Er wird nach London abgeführt. [Monmouth] und Grey blieben zwei Tage in Ringwood und wurden dann unter Bedeckung eines starken Detaschements regulärer Truppen und Milizen nach London abgeführt. Im Wagen des Herzogs saß ein Offizier, welcher Befehl hatte, den Gefangnen sofort niederzustoßen=, wenn er einen Fluchtversuch machen sollte. Auf dem ganzen Wege war in jeder Stadt die Miliz der Umgegend unter dem Commando der vornehmsten Gentry versammelt. Die Reise dauerte drei Tage und endete zu Vauxhall, wo ein von Georg Legge, Lord Dartmouth, befehligtes Regiment die Gefangenen in Empfang nahm. Sie wurden hierauf zu Wasser in einer Staatsbarke nach Whitehall gebracht. Lumley und Portman hatten abwechselnd Tag und Nacht den Herzog bewacht, bis sie ihn wohlbehalten in den Mauern des Palastes ablieferten.[107]
Sowohl Monmouth’s als auch Grey’s Benehmen während der Reise erfüllte jeden Beobachter mit Erstaunen; Monmouth war gänzlich zu Boden geschmettert; Grey dagegen war nicht nur gefaßt, sondern sogar heiter, sprach ganz vergnügt von Pferden und Hunden, von Jagd und Wettrennen, und machte selbst scherzhafte Anspielungen auf die gefährliche Lage, in der er sich befand.
Man kann den König wegen seines Entschlusses, daß Monmouth den Tod erleiden sollte, nicht tadeln. Wer sich an die Spitze eines Aufstandes gegen die bestehende Regierung stellt, setzt sein Leben aufs Spiel, und Auflehnung gegen die königliche Gewalt war nur der geringste Theil von Monmouth’s Verbrechen. Er hatte seinem Oheim einen Krieg ohne Pardon erklärt. In dem zu Lyme erlassenen Manifeste war Jakob als Brandstifter, als Meuchelmörder, der einen Unschuldigen erdrosselt und einem Andren die Kehle abgeschnitten, und schließlich als Vergifter seines eignen Bruders der öffentlichen Verwünschung preisgegeben worden. Einen Freund zu schonen, der sich kein Gewissen daraus gemacht, zu so schändlichen Mitteln zu greifen, würde ein Act seltner, vielleicht tadelnswerther Großmuth gewesen sein; ihn aber zu empfangen und dann nicht zu schonen, dies war ein Frevel an der Humanität und der Schicklichkeit.[108] Der König beging diesen Frevel. Dem Gefangnen wurden vermittelst einer seidnen Schnur die Hände auf den Rücken gebunden, und nachdem man ihn auf diese Weise unschädlich gemacht, wurde er bei dem unversöhnlichen Verwandten, den er so schwer beleidigt hatte, eingeführt.
[107.] Account of the manner of taking The Duke of Monmouth; London Gazette, July 16. 1685; Citters, Juli 14.(24.)
[108.] Barillon nahm unverkennbar großes Ärgerniß daran. Er schreibt: „Il se vient de passer icy une chose bien extraordinaire et fort opposée à l’usage ordinaire des autres nations.“ 13.(23.) Juli 1685.
Seine Unterredung mit dem Könige. [Monmouth] warf sich nieder und kroch bis zu den Füßen des Königs. Er weinte und versuchte mit seinen gefesselten Armen die Knie seines Oheims zu umfassen; er flehte um sein Leben, nur um sein Leben, um sein Leben um jeden Preis. Er gestand, daß er sich eines großen Verbrechens schuldig gemacht habe, versuchte es aber, die Schuld auf Andere zu wälzen, namentlich auf Argyle, der eher seine Füße in die spanischen Stiefeln gesteckt, als sein Leben durch eine solche Gemeinheit gerettet haben würde. Bei den Banden der Verwandtschaft, bei dem Gedächtniß des verstorbnen Königs, des besten und aufrichtigsten Bruders, beschwor der Unglückliche den König, einige Gnade walten zu lassen. Jakob erwiederte in ernstem Tone, diese Reue komme zu spät, er bedaure das Unglück, das der Gefangne selbst über sich gebracht habe, aber der Fall sei nicht geeignet, zur Milde zu stimmen. Der Herzog habe eine mit den abscheulichsten Verleumdungen angefüllte Erklärung erlassen und sich den Königstitel angemaßt; für einen unter so erschwerenden Umständen verübten Verrath könne es diesseit des Grabes keine Verzeihung geben. Der unglückliche Herzog betheuerte, daß er nie nach dem Besitz der Krone getrachtet habe, sondern daß er nur durch Andere zu dem unheilvollen Beginnen verleitet worden sei. Die Erklärung habe er nicht geschrieben, ja nicht einmal gelesen, er habe sie unterzeichnet, ohne sie nur anzusehen, sie sei lediglich das Werk Ferguson’s, des blutdürstigen Schurken Ferguson. „Ihr werdet mich doch nicht glauben machen wollen“, sagte Jakob mit nur zu wohl verdienter Verachtung, „daß Ihr Euren Namen unter ein Dokument von solcher Bedeutung setztet, ohne den Inhalt desselben zu kennen?“ Jetzt blieb nur noch eine Stufe der Infamie übrig, und selbst zu dieser stieg der Gefangne herab. Er war vorzugsweise als Vertheidiger der protestantischen Religion aufgetreten. Das Interesse dieses Glaubens war der Vorwand gewesen, unter dem er sich gegen die Regierung seines Vaters verschwor und die Drangsale eines Bürgerkrieges über sein Vaterland brachte; dennoch schämte er sich nicht, anzudeuten, daß er geneigt sei, sich mit der römischen Kirche wieder auszusöhnen. Der König bot ihm bereitwilligst geistlichen Beistand an, sagte aber kein Wort von Begnadigung oder Aufschub. „Ich habe also keine Hoffnung?“ fragte Monmouth. Jakob wendete sich schweigend von ihm ab. Der Herzog raffte nun seinen ganzen Muth zusammen, erhob sich und verließ mit einer Festigkeit, die er seit seinem Sturze noch nicht gezeigt hatte, das Gemach.[109]
