Die Härte dieser letzten Bestimmung wurde allgemein und mit vollem Rechte getadelt. Jeden unwissenden, dienstfertigen Magistratsbeamten in einen Staatsinquisitor zu verwandeln, darauf zu bestehen, daß ein schlichter Mann, der ruhig und in Frieden lebte, der den Gesetzen gehorchte, der seine Abgaben bezahlte, der nie ein öffentliches Amt bekleidet und keine Aussicht hatte, jemals ein solches zu bekleiden, der sich nie über Probleme der Staatswissenschaft den Kopf zerbrochen hatte, unter eidlicher Bekräftigung eine bestimmte Ansicht über einen Gegenstand abgeben sollte, über den die gelehrtesten Doctoren des Jahrhunderts ganze Bibliotheken polemischer Werke geschrieben hatten, und ihn in einem Kerker verfaulen zu lassen, wenn er sich nicht entschließen konnte zu schwören: dies wäre gewiß der höchste Grad von Tyrannei gewesen. Die Klausel welche von den öffentlichen Beamten verlangte, den entthronten König abzuschwören, war nicht den nämlichen Einwendungen ausgesetzt. Doch auch gegen diese Klausel wurden einige gewichtige Argumente geltend gemacht. Wer, sagte man, einen rechtschaffenen Character und einen gesunden Verstand hat, ist durch den jetzigen Eid hinreichend gebunden. Indem ein solcher Mann dem Könige Wilhelm Treue und Gehorsam schwört, schwört er selbstverständlich König Jakob ab. Es mag allerdings unter den Dienern des Staats und selbst unter den Dienern der Kirche einige geben, die weder Ehrgefühl noch Religion haben und welche bereit sind, für Geld meineidig zu werden. Es mag Andere geben, welche die verderbliche Gewohnheit haben, die heiligsten Pflichten der Moral wegzuphilosophiren, und die der Ueberzeugung sind, daß sie ohne zu sündigen mit einem stillschweigenden Vorbehalt ein Versprechen geben können, das ohne solchen Vorbehalt sündhaft sein würde. Gegen diese beiden Klassen von Jakobiten gewährt der gegenwärtige Eid allerdings keine Sicherheit. Aber wird der neue Test, wird überhaupt irgend ein Test wirksamer sein? Wird Jemand, der kein Gewissen hat, oder Jemand, dessen Gewissen sich durch unmoralische Sophismen beschwichtigen läßt, Bedenken tragen, jedwede Phrase, die man ihm vorsagt, nachzusprechen? Der erstere wird die Heilige Schrift ohne jeden Gewissensscrupel küssen, und die Scrupel des Andren werden sehr leicht zu heben sein. Heute schwört er dem einen Könige mit einem stillschweigenden Vorbehalt Treue, morgen wird er dem andren Könige mit einem stillschweigenden Vorbehalt Treue schwören. Man hoffe nicht, daß der Scharfsinn der Gesetzgeber jemals einen Eid ersinnen wird, den der Scharfsinn der Casuisten nicht zu umgehen wüßte. Welchen Werth hat überhaupt irgend ein Eid in solchen Dingen? Unter den vielen Lehren, welche die Unruhen der vorigen Generation uns hinterlassen haben, ist keine einleuchtender als die, daß keine noch so genau bestimmte Wortformel, kein noch so feierlicher Schwur jemals eine Regierung vom Untergange gerettet hat noch jemals retten wird. Wurde nicht der Feierliche Bund und Covenant unter dem Hurrahgeschrei vieler Tausende, die ihn selbst unterschrieben, vom Henker verbrannt? Wie viele von den Staatsmännern und Kriegern, welche die Hauptrolle bei der Wiedereinsetzung Karl’s II. spielten, hatten ihn nicht zu wiederholten Malen abgeschworen? Ist es sogar nicht wohlbekannt, daß einige von diesen Männern prahlend versicherten, daß sie ihn nie hätten wiedereinsetzen können, wenn sie ihn nicht abgeschworen hätten?
