Am 20. Mai wurde die Begnadigungsacte angenommen. Der König kündigte hierauf den beiden Häusern an, daß er seine Reise nach Irland nicht länger aufschieben könne, daß er daher beschlossen habe, sie zu prorogiren, und daß, wenn nicht ein unerwartetes Ereigniß ihm ihren Rath und Beistand nöthig machte, er sie bis zum nächsten Winter nicht von ihren Wohnsitzen zurückrufen würde. „Dann,” sagte er, „hoffe ich, so Gott will, auf ein glückliches Wiedersehen.”
Das Parlament hatte eine Acte erlassen, welche bestimmte daß, sobald er England verließe, Marie berechtigt sein sollte, die Regierung des Königreichs in seinem und ihrem Namen zu verwalten. Nichtsdestoweniger aber sollte er während seiner Abwesenheit seine ganze Autorität behalten. Es wurden gegen diese Anordnung einige Einwendungen erhoben. In diesem Falle, sagte man, gebe es also zwei oberste Gewalten im Staate; ein öffentlicher Beamter könne vom König und der Königin einander direct widerstreitende Befehle erhalten und nicht wissen, welchen er nachkommen solle. Der Einwurf war ohne allen Zweifel theoretisch wohl begründet; allein es bestand ein so vollkommenes Vertrauen und eine so innige Zuneigung zwischen dem königlichen Paare, daß ein praktischer Nachtheil nicht zu befürchten war.[103]
Rüstungen für den ersten Krieg.
In Bezug auf Irland waren die Aussichten Wilhelm’s jetzt viel erfreulicher, als sie es einige Monate früher gewesen. Die Thätigkeit, mit der er die Rüstungen für den nächsten Feldzug persönlich betrieben, hatte Außerordentliches bewirkt. Die Nerven der Regierung waren neu gestählt, in jedem Zweige der Militärverwaltung war der Einfluß eines energischen Geistes zu erkennen. Reiche Vorräthe von Lebensmitteln, Bekleidungsstücken und Arzeneien von ganz andrer Qualität als die, welche Shales geliefert hatte, wurden über den St. Georgskanal geschickt. Tausend Bagagewagen waren mit großer Eil angefertigt oder herbeigeschafft worden, und einige Wochen lang war die Straße zwischen London und Chester mit denselben bedeckt. Massen von Rekruten wurden abgesandt, um die Lücken auszufüllen, welche Krankheit in die englischen Reihen geschlagen hatte; frische Regimenter aus Schottland, Cheshire, Lancashire und Cumberland wurden in der Bai von Belfast ausgeschifft, und die Uniformen und Waffen der Neuankommenden verriethen deutlich den mächtigen Einfluß des Auges des Gebieters. Zugleich mit den britischen Bataillonen trafen auch mehrere kühne Schaaren deutscher und skandinavischer Söldlinge ein, und so belief sich vor Ende Mai die in Ulster versammelte englische Streitmacht auf dreißigtausend kampffähige Männer. Eine weitere kleine Anzahl Truppen und eine ungeheuere Masse von Kriegsvorräthen befanden sich an Bord einer Flotte, welche in der Mündung des Dee lag und bereit war die Anker zu lichten, sobald der König sich eingeschifft haben würde.[104]
Jakob’s Verwaltung in Dublin.
Jakob hätte die Zeit, während seine Truppen in ihren Winterquartieren lagen, eben so gut anwenden sollen. Strenge Disciplin und regelmäßige Waffenübungen hätten die athletischen und begeisterten Landleute, die unter seinem Banner versammelt waren, in gute Soldaten verwandeln können. Aber man ließ die Gelegenheit unbenutzt vorübergehen. Der Hof von Dublin beschäftigte sich während dieser Zeit der Unthätigkeit mit Spiel und Wein, mit Liebesbriefen und Herausforderungen. Die Hauptstadt gewährte zwar keinen sehr glänzenden Anblick, denn die Gesammtzahl der Equipagen, welche daselbst aufgebracht werden konnten, die des Königs und der französischen Gesandtschaft mit eingerechnet, betrug keine vierzig.[105] Aber trotz des geringen Glanzes herrschte doch große Ausschweifung. Ernste Katholiken schüttelten die Köpfe und sagten, das Schloß sehe nicht aus wie der Palast eines Königs, der sich rühme der Vorkämpfer einer Kirche zu sein.