Der erste Gegenstand, den die Gemeinen in Berathung nahmen, war der Stand des Staatseinkommens. Ein großer Theil der Steuern war seit der Thronbesteigung Wilhelm’s und Mariens unter der Autorität von auf kurze Zeit erlassenen Acten erhoben worden, und es war jetzt Zeit, endgültige Anordnungen zu treffen. Es wurde dem Hause ein Verzeichniß der Besoldungen und Pensionen vorgelegt, für welche Deckung zu beschaffen war, und der Betrag der dafür ausgeworfenen Summen rief wohlbegründete Klagen seitens der unabhängigen Mitglieder hervor, unter denen sich Sir Karl Sedley durch seinen sarkastischen Humor auszeichnete. Eine geistreiche Rede, die er gegen die Stelleninhaber hielt, wurde heimlich gedruckt und weit verbreitet; sie ist seitdem oft neu aufgelegt worden und beweist, daß seine Zeitgenossen sich nicht irrten, indem sie ihn für einen Mann von Talent und lebendigem Geiste hielten, was man bei Lesung seiner Gedichte und Schauspiele versucht wird zu bezweifeln. Leider verpuffte die üble Laune, welche der Anblick der Civilliste erregte, in Späßen und Invectiven, ohne irgend eine Reform herbeizuführen.

Das ordentliche Einkommen, welches der Regierung vor der Revolution zur Verfügung gestanden hatte, war theils erblich gewesen, theils aus Steuern gezogen worden, welche jedem Souverain auf Lebenszeit bewilligt waren. Das erbliche Einkommen war mit der Krone auf Wilhelm und Marien übergegangen. Es floß aus den Erträgnissen der königlichen Domainen, aus Sporteln, Geldbußen und Weinlicenzen, aus den Erstlingen und Zehnten der Pfründen, aus den Einnahmen des Postamts und aus demjenigen Theile der Accise, welcher unmittelbar nach der Restauration Karl II. an Stelle der unseren früheren Königen schuldigen Lehndienste für alle Zeiten bewilligt worden war. Das Einkommen aus allen diesen Quellen wurde auf vier- bis fünfhunderttausend Pfund geschätzt.[80]

Die Accis- und Zolleinnahmen, welche Jakob auf Lebenszeit bewilligt worden waren, hatten am Schlusse seiner Regierung die Summe von ungefähr neunhunderttausend Pfund erreicht. Wilhelm wünschte natürlich dieses Einkommen in derselben Weise zu beziehen, wie sein Oheim es genossen hatte, und seine Minister thaten ihr Möglichstes, um seine Wünsche zu befriedigen. Lowther beantragte, daß die Bewilligung für des Königs und der Königin gemeinschaftliche und für jedes Einzelnen Lebenszeit gelten solle, und er sprach wiederholt und nachdrücklich zur Vertheidigung dieses Antrags. Er hob Wilhelm’s Ansprüche auf die öffentliche Dankbarkeit und das öffentliche Vertrauen hervor, die Befreiung der Nation von Papismus und Willkürherrschaft, die Befreiung der Kirche von Verfolgung und die der Verfassung gegebene feste Grundlage. Könnten die Gemeinen einem Fürsten gegenüber knausern, der mehr für England gethan habe, als irgend einer seiner Vorgänger in so kurzer Zeit für dasselbe gethan, mit einem Fürsten, der jetzt im Begriff stehe, sich feindlichen Waffen und einem ungesunden Klima auszusetzen, um die englische Colonie in Irland zu erhalten, mit einem Fürsten, für den man in jedem Winkel der Welt bete, wo sich eine protestantische Gemeinde zum Gottesdienste versammeln dürfe?[81] Doch über diesen Gegenstand sprach Lowther umsonst. Sowohl Whigs als Tories waren der festen Meinung, daß die Freigebigkeit der Parlamente die Hauptursache des Unheils der letzten dreißig Jahre sei; daß der Freigebigkeit des Parlaments von 1660 die schlechte Verwaltung der Cabale, der Freigebigkeit des Parlaments von 1685 die Indulgenzerklärung zugeschrieben werden müsse und daß es unverantwortlich von dem Parlamente von 1690 sein würde, wenn es eine lange, schmerzliche und unveränderliche Erfahrung nicht benutzte. Nach langer Discussion kam ein Vergleich zu Stande. Der Theil der Accise, welcher Jakob auf Lebenszeit bewilligt gewesen war und den man auf dreihunderttausend Pfund jährlich schätzte, wurden Wilhelm und Marien auf