Am Mittwoch Morgen kam auf sein besonderes Ansuchen Dr. Thomas Tenison, welcher damals Vikar zu St. Martin war und sich in diesem wichtigen Amte die hohe Achtung des Publikums erworben hatte, in den Tower. Der Herzog erwartete von Tenison, dessen gemäßigte Ansichten bekannt waren, mehr Nachsicht als Ken und Turner gegen ihn zu üben geneigt waren. Welcher Ansicht aber Tenison auch in Betreff des Nichtwiderstandes sein mochte, den letztem Aufstand hielt er für übereilt und strafbar, und Monmouth’s Begriff von der Ehe betrachtete er als einen höchst gefährlichen Irrwahn. Monmouth blieb jedoch hartnäckig bei seiner Meinung. Er habe Gott gebeten, daß er ihn erleuchten möge, sagte er; aber seine Ansichten seien unverändert geblieben, und er könne daher nicht zweifeln, daß es die richtigen seien. Tenison’s Ermahnungen waren indessen in einem milderen Tone gehalten als die der Bischöfe. Aber auch er war, gleich ihnen, der Meinung, daß er es nicht verantworten könne, wenn er einem Manne, dessen Bußfertigkeit so unbefriedigend sei, das Abendmahl reichte.[112]

Die Stunde rückte immer näher heran, jede Hoffnung war geschwunden, und Monmouth’s kleinmüthige Angst hatte sich in gefühllose Verzweiflung verwandelt. Seine Kinder wurden in Begleitung ihrer Mutter bei ihm eingeführt, damit er Abschied von ihnen nehme. Er sprach freundlich, aber ohne Rührung mit seiner Gemahlin. Obgleich sie eine Frau von großer Seelenstärke war und wenig Ursache hatte, ihn zu lieben, so war ihr Schmerz doch so heftig, daß keiner der Umstehenden sich der Thränen enthalten konnte. Er allein blieb ungerührt.[113]

[109.] Burnet I. 644; Evelyn’s Diary, July 15.; Sir J. Bramston’s Memoirs; Reresby’s Memoirs; Jakob an den Prinzen von Oranien vom 14. Juli 1685; Barillon, 16.(26.) Juli; Buccleuch MS.

[110.] Jakob an den Prinzen von Oranien vom 14. Juli 1685; Holländische Depesche von dem nämlichen Datum; Luttrell’s Tagebuch; Dartmouth’s Anmerkung in Burnet I. 646.

[111.] Buccleuch MS.; Clarke’s Life of James the Second, II. 37; Orig. Mem.; Citters, 14.(24.) Juli 1685; Gazette de France, Aug. 1.(11.)

[112.] Buccleuch MS.; Clarke’s Life of James the Second, II. 37. 38; Orig. Mem.; Burnet, I. 645; Tenison’s Bericht in Kennet III. 432, Ausg. v. 1719.

[113.] Buccleuch MS.

