Er wurde bald benachrichtigt, daß sein Schicksal in seiner Hand liege. Die Regierung war geneigt, ihn zu begnadigen, wenn er sich dessen durch ein unumwundenes Geständniß würdig machen wollte. Der Kampf in seinem Innern war furchtbar und zweifelhaft. Einmal berichtete Mrs. Clifford, welche Zutritt in seine Zelle hatte, den jakobitischen Oberhäuptern, daß er in großer Seelenangst sei. Er könne nicht sterben, sollte er gesagt haben, er sei zu jung, um ein Märtyrer zu werden.[144] Am nächsten Morgen fand sie ihn heiter und entschlossen.[145] Er hielt sich bis zum Vorabende des zu seiner Hinrichtung festgesetzten Tages; da ließ er endlich um eine Unterredung mit dem Staatssekretär bitten. Nottingham begab sich nach Newgate; aber noch ehe er daselbst ankam, war Crone schon wieder andren Sinnes geworden und entschlossen nichts zu sagen. „Dann,” sagte Nottingham, „sehe ich Sie nicht wieder; denn der morgende Tag ist ganz bestimmt Ihr letzter.” Nachdem jedoch Nottingham sich entfernt hatte, kam Monmouth in’s Gefängniß, und er schmeichelte sich, den Entschluß des Gefangenen erschüttert zu haben. Spät in dieser Nacht kam der Befehl, die Execution um acht Tage zu verschieben.[146] Die Woche verging jedoch, ohne daß der Gefangene Enthüllungen machte; der Galgen und der Block zum Viertheilen waren in Tyburn bereit, Strang und Beil harrten am Thore von Newgate, ganz Holborn Hill und die Straße nach Oxford waren mit Schaulustigen bedeckt: da brachte ein Bote einen neuen Aufschub, und Crone wurde, anstatt nach dem Richtplatze geschleift zu werden, in das Berathungszimmer nach Whitehall gebracht. Seine Standhaftigkeit war endlich durch die nahe Aussicht auf den Tod besiegt worden, und er gab bei dieser Gelegenheit wichtige Aufschlüsse.[147]

Gefahr einer Invasion und Insurrection. Tourville’s Flotte im Kanal.

Solcher Enthüllungen wie er sie zu geben vermochte, bedurfte man allerdings in diesem Augenblicke sehr dringend, denn man erwartete stündlich eine Invasion und einen Aufstand.[148] Wilhelm war kaum von London abgereist, als eine große französische Flotte unter den Befehlen des Grafen von Tourville den Hafen von Brest verließ und in den britischen Kanal einlief. Tourville war der beste Marinecommandeur, den sein Vaterland damals besaß. Er hatte alle Zweige seines Berufs studirt. Man sagte von ihm, daß er befähigt sei, jeden Posten an Bord auszufüllen, vom Schiffszimmermann bis hinauf zum Admiral, sowie auch daß er mit dem unerschrockenen Muthe eines Seemannes die Liebenswürdigkeit und Artigkeit eines vollendeten Cavaliers verbinde.[149] Er segelte jetzt nach der englischen Küste und kam derselben so nahe, daß seine Schiffe auf den Wällen von Plymouth deutlich gesehen werden konnten. Von Plymouth steuerte er langsam die Küste von Devonshire und Dorsetshire entlang, und man hatte starken Grund zu der Befürchtung, daß seine Bewegungen mit den englischen Mißvergnügten verabredet waren.[150]

Die Königin und ihr Cabinetsrath beeilten sich Maßregeln zur Vertheidigung des Landes gegen fremde wie einheimische Feinde zu treffen. Torrington übernahm das Kommando der in den Dünen liegenden Flotte und segelte nach St. Helen, wo er sich mit einem holländischen Geschwader unter Evertsen’s Commando vereinigte. Es hatte den Anschein als würden die Klippen der Insel Wight Zeugen eines der größten Seetreffen werden, von denen uns die Geschichte erzählt. Hundertfunfzig Linienschiffe konnten auf dem Wachtthurme von St. Catharine gezählt werden. Oestlich von der westlichen Küstenwand von Black Gang Chine und im Angesicht der reich bewaldeten Felsen von St. Lawrence und Ventnor war die vereinigte Seemacht England’s und Holland’s aufgestellt. Westlich bis zu dem weißen Vorgebirge, wo die Wogen zwischen den Nadeln brausen, lag die französische Flotte.

Verhaftung verdächtiger Personen.