gemeinschaftliche und auf jedes Einzelnen Lebenszeit bewilligt. Man nahm an, daß Ihre Majestäten mit dem erblichen Einkommen und mit den dreihunderttausend Pfund aus der Accise, unabhängig von parlamentarischer Controle zwischen sieben- und achthunderttausend Pfund jährlich haben würden. Von diesem Einkommen waren die Kosten des königlichen Haushaltes und diejenigen Civilämter zu bestreiten, von denen dem Hause eine Liste vorgelegt worden war. Daher wurde dieses Einkommen die Civilliste genannt. Jetzt ist der Aufwand für den königlichen Haushalt von den Kosten der Civilverwaltung völlig getrennt; aber durch eine sonderbare Sinnverdrehung ist der Name Civilliste dem zur Bestreitung des königlichen Haushalts bestimmten Theile der Einkünfte geblieben. Noch sonderbarer ist es, daß mehrere Nachbarvölker diesen unpassendsten Namen von der Welt der Entlehnung werth gehalten haben. Diejenigen Zollgebühren, welche Karl und Jakob nach einander auf Lebenszeit zuerkannt worden waren und die sich in dem Jahre vor der Revolution auf sechshunderttausend Pfund belaufen hatten, wurden der Krone nur auf vier Jahre bewilligt.[82]

Wilhelm gefiel dieses Arrangement keineswegs. Es schien ihm ungerecht und undankbar, daß ein Volk, welches er gerettet hatte, die Höhe seines Einkommens von seinem guten Verhalten abhängig machte. „Die Herren Engländer,” sagte er zu Burnet, „trauten Jakob, der ein Feind ihrer Religion und ihrer Gesetze war, und mir, dem sie die Erhaltung ihrer Religion und ihrer Gesetze verdanken, wollen sie nicht trauen.” Burnet erwiederte ihm sehr richtig, daß es keinen Beweis von persönlichem Vertrauen gebe, den Se. Majestät nicht zu verlangen berechtigt wäre, daß aber die hier vorliegende Frage keine Frage des persönlichen Vertrauens sei. Die Stände des Reichs wünschten ein allgemeines Prinzip festzustellen; sie wünschten einen Präcedenzfall zu haben, der die späte Nachwelt gegen Uebel sichere, wie sie die sorglose Freigebigkeit früherer Parlamente erzeugt habe. „Von diesen Uebeln hat Eure Majestät die gegenwärtige Generation befreit. Durch Annahme der Gabe der Gemeinen unter den offerirten Bedingungen wird Eure Majestät auch ein Befreier zukünftiger Generationen sein.” Wilhelm war nicht überzeugt, aber er besaß zuviel Weltklugheit und Selbstbeherrschung, um seiner üblen Laune freien Lauf zu lassen und er nahm mit freundlicher Miene, an was er nicht umhin konnte als unfreundlich gegeben zu betrachten.[83]

Jahrgeld der Prinzessin von Dänemark.

Die Civilliste war mit einer Annuität von zwanzigtausend Pfund für die Prinzessin von Dänemark belastet, als Zuschuß zu den dreißigtausend Pfund, die ihr zur Zeit ihrer Vermählung ausgesetzt worden waren. Dieses Arrangement war das Resultat eines Vergleichs, der mit vieler Mühe und nach langen heftigen Streitigkeiten zu Stande gebracht worden war. Der König und die Königin hatten seit dem Antritte ihrer Regierung niemals auf besonders gutem Fuße mit ihrer Schwester gestanden. Daß Wilhelm einer Frau nicht gefallen konnte, die eben nur so viel Verstand hatte, um zu bemerken, daß ihm ein mürrisches Wesen und ein abstoßendes Benehmen eigen waren, und die seine höheren Eigenschaften durchaus nicht zu würdigen vermochte, ist nicht zu verwundern. Für Marien aber war es ein Bedürfniß geliebt zu werden. Eine so liebenswürdige und geistvolle Frau konnte nicht viel Vergnügen an dem Umgange mit Anna finden, die, wenn bei guter Laune, heiter einfältig, wenn bei schlechter Laune mürrisch einfältig war. Indessen würde die Königin, die auch der geringste ihrer Dienstleute wegen ihrer Herzensgüte liebte, sich schwerlich eine Person zum Feinde gemacht haben, deren Freundschaft zu gewinnen ihre Pflicht und ihr Interesse erheischte, wäre nicht ein ungewöhnlich mächtiger und ungewöhnlich bösartiger Einfluß unablässig bemüht gewesen, den Frieden des königlichen Hauses zu stören. Die Zuneigung der Prinzessin Anna