Um diese Zeit erhielt er einen Brief von Marien, worin sie ihn ersuchte, eine wichtige Frage zu entscheiden, über welche der Rath der Neun getheilter Meinung war. Marlborough war der Ansicht, daß jede Gefahr einer Invasion für dieses Jahr vorüber sei. Das Meer, sagte er, sei frei, denn die französischen Schiffe seien nach Hause zurückgekehrt, wo sie ausgebessert würden. Jetzt sei es Zeit, eine englische Flotte mit fünftausend Mann Truppen an Bord nach dem südlichen Ende von Irland zu schicken. Eine solche Streitmacht könne Cork und Kinsale, zwei der wichtigsten Plätze, die sich noch in der Gewalt der Truppen Jakob’s befänden, ohne Schwierigkeit nehmen. Nottingham unterstützte Marlborough kräftig; eben so energisch aber opponirten ihm die übrigen Mitglieder des Staatsraths mit Caermarthen an ihrer Spitze. Die Königin berichtete die Sache ihrem Gemahl. Er billigte den Plan entschieden und gab Befehl, daß er von dem General, der ihn entworfen, ausgeführt werden solle. Caermarthen fügte sich, wenn auch mit Widerstreben und über die ausnehmende Parteilichkeit Sr. Majestät für Marlborough murrend.[64]

Die irische Armee bei Limerick zusammengezogen. Lauzun erklärt, daß der Platz nicht zu halten sei.

Inzwischen rückte Wilhelm gegen Limerick vor. In diese Stadt hatte die am Boyne geschlagene Armee sich geworfen, zwar entmuthigt und mit Schande bedeckt, der Zahl nach aber nur unbedeutend geschwächt. Er würde nicht die Mühe gehabt haben, sie zu belagern, wenn der Rath Lauzun’s und seiner Landsleute befolgt worden wäre. Sie lachten über den Gedanken, solche Festungswerke vertheidigen zu wollen und gestanden überhaupt gar nicht zu, daß man den Namen Befestigungswerke Erdhaufen geben könne, die allerdings wenig Aehnlichkeit mit den Werken von Valenciennes und Philipsburg hatten. „Die Engländer,” sagte Lauzun mit einem Schwure, „brauchen nicht erst Kanonen gegen eine Festung wie diese aufführen zu lassen. Was Ihr Eure Wälle nennt, könnte man mit gebratenen Aepfeln zusammenschießen.” Er stimmte daher für die Räumung Limerick’s und erklärte daß er entschlossen sei, auf keinen Fall das Leben der Tapferen, die sein Gebieter seiner Obhut anvertraut habe, in einem nutzlosen Widerstande aufzuopfern.[65] Die persönlichen Neigungen des glänzenden und kühnen Franzosen hatten allerdings nicht geringen Einfluß auf seinen Ausspruch. Er und seine Waffengefährten waren Irland’s müde. Sie waren bereit, muthig, ja freudig auf einem Schlachtfelde dem Tode ins Angesicht zu schauen; aber das unthätige, schmutzige und barbarische Leben, das sie nun schon seit mehreren Monaten führten, war mehr als sie ertragen konnten. Sie waren der civilisirten Welt eben so weit entrückt, als wenn sie nach Dahomey oder Spitzbergen verbannt gewesen wären. Das Klima untergrub ihre Gesundheit und ertödtete ihre Lebensgeister. In diesem durch einen jahrelangen Raubkrieg ausgesogenen unglücklichen Lande vermochte die Gastfreundschaft wenig mehr zu bieten als ein Strohlager, ein Stück halb rohes und halb verbranntes Fleisch und einen Schluck saure Milch. Eine Brotrinde und eine Flasche Wein waren kaum für schweres Geld zu erlangen. Ein Jahr solcher Strapatzen und Entbehrungen war eine Ewigkeit für Männer, welche von jeher gewohnt waren, allen Luxus von Paris mit ins Feld zu nehmen: weiche Betten, kostbare Decken, Silbergeschirr, Körbe voll Champagner, Operntänzerinnen, Köche und Musiker. Besser ein Gefangener in der Bastille, besser ein Mönch in La Trappe, als Generalissimus der halbnackten Wilden, die sich im Schlamme der öden Sümpfe von Munster wälzten. Jeder Vorwand war willkommen, der als Entschuldigung für die Rückkehr in das Land der Kornfelder und Weingärten, der vergoldeten Karossen und der Spitzenkragen, der Ballsäle und Theater dienen konnte.[66]

Die Irländer bestehen auf der Vertheidigung von Limerick.

Ganz anders war die Gesinnung der Söhne des Landes. Die Insel, welche in den Augen französischer Hofleute ein trostloser Verbannungsort war, war des Irländers Heimath. Hier waren alle Gegenstände seiner Liebe und seines Ehrgeizes vereinigt und hier hoffte er, daß sein Staub sich einst mit dem Staube seiner Väter vermischen werde. Für ihn hatten selbst der durch die Dünste des Oceans verschleierte Himmel, die schwarzen Binsendickichte und stehenden Gewässer, die Lehmhütten, in denen die Landleute ihre Wurzelmahlzeit mit den Schweinen theilten, einen Reiz, der den sonnigen Tagen, den wogenden Feldern und den stattlichen Palästen der Seine fehlte. Er konnte sich keine schönere Wohnstätte denken als sein Vaterland, wenn es erst einmal von der Tyrannei der Sachsen erlöst sein würde; und jede Hoffnung, sein Vaterland von dem Tyrannenjoche der Sachsen erlöst zu sehen, mußte schwinden, wenn Limerick übergeben wurde.