Seine Hinrichtung. [Es] war zehn Uhr. Der Wagen des Gouverneurs vom Tower stand bereit. Monmouth bat seine geistlichen Beistände, daß sie ihn auf den Richtplatz begleiten möchten; sie willigten ein, sagten ihm aber, daß er, ihrer Überzeugung nach, dem Tode in einem gefährlichen Seelenzustande entgegengehe und daß es ihre Pflicht sei, bis zum letzten Augenblicke Ermahnungen an ihn zu richten. Als er durch die Reihen der Garden fuhr, begrüßte er sie mit einem Lächeln und bestieg mit festem Schritte das Schaffot. Tower Hill war bis zu den Spitzen der Schornsteine mit einer unzähligen Zuschauermenge bedeckt die in ehrerbietiger, nur durch Weinen und Schluchzen unterbrochener Stille den letzten Worten des Lieblings des Volkes lauschten. „Ich werde wenig sagen,“ hob er an. „Ich komme hierher, nicht um zu sprechen, sondern um zu sterben. Ich sterbe als Protestant der englischen Kirche.“ Die Bischöfe unterbrachen ihn, indem sie sagten, daß er kein Mitglied ihrer Kirche sei, wenn er nicht den Widerstand als sündhaft anerkenne. Er sprach nun von seiner Henriette. Sie sei eine tugendhafte und ehrenwerthe junge Dame, sagte er; er liebe sie bis zum letzten Augenblicke und könne nicht sterben, ohne seine Gefühle zu äußern. Die Bischöfe unterbrachen ihn abermals und baten ihn, keine solche Sprache zu führen. Es entspann sich ein kurzer Wortwechsel. Man hat den Geistlichen zu große Härte gegen den Sterbenden vorgeworfen; aber sie entledigten sich nur einer ihrer Überzeugung nach heiligen Pflicht. Monmouth kannte ihre Grundsätze, und wenn er ihre lästige Zusprache nicht wünschte, so hätte er ihre Begleitung ablehnen sollen. Ihre gewöhnlichen Argumente für die Verwerflichkeit des Widerstandes äußerten keine Wirkung auf ihn. Als sie ihn aber an das Unglück erinnerten, das er über seine wackeren und ihn liebenden Anhänger gebracht, an das vergossene Blut und an die vielen Seelen, welche unvorbereitet vor den höchsten Richterstuhl gesandt worden, da ward er tief ergriffen und sagte mit sanfter Stimme: „Ja, ich gestehe es, es thut mir leid, daß es geschehen ist.“ Sie beteten hierauf lange und inbrünstig mit ihm, und er stimmte in ihre Gebete ein, bis sie für den König des Himmels Segen erflehten. Hier schwieg er. „Betet Ihr nicht mit uns für den König, Sir?“ fragte einer der Umstehenden. Monmouth schwieg noch eine Weile und nach einem heftigen inneren Kampfe sagte er: „Amen“. Vergebens aber forderten die Prälaten ihn auf, an die Soldaten und das versammelte Volk einige Worte über die Pflicht des Gehorsams gegen die Regierung zu richten. „Ich will keine Rede halten,“ rief er aus; „nur zehn Worte, Mylord.“ Er wendete sich um, rief seinen Diener und händigte ihm eine Zahnstocherbüchse ein, das letzte Unterpfand einer unglücklichen Liebe. „Dies gieb jener Person,“ sagte er zu ihm. Hierauf wendete er sich zu Johann Ketch, dem Scharfrichter, einem Elenden, der schon manch muthiges und edles Opfer hingeschlachtet und dessen Namen das Volk noch ein und ein halbes Jahrhundert lang Allen, die ihm in seinem widerlichen Amte folgten, beilegte[114]. „Hier,“ sagte der Herzog, „sind sechs Guineen für Euch. Aber hackt mich nicht, wie Ihr es bei Lord Russel gethan habt. Ich habe gehört, daß Ihr drei- oder viermal nach ihm schluget. Mein Diener soll Euch noch etwas Geld geben, wenn Ihr Eure Sache gut macht.“ Er entkleidete sich sodann, untersuchte die Schneide des Beils, äußerte die Besorgniß, daß es wohl nicht scharf genug sei, und legte endlich das Haupt auf den Block. Währenddem riefen die Geistlichen beständig mit großem Eifer aus: „Gott nehme Eure Reue an! Gott nehme Eure unvollkommene Reue an!“