zu Lady Marlborough war so stark, daß man dieselbe in einem abergläubischen Zeitalter einem Talisman oder einem Zaubertranke zugeschrieben haben würde. Nicht nur daß die beiden Freundinnen in ihrem vertraulichen Verkehr mit einander alle Ceremonien und Titel bei Seite geworfen hatten und schlechtweg Mrs. Morley und Mrs. Freeman geworden waren, selbst Prinz Georg, der sich um das Ansehen seiner Geburt eben so wenig kümmerte wie um irgend etwas Andres außer Claret und marinirten Lachs, ließ es sich gefallen, Mr. Morley genannt zu werden. Die Gräfin rühmte sich, den Namen Freeman deshalb gewählt zu haben, weil er der Offenheit und Keckheit ihres Characters ganz besonders entspreche, und man muß ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie ihre despotische Herrschaft über die schwache Prinzessin nicht durch gewöhnliche Höflingskünste begründete und lange behauptete. Sie besaß wenig von dem Takte, der das characteristische Talent ihres Geschlechts ist, und sie war viel zu heftig, um schmeicheln oder sich verstellen zu können; aber ein seltener Zufall hatte sie einem Character entgegengeführt, auf den gebieterisches Wesen und Widerspruch wie Zaubertränke wirkten. In dieser grotesken Freundschaft waren Hingebung, Geduld und Selbstverleugnung ganz auf Seiten der Herrin, während die Launen, der übermüthige Stolz und die Ausbrüche von Heftigkeit auf Seiten der Dienerin waren.

Höchst merkwürdig ist das Verhältniß, in welchem die beiden Frauen zu Mr. Freeman standen, wie sie Marlborough nannten. Im Auslande wußte fast Jedermann, daß Anna von den Churchill geleitet wurde. Ebenso bekannt war es, daß der Mann, der sich ihrer Gunst in so hohem Grade erfreute, nicht nur ein großer Feldherr und Staatsmann, sondern auch einer der schönsten Cavaliere seiner Zeit war, daß er von Gesicht und Gestalt auffallend hübsch, daß sein Character zugleich sanft und entschlossen, seine Manieren zugleich gewinnend und edel waren. Nichts war natürlicher, als daß körperliche und geistige Vorzüge wie die seinigen ein weibliches Herz leicht erobern mußten. Viele Leute auf dem Festlande glaubten daher auch, er sei Anna’s begünstigter Anbeter, und er wurde in gleichzeitigen französischen Libellen, welche längst vergessen sind, als solcher dargestellt. In England jedoch fand diese Verleumdung selbst bei dem großen Haufen niemals Glauben, und man findet selbst in dem gemeinsten Gassenhauer, der in unseren Straßen gesungen wurde, keine Spur davon. Die Prinzessin scheint sich in der That nie eines mit ihren ehelichen Pflichten unverträglichen Gedankens schuldig gemacht zu haben. In ihren Augen war Marlborough mit all’ seiner Genialität und Tapferkeit, seiner Schönheit und Liebenswürdigkeit nichts weiter als der Gatte ihrer Freundin. Einen directen Einfluß auf Ihre Königliche Hoheit besaß er nicht; nur durch Vermittelung seiner Gattin konnte er auf sie einwirken, und seine Gattin war kein passives Werkzeug. Obgleich es nicht möglich ist, in irgend etwas was sie gethan, gesagt oder geschrieben hat, das geringste Anzeichen von höherer Verstandesbildung zu entdecken, setzten ihre heftigen Leidenschaften und ihr starker Wille sie doch oftmals in den Stand, einen Gatten zu beherrschen, der zum Gebieter über ernste Senate und über mächtige Heere geboren war. Sein Muth, ein Muth, den die gefahrvollsten Situationen des Kriegs nur noch kälter und unerschütterlicher machten, verließ ihn beim Anblick der leichtfließenden Thränen und wortreichen Vorwürfe, der schmollenden Lippen und des traurig gesenkten Hauptes seiner Sara. Die Geschichte führt uns wenige Schauspiele vor, welche merkwürdiger waren, als das eines großen und gelehrten Mannes, der, wenn er weitumfassende und tiefdurchdachte politische Pläne entworfen hatte, dieselben nur dadurch ins Werk setzen konnte, daß er ein oft unlenksames, thörichtes Weib vermochte, ein andres noch thörichteres Weib zu lenken.

