Schomberg gab die Parole und Solms’ Blaue setzten sich zuerst in Bewegung. Unter Trommelwirbel rückten sie muthig bis an den Rand des Flusses vor. Dann schwiegen die Trommeln und die Leute gingen zehn Mann hoch ins Wasser. Nach ihnen stiegen die Regimenter Londonderry und Enniskillen ins Wasser. Ein wenig links von diesen beiden Regimentern durchwatete Caillemot an der Spitze einer langen Colonne französischer Refugiés den Strom. Zur Linken Caillemot’s und seiner Refugiés arbeitete sich das Gros der englischen Infanterie, bis unter die Arme im Wasser, durch den Fluß. Noch weiter stromabwärts fanden die Dänen noch eine Furth. Binnen wenigen Minuten war der Boyne eine Viertelmeile weit mit Gewehren und grünen Zweigen bedeckt.
Erst als die Angreifenden die Mitte des Flusses erreicht hatten, erkannten sie die ganze Schwierigkeit und Gefahr des begonnenen Unternehmens. Sie hatten bisher noch wenig mehr als die Hälfte der feindlichen Armee gesehen; jetzt schienen ganze Infanterie- und Cavallerieregimenter aus der Erde zu wachsen. Ein wildes herausforderndes Geschrei ertönte das ganze Ufer entlang und einen Augenblick schien der Ausgang zweifelhaft; aber die Protestanten drangen entschlossen vorwärts und im nächsten Augenblicke wich die ganze irische Schlachtlinie zurück Tyrconnel sah in rathloser Verzweiflung zu. Es fehlte ihm nicht an persönlicher Tapferkeit, aber seine militärischen Kenntnisse waren so gering, daß er kaum einmal sein Regiment im Phönixpark die Revue passiren ließ, ohne einen Fehler zu machen, und die rings umher sich öffnenden Reihen wieder zu sammeln, war keine Aufgabe für einen General, der die Energie seines Körpers und seines Geistes überlebt und doch noch die Anfangsgründe seiner Berufswissenschaft zu lernen hatte. Mehrere von seinen besten Offizieren fielen, während sie umsonst ihre Soldaten dahin zu bringen versuchten, den holländischen Blauen ins Angesicht zu blicken. Richard Hamilton beorderte eine Abtheilung Fußvolk, über die französischen Refugiés herzufallen, welche noch tief im Wasser standen. Er trat selbst an ihre Spitze und ging, begleitet von mehreren tapferen Offizieren mit gezogenem Degen ins Wasser. Aber weder seine Befehle, noch sein Beispiel konnten diesem Haufen von Viehdieben Muth einhauchen. Er wurde fast allein gelassen und zog sich in Verzweiflung vom Ufer zurück. Weiter stromabwärts lief Antrims’ Division gleich einer Heerde Schaafe beim Anrücken der englischen Colonne davon. Ganze Regimenter warfen Waffen, Fahnen und Monturstücke fort und flohen ins Gebirge, ohne einen Schlag gethan oder einen Schuß abgefeuert zu haben.[20]
Es bedurfte vieler Jahre und vieler Heldenthaten, um den Vorwurf zu verwischen, den diese schimpfliche Flucht an dem irischen Namen zurückließ. Und doch wurde es noch vor dem Ende des Tages glänzend bewiesen, daß der Vorwurf ungerecht war. Richard Hamilton stellte sich an die Spitze der Cavallerie und sie machte unter seinem Commando einen tapferen, wenn auch fruchtlosen Versuch, die Ehre des Tags zu retten. Sie bestand einen verzweifelten Kampf im Flusse mit Solms’ Blauen, trieb die dänische Brigade ins Wasser zurück und fiel ungestüm über die hugenottischen Regimenter her, welche zu weichen begannen, da sie nicht mit Piken versehen waren, deren sich die Infanterie damals gewöhnlich bediente, um einen Reiterangriff zurückzuschlagen. Caillemot erhielt, während er seine Mitverbannten anfeuerte, eine tödtliche Wunde in den Schenkel. Vier von seinen