Lauzun und Tyrconnel waren kaum abgezogen, als die Vorhut von Wilhelm’s Armee sichtbar wurde. Bald kam der König selbst, von Auverquerque und Ginkell nebst einer Eskorte von dreihundert Reitern begleitet, herangeritten, um die Festungswerke in Augenschein zu nehmen. Die Stadt, damals die zweite in Irland, hat, obwohl weniger verändert, als die meisten anderen großen Städte auf den britischen Inseln, seitdem doch eine große Umgestaltung erfahren. Die Neustadt existirte damals noch nicht. Der Boden, der jetzt mit den schön gepflasterten breiten Straßen, den reizenden Gärten und den eleganten Läden bedeckt ist, welche von rothen Backsteinen glänzen und in deren Auslagen Shawls und Porzellanwaaren das Auge erfreuen, war damals eine außerhalb der Mauern liegende unbebaute Wiese. Die alte Stadt bestand aus zwei Theilen, welche seit mehreren Jahrhunderten die englische und die irische Stadt, genannt wurden. Die englische Stadt liegt auf einer vom Shannon gebildeten Insel und besteht aus einem Knäuel alterthümlicher Häuser mit Giebelenden, welche dicht zusammengedrängt eine ehrwürdige Kathedrale umgeben. Das Aussehen der Straßen ist von der Art, daß der Reisende der sie durchwandert, sich leicht in die Normandie oder nach Flandern versetzt glauben kann. Nicht weit von der Kathedrale blickt ein altes, von Unkraut und Epheu überwuchertes Schloß auf den Fluß hernieder. Ein schmaler und reißender Strom, über den im Jahre 1690 nur eine einzige Brücke führte, scheidet die englische Stadt von dem Stadttheile, den ehemals die Hütten der eingebornen Bevölkerung bedeckten. Die Aussicht vom Thurme der Kathedrale erstreckt sich jetzt meilenweit über ein großes Gebiet von Feldern und Gärten, durch das sich der größte der irischen Ströme zwischen künstlichen Ufern dahin schlängelt. Im 17. Jahrhundert aber waren diese Ufer noch nicht gebaut, und die weite Ebene, deren Gras, üppiger noch als selbst das von Munster, gegenwärtig Viehheerden der schönsten Art in Europa nährt, war damals fast beständig ein Sumpf und oft ein See.[74]
Als es bekannt wurde, daß die französischen Truppen Limerick verlassen hatten und daß nur die irischen zurückgeblieben waren, erwartete man im englischen Lager allgemein, daß die Stadt leicht zu nehmen sein werde.[75] Diese Erwartung war auch keine überspannte, denn selbst Sarsfield verzweifelte. Nur eine Möglichkeit gab es nach seiner Ansicht noch. Wilhelm hatte nur kleine Kanonen mitgebracht. Mehrere große Belagerungsgeschütze, eine große Menge Proviant und Munition und eine Brücke von zinnernen Booten, deren man in der wasserreichen Ebene des Shannon häufig bedurfte, folgten langsam von Cashel. Wenn die Kanonen und das Schießpulver weggenommen und vernichtet werden könnten, meinte Sarsfield, so dürfe man einige Hoffnung hegen. Wenn nicht, so sei Alles verloren, und ein tapferer, hochherziger irischer Gentleman könne dann nichts Besseres thun als das Vaterland, das er vergebens zu vertheidigen versucht habe, vergessen und in einem fremden Lande eine Heimath oder ein Grab suchen.
Sarsfield überrumpelt die englische Artillerie.
