem man es nicht ansieht, daß es nicht nur die Herberge der Ortskranken und Armen ist, sondern auch das Haftlokal für Landstreicher und Trunkenbolde. Es ist ganz in Efeu eingesponnen; eine Statue der Muttergottes, die im Giebel thront, breitet ihre Arme wie segnend über die Blumentöpfe aus, die in grünen Gitterbrettchen vor jedem Fenster stehen. Und wirklich blühen unter ihrem Schutz noch ein paar leuchtend rote Nelken und Geranien.
Einen kleinen Vorgarten, in dem die Rosenstöcke in Stroh gebunden an der Erde liegen, haben die Kinder zu durchschreiten. Dann klinken sie die Haustür auf, treten im Erdgeschoß in eine zur rechten Hand gelegene große Stube und begrüßen ihre Lehrerin mit einem gemeinschaftlich geplärrten: »Gelobt sei Jesus Christus. Küß die Hand.«
Schwester Brigitte, ganz klein und schlank in ihrem schwarzen Kleid, der grauen Haube, der weißen Stirnbinde um das rosige Gesicht, ist im Begriff, dicke Decken auf den Fußboden zu breiten. Für die Allerkleinsten, die gleich ihr Mittagsschläfchen halten sollen. Sie schilt die Kinder um die Verspätung und um die Prügelei. Beim Schelten vertiefen sich die Grübchen in ihren runden Wangen.
In den Kindern ist auch keine Furcht. Die Buben streiten in den Ecken um die erbeuteten Kastanien, die Mädel hüpfen in den engen Holzbänken herum, und wer ein Püppchen in der Tasche hat, holt es heraus. Nur die mütterlichsten unter ihnen helfen der Schwester die Knirpse, die jetzt ruhen sollen, hinzulegen und zu betten. Es sind Schreihälse darunter, Neulinge, die Heimweh haben und sich in der Fremde nicht zufrieden geben wollen. Sie schlafen schon, als ihnen noch die Tränen über die beschmutzten Bäckchen laufen.
Schwester Brigitte wendet sich jetzt um (sie ist hingekniet, um ein Dreijähriges einzuhüllen) und fragt: »Mögt ihr lieber in den Garten gehen? Es ist heute noch so wunderschönes Wetter.«
»In den Garten!« Es ist ein Jubelruf. Und schon stürmen sie den weißgetünchten Flur entlang, durch die Hintertür hinaus.
Der Garten ist eigentlich nichts als ein Stück Sandland inmitten grüner Hecken. Neben einem Holzschuppen, in dem die Schwestern allerlei Gerät bewahren, steht eine Linde mit bereits vergilbtem und zerzaustem Laub. Eine Handvoll kümmerliches Gras sprießt in einer Ecke. Den Kindern ist der Platz just um seiner Kahlheit willen lieb. Da hat's keine Angst, den Rasen zu zertreten oder Blumen weh zu tun. Da kann man nach Herzenslust herumtollen, Sandhaufen bauen und in der Erde graben.
Die Großen holen ihre Schaufeln aus dem Schuppen, ihre Eimerchen und Karren, die Kleinen gucken ihnen zu oder klettern auf die rechts und links von einem Holztisch in den Boden eingerammten Bänke und sonnen sich wie träge kleine Tierchen. Und alle plappern zu gleicher Zeit mit schrillen, hellen Stimmchen, die keine Modulierung haben, nur auf einen Ton gestimmt sind, wie das Gezirpe junger Vögel.
Oben im zweiten Stockwerk liegt ein siecher Mann auf seinem Lager. Die Sonnenstrahlen sind bis zu seinem Bett gesprungen. Sie tänzeln um ihn herum. Förmlich an der Hand fassen sie ihn an und rufen: »Steh' auf, komm mit uns. Schau, wie wundervoll die Welt ist.«