Grausamkeiten der Soldaten im Westen. [Während] Monmouth’s Hinrichtung die Gemüther der Londoner beschäftigte, mußten die Grafschaften, die sich gegen die Regierung erhoben hatten, alle Unbilden ertragen, die eine zügellose Soldateska nur ersinnen kann. Feversham war an den Hof eingeladen worden, wo ihn Ehren und Gunstbezeigungen erwarteten, die er wenig verdiente. Er wurde zum Ritter des Hosenbandordens ernannt und erhielt den Befehlshaberposten über die erste und am besten besoldete Abtheilung der Leibgarde; aber Hof und Stadt lachte über seine militairischen Heldenthaten und Buckingham’s Witz sprühte seine letzten schwachen Funken gegen den General aus, der im Bett eine Schlacht gewonnen hatte.[118]
[118.] London Gazette, Aug. 3. 1685; The Battle of Sedgemoor, a Farce.
Kirke. [Feversham] übertrug das Commando in Bridgewater dem Obersten Percy Kirke, einem Abenteurer, dessen Laster in der schlechtesten aller militairischen Schulen, in Tanger, entwickelt worden waren. Kirke hatte einige Jahre hindurch die Besatzung dieser Stadt commandirt und war beständig in Feindseligkeiten mit fremden Barbarenstämmen verwickelt gewesen, welche die Regeln und Gesetze der Kriegführung gebildeter und christlicher Nationen nicht kannten. Innerhalb der Mauern seiner Festung war er ein despotischer Fürst und seine Tyrannei wurde nur durch die Furcht, von der entfernten und sorglosen Regierung zur Verantwortung gezogen zu werden, einigermaßen in Schranken gehalten. Er konnte sich daher ohne Gefahr die frechsten Ausschweifungen der Raubgier, der Sittenlosigkeit und der Grausamkeit erlauben. Er lebte in zügelloser Üppigkeit und Verschwendung und verschaffte sich durch Erpressungen die Mittel, um seinen Lüsten zu fröhnen. Keine Waaren konnten verkauft werden, ohne daß Kirke das Vorkaufsrecht geltend machte, keine Rechtsfrage konnte entschieden werden, bevor Kirke bestochen war. Einst ließ er aus bloßer übermüthiger Laune im Keller eines Weinhändlers alten Fässern den Boden einschlagen; ein andermal vertrieb er alle Juden aus Tanger und überlieferte zwei von ihnen der spanischen Inquisition, die sie ohne weiteres verbrannte. Und unter dieser eisernen Herrschaft ward kaum eine Klage laut, da der Haß durch die Furcht wirksam niedergehalten wurde. Zwei Personen, die sich widersetzlich gezeigt hatten, wurden ermordet gefunden, und man war allgemein der Überzeugung, daß sie auf Kirke’s Befehl umgebracht worden waren. Wenn er mit seinen Soldaten nicht zufrieden war, peitschte er sie mit schonungsloser Strenge, entschädigte sie aber wieder dafür, indem er ihnen erlaubte, auf der Wache zu schlafen, betrunken durch die Straßen zu taumeln und Kaufleute und Handwerker auszuplündern, zu prügeln und auf jede Weise zu quälen.
