Fall von Drogheda.
Die siegreiche Armee marschirte diesen Tag noch bis Duleek und brachte hier die warme Sommernacht unter freiem Himmel zu. Die Zelte und die Bagagewagen befanden sich noch auf der Nordseite des Flusses. Wilhelm’s Wagen war herübergeholt worden, und er schlief darin, umgeben von seinen Soldaten. Am folgenden Tage ergab sich Drogheda ohne Schwertstreich und die dreizehnhundert Mann starke Besatzung zog ohne Waffen ab.[28]
Zustand von Dublin.
Inzwischen hatte in Dublin eine heftige Aufregung geherrscht. Am 30. Juni wurde es bekannt, daß die beiden Armeen, durch den Boyne getrennt, einander gegenüber standen und daß eine Schlacht fast unvermeidlich war. Am Abend desselben Tages kam die Nachricht, daß Wilhelm verwundet war. Es hieß zuerst, die Wunde sei tödtlich. Man glaubte und erzählte es mit Zuversicht weiter, daß der Usurpator nicht mehr sei, und Couriere wurden abgeschickt, um die frohe Botschaft von seinem Tode den in den Häfen von Munster liegenden Schiffen zu überbringen. Am 1. Juli waren die Straßen Dublin’s vom frühen Morgen an mit Leuten angefüllt, welche begierig nach Neuigkeiten fragten und solche erzählten. Tausend tolle Gerüchte circulirten unter der Menge. Von dem Berge Howth wollte man eine Flotte von Kriegsschiffen unter weißer Flagge gesehen haben. In Kent sollte ein Armeecorps unter den Befehlen eines Marschalls von Frankreich gelandet sein. Der Kampf am Boyne sollte heiß gewesen sein, die Irländer aber sollten gesiegt haben; der englische rechte Flügel sei geschlagen und der Prinz von Oranien gefangen genommen worden. Während die Katholiken diese Geschichten an allen öffentlichen Orten anhörten und wiedererzählten, schlossen sich die wenigen noch auf freiem Fuße befindlichen Protestanten in ihre Wohnungen ein, denn sie fürchteten in Stücke zerrissen zu werden. Gegen fünf Uhr Nachmittags aber kamen einige Deserteurs auf ermüdeten Pferden an und brachten schlimme Nachrichten. Um sechs Uhr wußte man, daß Alles verloren war. Bald nach Sonnenuntergang ritt Jakob, von zweihundert Reitern begleitet, in das Schloß ein. Auf der Schwelle kam ihm Tyrconnel’s Gattin, einst die lebensfrohe und schöne Fanny Jennings, die reizendste Kokette in dem glänzenden Whitehall der Restauration, entgegen. Der besiegte König hatte ihr den Untergang ihres und seines eignen Glückssternes anzukündigen. Inzwischen kam der Strom der Fliehenden rasch heran. Bis Mitternacht waren alle nördlichen Zugänge der Hauptstadt durch Wagenzüge und durch Schaaren von erschöpften und mit Staub bedeckten Dragonern verstopft. Einige hatten ihre Feuergewehre, Andere ihre Säbel verloren, noch Andere waren durch frische Wunden entstellt. Um zwei Uhr Morgens war es still in Dublin, aber noch vor dem frühen Anbruch des Sommertages wurden die Schlafenden durch Trompetenstöße geweckt: die Reiter, welche am vorhergehenden Tage die Ehre ihres Vaterlandes so wacker gerettet hatten, ergossen sich mit furchtbar gelichteten Reihen, aber doch noch immer einen Schein von militärischer Ordnung beobachtend, durch die Straßen. Zwei Stunden später ließen sich Lauzun’s Trommeln vernehmen, und die französischen Regimenter rückten in ungebrochener Ordnung in die Stadt ein.[29] Viele glaubten, daß mit einer solchen Streitmacht noch immer Widerstand geleistet werden könne. Aber noch vor sechs Uhr wurden der Lord Mayor und einige der angesehensten katholischen Bürger eiligst ins Schloß beschieden, und hier nahm Jakob mit einer Rede, die ihm wenig Ehre machte, Abschied von ihnen. Er sei oft, sagte er, darauf aufmerksam gemacht werden, daß die Irländer trotz ihres guten und kräftigen Aussehens sich auf dem Schlachtfelde niemals gut halten würden, und er habe sich jetzt überzeugt, daß die Warnung nur zu gegründet gewesen sei. Er habe das Unglück gehabt, sich binnen weniger als zwei Jahren von zwei Armeen verlassen zu sehen. Seinen englischen Truppen habe es nicht an Muth, aber an Loyalität gefehlt. Seine irischen Truppen seien ohne Zweifel seiner Sache ergeben, da es auch die ihrige sei; aber sobald sie einem Feinde gegenüber gestellt würden, liefen sie davon. Der Verlust sei allerdings gering gewesen; aber desto schimpflicher sei es für Diejenigen, welche bei so unbedeutendem Verlust schon die Flucht ergriffen hätten. „Ich werde nie wieder eine irische Armee commandiren. Ich muß jetzt auf meine Sicherheit bedacht sein, und auch Sie müssen für Sich selbst sorgen.” Nachdem er so seine Soldaten heruntergemacht, daß sie der Pöbel waren, zu welchem seine eigne verkehrte Behandlung sie gemacht hatte, und daß sie das Beispiel der Feigheit nachgeahmt, das er selbst ihnen gegeben, sprach er noch einige eines Königs würdigere Worte. Er wisse, sagte er, daß einige seiner Anhänger erklärt hätten, sie würden Dublin eher niederbrennen als es in die Hände der Engländer fallen lassen. Eine solche That würde ihn in den Augen der ganzen Menschheit entehren, denn Niemand würde glauben, daß seine Freunde ohne seine Einwilligung so weit gehen könnten. Auch würde eine solche That Denen, die sie begingen, eine strenge Behandlung zuziehen, welche sie außerdem nicht zu befürchten hätten, denn Unmenschlichkeit gegen besiegte Feinde gehöre nicht zu den Fehlern des Prinzen von Oranien. Aus diesen Gründen forderte Jakob seine Zuhörer bei ihrer Unterthanenpflicht auf, die Stadt weder zu plündern noch zu zerstören.[30]
Jakob’s Flucht nach Frankreich.