Der Henker schickte sich an, sein Geschäft zu verrichten; aber die Worte des Herzogs hatten ihn aus der Fassung gebracht. Der erste Hieb brachte ihm nur eine leichte Wunde bei. Der Herzog erhob sich schwankend von dem Blocke und sah den Scharfrichter vorwurfsvoll an. Dann ließ er das Haupt wieder auf den Block sinken. Der Scharfrichter schlug noch einmal und noch einmal; aber noch war der Kopf nicht vom Rumpfe getrennt, der sich aufs neue bewegte. Ein Geschrei des Entsetzens und des Unwillens erhob sich unter der Menge. Mit einem Fluche warf Ketch das Beil zu Boden. „Ich kann es nicht thun“, sagte er, „das Herz bricht mir!“ — „Hebe das Beil auf, Mensch!“ rief der Sheriff. „Werft ihn über das Geländer!“ brüllte der Pöbel. Endlich wurde das Beil wieder aufgehoben und zwei neue Schläge verlöschten den letzten Lebensfunken; aber der Kopf mußte noch mit einem Messer vollends von den Schultern getrennt werden. Das Volk war so außer sich vor Wuth, daß der Scharfrichter in Gefahr war, in Stücke zerrissen zu werden und daß er unter starker Bedeckung abgeführt werden mußte[115].

Inzwischen wurden viele Tücher in das Blut des Herzogs getaucht, denn ein großer Theil der Menge betrachtete ihn als einen Märtyrer, der für den protestantischen Glauben gestorben war. Kopf und Rumpf wurden in einen mit schwarzen Sammet bedeckten Sarg gelegt und in aller Stille unter dem Abendmahlstische der St. Peterskapelle im Tower beigesetzt. Vier Jahre später wurden die Steinplatten des Altarplatzes wieder aufgehoben und dicht neben Monmouth’s Hülle die Überreste Jeffreys’ gelegt. Es giebt in Wahrheit keine traurigere Grabstätte in der Welt als dieser kleine Platz. Die dort liegenden Todten erinnern nicht, wie in der Westminsterabtei und in der Paulskirche, an Genie und Tugend, nicht, wie in unseren bescheidensten Kirchen und Gottesäckern, an Alles, was der gesellschaftlichen und häuslichen Liebe am theuersten ist, sondern an die dunkelsten Seiten des menschlichen Characters und Schicksals, an den wilden Triumph unerbittlicher Feinde, an die Unbeständigkeit, Undankbarkeit und Feigheit treuloser Freunde, an all’ das Elend gefallener Größe und verblichenen Glanzes. Dorthin wurden Jahrhunderte hindurch auf den Schultern rauher Kerkerknechte, ohne Trauergeleite, die blutenden Überreste von Männern getragen, welche Befehlshaber von Armeen, Führer von Parteien, Orakel von Senaten und Zierden souverainer Höfe gewesen waren. Dorthin wurde, unter dem Fenster vorüber, an welchem Johanna Grey betete, der zerrissene Leichnam Guildford Dudley’s getragen. Dort ruht Eduard Seymour, Herzog von Somerset und Protector des Reiches, an der Seite des Bruders, den er ermordet. Dort modert der kopflose Rumpf Johann Fisher’s, Bischofs von Rochester und Cardinals von St. Vitalis, eines Mannes; der zu einer besseren Zeit zu leben und für eine bessere Sache zu sterben verdient hätte. Dort liegen Johann Dudley, Herzog von Northumberland und Lordgroßadmiral, und Thomas Cromwell, Earl von Essex und Lordober­schatzmeister. Dort liegt auch noch ein andrer Essex, an den die Natur und das Glück ihre herrlichsten Gaben umsonst verschwendet hatten, den Tapferkeit, Anmuth, Genie, königliche Gunst und Beifall des Volks zu einem frühzeitigen und schmachvollen Untergange führten. Nicht weit davon ruhen zwei Oberhäupter des großen Hauses Howard, Thomas, vierter Herzog von Norfolk, und Philipp, elfter Earl von Arundel. Zwischen den zahlreichen Gräbern unruhiger und ehrgeiziger Staatsmänner zerstreut schlummern daselbst auch zartere Dulder: Margarethe von Salisbury, die letzte des stolzen Namens Plantagenet, und die beiden schönen Königinnen, welche Heinrich’s eifersüchtiger Wuth zum Opfer fielen. Mit solchem Staub ward Monmouth’s Staub vermischt.[116]