Als Tanger aufgegeben wurde, kehrte Kirke nach England zurück. Er behielt das Commando über seine bisherigen Soldaten, welche zuweilen als das erste Regiment von Tanger, zuweilen auch als das Regiment der Königin Katharine bezeichnet wurden. Da diese Mannschaft zu dem Zwecke ausgehoben war, um gegen eine ungläubige Nation Krieg zu führen, so hatte sie ein christliches Emblem, das Osterlamm, auf ihrer Fahne. In Anspielung auf dieses Zeichen und in einem bitter ironischen Sinne wurden diese Leute, die rohesten und wildesten Soldaten der englischen Armee, Kirke’s Lämmer genannt. Das gegenwärtige zweite Linienregiment führt noch heute dieses alte Fahnenzeichen, das aber durch ehrenvolle, in Ägypten, Spanien und Asien verdiente Dekorationen in den Schatten gestellt worden ist.[119]
Ein solcher Befehlshaber und solche Soldaten waren jetzt gegen die Bevölkerung von Somersetshire losgelassen. Von Bridgewater marschirte Kirke nach Taunton. Zwei Karren mit verwundeten Rebellen, deren Wunden nicht verbunden waren, und ein langer Zug von Gefangenen, welche paarweis zusammengefesselt zu Fuß gingen, begleiteten ihn. Sogleich nach seiner Ankunft in Taunton ließ er mehrere von diesen ohne jede gerichtliche Formalität hängen; sie durften nicht einmal von ihren nächsten Verwandten Abschied nehmen. Der Pfahl, an welchem das Schild des Gasthofes „zum weißen Hirsche“ hing, diente als Galgen. Die schauerliche Execution soll unter den Fenstern des Zimmers stattgefunden haben, in welchem die Offiziere des Tanger’schen Regiments zechten, und bei jedem Toaste soll ein Unglücklicher aufgeknüpft worden sein. Während die Beine des Verscheidenden im letzten Todeskampfe zuckten, ließ der Oberst die Trommeln rühren; er sagte, er wolle den Rebellen zu ihrem Tanze Musik machen. Die Sage erzählt, daß einem der Gefangenen nicht einmal die Vergünstigung eines schnellen Todes zu Theil wurde; zweimal wurde er emporgezogen und zweimal wieder abgeschnitten; zweimal ward er gefragt, ob er seinen Verrath bereue, und zweimal antwortete er, wenn es noch einmal losginge, werde er das Nämliche thun. Dann wurde er endlich zum letzten Male aufgeknüpft. Es wurden so viele Leichname geviertheilt, daß der Henker bis an die Knöchel im Blute stand. Zur Beihülfe hatte er einen armen Mann, dessen Loyalität verdächtig war und der sein Leben dadurch loskaufen mußte, daß er die Überreste seiner Freunde in Pech sott. Dieser Mann, der sich zu einer so grauenvollen Arbeit hergegeben hatte, kehrte nachher zu seinem Pfluge zurück. Aber er behielt für seine Lebenszeit ein Kainszeichen, indem er von Stund an im ganzen Dorfe Tom Boilman (Siedemann) genannt wurde. Die Landleute der dortigen Gegend erzählten sich noch lange nachher, daß er sich durch seine sündliche und schändliche That zwar vor der Rache der „Lämmer“ schützte, aber der Rache einer höheren Gewalt nicht entging. Bei einem starken Gewitter trat er unter eine Eiche und wurde vom Blitze erschlagen.[120]
Die Anzahl der Menschen, welche auf solche Art hingeschlachtet wurden, läßt sich jetzt nicht mehr ermitteln; neun wurden in die Kirchenregister von Taunton eingetragen, aber diese Register enthalten nur die Namen Derer, welche ein christliches Begräbniß erhielten. Die Zahl Derjenigen, die in Ketten gehängt oder deren Köpfe und Glieder in die umliegenden Dörfer geschickt wurden, muß viel bedeutender gewesen sein. In London glaubte man damals, daß Kirke in der Woche nach der Schlacht hundert Gefangene hinrichten ließ.[121]
Die Grausamkeit war indessen nicht die einzige Leidenschaft dieses Mannes; er liebte das Geld und war kein Neuling in Erpressungskünsten. Ein sicheres Geleit mußte man ihm mit dreißig bis vierzig Pfund Sterling bezahlen, und wenn ein solcher Geleitsbrief auch keine gesetzliche Gültigkeit hatte, so setzte er den Inhaber wenigstens in den Stand, die Posten der „Lämmer“ ungehindert zu passiren und einen Seehafen zu erreichen, um ins Ausland entfliehen zu können. Die nach Neuengland bestimmten Schiffe waren zu jener Zeit so mit Flüchtlingen von Sedgemoor angefüllt, daß sie Gefahr liefen, mit ihren Wasser- und Lebensmittelvorräthen nicht auszureichen.[122]
