Das Geschrei des Unwillens gegen Diejenigen, von denen man mit gutem Grunde argwöhnte, daß sie den Feind aufgefordert hätten, eine Landung an unseren Küsten zu versuchen, war heftig und allgemein und wurde durch viele Stimmen verstärkt, welche noch kürzlich laut gegen Wilhelm’s Regierung gemurrt hatten. Die Frage hatte aufgehört eine Frage zwischen zwei Dynastien zu sein, und war eine Frage zwischen England und Frankreich geworden. Das nationale Gefühl war so stark, daß Eidverweigerer und Papisten es theilten oder sich wenigstens stellten als theilten sie es. Nicht lange nach der Einäscherung von Teignmouth legte Dryden ein Schauspiel mit einer höchst geistreichen, kunstvollen und beredten Widmung Halifax zu Füßen. Der Dichter gratulirte seinem Gönner, daß er sich aus den Stürmen des öffentlichen Lebens in einen ruhigen Hafen zurückgezogen, und pries in kräftiger und schöner Sprache das Glück des Staatsmannes, der das geräuschvolle Treiben des Staatsdienstes und den Ruhm der Rednerbühne mit philosophischen Studien und häuslichen Genüssen vertauschte. England dürfe sich nicht darüber beklagen, daß ihm Dienste entzogen würden, auf die es ein Recht habe. Selbst die strenge Zucht des alten Rom habe einem Soldaten gestattet, nach einer Reihe von Feldzügen um seine Entlassung zu bitten, und Halifax habe gewiß genug für sein Vaterland gethan, um das nämliche Recht beanspruchen zu dürfen. Aber der Dichter setzte hinzu, daß es einen Fall gegeben habe, in welchem der römische Veteran selbst nach seiner Entlassung seinen Schild und sein Pilum wieder ergreifen mußte, und dieser eine Fall war eine Invasion der Gallier. Daß ein Schriftsteller, der Jakob’s Gunst durch Apostasie erkauft hatte, der von Wilhelm’s Hofe verstoßen worden war, der ein größeres Interesse an der Restauration des exilirten Königshauses hatte als irgend ein andrer berufsmäßiger Schriftsteller, eine solche Sprache führte, ob aufrichtig oder unaufrichtig, ist gleich, dies ist ein Factum, welches uns überzeugen muß, daß der Entschluß, sich nie durch Fremdlinge unterjochen zu lassen, im Herzen des Volks feststand.[52]
Die jakobitische Presse.
Es gab zwar eine jakobitische Literatur, in der keine Spur von diesem patriotischen Geiste zu entdecken ist, eine Literatur, deren Ueberreste beweisen, daß es Engländer gab, welche sehr geneigt waren, die englische Flagge entehrt, den englischen Boden in fremder Gewalt, die englische Hauptstadt geplündert und die englische Krone auf dem Haupte eines Vasallen Ludwig’s zu sehen, wenn sie sich nur an ihren Feinden und speciell an Wilhelm rächen konnten, den sie mit einer zum Theil furchtbaren, zum Theil lächerlichen Erbitterung haßten. Aber diese Literatur war durchaus ein Werk der Finsterniß. Das Gesetz, durch welches das Parlament Jakob’s die Presse der Ueberwachung von Censoren unterworfen hatte, war noch in Kraft, und obgleich die Beamten, denen es oblag, die Uebertretung dieses Gesetzes zu verhüten, nicht allzu streng jede Unregelmäßigkeit von Seiten eines Buchhändlers aufstachen, der die Kunst verstand, einen Händedruck durch eine Guinee zu versüßen, konnten sie doch den offenen Verkauf uncensirter Pamphlets, die voll roher Insulten gegen den Souverain und directer Aufforderungen zur Empörung waren, nicht ruhig mit ansehen. Aber schon seit langer Zeit verbargen die Dachstuben London’s eine Klasse von Buchdruckern, welche unverdrossen und mit einer Vorsicht, wie nur Falschmünzer und Fälscher sie beobachten können, in ihrem Berufe thätig waren. Frauen waren als Wachen ausgestellt, um durch ihr Geschrei Alarm zu geben, sobald ein Beamter sich in der Nähe der Werkstätte zeigte. Die Presse wurde dann sogleich in ein hinter dem Bett angebrachtes Kabinet geschoben, die Lettern wurden in den Ofenkasten geworfen und mit Asche bedeckt, und der Setzer verschwand durch eine Fallthür im Dache und entkam über die Dächer der Nachbarhäuser. In diesen Höhlen wurden hochverrätherische Werke aller Art und von jedem Umfange fabricirt, von Halbpennyblättern mit Knittelversen bis zu dickleibigen Quartanten voll hebräischer Citate. Solche Preßerzeugnisse offen auszulegen war natürlich nicht rathsam, und sie wurden nur durch zuverlässige Agenten ganz im Geheimen verkauft. Einige Flugschriften, von denen man sich eine große Wirkung versprach, wurden auf Kosten reicher Jakobiten in Massen von Exemplaren vertheilt. Eine solche Schrift wurde bald unter eine Thür geschoben, bald unbemerkt auf den Tisch eines Kaffeehauses gelegt. Einmal gingen tausend Exemplare eines gemeinen Pamphlets mit den Briefbeuteln fort, ein andermal sahen die Krämer, wenn sie am frühen Morgen ihre Laden öffneten, ganz Fleetstreet und den Strand mit aufrührerischen Zetteln beschneit.[53]
Die jakobitische Gebets- und Demüthigungsformel.
