Das Wahre an der Sache war, daß die Einbläser der Prinzessin vom Parlamente eine viel größere Summe als die vom König angebotene zu erlangen hofften. Sie wollten nur mit siebzigtausend Pfund zufrieden sein. Doch sie gingen zu weit in ihrer Geldgier. Das Haus der Gemeinen schien zwar geneigt, Ihre Königliche Hoheit zu befriedigen; als aber ihre allzu eifrigen Freunde die Summe zu nennen wagten, die sie bewilligt zu sehen wünschten, erhob sich lautes Murren. Siebzigtausend Pfund jährlich zu einer Zeit, wo die nothwendigen Ausgaben des Staats sich täglich mehrten, wo der Ertrag der Zölle sich täglich verminderte, wo jeder Gutsherr und jeder Pächter den Aufwand für seine Tafel und seinen Keller beschränkte! Die allgemeine Ansicht des Hauses war, daß die Summe, die der König, wie man wußte, zu bewilligen geneigt war, vollkommen hinreichend sei.[89] Endlich wurde von beiden Seiten etwas zugestanden. Die Prinzessin mußte sich mit funfzigtausend Pfund jährlich begnügen und Wilhelm willigte darein, daß ihr diese Summe durch eine Parlamentsacte gesichert werde. Sie belohnte die Dienste der Lady Marlborough mit einem Jahrgelde von tausend Pfund;[90] doch ist dies aller Wahrscheinlichkeit nach nur ein sehr kleiner Theil dessen, was die Churchill bei diesem Geschäft verdienten.

Nachdem diese Angelegenheit geordnet war, lebten die beiden königlichen Schwestern viele Monate hindurch auf einem artigen und sogar anscheinend freundschaftlichen Fuße. Marie aber empfand, obwohl sie gegen Anna keinen Groll gehegt zu haben scheint, unzweifelhaft gegen Lady Marlborough einen so starken Haß, wie ihn ein sanftes Gemüth überhaupt zu fühlen vermag. Marlborough hatte einen großen Theil der Zeit, während der seine Gattin die Tories bearbeitet, im Auslande zugebracht, und war, obgleich er unzweifelhaft im Einvernehmen mit ihr gehandelt, doch wie immer mit Mäßigung und Anstand zu Werke gegangen. Er erhielt daher nach wie vor von Wilhelm mancherlei Gunstbezeigungen, die von keiner Mißfallensäußerung begleitet waren.

In der Debatte über die Feststellung des Einkommens trat der Unterschied zwischen Whigs und Tories nicht sehr auffallend hervor. In der That, wenn die beiden Parteien in irgend etwas übereinstimmten, so war es darin, daß sie es für zweckmäßig hielten, die Zölle der Krone auf nicht mehr als vier Jahre zu bewilligen. Aber es gab andere Fragen, welche die alte Feindschaft in aller Stärke wieder hervorriefen. Die Whigs bildeten jetzt die Minorität, aber eine durch ihre Anzahl furchtbare und durch ihre Talente noch furchtbarere Minorität. Sie führten den parlamentarischen Krieg mit nicht geringerer Erbitterung, als da sie die Majorität bildeten, aber noch etwas geschickter. Sie stellten mehrere Anträge, die ein Hochkirchlicher nicht wohl unterstützen, denen aber ein Diener Wilhelm’s und Marien’s nicht wohl opponiren konnte. Der Tory, der für diese Anträge stimmte, lief große Gefahr von den starrsinnigen Cavalieren seiner Grafschaft als ein Abtrünniger bezeichnet zu werden; der Tory, der gegen dieselben stimmte, lief große Gefahr in Kensington unfreundlich empfangen zu werden.

Bill, welche die Acte des vorhergehenden Parlaments für gültig erklärte.

