Am folgenden Morgen wurde das Urtheil gefällt. Jeffreys sprach sich dahin aus, daß Alice Lisle noch denselben Nachmittag lebendig verbrannt werden sollte. Dieses Übermaß von Barbarei erregte das Mitleid und den Unwillen selbst derjenigen Klasse, die der Krone am ergebensten war. Die Geistlichen der Kathedrale von Winchester machten dem Oberrichter Vorstellungen und er wagte es bei all’ seiner Brutalität nicht, sich über einen solchen Gegenstand in einen Streit mit einer Körperschaft einzulassen, die bei der Torypartei in so hohem Ansehen stand. Er willigte ein, daß die Hinrichtung fünf Tage verschoben wurde. Während dieser Zeit boten die Freunde der Gefangenen Alles auf, um von Jakob ihre Begnadigung zu erwirken; sehr vornehme Damen verwendeten sich für sie, und auch Feversham, dessen letzter Sieg seinen Einfluß bei Hofe vergrößert hatte und der, wie man sagte, sich zum Mitleid hatte bestechen lassen, sprach zu ihren Gunsten. Sogar Clarendon, der Schwager des Königs, nahm sich ihrer Sache an. Aber es war Alles vergebens. Das Höchste, was man erlangen konnte, war die Umwandlung des Feuertodes in Enthauptung. Auf einem auf dem Marktplatze zu Winchester errichteten Schaffot wurde sie hingerichtet, und sie ertrug ihr Schicksal mit heiterem Muthe.[128]
[127.] Siehe die Einleitung zu der Parlamentsacte, welche das Urtel umstieß.
[128.] Prozeß der Alice Lisle in der Collection of State Trials; Stat. 1 Gul. & Mar.; Burnet, I. 649; Caveat against the Whigs.
Die blutigen Assisen. [In] Hampshire war Alice Lisle das einzige Opfer; aber den Tag nach ihrer Hinrichtung begab sich Jeffreys nach Dorchester, der Hauptstadt der Grafschaft, in welcher Monmouth gelandet war, und hier begann das richterliche Gemetzel.
Der Gerichtssaal war auf Befehl des Oberrichters mit rothem Tuche ausgeschlagen, und die Menge erblickte in dieser Neuerung ein Anzeichen von blutigen Absichten. Auch erzählte man sich, Jeffreys’ blutdürstiger Mund habe sich zu einem unheilverkündenden Grinsen verzogen, als der Geistliche, der die Assisenpredigt hielt, den Richtern die Pflicht der Milde ans Herz legte. Alle diese Umstände erweckten schlimme Ahnungen hinsichtlich dessen, was folgen sollte.[129]
Es waren mehr als dreihundert Gefangene abzuurteilen. Dies schien ein schweres Stück Arbeit, aber Jeffreys wußte es sich leicht zu machen. Er gab zu verstehen, daß die Angeklagten nur dann Aussicht hatten, Begnadigung oder Strafaufschub zu erlangen, wenn sie ihre Schuld eingestanden. Neunundzwanzig Personen, die sich für nicht schuldig erklärten, aber schuldig befunden wurden, ließ Jeffreys sofort aufknüpfen. Die übrigen Gefangenen bekannten, sich nun massenweise für schuldig. Zweihundertzweiundneunzig wurden zum Tode verurtheilt. Die Anzahl Derer, welche in Dorsetshire gehängt wurden, belief sich im Ganzen auf vierundsiebzig.
Von Dorchester zog Jeffreys weiter nach Exeter. Der Bürgerkrieg hatte kaum die Grenzen von Dorsetshire berührt und es wurden deshalb hier verhältnißmäßig nur wenige Personen mit dem Tode bestraft. Somersetshire, der Hauptsitz des Aufstandes, war für die letzte und furchtbarste Rache aufgespart. In dieser Grafschaft wurden binnen wenigen Tagen zweihundertdreiunddreißig Gefangene gehängt, geschleift und geviertheilt. An jeder Stelle, wo zwei Straßen sich kreuzten, auf jedem Marktplatze, und auf der Gemeindewiese jedes großen Dorfes, das Monmouth Soldaten geliefert hatte, verpesteten gefesselte Leichname, die sich klirrend im Winde schaukelten, oder auf Pfähle gespießte Köpfe und Glieder die Luft und erfüllten den Reisenden mit Grauen und Entsetzen. In manchen Dörfern konnten die Leute sich nicht im Gotteshause versammeln, ohne über dem Portale das gespensterhafte Antlitz eines Nachbarn grinsen zu sehen. Der Oberrichter war in seinem Element. Je weiter das Mordwerk gedieh, um so heiterer und lebhafter wurde er. Er lachte, jubelte, scherzte und schwur in solchem Maße, daß viele Leute ihn vom Morgen bis zum Abend für betrunken hielten. Aber bei ihm war es nicht leicht, den durch wilde Leidenschaften erregten Wahnsinn von dem durch den Branntwein hervorgerufenen zu unterscheiden. Ein Gefangener behauptete, die gegen ihn aufgetretenen Zeugen verdienten keinen Glauben, indem einer von ihnen Papist, der andre prostituirt sei. „Wie, frecher Rebell?