In einem Punkte stimmten der Earl und die Gräfin vollkommen überein: sie liebten Beide den Geldgewinn, nur daß er das gewonnene gern aufhäufte, sie aber nicht abgeneigt war, es wieder auszugeben.[84] Die Gunst der Prinzessin betrachteten sie Beide als ein werthvolles Besitzthum. Schon unter der Regierung ihres Vaters hatten sie angefangen, durch Anna’s Freigebigkeit reich zu werden. Sie war von Natur zur Sparsamkeit geneigt und selbst als sie auf dem Throne saß, waren ihre Equipagen und ihre Tafel keineswegs prächtig.[85] Man sollte daher meinen, daß, während sie noch Unterthanin war, dreißigtausend Pfund jährlich und eine Wohnung im Palaste für alle ihre Bedürfnisse mehr als ausreichend hätte sein müssen. Es gab vielleicht im ganzen Königreiche nicht zwei Edelleute, die ein solches Einkommen besaßen. Aber um den Gelddurst Derer zu stillen, die sie beherrschten, war kein Einkommen groß genug. Sie hatte zu wiederholten Malen Schulden gemacht, welche Jakob immer bezahlte, doch nicht ohne sein Erstaunen und Mißfallen darüber zu äußern.

Die Revolution eröffnete den Churchill eine neue und unbegrenzte Aussicht auf Gewinn. Das ganze Verhalten ihrer Gebieterin bei dieser großen Krisis hatte bewiesen, daß sie keinen andren Willen, kein andres Urtheil, keine andre Ueberzeugung hatte als die ihrigen. Ihnen hatte sie Neigungen, Vorurtheile, Gewohnheiten und Interessen aufgeopfert. Auf ihren Befehl hatte sie an der Verschwörung gegen ihren Vater Theil genommen, war mitten im Winter durch Eis und Koth in einem Miethwagen von Whitehall in’s Lager der Rebellen geflohen und hatte eingewilligt, ihre Stelle in der Thronfolgeordnung dem Prinzen von Oranien abzutreten. Sie sahen mit Vergnügen, daß das Weib, auf das sie einen so unbegrenzten Einfluß ausübten, wieder auf Andere einen nicht gewöhnlichen Einfluß ausübte. Die Revolution war kaum vollbracht, so zeigten viele Tories, denen der neue König so wenig gefiel wie der vertriebene, und die in Zweifel waren, ob ihre Religion von den Jesuiten oder von den Latitudinariern mehr zu fürchten hatte, eine entschiedene Neigung, sich um Anna zu schaaren. Die Natur hatte sie zur Bigotten geschaffen. Ihre Seelenverfassung war von der Art, daß sie, ohne zu prüfen und ohne zu zweifeln, fest an der Religion ihrer Kindheit hing bis sie in ihren Sarg gelegt wurde. Am Hofe ihres Vaters war sie taub gegen Alles gewesen, was zu Gunsten der Transsubstantiation und der Ohrenbeichte geltend gemacht werden konnte. Diese Apathie und Hartnäckigkeit gaben ihr eine gewisse Bedeutung. Es war etwas Wichtiges, das einzige Glied der königlichen Familie zu sein, das Papisten und Presbyterianer mit gleichem Widerwillen betrachtete. Während eine zahlreiche Partei geneigt war, sie zu vergöttern, betrachteten ihre beiden schlauen Diener sie lediglich als eine Puppe. Sie wußten, daß sie es in ihrer Macht hatte, der Regierung ernste Ungelegenheiten zu bereiten, und sie beschlossen, diese Macht zu benutzen, um dem Namen nach für sie, factisch aber für sich selbst Geld zu erpressen. Während Marlborough die englischen Streitkräfte in den Niederlanden befehligte, war die Ausführung des Planes natürlich seiner Gattin überlassen, und sie ging dabei nicht wie er ohne Zweifel gethan haben würde, mit Vorsicht und Mäßigung zu Werke, sondern, wie aus ihrer eignen Erzählung deutlich hervorgeht, mit abscheulicher Heftigkeit und Schamlosigkeit. Allerdings hatte sie Leidenschaften zu befriedigen, von denen er gänzlich frei war. Er war zwar einer der habsüchtigsten, aber auch einer der mindest boshaften Menschen; bei ihr dagegen war die Bosheit eine viel stärkere Leidenschaft als die Habsucht. Sie haßte leicht und