Wenige Stunden nachdem die englischen Zelte vor Limerick aufgeschlagen waren, brach Sarsfield demgemäß unter dem Schutze der Dunkelheit mit einem starken Trupp Reiter und Dragoner auf. Er schlug die Straße nach Killaloe ein und ging dort über den Shannon. Den Tag über hielt er sich mit seiner Schaar in einem wilden Gebirgszuge versteckt, der nach den Silberminen, welche er enthält, benannt wird. Diese Gruben waren vor vielen Jahren durch englische Unternehmer mit Hülfe von Ingenieuren und Arbeitern, die sie vom Festlande mit herübergebracht, ausgebeutet worden. Aber in dem Aufstande von 1641 hatte die eingeborne Bevölkerung die Werke zerstört und die Arbeiter niedergemacht, und die damals angerichteten Zerstörungen waren nicht wieder reparirt worden. In dieser wüsten Gegend fehlte es Sarsfield nicht an Kundschaftern und Führern, denn das ganze Landvolk von Munster war entschieden auf seiner Seite. Am Abend erfuhr er, daß das Detachement, welches die englische Artillerie eskortirte, etwa sieben Meilen von Wilhelm’s Lager auf einem grünen Wiesenplan unter den verfallenen Mauern eines alten Schlosses für die Nacht Halt gemacht habe, daß Offiziere und Mannschaften sich anscheinend vollkommen sicher glaubten, daß die Pferde abgezäumt worden seien, um zu weiden, und daß selbst die Schildwachen schliefen. Als es dunkel geworden, verließen die irischen Reiter ihr Versteck und wurden von den Leuten der Gegend nach dem Orte geführt, wo die Eskorte um die Kanonen herum im Schlafe lag. Der Ueberfall gelang vollkommen. Einige von den Engländern sprangen zu ihren Waffen und machten einen Versuch zum Widerstande, aber vergebens. Etwa sechzig Mann fielen, ein einziger wurde lebend gefangen genommen, die übrigen ergriffen die Flucht. Die siegreichen Irländer schoben die Wagen und Geschütze zu einem ungeheuren Haufen zusammen, jeder Kanonenlauf wurde voll Pulver gepfropft und mit der Mündung in die Erde befestigt und so die ganze Masse in die Luft gesprengt. Der einzige Gefangene, ein Leutnant, wurde von Sarsfield mit großer Artigkeit behandelt. „Wenn mir dieser Versuch mißlungen wäre,” sagte der tapfere Irländer, „würde ich nach Frankreich gegangen sein.”[76]
In Wilhelm’s Lager war die Nachricht gelangt, daß Sarsfield sich heimlich aus Limerick entfernt habe und in der Gegend umherstreife. Der König errieth die Absicht seines tapferen Feindes und schickte fünfhundert Reiter zum Schutze der Kanonen ab. Unglücklicherweise entstand eine Verzögerung des Abmarsches, welche die Engländer, jederzeit geneigt von den holländischen Höflingen das Schlimmste zu denken, der Nachlässigkeit oder dem Eigensinne Portland’s zuschrieben. Um ein Uhr Morgens brach das Detachement auf, hatte aber das Lager kaum verlassen, als ein blitzähnlicher Lichtschein und ein donnerähnliches Krachen dem breiten Thale des Shannon verkündete, daß Alles vorüber war.[77]
Sarsfield war schon längst der Liebling seiner Landsleute, und diese zur rechten Seit klug ersonnene und energisch ausgeführte Waffenthat hob ihn noch höher in ihrer Achtung. Ihr Muth wuchs, während der der Belagerer zu sinken begann, Wilhelm that sein Möglichstes, um den erlittenen Verlust zu ersetzen. Zwei von den in die Luft gesprengten Kanonen wurden noch brauchbar befunden, zwei andere wurden von Waterford geholt und Batterien aus kleinen Feldstücken gebildet, die zwar gegen eine Festung des Hennegau oder Brabant’s nichts ausgerichtet haben würden, auf die schwachen Vertheidigungswerke von Limerick aber doch einige Wirkung äußerten. Mehrere Außenwerke wurden mit Sturm genommen und es begann sich in dem Walle der Stadt eine Bresche zu zeigen.
Ankunft Baldearg O’Donnel’s in Limerick.
Während dieser Operation wurde die englische Armee durch einen Vorfall in Staunen und Heiterkeit versetzt, der zwar keine sehr erheblichen Folgen hatte, aber auf das Treffendste das wahre Wesen des irischen Jakobitismus characterisirt. In der ersten Reihe der vornehmen celtischen Familien, welche bis zu Ende der Regierung Elisabeth’s in Ulster den Ton angaben, standen die O’Donnel. Das Oberhaupt dieses Hauses hatte sich der Gewandtheit und Energie Mountjoy’s gefügt, hatte Jakob I. die Hand geküßt und sich dazu bequemt die rohe Unabhängigkeit eines Miniaturfürsten mit einer sehr angesehenen Stellung unter den britischen Unterthanen zu vertauschen. Eine kurze Zeit lang bekleidete der besiegte Häuptling den Rang eines Earls und war Gutsherr einer ungeheuren Besitzung, deren Souverain, er einst gewesen. Bald aber begann er zu argwöhnen, daß die Regierung gegen ihn conspirire, und aus Rache oder Nothwehr conspirirte er gegen die Regierung. Seine Pläne scheiterten, er flüchtete auf den Continent, sein Titel und seine Güter wurden eingezogen und auf dem Gebiete, das er beherrscht hatte, ward eine angelsächsische Colonie gegründet. Inzwischen suchte er am spanischen Hofe eine Freistätte. Zwischen diesem Hofe und den