“ rief der Oberrichter, „Du wagst es, des Königs Zeugen zu verwerfen? Ich sehe Dich schon mit dem Stricke um den Hals, Schurke!“ Ein Andrer bewies durch Zeugnisse, daß er ein guter Protestant sei. „Protestant?“ rief Jeffreys, „Presbyterianer wollt Ihr sagen! Ich biete Euch eine Wette darauf an, daß ich einen Presbyterianer vierzig Meilen weit wittere.“ Ein Unglücklicher erweckte selbst das Mitleid erbitterter Tories. „Mylord,“ sagten sie, „dieser arme Mann wird auf Gemeindekosten unterhalten.“ „Seid unbesorgt,“ entgegnete der Oberrichter, „ich will die Gemeinde von der Last befreien.“ Seine Wuth richtete sich nicht gegen die Gefangenen allein. Gentlemen und Adelige von hohem Ansehen und fleckenloser Loyalität, die es wagten, ihn auf einen mildernden Umstand aufmerksam zu machen, konnten fast mit Gewißheit darauf rechnen, daß sie eine Antwort von ihm erhielten, die er in der gemeinen Sprache, welche er sich in den Bierhäusern von Whitechapel angeeignet hatte, einen Schlag mit der rauhen Seite seiner Zunge nannte. Lord Stawell, ein toryistischer Peer, der seinen Abscheu vor der Gewissenlosigkeit, mit der seine unglücklichen Nachbarn hingeschlachtet wurden, nicht verhehlen konnte, wurde dadurch bestraft, daß man über seinem Parkthore einen Leichnam in Ketten aufhängte.[130] Aus derartigen Schauspielen entsprangen manche schauerliche Geschichten, die sich die Landleute von Somersetshire noch lange nachher am Weihnachtsfeuer beim Äpfelwein erzählten. Noch in den letzten vierzig Jahren kannten in einigen Districten Manche die verwünschten Stellen genau und gingen des Abends nur mit Widerstreben an denselben vorüber.[131]
Jeffreys rühmte sich mehr Verräther gehängt zu haben, als alle seine Vorgänger seit der Eroberung. Es ist gewiß, daß die Anzahl der Personen, die er in einem Monate und in einer Grafschaft hinrichten ließ, bei weitem die Zahl aller politischen Verbrecher übersteigt, welche seit der Revolution auf unsrer Insel hingerichtet worden sind. Die Aufstände von 1715 und 1745 waren von längerer Dauer, von größerer Ausdehnung und viel drohenderem Aussehen als der, welcher bei Sedgemoor niedergeworfen wurde, und man war nicht allgemein der Ansicht, daß das Haus Hannover sowohl nach der Rebellion von 1715 als auch nach der von 1745 in der Milde zu weit gegangen sei. Gleichwohl muß die Anzahl der Hinrichtungen von 1715 und 1745 zusammengenommen, im Vergleich mit denen, welche die blutigen Assisen geschändet haben, gering erscheinen. Die Gesammtzahl der Rebellen, welche Jeffreys auf dieser Rundreise hängen ließ, belief sich auf dreihundertzwanzig.[132]
Ein solches Gemetzel hätte selbst dann Abscheu erregen müssen, wenn die Verurtheilten im Allgemeinen hassenswerth gewesen wären. Aber sie waren zum größten Theil Leute von tadellosem Wandel und wahrer Religiosität. Sie betrachteten sich selbst und wurden auch von einem großen Theile ihrer Nachbarn nicht als Missethäter, sondern als Märtyrer betrachtet, welche die Wahrheit des protestantischen Glaubens mit ihrem Blute besiegelten. Nur sehr wenige von den Verurtheilten legten Reue über das, was sie gethan, an den Tag. Viele, die von dem alten puritanischen Geiste beseelt waren, gingen dem Tode nicht nur standhaft, sondern sogar freudig entgegen. Vergebens hielten ihnen die Diener der Staatskirche Sermone über die Sündhaftigkeit des Aufruhrs und über die Wichtigkeit der priesterlichen Absolution. Der Anspruch des Königs auf unbeschränkte Autorität in weltlichen Dingen, und der Anspruch des Klerus auf die geistliche Gewalt, zu verbinden und aufzulösen, erregten den bitteren Spott der unerschrockenen Sectirer. Einige von ihnen componirten im Gefängnisse Hymnen, die sie dann auf der verhängnißvollen Schleife sangen. Christus, riefen sie aus, während sie sich zu dem Gemetzel entkleideten, werde bald kommen, um Zion zu erlösen und Babylon zu bekriegen; er werde sein Banner aufpflanzen, in seine Trompete stoßen und seinen Feinden zehnfältig all’ das Böse vergelten, das sie seinen Dienern zugefügt. Die letzten Worte dieser Leute wurden aufgezeichnet, ihre Abschiedsbriefe wie kostbare Schätze aufbewahrt, und so entstand mit Hülfe einiger Erdichtung und Übertreibung ein umfänglicher Nachtrag zur Marianischen Martyrologie.[133]
[129.] Bloody Assizes.