[106] Die militärische Verwaltung war noch eben so traurig bestellt als je. Die Cavallerie wurde zwar durch die Bemühungen einiger tapferer Offiziere auf einer hohen Stufe der Tüchtigkeit erhalten; aber ein Infanterieregiment unterschied sich durch nichts als den Namen von einer starken Bande Rapparees. Ja, eine Bande Rapparees belästigte sogar die friedlichen Bürger weniger und fügte dem Feinde mehr Schaden zu als ein Regiment Infanterie. Avaux schilderte in einer Denkschrift, die er Jakob überreichte, mit nachdrücklichen Worten die Mißbräuche, welche das irische Fußvolk zu einem Fluche und zu einer Schmach für Irland machten. Ganze Compagnien, sagt der Gesandte, verlassen auf dem Marsche ihre Fahnen und machen Abstecher nach Rechts und Links, um zu plündern und zu verwüsten; der Soldat sorgt nicht für Instandhaltung seiner Waffen, der Offizier kümmert sich nie darum, ob die Waffen in gutem Stande sind und die Folge davon ist, daß jeder dritte Mann sein Gewehr verloren hat und jeder andre dritte Mann ein Gewehr besitzt, das nicht losgeht. Avaux beschwor den König, das Maraudiren zu verbieten, anzubefehlen, daß die Truppen regelmäßig exercirt würden und jeden Offizier zu bestrafen, der es duldete, daß seine Leute ihre Waffen und Monturen vernachlässigten. Wenn dies geschehe, dürfe Se. Majestät hoffen, zum bevorstehenden Frühjahr eine Armee zu commandiren, mit der der Feind sich gar nicht werde messen können. Der Rath war ganz gut, Jakob aber so weit entfernt, denselben anzunehmen, daß er ihn kaum geduldig anhören wollte. Noch ehe ihm acht Zeilen vorgelesen waren, gerieth er in Zorn und beschuldigte den Gesandten der Uebertreibung. „Diese Schrift, Sire, ist nicht für die Oeffentlichkeit geschrieben,” sagte Avaux, „sondern nur zur Aufklärung Eurer Majestät, und in einer Schrift, welche den Zweck hat, Eure Majestät aufzuklären, sind Schmeichelei und Beschönigung nicht angewandt. Doch ich will nicht darauf bestehen, etwas vorzulesen, was Ihnen so unangenehm ist.” — „Lesen Sie weiter,” versetzte Jakob ärgerlich, „ich will das Ganze hören.” Er wurde nach und nach ruhiger, nahm die Denkschrift an sich, und versprach einige der darin enthaltenen Winke zu benutzen. Aber sein Versprechen war bald wieder vergessen.[107]
Seine Finanzverwaltung war das genaue Ebenbild seiner Militärverwaltung. Seine einzige fiskalische Hülfsquelle war directe oder indirecte Beraubung. Jeder Protestant, der in irgend einem Theile der drei südlichen Provinzen Irland’s zurückgeblieben war, wurde direct beraubt durch den einfachen und kurzen Prozeß, daß man ihm sein Geld aus dem Kasten, seinen Wein aus dem Keller, sein Brennmaterial vom Hofe und seine Kleider aus der Garderobe nahm. Indirect wurde er durch eine neue Verausgabung von Münzen beraubt, welche kleiner und geringhaltiger waren als irgend welche die bisher das Bildniß und die Legende Jakob’s getragen hatten. Selbst das Kupfergeld begann in Dublin selten zu werden, und man sah sich genöthigt, Ludwig um Unterstützung anzugehen, der seinem Verbündeten großmüthig eine alte geborstene Kanone schenkte, um Kronen und Schillinge daraus prägen zu lassen.[108]
Ein Hülfscorps von Frankreich nach Irland gesandt.
Doch der französische König hatte beschlossen, einen Succurs ganz andrer Art hinüberzuschicken. Er erbot sich vier irische Regimenter in seinen Dienst zu nehmen und durch die beste damals in der Welt bekannte Disciplin ausbilden zu lassen. Sie sollten von Macarthy commandirt werden, der bei Newton Butler schwer verwundet und gefangen genommen worden war. Er war von seinen Wunden genesen und hatte durch Wortbruch seine Freiheit wieder erlangt. Diesen schimpflichen Wortbruch hatte er durch erbärmliche Winkelzüge und sophistische Entschuldigungen, die einem Jesuiten besser angestanden haben würden als einem Edelmann und Soldaten, noch schimpflicher gemacht. Ludwig wollte es sich gefallen lassen, daß ihm die Leute in Lumpen gehüllt und unbewaffnet zugeschickt würden, nur bestand er darauf, daß die Gemeinen kräftige Burschen und die Offiziere keine bankerottirten Kaufleute und fortgejagte Lakaien, sondern womöglich Leute von guter Familie wären, die Pulver gerochen hätten. Für diese Truppen, deren Zahl sich auf nicht ganz viertausend Mann belief, verpflichtete er sich, zwischen sieben- und achttausend vortreffliche französische Infanteristen nach Irland zu schicken, welche in einer Schlacht voraussichtlich von größerem Nutzen sein würden, als sämmtliche Kernes von Leinster, Munster und Connaught zusammengenommen.[109]
Einen großen Fehler beging er dabei. Die Armee, die er Jakob zur Unterstützung sandte, war zwar klein im Vergleich zu der Armee in Flandern oder zu der Rheinarmee, aber sie war zu einem Dienste bestimmt, von welchem das Schicksal Europa’s abhängen konnte, und hätte daher von einem ausgezeichneten General befehligt werden sollen. Es fehlte in Frankreich nicht an solchen Generälen; aber Jakob und seine Königin baten dringend um Lauzun, und sie setzten seine Ernennung durch, trotz Avaux’ energischer Gegenvorstellungen, trotz Louvois’ Rath und trotz Ludwig’s gegentheiliger Meinung.