Endlich ist er im Garten angelangt. Die Kinder werfen ihm gemeinsam ihr plärrendes: »Gelobt sei Jesus Christus. Küß die Hand« entgegen. Dann holen sie auf einen Wink der Schwester einen alten Sessel aus dem Schuppen und rücken ihn unter die entlaubte Linde, mitten in die pralle Sonne.

Seinen Willen hat der Josef durchgesetzt. Aber merkwürdig, so wärmen, wie man es hätt' glauben sollen, tut ihn die Sonne nicht. Ein Frösteln läuft ihm an den Gliedern hinunter. Wenn er nur besser hätte atmen können. Und das Herz schlägt ihm wie ein Hammer an die Rippen. Er beißt die Zähne aufeinander, über und über naß von der Anstrengung, der Schwester seinen Zustand zu verbergen.

Die Schwester achtet nicht auf ihn. Sie hat vollauf zu tun, die Kinder, die während des Alleinseins ganz verwildert sind, zur Räson zu bringen. Die Resi Leitgeb und der Karl Bastl haben sich im Spiel vergessen und heulen jetzt aus Angst vor Strafe (Schwester Brigitte hält sehr auf Reinlichkeit). Der Seppel Beer und der Franz Stadler sind beim Raufen hingeschlagen und beschuldigen sich gegenseitig. Die Mirzl Holzer weint, weil ihr bang' ist und weil ihr die Nandl Stark, um sie zu trösten, den Mund mit einem Kipfel stopfen will. Und sie laufen alle durcheinander wie ein Volk aufgescheuchter Hühner und reden, singen, lachen, weinen alle auf einmal.

Mit Gelassenheit stiftet die Schwester Ruhe, trocknet die Feuchten, trennt die Kämpfer, beruhigt die Betrübten. Mit ihrer klaren Stimme sagt sie dann: »Wir werden jetzt unser Krippenspiel probieren, die ›Frohe Botschaft‹.«

Ihre wasserblauen Augen glänzen auf, als sie das sagt. Das Spiel zu Ehren der Geburt des Herrn. Das Krippenspiel, der Brennpunkt ihrer Wünsche und Gedanken, der Zusammenfluß aller ihrer irdischen Genüsse.

Andere Mädchen putzen sich, liebeln, tanzen, gehen in Theater und Konzerte, Schwester Brigitte trichtert einfältigen Bauernkindern durch Monate hindurch Verse ein, die ihnen unverständlich bleiben. Sie bückt sich bei Tages- und bei Lampenlicht über die heiligen Gewänder und überlegt: Ist das Kleid der Gottesmutter nicht schon ausgeblaßt? Sollte man's nicht lieber wenden? Und verlangt der Josefsmantel nicht ein haltbareres Futter? Sie frischt die Königsunterkleider auf. Das scharlachrote des Kaspar kriegt blanke Borten, das weiße, das dem Melchior gehört, muß neue Flittern und Fransen haben. Der grüne Leibrock Balthasars ist gar auf der Brust zerrissen. Das Einsetzen der Flicken muß man sehr eigen machen, daß die Nähte nicht zu merken sind. Und die Flügel von den Engeln – so ordentlich hat sie sie im vergangenen Jahr doch eingepackt –, ganz grau sind sie geworden. Fleckwasser gehört darauf und Kreide. Und sie wäscht die Wämser von den Hirten aus, bürstet an den Mänteln der Trabanten. Und klopft und nagelt an den einfachen Kulissen, vergoldet den Stern, den Wegweiser nach Bethlehem, klebt frische Pappe auf den Stein, des Jesuskindleins hartes Lager.

Das schönste dann – die stillen Sonntagnachmittage!

Im gemeinschaftlichen Wohnzimmer, dicht an dem weißen Vorhang, der zwei enge klösterliche Betten deckt, steht das Harmonium. Die Oberschwester setzt sich vor die Tasten, Schwester Brigitte stellt ihr Notenpult daneben auf, nimmt ihre Violine. Sie üben miteinander das Vorspiel und die Begleitung zu der Verkündigung der Engel. Ein himmlisches Konzert ist es Brigitte. Während ihre arbeitsharte Hand den Bogen führt, spricht die Seele: »Das tu' ich dir, Herr Jesus.« Ihr Herz – es weiß, es sündigt, ihm ziemt Demut und Entsagung – ihr Herz schwillt und pocht vor Ungeduld. Daß er schon da wäre, der große, große Augenblick. Und sie erlebt ihn im vornhinein, im Geiste ...

Im Saal vom Löwengasthof sind alle Flammen des Lusters angesteckt. Öllampen hängen zwischen Tannenkränzen und Büscheln roter Beeren an den Wänden. In einer Ecke trägt ein Riesentannenbaum das Licht von vielen bunten Kerzen auf den ausgestreckten Zweigen. Und es riecht nach Wachs, nach Kiefernadeln und ein wenig nach dem Weihrauch aus dem Kessel König Balthasars. Und die Gäste sitzen auf den aufgereihten Stühlen. Ganz vorn Schwester Angelika, die Abgesandte aus dem Mutterhaus des Ordens. Daneben Seine Ehrwürden der Herr Pfarrer und der Kurat. Hinter ihnen die Ortshonoratioren und die Zugereisten. Aus allen Ortschaften rings um den See, von den landeinwärts gelegenen Gehöften, aus der Stadt sogar. Zuletzt die Bauern mit Angehörigen und Freunden. Die Mütter heben ihre Kleinsten hoch, damit sie größer sind und besser gucken können. Und die Dirndl und die Burschen drängen sich im Hintergrund. Es geht ein Summen und ein Raunen durch die Menge. Ab und zu kreischt ein von Ehrfurcht schnell ersticktes Lachen auf.

Und nun öffnet sich der Vorhang, das fromme Spiel beginnt. In diesem Augenblick sind es für Schwester Brigitte nicht mehr einfältige Bauernkinder, die in unverstandenen Versen, die sie ihnen durch Monate hindurch mühselig eingetrichtert hat, die heilige Familie spielen. Es sind ihr die Personen selbst. Die unbefleckte Jungfrau, Josef, ihr Gemahl, die Könige aus dem Morgenland, die Hirten, die Trabanten. Alle wandeln leibhaftig vor ihr auf der Erde, und was geschieht, ist Wirklichkeit.