Aber während Monmouth sich des Beifalls der Menge erfreute, mußte er mit Schmerz und Besorgniß bemerken, daß die höheren Klassen fast ohne Ausnahme seiner Unternehmung feindlich gesinnt waren und daß nur in den Grafschaften, wo er sich persönlich gezeigt hatte, ein Aufstand erfolgt war. Es war ihm von Agenten, welche ihre Angaben von Wildman erhalten zu haben behaupteten, versichert worden, daß der ganze whiggistische Adel von Kampflust erfüllt sei. Gleichwohl waren bereits über acht Tage verstrichen, seitdem die blaue Fahne in Lyme aufgepflanzt worden war. Tagelöhner, kleine Landwirthe, Krämer, Lehrlinge und Dissenterprediger waren dem Lager der Rebellen zugeströmt, aber nicht ein einziger Peer, Baronet oder Ritter, nicht ein einziges Mitglied des Unterhauses, und kaum hin und wieder ein Squire, der sich eines hinreichenden Ansehens erfreute, um einmal Friedensrichter gewesen zu sein. Ferguson, der seit dem Tode Karl’s von jeher Monmouth’s böser Geist gewesen war, hatte eine Erklärung dieses Umstandes bereit: der Herzog hatte sich durch Ablehnung des Königstitels in eine falsche Stellung versetzt. Hätte er sich selbst zum König von England erklärt, so würde seine Sache einen Anschein von Gesetzlichkeit gehabt haben. Jetzt aber sei es unmöglich, sein Manifest mit den Grundsätzen der Verfassung in Einklang zu bringen. Es sei klar, daß entweder Monmouth oder sein Oheim der rechtmäßige König war. Monmouth wagte es nicht, als rechtmäßiger König aufzutreten, und doch leugnete er, daß sein Oheim es sei. Diejenigen, welche für Jakob kämpften, kämpften für die einzige Person, die es wagte, den Thron für sich in Anspruch zu nehmen, und thaten daher, den Gesetzen des Reiches gemäß, offenbar ihre Pflicht; Diejenigen aber, welche für Monmouth kämpften, kämpften für eine unbekannte Verfassung, welche durch eine noch nicht vorhandene Convention erst entworfen werden sollte. Es sei also kein Wunder, daß Männer von hohem Range und großem Vermögen sich von einem Unternehmen fern hielten, welches dem ganzen System, an dessen Fortbestehen sie das größte Interesse hatten, den Untergang drohte. Beriefe sich der Herzog auf seine Legitimität und nähme er die Krone an, so würde er diesen Einwurf mit einem Male entkräften; die Frage würde dann aufhören, eine Frage zwischen der alten und einer neuen Verfassung zu sein, sie würde nur eine Erbrechtsfrage zwischen zwei Prinzen werden.

[58.] Savage’s Ausgabe von Toulmin’s History of Taunton.

[59.] Sprat’s True Account; Toulmin’s History of Taunton.

[60.] Life and Death of Joseph Alleine, 1672; Nonconformists’ Memorial.

[61.] Harl. MS. 7006; Oldmixon, 702; Eachard III. 763.

Monmouth nimmt den Königstitel an. [Mit] solchen Gründen war Ferguson fast unmittelbar nach der Landung ernstlich in den Herzog gedrungen, sich zum Könige zu proklamiren, und Grey war derselben Meinung. Monmouth war auch sehr geneigt, diesen Rath zu befolgen; aber Wade und andere Republikaner hatten sich widersetzt und ihr Oberhaupt hatte mit gewohnter Fügsamkeit ihren Gründen nachgegeben. In Taunton kam die Sache auf’s Neue in Anregung; Monmouth sprach privatim mit den Andersdenkenden, versicherte sie, daß er keinen andren Weg sehe, um die Unterstützung eines Theils der Aristokratie zu gewinnen, und es gelang ihm, ihre mit Widerstreben ertheilte Zustimmung zu erpressen. So wurde er denn am Morgen des 20. Juni auf dem Marktplatze von Taunton zum König ausgerufen, und seine Anhänger wiederholten seinen neuen Titel mit theilnehmender Freude. Da indessen leicht eine Verwirrung hätte entstehen können, wenn er König Jakob II. genannt worden wäre, so bedienten sie sich gewöhnlich der sonderbaren Bezeichnung „König Monmouth“, und so wurde ihr unglücklicher Liebling in den westlichen Grafschaften oft noch zu einer Zeit genannt, deren sich jetzt lebende Personen noch erinnern können[62].

In den nächsten vierundzwanzig Stunden nach erfolgter Annahme des Königstitels erließ er mehrere Proklamationen, die seinen eigenhändigen Namenszug an der Spitze trugen. In einer derselben setzte er einen Preis auf den Kopf seines Nebenbuhlers. In einer andren erklärte er das zur Zeit in Westminster tagende Parlament für eine ungesetzliche Versammlung und befahl den Mitgliedern, auseinanderzugehen. Eine dritte verbot dem Volke, dem Thronräuber Abgaben zu bezahlen. Eine vierte erklärte Albemarle für einen Verräther[63].

