Auf dem Marsche durch die Gegend zwischen Loch Long und Loch Lomond wurden die Insurgenten fortwährend durch Abtheilungen der Miliz beunruhigt. Es fanden einige Gefechte statt, in denen der Vortheil auf Seiten des Earl blieb, aber die vor ihm her fliehenden Trupps verbreiteten die Nachricht von seinem Heranrücken und bald nach seinem Übergang über den Fluß Leven stieß er auf ein zahlreiches Corps regulärer und irregulärer Truppen, welche bereit waren, sich mit ihm zu messen.
Er war dafür, eine Schlacht anzunehmen, eben so auch Ayloffe. Hume aber erklärte es für Wahnsinn, mit dem Feinde anzubinden. Er sah ein Regiment in scharlachrother Uniform, und es konnten noch mehr dahinter stehen: eine solche Macht angreifen, hieße einem sicheren Tode in den Rachen eilen. Das Beste sei, sich bis zur Nacht ganz still zu verhalten und dann dem Feinde wo möglich zu entschlüpfen.
Es entspann sich ein heftiger Wortwechsel, der nur mit Mühe durch Rumbold’s Vermittelung beschwichtigt wurde. Es war Abend geworden, und die beiden feindlichen Heere lagerten in nicht großer Entfernung von einander. Der Earl wagte es, einen nächtlichen Angriff vorzuschlagen, wurde aber auch diesmal wieder überstimmt.
[31.] Wer etwa glauben sollte, daß ich die Unvernunft und Wildheit dieser Menschen übertreibe, dem rathe ich, zwei Bücher zu lesen, die ihn überzeugen werden, daß ich die Farben eher gemildert als zu stark aufgetragen habe. Die Titel dieser beiden Werke sind: Hind let loose und Faithful Contendings displayed.
[32.] See. D. Übers.
Argyle’s Truppe zerstreut. [Nachdem] der Beschluß gefaßt war, nicht zu kämpfen, blieb nichts weiter übrig als den Schritt zu thun, den Hume anempfohlen hatte. Es war einige Möglichkeit vorhanden, daß der Earl, wenn er in aller Stille aufbrach und die ganze Nacht durch über Haiden und Moräste davoneilte, dem Feinde einen Vorsprung von mehreren Meilen abgewinnen und ohne weitere Behinderung Glasgow erreichen konnte. Man ließ die Wachtfeuer brennen und setzte sich in Marsch. Doch nun folgte ein Unglück auf das andre. Die Führer verfehlten den Weg durch die Moore und führten die Armee in weichen Sumpfboden. Eine militairische Ordnung konnte bei diesen undisciplinirten und entmuthigten Soldaten unter einem stockfinstren Himmel und auf einem trügerischen, unebenen Boden nicht aufrecht erhalten werden. Schrecken auf Schrecken verbreitete sich in den getrennten Reihen. Was man sah und hörte hielt man für ein Anzeichen vom Herannahen der Verfolger. Einige von den Officieren trugen noch zur Vermehrung der Angst bei, während es ihre Pflicht gewesen wäre, sie zu vermindern. Die Armee war ein demoralisirter Haufe geworden und dieser schmolz rasch zusammen. Große Massen entflohen unter dem Schutze der Dunkelheit. Rumbold und einige andere Tapfere, die keine Gefahr schrecken konnte, verirrten sich und waren nicht im Stande, das Hauptcorps wieder aufzufinden. Als der Tag anbrach, sammelten sich nur etwa fünfhundert erschöpfte und entmuthigte Flüchtlinge in Kilpatrick.
Argyle gefangen genommen. [An] eine Fortsetzung des Kriegs war nicht mehr zu denken und es lag klar auf der Hand, daß es den Anführern der Expedition schwer genug werden würde, nur ihr Leben in Sicherheit zu bringen. Sie entflohen in verschiedenen Richtungen. Hume erreichte glücklich das Festland. Cochrane wurde ergriffen und nach London gebracht. Argyle hoffte unter dem Dache eines seiner alten Diener, der in der Nähe von Kilpatrick wohnte, ein sicheres Asyl zu finden. Allein er sah sich in dieser Hoffnung getäuscht und war gezwungen, über den Clyde zu gehen. Er verkleidete sich als Landmann und übernahm die Rolle eines Führers des Majors Fullarton, dessen muthvolle Treue vor keiner Gefahr zurückschreckte. Die beiden Freunde reisten mit einander durch Renfrewshire bis Inchinnan. Hier vereinigen sich der schwarze Cart und der weiße Cart, bevor sie sich in den Clyde ergießen. Diese beiden Ströme fließen jetzt durch blühende Städte und treiben die Räder zahlreicher Fabriken; damals aber ging ihr ruhiger Lauf durch Moorstrecken und Schafweiden. Die einzige Furth, durch welche die Reisenden den Fluß passiren konnten, wurde von einer Abtheilung Miliz bewacht. Fullarton versuchte es, den Verdacht auf sich zu lenken, damit sein Begleiter unbemerkt entschlüpfen könnte; aber die Frager ahneten, daß der Führer nicht der ungebildete Landmann sei, der er scheinen wollte. Sie legten Hand an ihn. Er riß sich los und sprang in’s Wasser, ward aber sofort verfolgt. Eine kurze Zeit vertheidigte er sich gegen fünf Angreifer; aber er hatte keine anderen Waffen als seine Taschenpistolen, und diese waren in Folge seines Sprunges ins Wasser so naß geworden, daß sie versagten. Ein Schwerthieb streckte ihn zu Boden und er wurde festgenommen.