Leuten trugen ihn durch die Furth zurück in sein Zelt. Auf diesem traurigen Wege trieb er die letzten Reihen, welche noch bis in die Brust im Wasser standen, noch immer zum Vorrücken an. „Weiter, weiter, meine Burschen! zum Ruhm, zum Ruhm!” Schomberg, der am nördlichen Ufer geblieben war und von hier aus das Vorrücken seiner Truppen mit dem Auge eines Generals überwacht hatte, meinte jetzt, daß die Lage der Dinge die persönliche Anstrengung des Soldaten von ihm verlange. Seine Umgebung drang vergebens in ihn, daß er den Küraß anlegen möchte. Ohne die schützende Rüstung ritt er durch den Fluß und sammelte die Refugiés wieder, welche Caillemot’s Fall in Verwirrung gebracht hatte. „Vorwärts, meine Herren, vorwärts!” rief er, auf die papistischen Schwadronen zeigend, in französischer Sprache, „dort sind Ihre Verfolger!” dies waren seine letzten Worte. Während er sprach, drang ein Trupp irischer Reiter auf ihn ein und umringte ihn auf einen Augenblick. Als sie sich wieder entfernten, lag er am Boden. Seine Freunde hoben ihn auf, aber er war schon eine Leiche. Er hatte zwei Säbelhiebe am Kopfe und eine Carabinerkugel im Halse. Fast in dem nämlichen Augenblicke wurde Walker, als er eben die Colonisten von Ulster ermahnte, sich als Männer zu zeigen, todtgeschossen. Ziemlich eine halbe Stunde lang wüthete der Kampf am südlichen Flußufer fort. Rauch, Staub und Getöse erfüllten die Luft. Alte Soldaten hörte man sagen, daß sie selten in den Niederlanden heißere Arbeit gesehen hätten. Gerade in diesem Augenblicke kam Wilhelm mit dem linken Flügel an. Die Passage durch den Fluß hatte ihn wegen der starken Strömung viel Mühe gekostet. Sein Pferd hatte schwimmen müssen und war fast im Schlamme stecken geblieben. Sobald der König wieder auf festem Boden stand, nahm er sein Schwert in die linke Hand, — denn den rechten Arm konnte er wegen seiner Wunde und wegen des Verbandes nicht gebrauchen, — und führte seine Leute dahin wo das Gefecht am hitzigsten war. Seine Ankunft entschied den Ausgang der Schlacht. Die irischen Reiter zogen sich jedoch nur hartnäckig fechtend zurück. Man erinnerte sich noch lange unter den Protestanten von Ulster, daß Wilhelm inmitten des Getümmels an die Spitze der Enniskillener ritt. „Was wollt Ihr für mich thun?” rief er aus. Er wurde nicht gleich erkannt und ein Reiter, der ihn für einen Feind hielt, wollte schon auf ihn feuern. Wilhelm schob den Carabiner sanft zur Seite und sagte: „Wie? kennt Ihr Eure Freunde nicht?” — „Es ist Seine Majestät!” rief der Oberst. Ein freudiges Hurrah erscholl in den Reihen der standhaften Protestanten. „Gentlemen,” sagte Wilhelm, „Ihr sollt heute meine Garden sein. Ich habe viel von Euch gehört, laßt mich einmal etwas sehen.” Es war eine der merkwürdigsten Eigenthümlichkeiten dieses für gewöhnlich so finsteren und schweigsamen Mannes, daß die Gefahr eine ähnliche Wirkung wie der Wein auf ihn äußerte, ihm das Herz öffnete, die Zunge löste und seinem Benehmen jeden Anschein von Gezwungenheit entzog. An diesen denkwürdigen Tagen sah man ihn überall wo die Gefahr am größten war. Eine Kugel traf die Kappe seines Pistols, eine andre riß den Absatz seines Stiefels fort; aber seine Leutnants drangen vergeblich in ihn, daß er sich auf einen Posten zurückziehen möchte, von wo er seine Befehle ertheilen konnte, ohne ein für ganz Europa so kostbares Leben zu gefährden. Durch sein Beispiel angespornt, gewannen seine Truppen sehr bald Boden. Die irische Reiterei machte zum