Augenscheinlich in Verfolgung dieser Politik legten die Whigs auf den Tisch der Lords eine Bill nieder, welche alle durch das vorige Parlament erlassenen Gesetze für gültig erklärte. Diese Bill war nicht sobald gelesen, als auch die Polemik des vergangenen Frühjahrs sich erneuerte. Die Whigs hatten bei dieser Gelegenheit fast alle diejenigen Cavaliere zu Bundesgenossen, welche mit der Regierung in Connection standen. Die strengen Tories, mit Nottingham an der Spitze, erklärten sich bereit zu verordnen, daß jedes im Jahre 1689 erlassene Gesetz dieselbe Kraft haben solle, die es gehabt haben würde, wenn es von einem in regelmäßiger Weise einberufenen Parlamente erlassen worden wäre; nichts aber würde sie bewegen anzuerkennen, daß eine ohne Autorität des großen Siegels zusammengetretene Versammlung von Lords und Gentlemen verfassunggemäß ein Parlament sei. Wenige Fragen scheinen stärkere Leidenschaften erregt zu haben, als die in praktischer Beziehung ganz unwichtige Frage, ob die Bill declaratorisch sein sollte oder nicht. Nottingham, stets rechtschaffen und ehrenwerth, aber ein Bigotter und Formalist, war in diesem Punkte ganz besonders obstinat und unbeugsam. Bei einer Debatte verlor er seine Selbstbeherrschung, setzte die Schicklichkeit aus den Augen, die er sonst streng zu beobachten pflegte, und wäre bei einem Haare unter Aufsicht des schwarzen Stabes gestellt worden.[91] Nach langem Kampfe behaupteten die Whigs mit einer Majorität von sieben Stimmen das Feld.[92] Viele Peers unterzeichneten einen von Nottingham entworfenen energischen Protest. In diesem Protest war die Bill, welche in der That der sprachlichen Kritik Blößen darbot, unhöflicherweise als weder in gutem Englisch noch in verständlichem Style abgefaßt bezeichnet. Die Majorität faßte den Beschluß, daß der Protest gestrichen werden solle, und gegen diesen Beschluß protestirten Nottingham und seine Anhänger abermals.[93] Dem Könige mißfiel die Hartnäckigkeit seines Staatssekretärs, sie mißfiel ihm so sehr, daß Nottingham erklärte, er gedenke die Siegel abzugeben; doch der Streit wurde bald geschlichtet. Wilhelm war zu einsichtsvoll, als daß er den Werth eines redlichen Mannes in einem unredlichen Zeitalter nicht zu schätzen gewußt hätte, denn gerade die Gewissenhaftigkeit, welche Nottingham zum Widerspenstigen machte, war eine Gewähr dafür, daß er nie ein Verräther werden würde.[94]

Die Bill kam ins Unterhaus und man erwartete mit Gewißheit, daß der Kampf dort lang und heftig sein würde; aber eine einzige Rede brachte die Sache ins Reine. Somers setzte mit einer logischen Schärfe und Beredtsamkeit, über welche selbst ein Auditorium erstaunte, das gewohnt war, ihn mit Vergnügen anzuhören, die Ungereimtheit des von den Hochtories festgehaltenen Prinzips auseinander. „Wenn die Convention,” — so argumentirte er, — „kein Parlament war, wie können wir ein Parlament sein? Eine Verordnung Elisabeth’s bestimmt, daß Niemand in diesem Hause Sitz und Stimme haben solle, bis er den alten Suprematseid geleistet habe. Nicht Einer von uns hat diesen Eid geleistet. Anstatt dessen haben wir Alle den neuen Eid geleistet, den das vorige Parlament an die Stelle des alten gesetzt hat. Es ist sonach ein Widerspruch, wenn man sagt, daß die Acte des vorigen Parlaments jetzt nicht mehr gültig seien, und gleichwohl von uns verlangt, daß wir ihre fortdauernde Gültigkeit dekretiren sollen. Denn entweder sind sie schon gültig, oder wir können sie nicht gültig machen.” Dieses Raisonnement, das in der That so unwiderleglich war wie das des Euklid, machte der Debatte sehr bald ein Ende. Die Bill wurde von den Gemeinen achtundvierzig Stunden nach ihrer ersten Lesung angenommen.[95]

Debatten über die Veränderungen bei den Milizen.

Dies war der einzige Sieg, den die Whigs während der ganzen Session errangen. Im Unterhause beschwerten sie sich laut über die Veränderung, welche in der militärischen Verwaltung der City vorgenommen worden war. Die Tories, sich ihrer Stärke bewußt und durch Rachedurst erhitzt, weigerten sich nicht allein, das Geschehene zu tadeln, sondern beschlossen sogar, dem Könige öffentlich und feierlich dafür zu danken, daß er so viele Schismatiker entfernt und so viele Mitglieder der Staatskirche an deren Stelle gesetzt habe. Clarges, Mitglied für Westminster, der als Freund Caermarthen’s bekannt war, beantragte eine Dankadresse. „Die Veränderungen, welche in der City vorgenommen worden sind,” sagte Clarges, „beweisen die warme Fürsorge Sr. Majestät für uns. Ich hoffe er wird in allen Grafschaften des Landes ähnliche Veränderungen vornehmen.” Die Minorität wehrte sich tapfer. „Wollen Sie dem Könige dafür danken,” sagte sie, „daß er das Schwert seinen gefährlichsten Feinden in die Hand giebt? Einige von Denen, die man ihm gerathen hat mit einem militärischen Commando zu betrauen, haben sich noch nicht einmal entschließen können, ihm Treue zu schwören. Andere waren zu einer schlimmen Zeit als zuverlässige Geschworene bekannt, die gewiß waren, einen Exclusionisten auf jeden Beweis oder auch auf gar keinen Beweis hin schuldig zu finden.” Auch unterließen die whiggistischen Redner nicht, solche Themata zur Sprache zu bringen, über welche alle Parteien in der Stunde der Gefahr mit Beredtsamkeit sprechen, die aber jede in der Stunde des Glücks nur zu bereit ist leicht zu nehmen. „Fassen wir nicht einen Beschluß,” sagten sie, „welcher einen Tadel gegen einen großen Theil unserer Landsleute enthält, die gute Unterthanen und gute Protestanten sind. Der König muß das Oberhaupt seines ganzen Volkes sein. Machen wir ihn nicht zum Oberhaupte einer Partei.” Das war eine ganz vortreffliche Doctrin; nur klang sie sonderbar im Munde von Männern, die sich wenige Wochen früher der Indemnitätsbill widersetzt und für die Sacheverell’sche Klausel gestimmt hatten. Die Adresse wurde mit hundertfünfundachtzig gegen hundertsechsunddreißig Stimmen angenommen.[96]