Das Verhalten der Irländer während der letzten zwei Monate hatte ihren militärischen Ruf auf die tiefste Stufe herabgezogen. Sie waren, mit Ausnahme einiger tapferer Cavallerieregimenter, am Boyne schimpflich geflohen und hatten sich dadurch die Verachtung ihrer Feinde sowohl wie ihrer Verbündeten zugezogen. Die Engländer, die sich in Saint-Germains befanden, nannten die Irländer nie anders als ein Volk von Memmen und Verräthern.[67] Die Franzosen waren so erbittert gegen die unglückliche Nation, daß irische Kaufleute, die schon seit vielen Jahren in Paris etablirt waren, sich nicht in den Straßen zeigen durften, wenn sie vom Pöbel nicht insultirt werden wollten.[68] Das Vorurtheil war so stark, daß alberne Geschichten erfunden wurden, um die Unerschrockenheit, mit der die Reiter gefochten, zu erklären. Bald sagte man, die Reiter seien nicht Männer von celtischem Geblüt, sondern Nachkommen der alten Engländer des Sachsengebiets;[69] bald wieder, sie seien kurz vor der Schlacht mit Branntwein berauscht worden.[70] Nichts ist jedoch gewisser, als daß sie zum größten Theil irischer Abstammung gewesen sein müssen; auch hatte der sich gleichbleibende Muth, den sie in einem langen und fast hoffnungslosen Kampfe entfalteten, nicht die mindeste Aehnlichkeit mit der Wuth eines durch geistige Getränke zu momentaner Tapferkeit erhitzten Feiglings. Selbst bei der Infanterie, so undisciplinirt und desorganisirt sie war, fand sich viel Muth, nur wenig Ausdauer. Anfälle von Begeisterung und Anfälle von Entmuthigung wechselten mit einander ab. Das nämliche Bataillon, das jetzt in panischem Schrecken die Waffen wegwarf und um Pardon bat, focht bei einer andren Gelegenheit mit großer Tapferkeit. In der Schlacht am Boyne war der Muth der ungeübten und schlecht commandirten Kernen auf den Nullpunkt gesunken. Als sie sich in Limerick wieder gesammelt hatten, war ihr Blut in Aufruhr. Patriotismus, Fanatismus, Scham, Rachedurst und Verzweiflung hatten sie über sich selbst erhoben. Offiziere und Mannschaften verlangten einstimmig, daß die Stadt bis aufs Aeußerste vertheidigt werde. An der Spitze Derer, welche für den Widerstand waren, stand der tapfere Sarsfield, und seine Ermahnungen erweckten in allen Reihen einen Muth, der dem seinigen gleichkam. Sein Vaterland zu retten, lag außer seiner Macht. Er konnte nichts weiter thun, als den letzten Todeskampf um ein blutiges und unheilvolles Jahr verlängern.[71]

Tyrconnel ist gegen die Vertheidigung von Limerick.

Tyrconnel war vollkommen unfähig, die Frage, über welche die Franzosen und die Irländer getheilter Meinung waren, zu entscheiden. Die einzigen militärischen Tugenden, die er jemals besessen, waren persönliche Tapferkeit und Geschicklichkeit im Gebrauche des Degens. Diese Eigenschaften hatten ihn in früherer Zeit befähigt, Nebenbuhler von den Thüren seiner Maitressen fern zu halten und bei Hahnenkämpfen und am Spieltische den Hektor zu spielen. Um aber über die Möglichkeit einer Vertheidigung von Limerick sich ein Urtheil zu bilden, dazu gehörte mehr. Wäre sein Blut noch so heiß gewesen wie in den Tagen, da er mit Grammont würfelte und dem alten Herzoge von Ormond den Hals zu brechen drohte, würde er wahrscheinlich dafür gestimmt haben, das Aeußerste zu wagen. Aber Alter, Mühen und Krankheit hatten von dem bramarbasirenden, polternden und rauflustigen Dick Talbot der Restauration wenig mehr übrig gelassen. Er war sehr schwach geworden und einer energischen Anstrengung nicht mehr fähig. Die französischen Offiziere erklärten ihn für gänzlich unwissend in der Kriegskunst. Sie hatten bemerkt, daß er am Boyne ganz bestürzt ausgesehen, unfähig selbst Anordnungen zu treffen, ja sogar unfähig, sich über die von Anderen gemachten Vorschläge zu entscheiden.[72] Die Niederlagen, welche seitdem rasch aufeinander gefolgt, waren nicht geeignet, die Lebenskraft eines so kläglich geschwächten Geistes wieder zu heben. Seine Gattin war mit den spärlichen Ueberresten seines einst großen Vermögens schon in Frankreich, er wünschte ihr dahin zu folgen, und daher stimmte er für das Aufgeben der Stadt.

Limerick wird von den Irländern allein vertheidigt.

Schließlich wurde ein Uebereinkommen getroffen. Lauzun und Tyrconnel zogen sich mit den französischen Truppen nach Galway zurück, und die Hauptmacht der eingebornen Armee, etwa zwanzigtausend Mann, blieb in Limerick. Das Obercommando wurde hier Boisseleau übertragen, der den Character der Irländer besser kannte und sie in Folge dessen günstiger beurtheilte als irgend einer ihrer Landsleute. Im Allgemeinen sprachen die französischen Offiziere von ihren Verbündeten mit grenzenloser Verachtung und Abscheu, wodurch sie sich bei ihnen ebenso verhaßt machten wie die Engländer.[73]