Die Debatten waren heftig und der Ausgang schien kurze Zeit zweifelhaft, denn einige von den im Amte befindlichen Tories hatten keine Lust, ein Votum abzugeben, das ihnen als ein Zeichen von Lauheit in der Sache des Königs, dem sie dienten, ausgelegt werden konnte. Wilhelm erklärte jedoch, daß er nicht wünsche, seinen Unterthanen einen neuen Eid aufzudringen. Einige Worte aus seinem Munde entschieden den Ausgang des Kampfes. Die Bill wurde sechsunddreißig Stunden nachdem sie eingebracht worden, mit hundertzweiundneunzig gegen hundertfünfundsechzig Stimmen verworfen.[97]
Selbst nach dieser Niederlage kehrten die Whigs hartnäckig zum Angriffe zurück. Da sie in dem einen Hause geschlagen worden waren, erneuerten sie den Kampf in dem andren. Fünf Tage nach Verwerfung der Abschwörungsbill bei den Gemeinen, wurde eine andre, etwas mildere, aber immer noch sehr harte Abschwörungsbill auf den Tisch der Lords gelegt.[98] Der nunmehrige Vorschlag ging dahin, daß Niemand in einem der beiden Parlamentshäuser Sitz und Stimme haben noch ein bürgerliches, militärisches oder richterliches Amt bekleiden solle, der nicht die Erklärung abgebe, Wilhelm und Marien gegen Jakob und seine Anhänger beizustehen. Jeder männliche Bewohner des Königreichs, der das sechzehnte Lebensjahr erreicht hatte, sollte bis zu einem bestimmten Tage die nämliche Erklärung abgeben, that er es nicht, so sollte er doppelte Steuern bezahlen und des Wahlrechts verlustig gehen.
An dem zur zweiten Lesung festgesetzten Tage kam der König ins Haus der Peers. Er gab seine formelle Zustimmung zu mehreren Gesetzen, legte seinen Königsmantel ab, ließ sich auf einen für ihn bereit gestellten Sessel nieder und hörte der Debatte mit großer Aufmerksamkeit zu. Zum allgemeinen Erstaunen sprachen zwei Cavaliere, die sich durch ihren Eifer für die Revolution ausgezeichnet hatten, gegen den vorgeschlagenen Huldigungseid. Lord Wharton, ein Puritaner, der für das Lange Parlament gefochten, sagte mit ergötzlicher Naivität, er sei ein sehr alter Mann, habe viel unruhige Zeiten durchlebt, habe seiner Zeit eine große Menge Eide geleistet und fürchte sehr, daß er sie nicht alle gehalten habe. Er bat den Himmel, daß ihm dies nicht als Sünde angerechnet werden möchte, und erklärte, daß er sich nicht dazu verstehen könne, seiner eignen Seele wie den Seelen seiner Nächsten noch mehr Schlingen zu legen. Der Earl von Macclesfield, der Anführer der englischen Freiwilligen, welche Wilhelm von Helvoetluys nach Torbay begleitet hatten, erklärte, daß er sich ganz in dem nämlichen Falle befinde wie Lord Wharton. Marlborough unterstützte die Bill und sagte, er wundre sich, daß Macclesfield, der eine so hervorragende Rolle bei der Revolution gespielt habe, dagegen sei. Gereizt durch die Beschuldigung der Inconsequenz, erwiederte Macclesfield mit rücksichtsloser Heftigkeit: „Der edle Earl übertreibt die Bedeutsamkeit der Rolle, die ich bei der Befreiung unsres Vaterlandes gespielt habe. Ich war allerdings bereit und werde stets bereit sein, zur Vertheidigung der Gesetze und Freiheiten desselben mein Leben zu wagen. Aber es giebt Grenzen, über die ich, selbst um seiner Gesetze und Freiheiten willen, nie hinausgehen könnte. Ich lehnte mich nur gegen einen schlechten König auf: ich kenne Leute, die weit mehr thaten.” Obwohl Marlborough nicht leicht aus der Fassung zu bringen war, die Spitze dieses Sarkasmus mußte er nothwendig fühlen. Wilhelm sah ungehalten aus und die Stimmung des ganzen Hauses war verdüstert. Mit einundfunfzig gegen vierzig Stimmen wurde beschlossen, die Bill an den Ausschuß zu verweisen, und sie kam auch wirklich in den Ausschuß, allein es wurde kein Bericht darüber erstattet. Nach vielen harten Kämpfen zwischen den Whigs unter Leitung Shrewsbury’s und den Tories unter Leitung Caermarthen’s war sie so verstümmelt, daß wenig mehr als der Name von ihr übrig blieb und daß Die, welche sie eingebracht hatten, sie eines weiteren Streites nicht für werth hielten.[99]
Begnadigungsacte.
