»Wenn ich nur könnt'!«

Mühsam richtet er sich auf. O weh! O weh! Wie schmerzt die leiseste Bewegung. Aber die Sonnenstrahlen lassen ihn nicht los. »Komm,« rufen sie, »steh' auf.« Langsam, mit unsicheren Händen, der Schweiß läuft ihm dabei aus allen Poren, legt er Stück für Stück von seiner Kleidung an. Schwer auf den Stock gestützt, schleppt er sich bis zum Fenster. Dort fällt er auf einen Stuhl. Ein paar Augenblicke lang ist alles schwarz vor seinen Augen. Dann aber schaut er auf. Himmel Herrgott, was für eine Pracht!

Es ist vielleicht, weil er wochenlang nichts über sich gesehen hat als das schwere Federbett, und nichts um sich als die vier weißen Wände seines engen Zimmers, daß ihm dünkt, so ein Herbsttag sei noch nie dagewesen. Und er trägt doch an fünfzig Herbste auf dem Buckel.

Und Farben! Der See so blau – so blau – wie die Enzianen auf der Tapetzaner Wiese. Und so still bewegt wie die Brust von einem schönen Weibsbild, wenn es liegt und schläft. Nur ganz hinten, der Klause zu, wo zwei Segel schwimmen, licht wie ausgespreizte Möwenflügel, ist das Wasser sanft gekräuselt. Und ringsherum die Wiesenhänge, grün und saftig wie im Sommer, und die Wälder rot geflammt, gerade als ob Feuer aus den dunkeln Tannen schlagen. Obenher die Berge bis hinunter weiß beschneit, für Gletscher könnte man sie halten. Und darüber eine Luft! Es blitzt nur so in der Luft von Freude und von Lustigkeit.

Eine Gier, krankhafter als die nach Tabak und nach Schnaps, die man ihm beide vorenthält, faßt den Kranken an, diese Luft zu schmecken.

Er denkt sich: »Gehst halt hinunter« und verlacht sich gleich: »Du Tepp, du Dalk! Grad' bis auf den Gang tät's vielleicht noch klenken. Dann, perdautz, da liegst.« Inbrünstig betet er zu seinem Schutzpatron. »Heiliger Josef, mach', daß eine von den Schwestern zu mir heraufkommt.« Und weiß doch, daß sein Bittgesuch vergebens ist. Weiß, Schwester Brigitte gibt jetzt im Garten Obacht auf die Kinder, derweil muß Schwester Anna nach den Kleinen schauen, die im Zimmer schlafen. Schwester Maria wäscht das Geschirr vom Mittagessen ab, und die Oberschwester Ursula verirrt sich nur selten in die Krankenzimmer.

Es gelingt ihm, sich an der Fensterklinke hochzuziehen und die Flügel aufzumachen. Eine Welle durchsonnter und mit Tannenduft durchwürzter Luft strömt zu ihm ein. Das schmeckt – o wie das schmeckt! Wenn's ihm nur beim tiefen Atemholen nicht so in die Lunge stechen möchte.

Er denkt: »Könnt' ich doch im Garten in der Sonne sitzen!« Er schreit hinunter: »Schwester Brigitte, Schwester Brigitte!« Das heißt, er möchte schreien, aber es kommt ihm nur ganz heiser aus der Kehle. Vielleicht steht ihm aber doch der heilige Josef bei. Oder trägt die reine Luft so weit? Schwester Brigitte blickt herauf. Sie sieht das aschfahle, verwüstete Gesicht, sie sieht die angstvoll bittende Gebärde.

Sie denkt: »Jesus, Jesus, wie kommt der sterbenskranke Josef Kirschenhauer aus dem Bett ans Fenster? Geht's vielleicht mit ihm zu Ende? Und die Kräfte flackern im letzten Augenblick noch einmal auf? Da müßt man ihn ja schnell versehen lassen.«

Mit ruhigem, gelassenem Schritt, wie die Ordensregel ihn ihr vorschreibt, steigt sie die Stiege aufwärts. Oben streckt der Josef die Arme nach ihr aus, wie der Gläubige nach dem Bildnis des Gekreuzigten.