Das Harmonium setzt mit dunkeln Akkorden ein, leise spielt die Violine. Der Gesang erhebt sich. Engel sind aus den himmlischen Gefilden abgestiegen. Sie künden das erhabene Geheimnis: Christus ist der Welt geboren. Das Gotteslamm, der süße, unschuldige Jesusknabe, das Gefäß aller Schmerzen, der Born aller Seligkeit. Der Heiland, dem sich in Liebe zu ergeben unsagbare Wonne ist. Während Schwester Brigittes arbeitsharte Hand den Bogen führt, vergeht sie innerlich in anbetender Sehnsucht. Fromme Schauer laufen über ihren Leib, aus ihren Augen stürzen Tränen. Könnte sie ihn doch umfangen, den Himmelsbräutigam, den Mund auf seine Wundenmale drücken und in ihm vergehen.
Ein Abglanz dieser vorgefühlten Wonne verklärt auch jetzt Schwester Brigittens Mienen, während sie die Vorbereitungen zum Probespiel der »Frohen Botschaft« trifft.
Sie verteilt die Kinder. »Die, wo mittun, treten auf die rechte Seite. Ihr anderen geht an den Tisch und spielt. Und ich bitt' mir aus, daß eine Ruh' ist.«
Sie setzt an Stelle des Steins, auf den die todmüde Maria niedersinken soll, eine Fußbank und winkt dem Nannerl Stark, das die Maria spielt.
Das Nannerl, siebenjährig, flachsblond und untersetzt, bohrt verlegen in der Nase. »Na, Nannerl,« ermahnt die Schwester, »fang' doch an.« Und sie sagt ihr leise ein: »Wie bin ich so erschöpft und matt ...«
Das Nannerl muß erst noch ein paarmal schlucken, dann fängt es an. Das Hochdeutsch klingt in seinem Mund wie eine fremde Sprache, es dehnt die Silben und gibt jeder gleichen Wert. Seine Mimik besteht darin, bald den rechten, bald den linken Arm automatisch auf die Brust zu legen und seitlich wieder auszustrecken.
| »Wie bin ich so er–schöpft und matt |
| Vohn uhn–srem Gan–ge in die Stadt. |
| (Armbewegung nach der rechten Seite.) |
| Wie sehnt sich Leib und See–le nuhn, |
| Einmal ein biß–chen aus–zu–ruhn. |
| (Armbewegung nach der linken Seite.) |
* * * * *
Der Josef Kirschenhauer fährt in die Höhe. Ihn friert. Im Halbschlaf tastet er um sich. Die Tuchent ist ihm sicher weggerutscht. Er murmelt: »Zenzel, hörst, ich glaub', ich muß davon – es wird schon Tag.« Als er die Augen aufschlägt, ist er ganz verwirrt. Gerad' war er noch im Kammerl bei seinem Schatz. Und jetzt ... er kennt sich nicht gleich aus. Erst nach und nach ...
Ach so! Er sitzt ja im Armenhaus, im Garten, ein schwacher, kranker Mann. Das heißt: schwach ist er wohl, kaum, daß er sich noch auf dem Sessel halten kann. Aber krank? Nein, krank ist er nimmer. Weg sind die Schmerzen und die Stiche. Nur so komisch leicht ist ihm im Kopf, wie wenn man ihm das Hirn herausgenommen hätt'. Er muß sich ordentlich besinnen: »Wie bin ich denn dahergekommen?«