Eindruck der Nachrichten aus Irland in Frankreich.
Die Kunde von diesen wichtigen Ereignissen verbreitete sich rasch und brachte ganz Europa in heftige Aufregung. Die Nachricht von Wilhelm’s Verwundung ging überall der Nachricht von seinem Siege um einige Stunden voraus. Paris wurde mitten in der Nacht durch die Ankunft eines Couriers geweckt, der die frohe Botschaft brachte, daß der Ketzer, der Vatermörder, der Todfeind der Größe Frankreich’s, im Angesicht beider Armeen von einer Kanonenkugel tödtlich getroffen worden sei. Die Polizeicommissare liefen in der Stadt umher, klopften an die Hausthüren und forderten die Leute auf zu illuminiren. In Zeit von einer Stunde strahlten die Straßen, die Quais und die Brücken in hellem Lichterglanze, Trommeln wirbelten und Trompeten schmetterten; die Glocken von Notre-Dame läuteten und Kanonenschüsse donnerten von den Batterien der Bastille. In den Straßen wurden Tafeln aufgeschlagen und allen Vorübergehenden Wein gereicht. Eine Strohpuppe, welche den Prinzen von Oranien darstellte, wurde durch den Koth geschleift und schließlich den Flammen übergeben. Sie war begleitet von einem widerlichen Abbilde des Teufels, der einen Zettel trug, auf dem geschrieben stand: „Ich habe Dich seit zwei Jahren erwartet.” Die Läden mehrerer Hugenotten, welche durch Einquartierung gezwungen worden waren, sich für Katholiken zu erklären, die aber in dem Verdachte standen, im Herzen noch immer Ketzer zu sein, wurden vom Pöbel geplündert. Es war gefährlich, die Wahrheit der Nachricht, welche die Menge so freudig willkommen geheißen hatte, in Zweifel zu ziehen. Bald jedoch wagten es einige nüchterne Leute zu bemerken, daß das Factum des Todes des Tyrannen noch nicht so ganz ausgemacht sei als man wohl wünschen könnte. Da entspann sich eine heftige Polemik über die Wirkung solcher Verwundungen, denn der große Haufe meinte, daß Jemand, der von einer Kanonenkugel an der Schulter getroffen worden sei, nicht wieder aufkommen könne. Die Streitenden appellirten an medizinische Autoritäten, und die Thüren der renommirtesten Chirurgen und Aerzte wurden belagert, als ob, wie man scherzhaft sagte, eine Epidemie in Paris geherrscht hätte. Die Frage wurde bald durch ein Schreiben von Jakob entschieden, worin er seine Niederlage und seine Ankunft in Brest meldete.[34]
Eindruck der Nachrichten aus Irland in Rom.
In Rom machten die Nachrichten aus Irland eine Sensation ganz andrer Art. Auch dort fand die Kunde von Wilhelm’s Tode eine kurze Zeit lang Glauben. Im französischen Gesandtschaftshotel herrschte nichts als Freude und Triumph; die Gesandten des Hauses Oesterreich aber waren in Verzweiflung, und das Aussehen des päpstlichen Hofes verrieth nichts weniger als Jubel.[35] Melfort schrieb in einem Anfall von Freudentaumel einen Beglückwünschungsbrief an Marie von Modena. Dieser Brief ist noch vorhanden und würde allein hinreichen zu erklären, warum er der Günstling Jakob’s war. Herodes — so war Wilhelm genannt — sei nicht mehr. Es müsse eine Restauration stattfinden und diese Restauration müsse eine furchtbare Rache und die Herstellung des Despotismus nach sich ziehen. Die Macht der Geldbewilligung müsse den Gemeinen entzogen werden. Politische Verbrecher dürften nicht durch Juries, sondern durch Richter abgeurtheilt werden, auf die sich die Krone verlassen könne. Die Habeascorpusacte müsse aufgehoben, die Urheber der Revolution mit schonungsloser Strenge bestraft werden. „Wenn,” schrieb der gefühllose Apostat, „der König gezwungen ist zu begnadigen, so mögen es so wenig Schurken sein als möglich.”[36] Nach Verlauf einiger angstvoller Stunden stieg ein Bote, der neuere und authentischere Nachrichten brachte, in dem Palaste ab, den der Vertreter des katholischen Königs bewohnte. In einem Augenblicke war Alles verändert, die Feinde Frankreich’s — und das war die ganze Bevölkerung mit Ausnahme der Franzosen und der britischen Jakobiten — wünschten einander von Herzen Glück. Die sämmtlichen Sekretäre und Schreiber der spanischen Gesandtschaft reichten nicht hin, um Abschriften der Depeschen für die Cardinäle und Bischöfe zu fertigen, die es nicht erwarten konnten, Ausführlicheres über den Sieg zu erfahren. Die erste Abschrift wurde dem Papste zugesandt und sie war ihm ohne Zweifel willkommen.[37]
Eindruck der Nachrichten aus Irland in London.