Außerdem war Kirke auch in der ihm eigenen rohen und wilden Art ein Freund der sinnlichen Genüsse, und es ist sehr wahrscheinlich, daß er seine Macht zur Befriedigung seiner zügellosen Begierden anwendete. Man erzählte sich, daß er die Tugend eines schönen Mädchens durch das Versprechen besiegte, das Leben eines Mannes schonen zu wollen, an dem sie mit zärtlicher Liebe hing, daß er aber, nachdem sie sich ihm hingegeben, ihr die leblose Hülle Dessen, dem sie ihre Ehre geopfert hatte, am Galgen hängend zeigte. Diese Erzählung kann ein unparteiischer Richter nicht glauben, und sie wird auch durch keine Beweise unterstützt. Die früheste Autorität dafür ist ein Gedicht von Pomfret. Die glaubwürdigen Geschichtschreiber jener Zeit erwähnen bei der Schilderung der Greuelthaten Kirke’s dieses scheußliche Verbrechen entweder gar nicht, oder doch nur als unverbürgtes Gerücht, und Diejenigen, welche die Geschichte ausführlich erzählen, erzählen sie so verschiedenartig, daß sie dadurch allen Anspruch auf Glaubwürdigkeit verliert. Nach Einigen soll sie in Taunton, nach Anderen in Exeter geschehen sein; nach Einigen war die Heldin der Geschichte ein junges Mädchen, nach Anderen eine verheirathete Frau, und der Verwandte, dem sie das entehrende Opfer brachte, wird von Einigen als ihr Vater, von Anderen als ihr Bruder, von noch Anderen als ihr Gatte bezeichnet. Endlich ist die Anekdote schon ehe Kirke geboren war, vielen anderen Unterdrückern zugeschrieben und ein Lieblingsthema für Romanschreiber und Schauspieldichter geworden. Zwei Staatsmänner des fünfzehnten Jahrhunderts, Rhynsault, der Günstling Karl’s des Kühnen von Burgund, und Olivier le Dain, der Günstling Ludwig’s XI. von Frankreich, werden des nämlichen Verbrechens beschuldigt. Cintio hat einen Roman daraus gemacht, Whetstone hat Cintio’s Roman als Stoff für das rohe Schauspiel „Promos und Cassandra“ benutzt, und Shakespeare hat die Intrigue der herrlichen Tragikomödie „Maß für Maß“ von Whetstone entlehnt. Wie Kirke nicht der Erste war, so war er auch nicht der Letzte, dem das Volk diese haarsträubende Schändlichkeit zur Last legt. Während der Reaction, welche auf die Schreckensherrschaft der Jakobiner in Frankreich folgte, wurde eine ganz ähnliche Beschuldigung gegen Joseph Lebon, eines der abscheulichsten Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses, erhoben; nach erfolgter Untersuchung aber gestanden selbst seine Ankläger zu, daß sie ungegründet sei.[123]
Die Regierung war mit Kirke unzufrieden, nicht wegen seiner barbarischen Behandlung unbemittelter Gefangenen, sondern wegen der uneigennützigen Milde, die er gegen reiche Delinquenten übte.[124] Er wurde daher bald aus dem Westen zurückberufen und eine regelmäßigere und zugleich grausamere Metzelei veranstaltet. Die Rache ward um einige Wochen aufgeschoben, denn man hielt es für wünschenswerth, die Assisen im Westen nicht eher beginnen zu lassen, bis die anderen beendigt waren. Mittlerweile füllten sich die Gefängnisse von Somersetshire und Dorsetshire mit Tausenden von Gefangenen. Der hauptsächlichste Freund und Beschützer dieser Unglücklichen in ihrer Bedrängniß war ein Mann, der ihre religiösen und politischen Ansichten verabscheute, dessen Stand sie haßten und dem sie ohne Veranlassung von seiner Seite Böses zugefügt hatten, der Bischof Ken. Dieser menschenfreundliche Prälat bot seinen ganzen Einfluß auf, um die Kerkermeister zur Milde zu stimmen und beschränkte seinen bischöflichen Aufwand, damit er im Stande war, die schlechte und dürftige Kost der Unglücklichen, die seine geliebte Kathedrale entweiht hatten, einigermaßen zu verbessern. Sein Benehmen bei dieser Gelegenheit entsprach seinem ganzen Lebenswandel. Allerdings war sein Verstand durch manchen Aberglauben und manche Vorurtheile verdunkelt, sein sittlicher Character aber hält bei unparteiischer Betrachtung einen Vergleich mit jeder Persönlichkeit der Kirchengeschichte aus und kommt der idealen Vollkommenheit der christlichen Tugend so nahe, als menschliche Schwäche es immer gestattet.[125]
[119.] Pepys’s Diary, kept at Tangier; Historical Records of The Second or Queen’s Royal Regiment of Foot.