Von den zahlreichen Schriften, welche auf solchen Schleichwegen unter die Leute gebracht wurden, machte keine größeres Aufsehen als ein kleines Buch, welches eine Gebets- und Demüthigungsformel zum Gebrauche der verfolgten Kirche enthielt. Es unterlag keinem Zweifel, daß eine bedeutende Summe auf dieses Werk verwendet worden war. Zehntausend Exemplare waren durch allerhand Mittel und Wege im ganzen Lande verbreitet worden. Es wurde nie ein lügenhafteres, hämischeres und gottloseres Libell geschrieben. Obgleich die Regierung ihre Feinde bisher mit einer in der Geschichte unsres Landes beispiellosen Milde und Nachsicht behandelt, obgleich seit der Revolution kein Mensch wegen eines politischen Vergehens die Todesstrafe erlitten hatte, schämten sich die Verfasser dieser Liturgie doch nicht, Gott zu bitten, daß er den unersättlichen Blutdurst ihrer Feinde stillen oder, wenn noch mehr von ihnen durch das rothe Meer in das gelobte Land gehen sollten, er sie für die Reise vorbereiten solle.[54] Sie beklagten sich, daß die englische Kirche, einst das Schöne in höchster Vollendung, zum Spott und Gelächter, ein Trümmerhaufen, ein Weinberg mit wilden Reben geworden sei; daß ihre Uebungen nicht mehr den Namen des öffentlichen Gottesdienstes verdienten; daß das Brot und der Wein, die sie spende, keine sakramentliche Kraft mehr habe; daß ihre Priester, indem sie dem Usurpator Treue gelobt, den geheiligten Character verloren hätten, den die Ordination ihnen verliehen.[55] Jakob wurde profanerweise der Stein genannt, den thörichte Baumeister verworfen hätten, und es wurde die inbrünstige Bitte ausgesprochen, daß die Vorsehung ihn wieder zum Schlußstein machen möge. Die Segnungen, die auf unser Vaterland herabgerufen wurden, waren ganz absonderlicher Art. Es kam etwas darin vor, was große Aehnlichkeit mit der Bitte um eine neue blutige Rundreise hatte: „Gieb dem Könige die Hälse seiner Feinde;” etwas Andres klang ganz wie eine Bitte um eine französische Invasion: „Verschaffe ihnen auswärts Freunde;” und endlich enthielt das Buch ein noch mysteriöseres Gebet, dessen besten Commentar später das Ermordungscomplot lieferte: „Thue etwas Großes für ihn, was wir nicht näher zu bezeichnen wissen.”[56]
Entrüstung gegen die eidverweigernden Bischöfe.