Nach ihm wurde Grey eingeführt. Er benahm sich mit so edlem Anstande und solcher Fassung, daß selbst der finstre und rachsüchtige König davon ergriffen wurde, gestand seine Schuld offen ein, versuchte es nicht, sich zu entschuldigen, und ließ sich nicht ein einziges Mal herab, um sein Leben zu bitten. Beide Gefangene wurden zu Wasser in den Tower geschickt. Es gab keinen Tumult, aber viele Tausende suchten mit ängstlicher und betrübter Miene einen Blick auf die Gefangenen zu werfen. Den Herzog verließ seine Festigkeit wieder, sobald er dem Könige aus dem Gesicht war. Auf dem Wege in sein Gefängniß bejammerte er laut sein Geschick, klagte seine Anhänger an und bat in erniedrigender Weise Dartmouth um seine Verwendung. „Ich weiß, Mylord,“ sagte er zu ihm, „daß Sie meinen Vater liebten. Um seinetwillen und um Gotteswillen versuchen Sie es, Gnade für mich zu erwirken!“ Dartmouth antwortete ihm, der König habe die Wahrheit gesagt: ein Unterthan, der sich den Königstitel angemaßt, habe sich selbst jeder Hoffnung auf Gnade begeben.[110]
Bald nach seiner Ankunft im Tower wurde Monmouth gemeldet, daß seine Gemahlin auf königlichen Befehl zu ihm gesandt sei, um ihn zu besuchen. Sie war begleitet vom Geheimsiegelbewahrer, Earl von Clarendon. Ihr Gemahl empfing sie sehr kalt und sprach fast nur mit Clarendon, den er dringend um seine Fürsprache bat. Der Earl machte ihm keine Hoffnung, und noch den nämlichen Abend kamen zwei Prälaten, Turner, Bischof von Ely, und Ken, Bischof von Bath und Wells, mit einer feierlichen Botschaft vom Könige in den Tower. Es war Montag Nacht. Am Mittwoch Morgen sollte Monmouth sterben.
Er war heftig erschüttert, alles Blut trat aus seinen Wangen, und es dauerte eine Weile, ehe er sprechen konnte. Den größten Theil der kurzen Zeit, die ihm noch vergönnt war, verschwendete er in nutzlosen Versuchen, wenn nicht Begnadigung, doch einen Aufschub zu erlangen. Er schrieb klägliche Briefe an den König und an mehrere Höflinge, aber vergebens. Von Seiten des Hofes wurden einige katholische Geistliche zu ihm gesandt, sie überzeugten sich jedoch bald, daß er zwar gern durch Abschwörung des Glaubens, als dessen Vertheidiger er sich ganz speciell erklärt hatte, sein Leben erkaufen würde, daß er aber, wenn er einmal sterben müßte, eben so gern ohne ihre Absolution als mit derselben sterben würde.[111]
Ken und Turner waren mit seiner Gemüthsverfassung nicht viel zufriedener. Die Lehre von der Verwerflichkeit des Widerstandes war nach ihrer eigenen wie nach der Ansicht ihrer Berufsgenossen das unterscheidende Merkmal der anglikanischen Kirche. Die beiden Bischöfe drangen in Monmouth, er solle zugestehen, daß er durch seine bewaffnete Auflehnung gegen die Regierung eine große Sünde begangen habe; aber sie fanden ihn in diesem Punkte entschieden heterodox. Und dies war nicht seine einzige Ketzerei. Er behauptete, sein Verhältniß mit Lady Wentworth sei in den Augen Gottes tadellos. Er sei schon als Knabe vermählt worden und habe sich nie um die Herzogin gekümmert; er habe daher das Glück, das er in seiner Häuslichkeit nicht gefunden, in einer Reihenfolge lockerer Liebschaften gesucht, welche die Religion und die Moral verdammten. Henriette habe ihn seinem lasterhaften Lebenswandel entrissen, ihr sei er beständig treu geblieben. In gemeinschaftlichem Gebet hätten sie den Himmel um seine göttliche Leitung angefleht und nach solchem Gebet hätten sie ihre gegenseitige Zuneigung jedesmal stärker gefunden, so daß sie nicht länger hätten zweifeln können, daß ihre Verbindung in den Augen Gottes so gut wie eine gesetzliche Ehe sei. Die beiden Bischöfe waren so entrüstet über diese Auffassung des ehelichen Verhältnisses, daß sie sich weigerten, dem Gefangenen das Abendmahl zu reichen. Alles, was sie von ihm erlangen konnten, war das Versprechen, daß er in der letzten Nacht, die er noch zu leben hatte, den Himmel um Erleuchtung bitten wolle, wenn er im Irrthum sei.