Er reiste hierauf ab, ging eiligst über das Wicklowgebirge und hielt nicht eher an als bis er funfzig Meilen von Dublin entfernt war. Kaum war er abgestiegen, um etwas zu sich zu nehmen, so wurde er durch das alberne Gerücht erschreckt, daß die Verfolger ihm dicht auf den Fersen seien. In Folge dessen reiste er sofort weiter, ritt die ganze Nacht durch und gab Befehl, daß die Brücken hinter ihm abgebrochen werden sollten. Am Morgen des 3. Juli erreichte er den Hafen von Waterford und ging von hier zu Wasser nach Kinsale, wo er sich auf einer französischen Fregatte einschiffte und nach Brest segelte.[31]
Dublin wird von den französischen und irischen Truppen geräumt.
Nach seiner Abreise nahm die Verwirrung in Dublin mit jeder Stunde zu. Während des ganzen Tages nach der Schlacht kamen beständig fliehende Fußsoldaten, ermüdet und mit Staub bedeckt, in die Stadt, und katholische Bürger verließen dieselbe mit ihren Frauen, ihren Kindern und ihrem Hausgeräth. In einigen Theilen der Hauptstadt herrschte noch ein Ueberrest von militärischer Ordnung und Kriegsbereitschaft. Die Thore waren bewacht, das Schloß von einem starken Truppencorps besetzt, und man glaubte allgemein, daß der Feind nicht ohne Kampf hereingelassen werden würde. Einige Großsprecher, die wenige Stunden zuvor von dem Brustwerke bei Oldbridge weggelaufen waren, ohne einen Hahn zu spannen, schworen in der That jetzt, daß sie die Stadt eher in Asche legen als sie dem Prinzen von Oranien überliefern würden. Aber gegen Abend sammelten Tyrconnel und Lauzun alle ihre Truppen und verließen die Stadt auf der Straße, welche nach der großen Weidestrecke führte, die die ganze Hochebene am Kildare umfaßt. Die Gestalt der Dinge in Dublin gewann augenblicklich ein andres Aussehen. Allenthalben kamen die Protestanten aus ihren Verstecken hervor. Einige von ihnen gingen in die Häuser ihrer Verfolger und verlangten Waffen. Die Thore der Gefängnisse wurden geöffnet. Die Bischöfe von Meath und von Limerick, Doctor King und Andere, welche lange an der Doctrin des passiven Gehorsams festgehalten, die aber endlich durch die Tyrannei in gemäßigte Whigs verwandelt worden waren, bildeten eine provisorische Regierung und schickten einen Boten in Wilhelm’s Lager, um ihm sagen zu lassen, daß Dublin bereit sei, ihn willkommen zu heißen. Noch denselben Abend um acht Uhr rückte eine Schwadron englischer Dragoner ein. Die ganze Bevölkerung ging ihr bis College Green entgegen, wo jetzt die Statue des Befreiers steht. Hunderte umarmten die Soldaten und die Hälse der Pferde und liefen, einander die Hände schüttelnd, freudetrunken umher. Am andren Morgen traf ein starkes Cavalleriecorps ein und von allen Seiten kamen Nachrichten von dem Eindrucke, den der Sieg am Boyne gemacht hatte. Jakob hatte die Insel verlassen; Wexford hatte sich für König Wilhelm erklärt; in einem Umkreise von fünfundzwanzig Meilen von der Hauptstadt gab es keinen bewaffneten Papisten mehr. Fast sämmtliche Bagage und Vorräthe der geschlagenen Armee waren den Siegern in die Hände gefallen. Die Enniskillener hatten nicht weniger als dreihundert Wagen weggenommen und hatten unter der Beute zehntausend Pfund baares Geld, eine Menge Silbergeschirr und Schmucksachen, sowie die ganze prächtige Feldequipage Tyrconnel’s und Lauzun’s gefunden.[32]
Wilhelm’s Einzug in Dublin.
Wilhelm nahm sein Hauptquartier in Ferns, ungefähr zwei Meilen von Dublin. Von da ritt er am Morgen des 6. Juli, einem Sonntage, mit großem Gepränge nach der Kathedrale und richtete dort, mit der Krone auf dem Haupte, in dem Chore, das jetzt mit den Bannern der Ritter von St. Patrick behangen ist, ein öffentliches Dankgebet zu Gott. King predigte mit dem ganzen Feuer eines Neophyten über die große Befreiung, mit der Gott die Kirche beglückt habe. Die protestantischen Behörden der Stadt erschienen nach langer Zeit wieder mit dem Prunke ihres Amtes. Wilhelm ließ sich nicht bewegen, im Schlosse zu übernachten, sondern er kehrte am Abend ins Lager zurück und schlief dort in seiner hölzernen Hütte.[33]