Aber weder die schimpfliche Prozession durch High Street, noch die nahe Aussicht auf den Tod vermochte Argyle’s edle und majestätische Ruhe zu erschüttern. Seine Standhaftigkeit wurde indeß auf eine noch härtere Probe gestellt. Auf Befehl des Geheimen Raths ward ihm ein Papier mit Fragen vorgelegt. Von diesen Fragen beantwortete er diejenigen, die er ohne Gefahr für seine Freunde beantworten konnte, und weigerte sich mehr zu sagen. Hierauf sagte man ihm, daß wenn er nicht vollständigere Antworten gäbe, er auf die Folter gespannt werden würde. Jakob, der es gewiß sehr bedauerte, daß er sich nicht persönlich an dem Anblicke Argyle’s in den spanischen Stiefeln weiden konnte, hatte die gemessensten Befehle nach Edinburg gesandt, daß nichts versäumt werden solle, was dem Verräther Aufschluß über Alle, die bei dem Verrath betheiligt waren, erpressen könnte. Doch alle Drohungen waren vergebens. Trotz unmittelbarer Aussicht auf Folterqualen und Tod dachte Mac Callum More weit weniger an sich selbst als an seine armen Clansleute. „Ich versuchte es heute,“ schrieb er aus seiner Zelle, „für sie zu unterhandeln, und ich hatte einige Hoffnung. Aber diesen Abend ist der Befehl gekommen, daß ich Montag oder Dienstag sterben müsse, und ich soll auf die Folter gelegt werden, wenn ich nicht alle Fragen beantworte und eidlich erhärte. Doch ich hoffe, Gott wird mich aufrecht erhalten.“
Die Folter wurde nicht angewendet. Vielleicht hatte die Hochherzigkeit des Opfers die Sieger zu ungewohntem Mitleid gerührt. Er selbst bemerkte, daß sie anfangs sehr hart gegen ihn gewesen waren, aber bald anfingen, ihn mit Achtung und Freundlichkeit zu behandeln. Gott, sagte er, hat ihre Herzen erweicht. Es ist erwiesen, daß er nicht einen seiner Freunde verrieth, um der äußersten Grausamkeit seiner Feinde zu entgehen. Am letzten Morgen seines Lebens schrieb er die Worte: „Ich habe Niemandem zu seinem Nachtheile genannt. Ich danke Gott, daß er mich so wunderbar aufrecht erhalten hat.“
Er verfaßte seine eigene Grabschrift, ein sinn- und geistvolles kurzes Gedicht von einfachem und kräftigem Styl und durchaus nicht zu verachtendem Versbau. In diesen Strophen beklagte er sich, daß, obgleich seine Feinde ihn wiederholt zum Tode verurtheilt hätten, seine Freunde doch noch herzloser gewesen wären. Einen Commentar zu diesen Äußerungen liefert ein Brief von ihm an eine in Holland wohnende Dame. Sie hatte ihm eine bedeutende Summe Geldes für seine Expedition gegeben und er meinte, daß sie deshalb gegründeten Anspruch auf eine ausführliche Darlegung der Ursachen habe, welche das Mißlingen derselben herbeigeführt. Von Verrath sprach er seine Gehülfen frei, ihre Thorheit, Unwissenheit und Parteisucht aber schilderte er in Ausdrücken, die sie, wie ihre eigenen Aussagen später bewiesen, mit vollem Rechte verdienten. Es stiegen nachher Zweifel in ihm auf, ob er für einen sterbenden Christen nicht eine zu harte Sprache geführt habe, und er bat daher seine Freundin noch auf einem besonderen Blatte, daß sie das von diesen Männern Gesagte als nicht geschrieben betrachten solle. „Nur dabei muß ich bleiben“ setzte er mild hinzu, „daß sie unlenksam waren.“
Den größten Theil der wenigen Stunden, die er noch zu leben hatte, brachte er im Gebet und in liebevoller Unterhaltung mit einigen Mitgliedern seiner Familie zu. Er legte keine Reue über sein letztes Unternehmen an den Tag, beklagte aber mit schmerzlicher Wehmuth seine frühere Fügsamkeit in geistlichen Dingen gegen das Belieben der Regierung. Er sagte, seine Strafe sei gerecht; wer so lange sich der Feigheit und Verstellung schuldig gemacht habe, sei nicht werth, das Rettungswerkzeug für Staat und Kirche zu sein. Die Sache aber, wiederholte er sehr häufig, sei Gottes Sache und werde gewiß triumphiren. „Ich gebe mich nicht für einen Propheten aus,“ sagte er, „aber ich habe eine bestimmte Ahnung, daß die Befreiung sehr nahe ist.“ Es kann nicht Wunder nehmen, daß einige eifrige Presbyterianer sich diesen Ausspruch merkten und ihn zu einer späteren Zeit göttlicher Eingebung zuschrieben.