Er gab sich nun als den Earl von Argyle zu erkennen, wahrscheinlich in der Hoffnung, daß sein angesehener Name bei denen, die ihn ergriffen hatten, Ehrfurcht und Mitleid erwecken würde. Sie waren auch wirklich tief erschüttert, denn sie waren einfache Schotten niederen Standes, und obgleich im Dienste der Krone bewaffnet, hegten sie doch vielleicht einige Vorliebe für calvinistische Kirchenverfassung und Gottesdienst und waren überdies gewohnt, ihren Gefangenen als das Oberhaupt eines erlauchten Hauses und als einen Vorkämpfer des protestantischen Glaubens zu verehren. Doch obschon sie sichtbar ergriffen waren und obschon einige von ihnen sogar weinten, so konnten sie sich doch nicht entschließen, die versprochene ansehnliche Belohnung fahren zu lassen und sich der Rache einer unerbittlichen Regierung auszusetzen. Sie brachten daher ihren Gefangenen nach Renfrew. Der Mann, welcher bei der Verhaftung die Hauptrolle spielte, hieß Riddell. Aus diesem Grunde war das ganze Geschlecht der Riddell über ein Jahrhundert lang bei dem großen Stamme der Campbell verhaßt. Noch Lebende können sich erinnern, daß ein Riddell, der einen Markt in Argyleshire besuchte, es für rathsam hielt, einen falschen Namen anzunehmen.
Jetzt begann der glänzendste Theil von Argyle’s Laufbahn. Sein Unternehmen hatte ihm bisher nur Tadel und Spott eingetragen. Sein großer Fehler war, daß er sich nicht entschieden geweigert hatte, den Titel eines Generals, ohne die Macht desselben, anzunehmen. Wäre er ruhig in Friesland geblieben, so würde er in wenigen Jahren mit Ehren in sein Vaterland zurückgerufen worden sein und hätte dann bald eine hervorragende Zierde und Stütze der constitutionellen Monarchie erden können. Hätte er die Expedition nach seinen eigenen Ansichten in’s Werk gesetzt und nur solche Begleiter mitgenommen, welche bereit waren, allen seinen Befehlen unbedingt zu gehorchen, so hätte er möglicherweise etwas Großes bewirken können, denn es scheint ihm zu einem Befehlshaber weder an Muth, noch an Thätigkeit oder Geschicklichkeit gefehlt zu haben, sondern einzig und allein an Autorität. Er hätte wissen sollen, daß von allen Mängeln dieser der verderblichste ist. Es haben schon Armeen unter Anführern gesiegt, welche eben keine hervorragenden Eigenschaften besaßen. Aber welches Heer, das von einem zanksüchtigen Clubb commandirt wurde, wäre je der Auflösung und Schande entgangen?
Das große Unglück, das Argyle betroffen, hatte das Gute, daß es ihm Gelegenheit verschaffte, durch unverkennbare Beweise zu zeigen, was für ein Mann er war. Von dem Tage, an welchem er Friesland verließ, bis zu dem, wo seine Begleiter sich in Kilpatrick von ihm trennten, hatte er nie frei handeln können. Er hatte die Verantwortlichkeit für eine Reihe von Maßregeln auf sich nehmen müssen, die sein Verstand mißbilligte. Jetzt endlich stand er allein. Die Gefangenschaft hatte ihm die edelste Art der Freiheit wiedergegeben, die Freiheit, sich in allen seinen Worten und Thaten nur durch seinen eignen Sinn für Recht und Schicklichkeit leiten zu lassen. Von diesem Augenblick war es als ob neue Weisheit und Tugend in ihm eingezogen wären. Sein Verstand schien geschärft und geläutert, sein sittlicher Character gehoben und zugleich gemildert. Der freche Übermuth der Sieger unterließ nichts, was den auf seinen alten Adel und auf sein patriarchalisches Ansehen stolzen Mann kränken und demüthigen konnte. Der Gefangene ward im Triumph durch Edinburg geschleppt. Er ging zu Fuß und entblößten Hauptes die ganze stattliche Straße entlang, welche von düsteren und riesenhaften steinernen Gebäuden beschattet wird und von Holyrood House nach dem Schlosse führt. Vor ihm her schritt der Henker mit dem fürchterlichen Werkzeuge, welches zum Viertheilen auf dem Blocke gebraucht wurde. Die siegreiche Partei hatte nicht vergessen, daß fünfunddreißig Jahre früher Argyle’s Vater an der Spitze der Faction gestanden, welche Montrose dem Tode überantwortete. Schon vor diesem Ereignisse waren die Häuser Graham und Campbell einander nicht zugethan, seitdem aber hatten sie beständig in blutiger Fehde gelegen. Man nahm darauf Bedacht, daß der Gefangene durch das nämliche Thor und durch die nämlichen Straßen ging, durch welche Montrose dem gleichen Schicksale entgegen geführt worden war. Die Truppen, welche den Zug begleiteten, standen unter dem Commando Claverhouse’s, dem Wildesten und Härtesten vom Geschlechte der Graham. Als der Earl auf dem Schlosse angelangt war, wurden ihm Ketten an die Füße geschmiedet und ihm angekündigt, daß er nur noch wenige Tage zu leben habe. Man hatte beschlossen, ihn nicht seines letzten Vergehens wegen vor Gericht zu stellen, sondern ihn ohne weiteres hinzurichten in Gemäßheit eines mehrere Jahre vorher gegen ihn gefällten Urtheils, eines Urtheils von so empörender Ungerechtigkeit, daß selbst die servilsten und gefühllosesten Juristen jener schlimmen Zeit nicht ohne Beschämung davon sprechen konnten.