eingebornen Irländern hatte während des langen Kampfes zwischen Philipp und Elisabeth ein freundschaftliches Verhältniß bestanden. Der verbannte Häuptling wurde daher in Madrid als ein vor seinen ketzerischen Verfolgern geflohener guter Katholik in Madrid freundlich aufgenommen. Seine vornehme Abkunft und sein fürstlicher Rang, die den Engländern lächerlich erschienen, sicherte ihm die Achtung der castilischen Granden. Seine Ehren und Würden erbte eine Reihenfolge verbannter Nachkommen, welche fern von dem Lande lebten und starben, wo das Gedächtniß seiner Familie bei dem rauhen Landvolke in Liebe bewahrt und durch die Lieder der Minstrels und die Erzählungen der Bettelmönche aufgefrischt wurde. Endlich, im dreiundachtzigsten Jahre der Verbannung dieser alten Dynastie wurde es in ganz Europa bekannt, daß die Irländer wieder für ihre Unabhängigkeit kämpften. Baldearg O’Donnel, der sich „der O’Donnel” nannte, ein in den Augen seines Geschlechts viel vornehmerer Titel als der eines Marquis oder eines Herzogs, war in Spanien aufgewachsen und stand im Dienste der spanischen Regierung. Er suchte bei dieser Regierung um die Erlaubniß nach, sich nach Irland zu begeben, die ihm aber verweigert wurde, weil das Haus Oesterreich jetzt durch enge Bande mit England verknüpft war. Der O’Donnel entwich daher heimlich und gelangte auf einem weiten Umwege, auf dem er die Türkei besuchte, nach Kinsale, wenige Tage nachdem Jakob von dort nach Frankreich abgesegelt war. Der Eindruck, den die Ankunft dieses einsamen Wanderers auf die eingeborne Bevölkerung machte, war wunderbar. Seit der Wiedereroberung Ulster’s durch die Engländer waren große Massen der irischen Bewohner dieser Provinz nach dem Süden ausgewandert und führten jetzt in Connaught und Munster ein nomadisirendes Leben. Diese Leute, von Kindheit auf daran gewöhnt, von der guten alten Zeit erzählen zu hören, wo der O’Donnel durch den Nachfolger St. Columban’s auf den Felsen von Kilmacrenan feierlich eingesetzt, den Fremden des sächsischen Gebiets zum Trotz über die Gebirge von Donegal regiert hatte, schlossen sich dem Banner des zurückgekehrten Verbannten an. Er stand bald an der Spitze von sieben- bis achttausend Rapparees oder Creaghts, wie sie in Ulster genannt wurden, und seine Anhänger hielten zu ihm mit einer Hingebung, welche auffallend mit dem lauen Gefühle contrastirte, das der sächsische König Jakob einzuflößen vermocht hatte. Priester und sogar Bischöfe sah man in dem Gefolge des Abenteurers. Der ihm zu Theil gewordene Empfang machte ihn so stolz, daß er Agenten nach Frankreich schickte, welche den Ministern Ludwig’s versicherten, daß der O’Donnel, wenn man ihm Waffen und Munition lieferte, dreißigtausend Celten aus Ulster ins Feld stellen würde und daß die Celten von Ulster in allen militärischen Eigenschaften denen von Leinster, Munster und Connaught bei weitem überlegen seien. Baldearg bediente sich keines Ausdrucks, welcher verrathen hätte, daß er sich als einen Unterthan betrachtete. Er war offenbar der Meinung, das Haus O’Donnel sei eben so ächt und unveräußerlich königlich wie das Haus Stuart, und nicht wenige von seinen Landsleuten waren der nämlichen Ansicht. Er hielt einen pomphaften Einzug in Limerick und sein Erscheinen steigerte die Hoffnungen der dortigen Besatzung auf eine unglaubliche Höhe. Man erinnerte sich zahlreicher Prophezeiungen oder erfand solche. Ein O’Donnel mit einem rothen Maale sollte der Befreier seines Vaterlandes werden, und der Name Baldearg bedeutete ein rothes Maal. Ein O’Donnel sollte bei Limerick eine große Schlacht über die Engländer gewinnen, und der O’Donnel stand jetzt in Limerick den Engländern gegenüber.[78]
Die Belagerer leiden vom Regen.
Während diese Prophezeiungen von den Vertheidigern der Stadt eifrig wiederholt wurden, begannen schlimme Vorzeichen, die sich aber nicht auf barbarische Orakel, sondern auf gewichtige militärische Gründe stützten, Wilhelm und seine erfahrensten Offiziere zu beunruhigen. Der von Sarsfield geführte Schlag hatte empfindlich getroffen; die Artillerie hatte nur langsam gewirkt und nichts Vollkommenes erreicht; der Pulvervorrath war zusammengeschmolzen und die Herbstregen stellten sich ein. Die in den Laufgräben arbeitenden Soldaten standen bis an die Knie im Schlamme. Keine Vorsichtsmaßregel wurde verabsäumt; aber obgleich Kanäle zur Ableitung des Wassers gegraben wurden und Kessel voll Usquebaugh und Brandy die ganze Nacht in den Zelten über Feuer standen, waren doch schon Fieberfälle vorgekommen und man hatte allen Grund zu befürchten, daß, wenn die Armee nur noch einige Tage auf diesem sumpfigen Boten zubrachte, eine verheerendere Seuche ausbrechen würde als die, welche ein Jahr früher unter den Mauern von Dundalk gewüthet hatte.[79] Es wurde ein Kriegsrath gehalten. Man beschloß eine große Anstrengung zu machen und, falls diese Anstrengung nicht gelang, die Belagerung aufzuheben.