Es war am 26. Juni, noch nicht vierzehn Tage nachdem Wilhelm nach Irland abgesegelt war, als die feindlichen Flotten diese Stellungen einnahmen. Wenige Stunden vorher war in Whitehall eine wichtige und angstvolle Sitzung des Geheimen Raths gehalten worden. Die mit Frankreich verbündeten Mißvergnügten waren wachsam und voll der besten Hoffnung. Marie hatte auf ihrer Spazierfahrt bemerkt, daß es in Hydepark von ihnen wimmelte. Der ganze Staatsrath war der Meinung, daß es nothwendig sei, einige Personen, von deren Schuld die Regierung Beweise habe, zu verhaften. Als Clarendon genannt wurde, sprach sein Freund und Verwandter, Sir Heinrich Capel, einige Worte zu seinen Gunsten. Die anderen Räthe stutzten, blieben aber still, denn es war keine angenehme Aufgabe, einen Verwandten der Königin in ihrer Anwesenheit anzuklagen. Marie hatte bisher in den Sitzungen des Geheimen Raths kaum ein Mal den Mund geöffnet; jetzt aber, wo sie klare Beweise von der Verrätherei ihres Oheims von seiner eignen Hand besaß und wußte, daß nur die Achtung vor ihrer Person ihre Rathgeber abhielt, etwas zu beantragen, was das öffentliche Wohl erheischte, brach sie ihr Stillschweigen. „Sir Henry,” sagte sie, „ich weiß, und jeder der hier anwesenden weiß so gut wie ich, daß zuviel gegen Mylord Clarendon vorliegt, als daß man ihn frei ausgehen lassen könnte.” Der Verhaftsbefehl wurde aufgesetzt und Capel unterzeichnete ihn wie alle Uebrigen. „Ich bin besorgter um Lord Clarendon,” schrieb Marie an ihren Gemahl, „als man vielleicht glaubt.” Noch denselben Abend wurden Clarendon und mehrere andere angesehene Jakobiten im Tower einquartiert.[151]

Torrington erhält Befehl, Tourville eine Schlacht zu liefern.

Als der Geheimerath seine Sitzung aufgehoben, hatte die Königin mit dem Neunerrath eine Frage von größter Wichtigkeit zu erwägen. Welche Befehle sollten Torrington übersandt werden? Das Wohl des Staats konnte von seinem Urtheil und von seiner Geistesgegenwart abhängen, und einige von Mariens Rathgebern fürchteten, daß er der Situation nicht gewachsen sei. Ihre Besorgniß nahm zu, als die Nachricht kam, daß er die Küste der Insel Wight den Franzosen preisgegeben habe und sich vor ihnen in der Richtung der Meerenge von Dover zurückziehe. Der scharfsichtige Caermarthen und der unternehmende Monmouth tadelten übereinstimmend diese Vorsichtstaktik. Torrington hatte zwar nicht so viele Schiffe als Tourville, aber Caermarthen war der Ansicht, daß es in einem solchen Augenblicke rathsam sei selbst gegen eine Uebermacht zu kämpfen, und Monmouth war während seines ganzen Lebens dafür, zu jeder Zeit und gegen jede Uebermacht zu kämpfen. Russell, der unbestreitbar einer der besten Seeleute seines Jahrhunderts war, meinte, die Ungleichheit der Zahlen sei nicht so groß, um einem Offizier, der englische und holländische Marinesoldaten befehligte, Besorgniß einzuflößen. Er schlug deshalb vor, dem Admiral einen Verweis zukommen zu lassen, der in so nachdrücklichen Worten abgefaßt war, daß die Königin sich nicht entschließen konnte, ihn zu unterschreiben. Die Ausdrücke wurden zwar bedeutend gemildert, in der Hauptsache aber wurde Russell’s Rath befolgt. Torrington erhielt bestimmten Befehl, sich nicht weiter zurückzuziehen und unverweilt eine Schlacht zu liefern. Devonshire war damit noch nicht zufriedengestellt. „Es ist meine Pflicht, Madame,” sagte er, „Ihrer Majestät unverhohlen zu sagen, wie ich über eine Angelegenheit von solcher Wichtigkeit denke, und ich denke, daß Mylord Torrington nicht der Mann ist, in dessen Hände man das Geschick dreier Königreiche legen kann.” Devonshire hatte Recht; aber seine Collegen waren einstimmig der Meinung, daß es sehr gefährlich sein würde, einen Befehlshaber Angesichts des Feindes und am Vorabend einer allgemeinen Schlacht abzusetzen, und man kann schwerlich sagen, daß sie Unrecht hatten. „Sie müssen ihn entweder lassen wo er ist,” sagte Russell, „oder ihn als Gefangenen zurückholen lassen.” Es wurden mehrere Auswege angedeutet. Caermarthen schlug vor, Russell zur Unterstützung Torrington’s abzusenden. Monmouth bat dringend um die Erlaubniß, zur Flotte abgehen zu dürfen, gleichviel in welcher Eigenschaft, als Kapitain oder als Freiwilliger. „Lassen Sie mich nur erst an Bord sein,” sagte er, „und ich setze meinen Kopf zum Pfande, daß es zur Schlacht kommt.” Nach langem Hin- und Herreden und Zaudern wurde beschlossen, daß Russell und Monmouth nach der Küste abgehen sollten.[152] Sie reisten ab, aber es war zu spät. Die Depesche welche Torrington befahl zu kämpfen, war ihnen vorausgeeilt. Er erhielt dieselbe, als er sich auf der Höhe von Beachy Head befand. Nachdem er sie gelesen, war er in großer Verlegenheit. Lieferte er keine Schlacht, so machte er sich eines directen Ungehorsams schuldig. Lieferte er eine Schlacht, so lief er seiner Ansicht nach große Gefahr, geschlagen zu werden. Er vermuthete wahrscheinlich, — denn er war argwöhnischen und neidischen Characters, — daß die Instructionen, die ihn in ein so peinliches Dilemma brachten, von Feinden und Nebenbuhlern in der Absicht entworfen waren, seinem Glücke und seinem Rufe zu schaden. Besonders erbitterte ihn der Gedanke, daß er sich von Russell hofmeistern lassen sollte, der ihm im Range nachstand, gleichwohl aber als Mitglied des Neunerraths eine Oberaufsicht über alle Zweige des öffentlichen Dienstes ausübte. Es scheint kein Grund vorhanden, Torrington des Mangels an gutem Willen zu beschuldigen, und noch weniger kann man annehmen, daß es einem Offizier, der sein ganzes Leben unter Gefahren hingebracht und der sich stets tapfer benommen, an dem persönlichen Muthe gefehlt haben sollte, den Hunderte von Matrosen auf jedem von ihm befehligten Schiffe besaßen. Aber es giebt einen höheren Muth, der Torrington gänzlich abging. Er scheute jede Verantwortlichkeit, die Verantwortlichkeit des Kämpfens wie die Verantwortlichkeit des Nichtkämpfens, und es gelang ihm, einen Mittelweg zu finden, der alle Nachtheile, denen er ausweichen wollte, in sich vereinigte. Er wollte dem Buchstaben seiner Instructionen nachkommen, wollte aber nicht Alles aufs Spiel setzen. Einige von seinen Schiffen sollten mit dem Feinde scharmützeln, die Hauptmacht seiner Flotte aber sollte nicht gefährdet werden. Es lag auf der Hand, daß die Schiffe, welche mit den Franzosen anbanden, in eine höchst gefährliche Situation kommen mußten und große Verluste zu erwarten hatten, und man hat nur zu guten Grund zu glauben, daß Torrington schändlich genug war, seine Anordnungen so zu treffen, daß Gefahr und Verlust fast ausschließlich auf die Holländer fielen. Er konnte sie nicht leiden und sie waren in England so unpopulär, daß die Vernichtung ihres ganzen Geschwaders sehr wahrscheinlich geringeres Murren erregt haben würde als die Wegnahme einer von unseren eigenen Fregatten.