letzten Male Halt bei einem Hause Namens Plottin Castle, ungefähr anderthalb Meilen südlich von Oldbridge. Hier wurden die Enniskillener mit einem Verluste von funfzig Mann geworfen und hitzig verfolgt, bis Wilhelm sie wieder sammelte und die Verfolgung umkehrte. In diesem Gefecht wurde Richard Hamilton, der Alles gethan hatte was Tapferkeit thun konnte, um seinen durch Treulosigkeit verwirkten Ruf wieder zu erlangen, schwer verwundet, gefangen genommen und auf der Stelle durch Pulverdampf und Gemetzel vor den Fürsten geführt, gegen den er so schwer gesündigt hatte.[21] Bei keiner Gelegenheit zeigte sich Wilhelm’s Character augenfälliger. „Sind wir fertig,” sagte er zu ihm, „oder werden Ihre Reiter noch länger kämpfen?” — „Bei meiner Ehre, Sire,” antwortete Hamilton, „ich glaube sie werden es.” — „Ihre Ehre!” murmelte Wilhelm; „Ihre Ehre!” Dieser halbunterdrückte Ausruf war die einzige Rache, die er für eine Beleidigung zu nehmen sich herabließ, für welche mancher in seinem gewöhnlichen Umgange viel freundlichere und huldreichere Fürst eine furchtbare Wiedervergeltung geübt haben würde. Hierauf befahl er, sich gewaltsam bezwingend, seinem eignen Wundarzte, die Verletzungen des Gefangenen zu untersuchen.[22]
Die Schlacht war vorüber. Hamilton irrte sich, indem er glaubte seine Reiter würden den Kampf fortsetzen. Ganze Corps waren zusammengehauen worden. Ein schönes Regiment hatte nur noch dreißig nicht verwundete Leute. Es war genug, daß diese tapferen Soldaten das Feld behauptet, bis sie keine Unterstützung, keine Hoffnung, keine Leitung mehr hatten, bis ihr tapferster Anführer gefangen und ihr König geflohen war.
Jakob’s Flucht.
Ob Jakob seinen früheren Ruf der Tapferkeit dem Zufalle und der Schmeichelei verdankte, oder ob sein Character mit den vorgerückten Jahren sich veränderte, ist ungewiß. Gewiß ist, daß man in seiner Jugend von ihm glaubte, er besitze nicht nur das gewöhnliche Maß von Tapferkeit, das einen Soldaten befähigt, einen Feldzug ohne Schande zu bestehen, sondern auch die höhere und heitere Unerschrockenheit, welche den großen Feldherrn characterisirt.[23] Eben so gewiß ist aber, daß er in seinen späteren Jahren zu wiederholten Malen bei Gelegenheiten, wie sie oftmals zaghafte und schwache Frauen mit einem heroischen Muthe beseelt haben, eine kleinmüthige Besorgniß um seine persönliche Sicherheit an den Tag legte. Die Blicke seiner Zeitgenossen und der Nachwelt, von Freunden, die seiner Sache treu ergeben waren, und von Feinden, die seine Demüthigung mit Ungeduld erwarteten, waren auf ihn gerichtet. Er hatte seiner Meinung nach geheiligte Rechte zu behaupten und schwere Unbilden zu rächen. Er war ein König, der gekommen war, um drei Königreiche zu kämpfen. Er war ein Vater, der gekommen war, um das Geburtsrecht seines Kindes zu kämpfen. Er war ein eifriger Katholik, der gekommen war, im heiligsten aller Kreuzzüge zu fechten. Wenn alles dies noch nicht genug war, so hatte er von der sicheren Stellung, die er auf der Anhöhe von Donore einnahm, einen Anblick vor sich, von dem man hätte denken sollen, daß er den stumpfsinnigsten Menschen hätte zum Wetteifer anspornen müssen. Er sah seinen Nebenbuhler schwach, kränklich und verwundet durch den Fluß schwimmen, sich durch den Schlamm kämpfen, den Angriff leiten, die Flucht aufhalten, das Schwert in die linke Hand nehmen und die Zügel mit einem verbundenen Arme führen. Aber nichts von dem Allen machte einen Eindruck auf diese schwerfällige und unedle