Die Niederlage der Whigs wurde durch eine Mittheilung von Seiten des Königs vervollständigt. Caermarthen erschien im Hause der Lords mit einem von Wilhelm unterzeichneten Pergament in der Hand. Es war eine Begnadigungsacte für politische Vergehen.
Eine vom Souverain ausgehende Begnadigungsacte und eine von den Ständen des Reichs ausgehende Indemnitätsacte unterscheiden sich in einigen wesentlichen Punkten von einander. Eine Indemnitätsacte geht durch alle Stadien, die andere Gesetze durchlaufen müssen und kann auf diesem Wege von beiden Häusern abgeändert werden. Eine Begnadigungsacte wird mit besonderer Ehrerbietung aufgenommen, wird nur einmal bei den Lords und einmal bei den Gemeinen gelesen und muß entweder ganz verworfen oder so wie sie ist angenommen werden.[100] Dem vorigen Parlamente hatte Wilhelm eine solche Acte nicht vorzulegen gewagt. In dem neuen Parlamente aber war er der Majorität gewiß und die Minorität gab keinen Grund zu Besorgnissen. Der Starrsinn, der zwei Sessionen hindurch den Fortschritt der Indemnitätsbill gehemmt hatte, war endlich durch Niederlagen und Demüthigungen gebrochen. Beide Häuser hörten die Lesung der Begnadigungsacte stehend und entblößten Hauptes an und genehmigten sie ohne eine einzige dissentirende Stimme.
Diese Einstimmigkeit würde nicht stattgefunden haben, wären nicht einige große Verbrecher von der Amnestie ausgeschlossen gewesen. Unter diesen standen in erster Reihe die noch lebenden Mitglieder des hohen Gerichtshofes, der Karl I. verurtheilt hatte. Ihnen reihten sich die beiden namenlosen Scharfrichter an, welche mit maskirten Gesichtern auf dem Schaffot vor dem Bankethause ihr Henkeramt verrichtet. Niemand wußte wer und welchen Standes sie waren. Vielleicht lebten sie schon längst nicht mehr. Dennoch hielt man es für nothwendig zu erklären, daß, wenn sie jetzt, nach einem Zeitraum von einundvierzig Jahren entdeckt würden, sie noch immer der Strafe für ihr großes Verbrechen unterliegen sollten. Vielleicht würde es kaum nöthig gewesen sein, diese Männer zu erwähnen, wären nicht durch das kürzliche Erscheinen Ludlow’s in England die Animositäten der vorhergehenden Generation wieder angefacht worden. Außerdem wurden etwa dreißig von den Werkzeugen der Tyrannei Jakob’s dem Gesetz überlassen. Mit diesen wenigen Ausnahmen wurden alle bis zu dem Tage, an welchem der Acte die königliche Namensunterschrift beigefügt worden, mit dem Mangel der Vergessenheit bedeckt.[101] Selbst diejenigen Verbrecher, welche mit Namen ausgenommen waren, hatten wenig zu fürchten. Viele von ihnen lebten im Auslande, und die in England befindlichen waren überzeugt, daß man sie nicht behelligen würde, wenn sie sich keines neuen Vergehens schuldig machten.
Die Begnadigungsacte verdankte die Nation Wilhelm allein und sie ist einer seiner reinsten und edelsten Ruhmestitel. Vom Beginn der bürgerlichen Unruhen des 17. Jahrhunderts bis zur Revolution war auf jeden von der einen oder der andren Partei gewonnenen Sieg eine blutige Proscription gefolgt. Als die Rundköpfe über die Cavaliere siegten, als die Cavaliere über die Rundköpfe siegten, als die Fabel von der papistischen Verschwörung den Whigs das Uebergewicht gab, als die Entdeckung des Ryehousecomplots das Uebergewicht den Tories zurückgab, war Blut, wieder Blut und immer wieder Blut geflossen. Jeder große Ausbruch und jeder große Umschwung des Volksgeistes war von strengen Maßregeln begleitet gewesen, denen die herrschende Partei seiner Zeit lauten Beifall zollte, welche aber die Geschichte und die Nachwelt bei ruhiger Betrachtung gemißbilligt haben. Kein einsichtsvoller und humaner Mann, welcher politischen Meinung er auch huldigen mag, spricht jetzt ohne Tadel von dem Tode Laud’s oder Vane’s, Stafford’s oder Russell’s. Von den wechselseitigen Schlächtereien ist die letzte und schlimmste