Diese Liturgie wurde geschrieben, verbreitet und soll in einigen Gemeinden jakobitischer Schismatiker verlesen worden sein, bevor Wilhelm nach Irland aufbrach, erregte aber erst dann allgemeine Aufmerksamkeit, als das Erscheinen einer fremden Flotte an unsrer Küste den Nationalgeist aufgerüttelt hatte. Da erhob sich ein Geschrei des Unwillens gegen die Engländer, welche unter dem scheinheiligen Vorwande des Gebets Flüche über England herabzurufen gewagt hatten. Man hatte, nicht ohne einen Anschein von Grund, die abgesetzten Prälaten in Verdacht, denn die Eidverweigerer waren ohne eine einzige Ausnahme eifrige Episkopalen. Ihr Prinzip war, daß in kirchlichen Angelegenheiten von wichtiger Bedeutung ohne die Sanction des Bischofs nichts zweckmäßig gethan werden könne. Konnte man also glauben, daß Jemand, der es mit diesem Grundsatze hielt, ohne die Genehmigung Sancroft’s, den die ganze Partei nicht allein als den wahren Primas von ganz England, sondern auch als einen Heiligen und als einen Bekenner verehrte, eine Liturgie verfassen, drucken, verbreiten und beim öffentlichen Gottesdienste wirklich benutzen würde? Es war bekannt, daß die Prälaten, welche die Eidesleistung verweigert, unlängst zu Lambeth mehrere Berathungen gepflogen hatten. Der Gegenstand dieser Berathungen, sagte man jetzt, sei leicht zu errathen. Die heiligen Väter hätten sich damit beschäftigt, Gebete um die Vernichtung der protestantischen Colonie in Irland, um die Niederlage der englischen Flotte im Kanal und um die baldige Ankunft seiner französischen Armee in Kent zu entwerfen. Die extreme Section der Whigpartei betrieb diese Anschuldigung mit rachsüchtigem Eifer. Das, sagten diese unversöhnlichen Politiker, sei also die Frucht von König Wilhelm’s Nachsicht und Milde. Nie habe er sich vollständiger geirrt, als indem er die Hoffnung genährt, daß die Herzen des Klerus durch Milde und Mäßigung zu gewinnen seien. Er habe es nicht für gut befunden, Männern Glauben zu schenken, welche durch langjährige und bittere Erfahrungen gelernt hätten, daß keine Güte die finstre Grausamkeit einer Priesterschaft besänftigen könne. Er habe gestreichelt und gefüttert, wo er die Wirkung von Ketten und Hunger hätte versuchen sollen. Er habe durch Protegirung seiner schlimmsten Feinde die Zuneigung seiner besten Freunde aufs Spiel gesetzt. Die Bischöfe, die sich öffentlich geweigert, ihn als ihren Souverain anzuerkennen, und welche durch diese Weigerung ihre Würden und Einkünfte verwirkt hätten, lebten noch immer ungestört in Palästen, die von besseren Männern bewohnt sein sollten, und welchen Dank habe er für diese Nachsicht, eine in der Geschichte der Revolutionen beispiellose Nachsicht, geerntet? Keinen andren als den, daß die Männer, die er mit so großer Schonung vor verdienter Strafe geschützt, noch die Frechheit hätten, ihn in ihren Gebeten als einen mit dem Blute Gerechter Befleckten zu bezeichnen; sie bäten Gott um die Kraft, seine blutige Tyrannei standhaft zu ertragen; sie erflehten vom Himmel eine fremde Flotte und Armee, um sie von seinem Joche zu erlösen; ja, sie deuteten sogar einen Wunsch an, der so abscheulich sei, daß sie selbst nicht die Stirn hätten, ihn offen auszusprechen. Ein Schriftsteller drückte in einem Pamphlet, das großes Aufsehen machte, seine Verwunderung aus, daß das Volk, als Tourville siegreich in den Kanal einfuhr, die eidverweigernden Prälaten nicht dewittet[57] habe. Bei der damaligen gereizten Stimmung des Volks stand zu befürchten, daß diese Andeutung einen wüthenden Pöbelhaufen nach Lambeth führen würde. In Norwich stand das Volk auch wirklich auf, griff den Palast an, den der Bischof noch bewohnen durfte, und würde ihn zerstört haben, wenn die Milizen nicht zur rechten Zeit eingeschritten wären.[58] Die Regierung zog den Verfasser des Werks, das einen so beunruhigenden Landfriedensbruch veranlaßt hatte, gebührenderweise in Criminaluntersuchung.[59] Währenddem veröffentlichten die abgesetzten Prälaten eine Vertheidigung ihres Benehmens. In dieser Schrift erklärten sie auf das Feierlichste und im Angesicht Gottes, daß sie keinen Antheil an der neuen Liturgie hatten, daß sie nicht wüßten wer sie verfaßt habe, daß sie dieselbe nie gebraucht, daß sie nie weder in directem noch indirectem Verkehr mit dem französischen Hofe gestanden hätten, daß sie in kein Complot, gegen die bestehende Regierung verwickelt seien und daß sie bereitwillig eher ihr Blut vergießen als England durch einen fremden Fürsten unterjocht sehen würden, der in seinem eignen Lande ihre protestantischen Brüder grausam verfolgt habe. Was den Verfasser anlange, der sie durch ein entsetzliches, nur zu wohl verstandenes Wort der öffentlichen Rache bezeichnet habe, so empföhlen sie ihn der göttlichen Gnade und beteten aus vollem Herzen, daß seine große Sünde ihm vergeben werden möge. Die meisten von Denen, welche diese Schrift unterzeichneten, thaten es ohne Zweifel mit vollkommener Aufrichtigkeit; aber es zeigte sich bald, daß wenigstens einer von ihnen dem Verbrechen des Verraths an seinem Vaterlande das Verbrechen hinzugefügt hatte, seinen Gott zum Zeugen einer Lüge anzurufen.[60]
Militärische Operationen in Irland; Waterford genommen.