Natur. Aus sicherer Entfernung beobachtete er den Anfang der Schlacht, von welcher sein und seines Hauses Schicksal abhing. Als es klar wurde, daß die Schlacht einen für Irland ungünstigen Ausgang nahm, bemächtigte sich seiner die Befürchtung, daß ihm die Flucht abgeschnitten werden könnte, und er brach daher im Galopp nach Dublin auf. Er war begleitet von einer Leibgarde unter dem Commando Sarsfield’s, der an diesem Tage keine Gelegenheit gehabt hatte, die Geschicklichkeit und den Muth zu entfalten, welche selbst seine Feinde ihm nicht absprechen.[24] Die französischen Hülfstruppen, welche den ganzen Morgen dazu verwendet worden waren, Wilhelm’s rechten Flügel in Schach zu halten, deckten die Flucht der geschlagenen Armee. Sie waren in der That in Gefahr, durch den Strom der Fliehenden, von denen jeder zuerst den Engpaß von Duleek erreichen wollte, durchbrochen und mit fortgerissen zu werden, und sie mußte deshalb zu wiederholten Malen auf diese verachtungswerthen Bundesgenossen feuern.[25] Indessen wurde der Rückzug mit geringerem Verlust bewerkstelligt, als man hätte erwarten sollen. Denn selbst Wilhelm’s Bewunderer gestanden zu, daß er die Verfolgung nicht mit der Energie betrieben, die er, wie selbst seine Verleumder anerkannten, in der Schlacht gezeigt halte. Vielleicht hatten seine Kränklichkeit, seine Wunde und die bestandenen Strapatzen ihn zu körperlicher und geistiger Anstrengung unfähig gemacht. Er hatte von den letzten vierzig Stunden fünfunddreißig auf dem Pferde zugebracht, und Schomberg, der ihn hätte ersetzen können, war nicht mehr. Man sagte im Lager, daß der König nicht Alles thun könne und daß was er nicht thäte, überhaupt gar nicht gethan würde.
Verlust der beiden Armeen.
Das Gemetzel war geringer gewesen als auf irgend einem andren Schlachtfelde von gleicher Wichtigkeit und Berühmtheit. Von den Irländern waren nur etwa funfzehnhundert Mann gefallen; aber fast lauter Cavaliere, die Elite der Armee, tapfere und wohl disciplinirte Leute, die so leicht nicht zu ersetzen waren. Wilhelm gab strenge Ordre, daß kein unnöthiges Blutvergießen stattfinden solle, und verlieh diesem Befehle durch einen Act lobenswerther Strenge Nachdruck. Einer seiner Soldaten hieb, nachdem der Kampf vorüber war, noch drei wehrlose Irländer nieder, die um Pardon baten. Der König befahl, den Mörder auf der Stelle zu hängen.[26]
Der Verlust der Sieger überstieg nicht fünfhundert Mann; aber der größte Feldherr Europa’s war darunter. Seinem Leichname wurde jede erdenkliche Ehre erwiesen. Die einzige Ruhestätte, die einem so berühmten Krieger, der im Kampfe für die Freiheiten und die Religion England’s gefallen war, gebührte, war die durch den Staub vieler Generationen von Fürsten, Helden und Dichtern geheiligte und ehrwürdige Abtei. Es wurde bekannt gemacht, daß der tapfere Veteran ein öffentliches Leichenbegängniß zu Westminster haben solle. Einstweilen wurde sein Leichnam mit soviel Geschicklichkeit als im Lager zu finden war, einbalsamirt und in einen bleiernen Sarg gelegt.[27]
Walker wurde minder ehrerbietig behandelt. Wilhelm betrachtete ihn als einen unruhigen Kopf, der gebührend dafür bestraft worden war, daß er sich ohne einen Ruf der Pflicht in Gefahr begeben, und er äußerte diese Gesinnung auf dem Schlachtfelde mit characteristischer Derbheit. „Sire,” sagte einer von seinen Begleitern, „der Bischof von Derry ist bei der Furth durch eine Kugel getödtet worden.” — „Wer hieß ihn hingehen?” brummte der König.