Frommer Glaube und Hoffnung, verbunden mit natürlichem Muthe und stoischer Gelassenheit hatten sein Gemüth so vollkommen beruhigt, daß er noch an dem Tage, an dem er sterben sollte, mit Appetit zu Mittag speiste, sich bei Tische mit Heiterkeit unterhielt und sich dann, wie gewöhnlich, niederlegte, um einige Stunden zu schlafen, damit Leib und Seele in voller Kraft wären, wenn er das Schaffot bestiege. Um diese Zeit kam ein Lord des Geheimen Raths, der wahrscheinlich von Haus aus Presbyterianer war und sich nur durch Rücksichten des Eigennutzes hatte verleiten lassen, zur Unterdrückung der Kirche, der er früher selbst angehörte, beizutragen, mit einer Botschaft von seinen Kollegen in das Schloß und verlangte den Earl zu sprechen. Man antwortete ihm, daß der Earl schlafe. Der Geheimerath hielt dies für eine leere Ausflucht und bestand darauf, eingelassen zu werden. Die Thür der Zelle ward geöffnet und da lag der Earl auf dem Bett und schlief in seinen Ketten sanft wie ein unschuldiges Kind. In dem Renegaten regte sich das Gewissen. Mit zerknirschtem Herzen wendete er sich ab, eilte aus dem Schlosse und flüchtete sich zu einer dicht nebenan wohnenden Dame seiner Verwandtschaft. Hier warf er sich auf ein Sopha und überließ sich dem Schmerze der Beschämung und Reue. Der Ausdruck seines Blickes und seine Seufzer beunruhigten die Dame, sie glaubte er sei plötzlich krank geworden, und bat ihn ein Glas Sekt zu trinken. „Nein, nein“, erwiederte er, „das kann mir nicht helfen.“ Sie bat ihn nun, daß er ihr sagen möchte, was ihn so ergriffen habe. „Ich war in Argyle’s Gefängniß“, sagte er, „und ich habe ihn eine Stunde vor der Ewigkeit so sanft schlafen sehen, wie nur ein Mensch schlafen kann. Aber was mich betrifft —“
Der Earl erhob sich nun von seinem Lager und bereitete sich auf den letzten Gang vor. Er wurde zuerst die High Street hinab nach dem Sitzungshause des Geheimen Raths gebracht, wo er die kurze Zeit bis zu seiner Hinrichtung verweilen sollte. Während dieser letzten Frist bat er um Schreibzeug und schrieb an seine Gattin: „Liebes Weib, Gott ist unveränderlich. Er ist stets gütig und gnädig gegen mich gewesen und keine Lage ändert dies. Vergieb mir alle meine Fehler und suche Trost in Ihm, in dem allein der wahre Trost zu finden ist. Der Herr sei mit Dir, Er segne und tröste Dich. Lebe wohl.“
Argyle’s Hinrichtung. [Es] war jetzt Zeit, das Haus des Geheimen Raths zu verlassen. Die Geistlichen, welche den Gefangenen begleiteten, waren zwar nicht seines Glaubens, aber er hörte sie artig an und ermahnte sie, ihre Gemeinden vor denjenigen Lehren zu warnen, welche alle protestantischen Kirchen einstimmig verdammten. Er bestieg das Schaffot, wo die alte plumpe Guillotine Schottlands, die Jungfrau genannt, ihn erwartete, und hielt eine Ansprache an das Volk, die mit den eigenthümlichen Redensarten seiner Sekte durchwebt war, aber den Geist wahrer Frömmigkeit athmete. Er sagte, er vergebe seinen Feinden, wie er hoffe, daß ihm vergeben werden würde. Nur ein bittrer Ausdruck entschlüpfte ihm. Einer der bischöflichen Geistlichen, die ihn begleiteten, trat an den Rand des Schaffots und rief mit lauter Stimme aus: „Mylord stirbt als Protestant.“ — „Ja“, sagte der Earl vorgehend, „und nicht nur als Protestant, sondern mit dem Hasse gegen Papismus, Prälatenthum und jeden Aberglauben im Herzen.“ — Dann umarmte er seine Freunde, übergab ihnen einige Zeichen der Erinnerung für seine Gattin und seine Kinder, kniete nieder, legte das Haupt auf den Block, betete eine Weile und gab endlich dem Scharfrichter das Zeichen. Sein Kopf wurde auf die Spitze des Tolbooth gesteckt, wo vordem Montrose’s Haupt verwest war.[33]