Abschwörungsbill.

Sobald die Zahlen verkündet waren, stellten die Whigs im Aerger über ihre Niederlage einen Antrag, der die toryistischen Staatsdiener in nicht geringe Verlegenheit setzte. Der Huldigungseid, sagten die Whigs, sei in viel zu laxen Ausdrücken abgefaßt. Er halte wohl einige wenige ehrenwerthe Jakobiten, die viel zu unbedeutend seien, um schädlich werden zu können, von öffentlichen Aemtern fern, vermöge aber durchaus nicht, die biegsamen und glatten Gewissen schlauer Priester zu binden, die sich zwar stellten, als ob sie die Jesuiten verabscheuten, es aber in der unmoralischen Casuistik, welche den schlimmsten Theil des Jesuitismus bilde, sehr weit gebracht hätten. Einige angesehene Geistliche hätten öffentlich ausgesprochen, andere sogar es zu schreiben gewagt, daß sie Wilhelm in einem ganz andren Sinne Treue geschworen hätten als Jakob. Jakob hätten sie die ganze Treue geschworen, die ein loyaler Unterthan einem rechtmäßigen Souverain schuldet; als sie aber versprochen, Wilhelm zu gehorchen, hätten sie nur gemeint, daß sie, so lange es in seiner Macht liege, sie wegen Rebellirens und Conspirirens gegen ihn aufhängen zu lassen, sich nicht der Gefahr aussetzen würden, gehängt zu werden. Niemand dürfe sich darüber wundern, daß die Vorschriften und das Beispiel der mißvergnügten Geistlichen die mißvergnügten Laien verdorben habe. Wenn Domherren und Rectoren sich nicht schämten zu gestehen, daß sie das Neue Testament mit zweideutigen Gedanken geküßt, dürfe man schwerlich erwarten, daß Advokaten und Steuereinnehmer gewissenhafter sein würden. Die Folge davon sei, daß es in jedem Verwaltungszweige von Verräthern wimmele, daß Männer, die das Brot des Königs äßen, Männer, denen die Eintreibung und Abführung seiner Revenuen, die Verproviantirung seiner Schiffe, die Bekleidung seiner Soldaten, die Ausrüstung seiner Artillerie für den Felddienst anvertraut sei, ihn einen Usurpator zu nennen und auf seinen baldigen Sturz zu trinken pflegten. Könne wohl eine Regierung sicher sein, die von ihren eigenen Dienern gehaßt und betrogen würde? Und sei nicht die englische Regierung Gefahren ausgesetzt, die ernste Besorgnisse erwecken müßten, selbst wenn alle ihre Diener treu wären? Eine angefochtene Thronfolge, Krieg mit Frankreich, Krieg in Schottland, Krieg in Irland, sei dies Alles nicht schon genug, auch ohne Verrath in jedem Arsenale und in jedem Zollhause? Es bedürfe eines Eides, der in zu bestimmte Ausdrücke gefaßt sei, um hinwegerklärt werden zu können, in Ausdrücken, die kein Jakobit nachsprechen könne, ohne sich eines Meineids bewußt zu sein. Wenn auch die Eiferer für das unveräußerliche erbliche Recht im allgemeinen kein Bedenken trügen, Wilhelm Treue zu schwören, so würden sie doch wahrscheinlich nicht Lust haben, Jakob abzuschwören. Auf diese Gründe hin wurde eine Abschwörungsbill von äußerster Strenge im Hause der Gemeinen eingebracht. Es wurde beantragt, zu verordnen, daß Jeder, der ein bürgerliches, militärisches oder geistliches Amt bekleide, bei Strafe der Entlassung den verbannten König feierlich abschwören solle, daß jeder Friedensrichter den Abschwörungseid von jedem Unterthan verlangen könne und daß, wenn derselbe verweigert würde, der Widerspenstige ins Gefängniß geworfen werden und so lange darin bleiben solle, bis sein Starrsinn gebrochen sei.