Die guten Nachrichten aus Irland trafen in London in einem Augenblicke ein, wo gute Nachrichten dort sehr nöthig waren. Die englische Flagge hatte in den englischen Meeren keine Ehre eingelegt, ein auswärtiger Feind bedrohte die Küsten, Verräther bearbeiteten das Land im Innern. Marie hatte sich über ihre Kräfte angestrengt. Ihre zarte Constitution war den heftigen Gemüthsbewegungen ihrer Stellung nicht gewachsen, und sie beklagte sich, daß sie von den Geschäften keinen Augenblick Zeit erübrigen könne, um sich durch Gebet zu beruhigen. Ihre Angst stieg aufs Höchste, als sie erfuhr, daß die beiden Lager ihres Vaters und ihres Gatten nahe bei einander aufgeschlagen seien und daß man stündlich die Nachricht von einer Schlacht zu gewärtigen habe. Sie stahl sich die Zeit zu einem Ausfluge nach Kensington und brachte drei ruhige Stunden in dem Garten zu, welcher damals noch eine ländliche Einsamkeit war.[38] Aber die Erinnerung an die Tage, die sie dort mit dem Manne verlebt, den sie vielleicht nie wiedersehen sollte, überwältigte sie. „Der Ort,” schrieb sie an ihn, „erinnert mich daran, wie glücklich ich war, als ich hier in Ihrer theuren Gesellschaft zubrachte. Doch ich will nicht mehr sagen, denn ich würde meinen Augen schaden, die ich jetzt nöthiger brauche als je. Leben Sie wohl. Denken Sie an mich und lieben Sie mich so wie ich Sie, den ich mehr liebe als mein Leben.”[39]
Früh am Morgen nachdem diese zärtlichen Zeilen abgeschickt waren, wurde Whitehall durch die Ankunft einer Post aus Irland geweckt. Nottingham wurde aus dem Bett geholt. Man benachrichtigte die Königin, welche eben in die Kapelle gegangen war, wo sie täglich dem Gottesdienst beiwohnte, daß Wilhelm verwundet worden sei. Sie hatte viel geweint, aber bis diesen Augenblick hatte sie nur in der Stille geweint und sich bemüht, ihrem Hofe und ihrem Staatsrathe ein heiteres Antlitz zu zeigen. Als aber Nottingham ihr den Brief ihres Gemahls überreichte, brach sie in Thränen aus. Sie zitterte noch vor heftiger Bewegung und hatte kaum einen Brief an Wilhelm beendigt, in welchem sie mit der natürlichen Beredtsamkeit ihres Geschlechts ihre Liebe, ihre Besorgnisse und ihre Dankbarkeit ausdrückte, als ein andrer Bote mit der Nachricht ankam, daß die englische Armee den Uebergang über den Boyne erzwungen habe, daß die Irländer in wilder Flucht begriffen seien und daß der König sich wohl befinde. Doch war sie sichtbar unruhig, bis Nottingham ihr versichert hatte, daß auch Jakob unversehrt sei. Der ernste Staatssekretär, der sie wirklich geachtet und geliebt zu haben scheint, schilderte nachmals mit viel Gefühl diesen Kampf zwischen der Kindespflicht und Gattenliebe. Noch den nämlichen Tag schrieb sie an ihren Gemahl und beschwor ihn dafür zu sorgen, daß ihrem Vater kein Leid geschehe. „Ich weiß,” sagte sie, „ich brauche Sie nicht erst zu bitten, darauf zu sehen, daß man seiner schont, denn ich bin überzeugt, Sie werden dies schon um Ihretwillen thun. Aber erweisen Sie mir die Güte und lassen Sie die Leute um meinetwillen noch besonders wissen, Sie wünschten nicht, daß seiner Person das geringste Leid zugefügt werde.”[40] Diese Fürsorge war, so sehr man sie loben muß, überflüssig. Ihr Vater wußte selbst am besten für seine Sicherheit zu sorgen. Er hatte sich während der Schlacht nicht ein einziges Mal der Möglichkeit ausgesetzt, verwundet zu werden, und während seine Tochter bei dem Gedanken an die Gefahren schauderte, von denen sie ihn in Irland umgeben glaubte, war er schon auf halbem Wege nach Frankreich.