Schlacht bei Beachy Head.

Es war am 29. Juni, als der Admiral den Befehl zum Losschlagen erhielt. Am folgenden Tage, um vier Uhr Morgens rückte er gegen die französische Flotte vor und formirte seine Schiffe in Schlachtordnung. Er hatte keine sechzig Linienschiffe, während die Franzosen deren mindestens achtzig hatten, aber seine Schiffe waren stärker bemannt als die des Feindes. Er placirte die Holländer ins Vordertreffen und gab ihnen das Zeichen zur Eröffnung des Feuers. Diesem Befehl wurde prompt Folge geleistet und Evertsen und seine Landsleute kämpften mit einem Muthe, dem sowohl ihre englischen Verbündeten wie ihre französischen Feinde trotz nationaler Vorurtheile volle Gerechtigkeit widerfahren ließen. In keiner der Schlachten Van Tromp’s oder De Ruyter’s war die Ehre der batavischen Flagge glänzender behauptet worden. Mehrere Stunden lang hielt das Vordertreffen den ungleichen Kampf mit sehr geringer Unterstützung von Seiten irgend eines andren Theiles der Flotte aus, bis endlich der holländische Admiral sich zurück zog, dem Feinde einen zerschossenen und entmasteten Rumpf überlassend. Sein Nächster im Commando und mehrere hohe Offiziere waren gefallen. Nach diesem unglücklichen und schimpflichen Gefecht war es unmöglich, die See gegen die Franzosen zu behaupten. Die holländischen Schiffe, welche aus dem Treffen zurückkehrten, waren in einem kläglichen Zustande. Torrington ließ einige derselben zerstören, nahm die übrigen ins Schlepptau und floh dann die Küste von Kent entlang, um in der Themse eine Zuflucht zu suchen. Sobald er im Flusse war, ließ er alle Bojen entfernen und machte dadurch die Schifffahrt so gefährlich, daß die Verfolger es nicht wagen durften ihm nachzukommen.[153]