Mißvergnügt, aber auch ein wenig eingeschüchtert, versammelten sich die Gemeinen wieder in ihrer Kammer. Für die meisten von ihnen war der König noch immer ein Gegenstand kindlicher Verehrung. Drei weitere Jahre voll Ungerechtigkeiten und voll Beleidigungen, welche noch kränkender waren als Ungerechtigkeiten, reichten kaum hin, das Band zu zerreißen, welches die Kavaliergentry an den Thron fesselte.
Der Sprecher wiederholte den wesentlichen Inhalt der königlichen Antwort. Es trat eine feierliche Stille ein, dann wurde, wie gewöhnlich, die Tagesordnung verlesen und das Haus bildete sich zum Comité behufs der Berathung der Bill wegen Reorganisation der Miliz.
[25.] Commons’ Journals, Nov. 17, 18. 1685.
Coke wird wegen Verletzung der dem Könige schuldigen Achtung von den Gemeinen mit Gefängnißstrafe belegt. [In] wenigen Stunden aber lebte der Oppositionsgeist wieder auf. Als gegen das Ende der Sitzung der Sprecher seinen Stuhl wieder eingenommen hatte, stellte Wharton, der kühnste und thätigste der Whigs, den Antrag, daß ein Tag bestimmt werden solle, um die Antwort Seiner Majestät in Erwägung zu ziehen. Johann Coke, Abgeordneter für Derby, unterstützte Wharton, obgleich er ein bekannter Tory war. „Ich hoffe,“ sagte er, „daß wir alle Engländer sind und uns durch einige hohe Worte nicht von unsrer Pflicht zurückschrecken lassen werden.“
Das war männlich, aber nicht klug gesprochen. Das ganze Haus gerieth in stürmische Aufregung. „Schreibt seine Worte nieder!“ „Vor die Barre!“ „In den Tower!“ erscholl es von allen Seiten. Die Nachsichtigsten schlugen vor, dem Beleidiger einen Verweis zu geben; die Minister aber bestanden mit Heftigkeit darauf, daß er in Haft geschickt werden solle. Das Haus, sagte er, möge Beleidigungen gegen sich selbst verzeihen, habe aber nicht das Recht, eine Beleidigung der Krone zu vergeben. Coke wurde in den Tower geschickt. Die Übereilung eines Einzelnen zerstörte das ganze von den Häuptern der Opposition so geschickt entworfene Operationssystem. Umsonst versuchte es in diesem Augenblicke Eduard Seymour, seine Anhänger wieder zu sammeln, forderte sie auf, einen Tag zur Berathung über die königliche Antwort zu bestimmen und sprach die zuversichtliche Erwartung aus, die Discussion werde mit derjenigen Achtung geführt werden, welche Unterthanen ihrem Herrscher schuldig seien. Die Mitglieder waren durch das Mißfallen des Königs so sehr eingeschüchtert und über Coke’s Rücksichtslosigkeit so aufgebracht, daß eine Abstimmung nicht rathsam gewesen wäre[26].
Das Haus vertagte sich und die Minister schmeichelten sich mit der Hoffnung, daß der Geist der Opposition bezwungen sei. Aber am nächstfolgenden Tage, dem 19. November, zeigten sich neue beunruhigende Symptome. Die Zeit war gekommen, um die aus allen Theilen Englands eingegangenen Petitionen gegen die letzten Wahlen in Erwägung zu ziehen. Als Seymour sich in der ersten Zusammenkunft des Parlaments über die Gewalt und Hinterlist beschwert, wodurch die Regierung die Wahlkörper in dem freien Ausdrucke ihrer Meinung behindert habe, hatte er keine Unterstützung gefunden. Viele aber, welche damals von seiner Seite gewichen waren, hatten sich später ein Herz gefaßt und hatten mit Johann Lowther, dem Abgeordneten von Cumberland, an der Spitze, vor dem Auseinandergehen auf Untersuchung der Mißbräuche angetragen, welche das Volk so heftig aufgeregt hätten. Jetzt war das Haus in einer viel mißmuthigeren Stimmung und es erhoben sich zahlreiche Stimmen mit kühnen Drohungen und Anklagen. Man sagte den Ministern, die Nation erwarte kräftige Abhülfe und werde sie erlangen. Inzwischen wurde geschickt darauf hingedeutet, daß die beste Genugthuung, welche ein durch ordnungswidrige Mittel ins Parlament gewählter Gentleman dem Publikum geben könne, darin bestehe, daß er seine übel erworbene Macht zur Verteidigung der Religion und der Freiheiten seines Vaterlandes anwende. Kein Mitglied, das in dieser Krisis seine Pflicht thue, habe etwas zu fürchten. Es könne sein, daß man ihm seinen Sitz im Hause vorenthalten müsse, aber der ganze Einfluß der Opposition werde dann aufgeboten werden, um seine Wiedererwählung durchzusetzen.[27]
[26.] Commons’ Journals, Nov. 18. 1685; Harl. MS. 7187; Lansd. MS. 253; Burnet I. 667.