ihr Haß war gründlich, unversöhnlich. Zu den Gegenständen ihres Hasses gehörten alle Verwandten ihrer Gebieterin, sowohl von väterlicher als von mütterlicher Seite. Niemand, der ein natürliches Interesse an der Prinzessin nahm, konnte ohne Besorgniß die sonderbare Verblendung mit ansehen, die sie zum Sklaven eines herrschsüchtigen und rücksichtslosen Zankteufels machte. Das wußte die Gräfin sehr wohl. In ihren Augen waren die königliche Familie und die Familie Hyde, wie sehr sie auch in anderen Punkten differiren mochten, gegen sie verbündet, und sie verabscheute sie alle, Jakob, Wilhelm und Marien, Clarendon und Rochester. Jetzt war der rechte Augenblick gekommen, um dem seit Jahren aufgesammelten Groll Luft zu machen. Es war nicht genug, für Anna ein großes, ein königliches Einkommen zu erlangen, dieses Einkommen mußte durch Mittel und Wege erlangt werden, welche die von der Favoritin verabscheuten Personen kränkten und demüthigten. Es durfte nicht als ein Zeichen brüderlicher Güte erbeten und angenommen, sondern es mußte in trotzigem Tone gefordert und widerstrebenden Händen mit Gewalt entrissen werden. Ein directes Gesuch wurde weder an den König noch an die Königin gerichtet, aber sie erfuhren mit Erstaunen, daß Lady Marlborough die toryistischen Mitglieder des Parlaments unermüdlich bearbeitete, daß sich eine Prinzessinpartei bilde und daß im Hause der Gemeinen beantragt werden solle, Ihrer Königlichen Hoheit ein von der Krone unabhängiges bedeutendes Einkommen auszusetzen. Marie fragte ihre Schwester, was dieses Verfahren bedeute. „Ich höre,” antwortete Anna, „daß meine Freunde beabsichtigen, mir ein festes Einkommen zu sichern.” Die Königin soll hierauf, schwer verletzt durch einen Ausdruck, mit dem man sagen zu wollen schien, daß sie und ihr Gemahl nicht zu den Freunden ihrer Schwester gehörten, mit ungewohnter Härte entgegnet haben: „Von was für Freunden sprichst Du? hast Du andere Freunde als den König und mich?”[86] Der Gegenstand wurde dann zwischen den beiden Schwestern nie wieder erwähnt. Marie sah wahrscheinlich ein, daß sie einen Mißgriff gethan, indem sie sich an eine Person gewendet, die nur ein passives Werkzeug in den Händen Anderer war. Es wurde ein Versuch gemacht, mit der Gräfin zu unterhandeln. Nachdem einige untergeordnete Agenten ihr umsonst Vorstellungen gemacht hatten, begab sich Shrewsbury zu ihr. Man konnte wohl erwarten, daß seine Intervention den gewünschten Erfolg haben werde, denn wenn man der damaligen chronique scandaleuse glauben darf, so hatte er hoch, nur zu hoch in ihrer Gunst gestanden.[87] Er war vom Könige ermächtigt, der Prinzessin zu versprechen, daß, wenn sie davon abstehen wolle, das Haus der Gemeinen um Unterstützung ihrer Sache anzugehen, ihr Einkommen von dreißigtausend auf funfzigtausend Pfund erhöht werden solle. Die Gräfin schlug dieses Anerbieten rund ab. Sie war schamlos genug, die Andeutung fallen zu lassen, daß das Wort des Königs keine genügende Sicherheit biete. „Ich bin fest überzeugt,” sagte Shrewsbury, „daß Seine Majestät seine Verpflichtungen pünktlich erfüllen wird. Thut er dies nicht, so will ich ihm keine Stunde länger dienen.” — „Das würde Ihnen zu großer Ehre gereichen, für die Prinzessin aber ist es ein sehr armseliger Trost,” entgegnete das hartnäckige Weib. Nachdem Shrewsbury sich vergebens bemüht hatte, die Dienerin zu bewegen, erlangte er endlich eine Audienz bei der Gebieterin. Anna sagte ihm mit Worten, die ihr wahrscheinlich von ihrer Freundin Sara in den Mund gelegt waren, die Sache sei bereits zu weit gediehen, als daß sie rückgängig gemacht werden könnte, und müsse der Entscheidung der Gemeinen überlassen bleiben.[88]