Die im Kanale und auf dem Continent vorgehenden Ereignisse nöthigten Wilhelm wiederholte Abänderungen in seinen Plänen zu treffen. Im Laufe der Woche, welche auf seinen triumphirenden Einzug in Dublin folgte, kamen Boten mit schlimmen Nachrichten rasch hintereinander aus England. Zuerst kam die Nachricht von Waldeck’s Niederlage bei Fleurus. Der König war tief betrübt darüber. Alle Freude über seinen eigenen Sieg, sagte er, werde ihm dadurch verleidet. Gleichwohl setzte er sich mit der hinter seiner finstren Außenseite verborgenen Hochherzigkeit noch im Augenblicke des ersten Unmuths nieder und schrieb einen freundlichen und ermuthigenden Brief an den unglücklichen General.[61] Drei Tage darauf kamen noch beunruhigendere Nachrichten. Die verbündete Flotte war schimpflich geschlagen. Das Meer von den Dünen bis Land’s End war im Besitz des Feindes. Die nächste Post konnte die Nachricht von einem feindlichen Einfall in Kent bringen. Ein französisches Geschwader konnte im St. Georgskanal erscheinen und mit Leichtigkeit alle in der Bai von Dublin vor Anker liegenden Transportschiffe verbrennen. Wilhelm beschloß nach England zurückzukehren; zuvor aber wünschte er sich einen guten Hafen an der Ostküste von Irland zu sichern. Waterford war der seinem Zwecke am besten entsprechende Platz und er richtete denn auch unverzüglich seinen Marsch dahin. Clonmel und Kilkenny wurden von den irischen Truppen verlassen, sobald es bekannt ward, daß er heranrückte. In Kilkenny wurde er am 19. Juli vom Herzoge von Ormond in dem alten Schlosse der Butler bewirthet, das vor nicht langer Zeit von Lauzun bewohnt gewesen war und das daher trotz der allgemeinen Verwüstung noch Tische und Stühle in den Zimmern, Tapeten an den Wänden und Claret im Keller hatte. Am 21. bequemten sich zwei in Waterford liegende Regimenter nach einem schwachen Anschein von Widerstand zum Abzuge; einige Stunden später wurde das Fort Duncannon übergeben, das sich am Eingange des Hafens auf einem felsigen Vorgebirge erhob, und Wilhelm war Herr des ganzen sicheren und geräumigen Beckens, das von den vereinigten Gewässern des Suir, des Nore und des Barrow gebildet wird. Er kündigte hierauf seine Absicht an, sofort nach England zurückzukehren, und nachdem er den Grafen Solms zum Oberbefehlshaber der Armee in Irland ernannt hatte, reiste er nach Dublin ab.[62]
Unterwegs trafen ihn jedoch gute Nachrichten. Tourville war an der Küste von Devonshire erschienen, hatte einige Truppen ans Land gesetzt und Teignmouth zerstört; allein er hatte damit nichts weiter erreicht, als daß die ganze Bevölkerung der westlichen Grafschaften sich bewaffnet gegen die Eingedrungenen erhoben. Der Feind war wieder abgezogen, nachdem er gerade so viel Schaden angerichtet, um die Sache Jakob’s den Tories sowohl als den Whigs eine Zeit lang verhaßt zu machen. Wilhelm änderte daher abermals seinen Plan und eilte zu seiner Armee zurück, die sich während seiner Abwesenheit westwärts bewegt hatte und bei der er in der Nähe von Cashel wieder eintraf.[63]