Albemarle sandte diese Proklamationen blos als Beweise von Thorheit und Frechheit nach London. Sie machten keinen andren Eindruck als den des Erstaunens und der Verachtung; auch hatte Monmouth keine Ursache zu glauben, daß die Annahme der Königswürde seine Stellung verbessert habe. Erst eine Woche war verflossen, seitdem er sich feierlich verpflichtet, die Krone nicht eher anzunehmen, als bis ein freies Parlament seine Rechte anerkannt habe; durch Verletzung dieses Versprechens hatte er sich den Vorwurf des Leichtsinns, wenn nicht der Treulosigkeit zugezogen. Die Klasse, die er zu gewinnen hoffte, hielt sich noch immer fern von ihm. Die Gründe, welche die großen whiggistischen Lords und Gentlemen abhielten, ihn als ihren König anzuerkennen, waren mindestens eben so triftig als diejenigen, die sie verhindert hatten, sich um ihn als Oberbefehlshaber zu schaaren. Zwar haßten sie die Person, die Religion und die Politik Jakob’s; aber er war nicht mehr jung und seine älteste Tochter mit Recht populär. Sie war dem reformirten Glauben zugethan und mit einem Prinzen vermählt, der das erbliche Oberhaupt der Protestanten des Continents, der in einer Republik aufgewachsen war und dem man solche Gesinnungen zutraute, wie sie sich für einen constitutionellen König ziemten. War es also weise, sich den Schrecken eines Bürgerkrieges auszusetzen, nur um vielleicht das sogleich zu bewirken, was die Natur ohne Blutvergießen, ohne eine Rechtsverletzung aller Wahrscheinlichkeit nach binnen wenigen Jahren herbeiführen würde? Es waren vielleicht Gründe vorhanden, um Jakob vom Throne zu stürzen; aber welche Gründe konnte man für Monmouth’s Erhebung auf denselben anführen? Einen Fürsten wegen Unfähigkeit vom Throne auszuschließen, entsprach ganz den whiggistischen Grundsätzen; aber nach keinem Grundsatze konnte es gerechtfertigt erscheinen, legitime Erben auszuschließen, denen man nicht nur nichts vorzuwerfen hatte, sondern die man sogar für ausgezeichnet befähigt zu den höchsten Staatsämtern hielt. Daß Monmouth legitim sei, ja daß er sich selbst nur dafür hielt, konnten einsichtsvolle Männer nicht glauben; er war also nicht nur ein Usurpator, sondern ein Usurpator von der schlimmsten Sorte, ein Betrüger. Er konnte seiner Sache nur durch Fälschung und Meineid einen Schein von Recht geben. Alle rechtschaffenen und verständigen Leute sträubten sich dagegen, daß ein Betrug, der, wenn er um der Erlangung eines bürgerlichen Besitzthums verübt worden wäre, Peitsche und Pranger als Strafe nach sich gezogen hätte, mit der englischen Krone belohnt werde. Der alte Adel des Reichs konnte den Gedanken nicht ertragen, daß der Bastard der Lucie Walters hoch über die rechtmäßigen Nachkommen der Fitzalan und De Vere erhoben werden sollte. Wer nur ein wenig politischen Scharfblick hatte, mußte einsehen, daß wenn es Monmouth gelang, die bestehende Regierung zu stürzen, immer noch ein Krieg zwischen ihm und dem Hause Oranien übrig blieb, ein Krieg, der länger dauern und mehr Unheil herbeiführen könnte, als der Krieg der Rosen, ein Krieg, der voraussichtlich die Protestanten Europa’s in feindliche Parteien spaltete, England und Holland gegen einander bewaffnen und beide Länder zu einer leichten Beute für Frankreich machen konnte. Fast alle Whighäupter scheinen daher der Ansicht gewesen zu sein, daß Monmouth’s Unternehmen in jedem Falle der Nation zum Unheil gereichen mußte, daß aber, Alles erwogen, seine Niederlage ein kleineres Unglück sein werde als sein Sieg.

Die Theilnahmlosigkeit des whiggistischen Adels war es nicht allein, was die eingefallenen Verbannten enttäuschte. Der Reichthum und Einfluß Londons hatten in der vorhergehenden Generation hingereicht und konnten auch diesmal wieder hinreichen, um in einem Bürgerkriege den Ausschlag zu geben. Die Londoner hatten früher viele Beweise von ihrem Hasse gegen das Papstthum und von ihrer Zuneigung zu dem protestantischen Herzoge gegeben, und er hatte daher zu bereitwillig geglaubt, daß sofort nach seiner Landung ein Aufstand in der Hauptstadt ausbrechen werde. Aber obgleich ihm gemeldet worden, daß Tausende von Bürgern sich als Freiwillige hätten einzeichnen lassen, so geschah doch nichts. Die Sache war einfach die, daß den Wühlern, die ihn zu einem Einfalt in England gedrängt, die ihm versprochen, sich auf den ersten Wink zu erheben, und die vielleicht auch, so lange die Gefahr noch fern war, geglaubt hatten, daß sie den Muth haben würden, ihr Versprechen zu halten, der Muth sank, als die entscheidende Stunde heranrückte. Wildman’s Angst war so groß, daß er den Verstand verloren zu haben schien. Der feige Danvers entschuldigte seine Unthätigkeit zuerst, indem er sagte, er werde nicht eher zu den Waffen greifen, als bis Monmouth zum König ausgerufen sei, und als dies geschehen war, lenkte er um und erklärte, daß gute Republikaner jeder Verpflichtung gegen einen Führer entbunden seien, der so schamlos sein Wort gebrochen habe. Die gemeinsten Exemplare der menschlichen Natur findet man zu allen Zeiten unter den Demagogen[64].

Den Tag darauf, als Monmouth den Königstitel angenommen hatte, marschirte er von Taunton nach Bridgewater. Er selbst befand sich, wie man bemerkte, nicht in der heitersten Stimmung; die jauchzenden Zurufe der ihm ergebenen Tausende, die sich allenthalben wohin er kam um ihn drängten, vermochten nicht die düstern Wolken zu verscheuchen, die sich auf seine Stirn gelagert hatten. Wer ihn vor fünf Jahren auf seinem Triumphzuge durch Somersetshire gesehen, bemerkte nicht ohne Mitleid die Spuren von Angst und Besorgniß in den sanften und freundlichen Zügen, die ihm so viele Herzen gewonnen hatten[65].