[33.] Die Schriftsteller, denen ich die Erzählung von Argyle’s Expedition entlehnt habe, sind Sir Patrick Hume, der als Augenzeuge spricht, und Wodrow, dem die werthvollsten Materialien, darunter des Earls eigene Papiere, zu Gebote standen. Wo die Glaubwürdigkeit Argyle’s oder Hume’s in Frage kommt, da zweifle ich nicht, daß Argyle’s Erzählung die richtige ist. Siehe auch Burnet I. 631 und das Leben Bresson’s, herausgegeben von Dr. Mac Crie. Die Erzählung des schottischen Aufstandes in Clarke’s Life of James the Second ist ein lächerlicher Roman, geschrieben von einem Jakobiten, der sich nicht einmal die Mühe nahm, eine Karte des Kriegsschauplatzes anzusehen.
Rumbold’s Hinrichtung. [Der] Kopf des wackren und aufrichtigen, wenn auch nicht tadelfreien Rumbold war bereits auf dem Westthore von Edinburgh aufgesteckt. Umgeben von parteisüchtigen und feigen Verbündeten, hatte er sich während des ganzen Feldzugs als ein in der Schule des großen Protectors gebildeter Soldat gezeigt, hatte im Rathe die Autorität Argyle’s kräftig unterstützt und sich im Felde durch ruhige Unerschrockenheit ausgezeichnet. Nachdem die Armee sich zerstreut, wurde er von einer Abtheilung Miliz angegriffen. Er wehrte sich mit verzweifelter Tapferkeit und würde sich auch durchgeschlagen haben, hätte man seinem Pferde nicht die Fesseln zerschnitten. Tödtlich verwundet wurde er nach Edinburg gebracht. Die Regierung hätte ihn gern in England hinrichten lassen, aber er war dem Tode so nahe daß, wenn er nicht in Schottland gehängt wurde, er gar nicht gehängt werden konnte, und des Vergnügens, ihn zu hängen, wollten sich die Sieger nicht entschlagen. Es ließ sich zwar nicht erwarten, daß sie gegen einen Mann, der als das Haupt des Ryehousecomplots betrachtet wurde und Eigenthümer des Hauses war, von welchem dieses Complot seinen Namen erhielt, besondere Milde üben würden; aber die Rücksichtslosigkeit, mit der sie den Sterbenden behandelten, muß unsrem humaneren Zeitalter fast unglaublich erscheinen. Einer der schottischen Geheimräthe sagte ihm, er sei ein verdammter Schurke. „Ich bin im Frieden mit Gott“, erwiederte Rumbold gelassen, „wie kann ich da verdammt sein?“
Er wurde in aller Eil vor Gericht gestellt, überführt und verurtheilt, nach wenigen Stunden in der Nähe des Stadtkreuzes in High Street gehängt und geviertheilt zu werden. Obgleich er ohne die Unterstützung zweier Männer nicht stehen konnte, bewahrte er doch seine Seelenstärke bis zum letzten Augenblicke und erhob unter dem Galgen seine schwache Stimme gegen Papismus und Tyrannei mit solcher Heftigkeit, daß die Offiziere die Trommeln rühren ließen, damit das Volk ihn nicht hören konnte. Er sagte, er sei ein Freund der beschränkten Monarchie, aber er könne nimmermehr glauben, daß die Vorsehung einige wenige Menschen fertig gestiefelt und gespornt zum Reiten und Millionen gesattelt und gezäumt, um geritten zu werden, in die Welt gesandt habe. „Ich lobe und preise Gottes heiligen Namen dafür“, rief er aus, „daß ich hier stehe nicht wegen eines begangnen Unrechts, sondern weil ich in einer schlimmen Zeit seiner Sache treugeblieben bin. Und wäre jedes Haar auf meinem Haupte ein Mann, ich würde sie alle in diesem Kampfe daran setzen.“