die, welche untrennbar mit den Namen Jakob und Jeffreys verbunden ist. Sie würde aber sicherlich nicht die letzte, und vielleicht auch nicht die schlimmste gewesen sein, hätte Wilhelm nicht soviel Tugend und Festigkeit besessen, dem Drängen seiner eifrigsten Anhänger entschieden zu widerstehen. Diese Männer wollten für Alles was sie während sieben unheilvoller Jahre erduldet hatten, furchtbare Wiedervergeltung üben. Das Schaffot Sidney’s, der Galgen Cornish’s, der Scheiterhaufen, auf welchem Elisabeth Gaunt in den Flammen umgekommen war, weil sie einen Flüchtling beherbergt, die Portale der Kirchen von Somersetshire, über denen die Köpfe und Gliedmaßen ermordeter Landleute ausgesteckt waren, die Kielräume der Jamaikaschiffe, aus denen jeden Tag der Leichnam eines vor Durst und verdorbener Luft umgekommenen Gefangenen den Haifischen vorgeworfen worden war: dies Alles war bei der Partei, welche der Revolution auf einige Zeit die Herrschaft im Staate verschafft hatte, noch in frischem Andenken. Einige Oberhäupter dieser Partei hatten ihr Leben durch hohe Lösegelder erkauft; Andere hatten lange in Newgate geschmachtet; noch Andere hatten Winter auf Winter in den Mansarden von Amsterdam gedarbt und gefroren. Es war ganz natürlich, daß sie zur Zeit ihrer Macht und ihres Glücks einen Theil der ertragenen Leiden ihren Feinden zurückzugeben wünschten. Ein ganzes Jahr lang verfolgten sie ihren Racheplan. Es gelang ihnen, eine Indemnitätsbill nach der andren zu Schanden zu machen, und nichts stand zwischen ihnen und ihren Opfern als Wilhelm’s unerschütterlicher Entschluß, daß der Ruhm der großen Befreiung, die er bewerkstelligt, nicht durch Grausamkeiten befleckt werde. Seine Milde war eine nur ihm eigene. Es war nicht die Milde eines damit Prahlenden, oder eines Sentimentalen, oder eines Sanftmüthigen. Sie war kalt, schroff, unbeugsam. Sie brachte keine schönen theatralischen Effecte hervor, sie zog ihm heftige Schmähungen von Seiten Derjenigen zu, deren böswillige Leidenschaften er nicht befriedigen wollte, und trug ihm keinen Dank von Seiten Derer ein, die ihm Vermögen, Freiheit und Leben verdankten. Während die heftigen Whigs über seine Nachsicht spöttelten, machten ihm die Agenten der gestürzten Regierung, sobald sie ihre Stellungen gesichert sahen, anstatt ihre Verpflichtungen gegen ihn anzuerkennen, in beleidigender Sprache Vorwürfe wegen der Milde, die er auf sie ausgedehnt hatte. Seine Begnadigungsacte, sagten sie, habe seine Erklärung vollständig widerlegt. Könne man wohl glauben, daß er, wenn an den Beschuldigungen, die er gegen die vorige Regierung erhoben, etwas Wahres sei, den Schuldigen Straflosigkeit gewährt haben würde? Er selbst gestehe jetzt mit seiner eigenhändigen Unterschrift ein, daß die Geschichten, durch welche er und seine Freunde die Nation getäuscht und die königliche Familie vertrieben hätten, bloße Verleumdungen seien, die er zur Erreichung seines Zweckes ersonnen. Jetzt, nachdem dieser Zweck erreicht sei, würden die Beschuldigungen, durch die er den Volksgeist bis zum Wahnsinn erhitzt habe, kalt zurückgenommen.[102] Doch er ließ sich durch nichts von dem Allen irre machen. Er hatte wohl gethan. Er hatte seine Popularität bei Leuten, die seine wärmsten Verehrer gewesen waren, aufs Spiel gesetzt, um Leuten, die seinen Namen nie anders als mit einer Verwünschung nannten, Ruhe und Sicherheit zu verschaffen, und hatte Denen, die er beschützt, keine geringere Wohlthat erwiesen als Denen, die er um ihre Rache gebracht. Die eine Partei hatte er vor einer Proscription, die andre vor einer Reaction bewahrt, die eine solche Proscription unvermeidlich erzeugt haben würde. Schlimm genug für sein Volk, wenn es seine Politik nicht gebührend würdigte. Er hatte seine Pflicht gegen dasselbe erfüllt, und er scheute weder Tadel, noch verlangte er Dank.