[27.] Lonsdale’s Memoirs. Burnet sagt uns (I. 667), daß nach Coke’s Verhaftung im Hause der Gemeinen eine heftige Debatte über die Wahlen stattgefunden habe. Dies muß also am 19. November gewesen sein, denn Coke wurde am Abend des 18. in den Tower geschickt und am 20. wurde das Parlament prorogirt. Burnet’s Angabe wird auch durch die Protokolle bestätigt, aus denen hervorgeht, daß am 19. über mehrere Wahlen debattirt wurde.
Opposition gegen die Regierung im Hause der Lords. Der Earl von Devonshire. [An] dem nämlichen Tage zeigte es sich auch klar, daß der Oppositionsgeist sich von den Gemeinen in das Haus der Lords und selbst bis auf die Bank der Bischöfe verbreitet hatte. Wilhelm Cavendish, Earl von Devonshire, stellte sich im Oberhause an die Spitze, und er war ganz dazu geeignet. In Reichthum und Einfluß stand er keinem andren englischen Edelmanne nach, und er galt allgemein für den feinsten Gentleman seiner Zeit. Seine Prachtliebe, sein ausgezeichneter Geschmack, seine Talente, seine klassische Bildung, seine Hochherzigkeit und sein liebenswürdiges, herablassendes Benehmen wurden selbst von seinen Feinden anerkannt; leider aber konnten seine Lobredner nicht behaupten, daß seine Sittlichkeit von der damals so weit verbreiteten Ansteckung frei geblieben sei. Obwohl ein Feind des Papismus und der willkürlichen Gewalt, hegte er doch eine entschiedene Abneigung gegen jede Überstürzung, war, als die Ausschließungsbill fiel, zu einem Vergleiche bereit gewesen und hatte sich nie an den gesetzwidrigen und übereilten Plänen betheiligt, welche die Whigpartei in einen so üblen Geruch gebracht hatten. Aber wenn er auch das Verfahren seiner Freunde zum Theil mißbilligte, so erfüllte er deshalb doch mit gewissenhaftem Eifer die schwierigsten und gefährlichsten Pflichten der Freundschaft. Er hatte neben Russell an den Schranken gestanden, hatte an dem schauerlichen Morgen der Hinrichtung mit innigen Umarmungen und unter heißen Thränen von ihm Abschied genommen und sich sogar erboten, ihm mit Gefahr seines eignen Lebens zur Flucht zu verhelfen.[28] Dieser große Edelmann trug jetzt darauf an, daß ein Tag zur Berathung über die Thronrede festgesetzt werden sollte. Auf der andren Seite wurde behauptet, die Lords hätten sich durch ihr Dankvotum für die Thronrede bereits jede Möglichkeit, Beschwerden dagegen zu erheben, abgeschnitten. Aber dieser Einwand wurde von Halifax mit Verachtung zurückgewiesen. „Solche Dankesbezeigungen“, sagte er mit dem sarkastischen Scherze, durch den er sich auszeichnete, „schließen keine Billigung in sich. Wir sind unsrem gnädigen Herrn und Gebieter stets dankbar, wenn er mit uns zu sprechen geruht, und ganz besonders dankbar sind wir ihm, wenn er, wie im vorliegenden Falle, gerade heraus spricht und uns offen sagt, was wir zu gewärtigen haben“.[29]
[28.] Burnet, I. 560; Funeral Sermon of the Duke of Devonshire, preached by Kennet, 1708; Travels of Cosmo III. in England.