Die erfreulichen Nachrichten trafen zufällig an dem Tage in Whitehall ein, bis zu welchem das Parlament prorogirt worden war. Der Sprecher und mehrere in London anwesende Mitglieder des Hauses der Gemeinen versammelten sich nach der hergebrachten Form um zehn Uhr Morgens und wurden durch den schwarzen Stab vor die Schranken der Peers entboten. Hierauf wurde das Parlament in Auftrag des Königs von neuem prorogirt. Sobald diese Ceremonie vorüber war, überreichte der Kanzler der Schatzkammer dem Sekretär die eben aus Irland angelangte Depesche und der Sekretär las sie den anwesenden Lords und Gentlemen mit lauter Stimme vor.[41] Die frohe Botschaft verbreitete sich rasch von Westminster Hall durch alle Kaffeehäuser und wurde mit Jubel aufgenommen. Denn diejenigen Engländer, welche durch die Franzosen und Irländer eine englische Armee geschlagen und eine englische Colonie vertilgt zu sehen wünschten, bildeten selbst unter der jakobitischen Partei die Minderzahl.
Jakob’s Ankunft in Frankreich; sein Empfang daselbst.
Am neunten Tage nach der Schlacht am Boyne landete Jakob in Brest mit vortrefflichem Appetit und in heiterer, sehr gesprächiger Laune. Er erzählte die Geschichte seiner Niederlage Jedem, der sie hören wollte. Aber französische Offiziere, welche den Krieg verstanden und seine Erzählung mit anderen Berichten verglichen, erklärten, daß Se. Majestät, obgleich er die Schlacht mit angesehen habe, doch nichts weiter davon wisse, als daß seine Armee geschlagen worden sei.[42] Von Brest begab er sich nach Saint-Germains, wo ihn Ludwig einige Stunden nach seiner Ankunft besuchte. Der König von Frankreich besaß zu viel Takt und Edelsinn als daß er ein Wort hätte äußern sollen, das wie ein Vorwurf klang. Er erklärte, daß es der königlichen Familie von England, soweit seine Kräfte reichten, an nichts fehlen solle, was zu ihrem Comfort beitragen könne. Von den politischen und militärischen Plänen seines unglücklichen Gastes aber wollte er durchaus nichts hören. Jakob empfahl eine sofortige Landung in England. Dieses Königreich sei durch die Anforderungen Irland’s von Truppen entblößt, und die noch daselbst befindlichen sieben- oder achttausend Mann könnten einer großen französischen Armee keinen Widerstand leisten. Die Bevölkerung schäme sich ihrer Verirrung und wünsche sehnlichst, dieselbe wieder gutzumachen. Sobald ihr rechtmäßiger König sich zeige, würde sie sich in Massen um ihn schaaren.[43] Ludwig war zu artig und gutherzig um auszusprechen was er gefühlt haben muß. Er begnügte sich kalt zu erwiedern, daß er sich über keinen Plan in Bezug auf die britischen Inseln entscheiden könne, bevor er Mittheilungen von seinen Generälen in Irland erhalten habe. Jakob wurde zudringlich und schien sich dadurch verletzt zu fühlen, daß man ihm vierzehn Tage nachdem er von einer Armee weggelaufen, nicht schon eine andre anvertrauen wollte. Ludwig ließ sich nicht verleiten, ein unfreundliches oder unhöfliches Wort zu äußern; aber sein Entschluß stand fest, und um weiterem ihm peinlichen Andringen aus dem Wege zu gehen, schützte er Unpäßlichkeit vor. Eine Zeit lang erhielt Jakob, so oft er nach Versailles kam, den ehrerbietigen Bescheid, Seine Allerchristlichste Majestät sei jetzt nicht im Stande, sich mit Geschäftsangelegenheiten zu befassen. Die tapferen und geistreichen Edelleute, welche täglich die Vorzimmer füllten, konnten sich eines höhnischen Lächelns nicht erwehren, wenn sie sich bis zur Erde vor dem königlichen Gaste verbeugten, den seine Feigheit und Beschränktheit zum zweiten Male zu einem Verbannten und Bettler gemacht hatten. Sie flüsterten sogar ihre Sarkasmen laut genug, um das stolze Blut der Guelphen in die Wangen Mariens von Modena zu treiben. Aber Jakob’s Unempfindlichkeit war nicht gewöhnlicher Art; sie hatte sich schon längst gegen Vernunftgründe wie gegen das Mitleid bewährt. Jetzt bestand sie noch eine härtere Probe und sie erwies sich selbst gegen die Verachtung gestählt.[44]