So standen denn auf der einen Seite die Hyde mit der ganzen Masse der toryistischen Anhänger der Staatskirche, Powis mit den achtungswerthesten Edelleuten und Gentlemen von des Königs Glauben, die Generalstaaten, das Haus Österreich und der Papst; auf der andren Seite einige römisch-katholische Abenteurer mit zerrüttetem Vermögen und beflecktem Rufe, unterstützt von Frankreich und den Jesuiten.

[56.] Fra Paolo, lib. VII.; Pallavicino, lib. XVIII. chap. 15.

Pater Petre. [Der] Hauptrepräsentant der Jesuiten in Whitehall war ein englischer Ordensbruder, der eine Zeit lang als Viceprovinzial gedient hatte, von Jakob mit besonderer Gunst beehrt und erst kürzlich noch zum Kabinetssekretär ernannt worden war. Dieser Mann, Namens Eduard Petre, stammte aus einer achtbaren Familie. Er besaß einnehmende Manieren, eine gewandte und zum Herzen dringende Redeweise, war aber schwach und eitel, habsüchtig und ehrgeizig. Von allen bösen Rathgebern, denen der König ein geneigtes Ohr lieh, hatte er vielleicht den größten Antheil am Untergange des Hauses Stuart gehabt.

Stimmung und Ansichten des Königs. [Der] starrsinnige und herrschsüchtige Character des Königs kam Denjenigen, die ihm riethen fest zu bleiben, in nichts nachzugeben und sich gefürchtet zu machen, sehr zu Statten. In seinem beschränkten Kopfe hatte sich eine Staatsmaxime eingenistet, die durch keine Vernunftgründe daraus zu vertreiben war. Er war überhaupt nicht gewohnt, auf Vernunftgründe zu hören. Seine Methode der Beweisführung, wenn man es so nennen darf, war von der Art, wie man sie bei beschränkten und eigenwilligen Personen, welche nur Untergebene um sich zu haben gewohnt sind, sehr häufig findet. Er stellte eine Behauptung auf, und wenn verständigere Leute sich herausnahmen, ihm zu beweisen, daß er im Irrthum war, so wiederholte er seine Behauptung mit den nämlichen Worten und glaubte auf diese Weise alle Einwendungen entkräftet zu haben.[57] „Ich mag keine Zugeständnisse machen“, sagte er oft: „mein Vater machte auch Zugeständnisse und er wurde enthauptet“.[58] Wenn es auch wahr gewesen wäre, daß Karl I. sich durch seine Nachgiebigkeit ins Verderben gestürzt, so würde doch jeder verständige Mann eingesehen haben, daß eine einzige Erfahrung selbst in viel weniger verwickelten Wissenschaften als die Staatswissenschaft ist, nicht genügt, um eine allgemeine Regel festzustellen, daß seit Erschaffung der Welt nicht zwei politische Experimente unter völlig gleichen Bedingungen gemacht worden sind und daß man auf keinem andren Wege aus der Geschichte Staatsklugheit schöpfen kann, als indem man eine große Anzahl Fälle prüft und mit einander vergleicht. Wenn indessen der einzelne Fall, auf den der König sich stützte, überhaupt etwas bewies, so bewies er nur, daß der König Unrecht hatte. Es dürfte kaum einem Zweifel unterliegen, daß, wenn Karl dem Kurzen Parlamente, welches im Frühjahr 1640 zusammentrat, aus freiem Antriebe nur die Hälfte der Zugeständnisse gemacht hätte, die er wenige Monate später dem Langen Parlamente machte, er als ein mächtiger König gelebt haben und gestorben sein würde. Auf der andren Seite kann es nicht im geringsten bezweifelt werden, daß, wenn er sich geweigert hätte, dem Langen Parlamente irgend ein Zugeständniß zu machen, und er zur Vertheidigung des Schiffsgeldes und der Sternkammer die Waffen ergriffen hätte, er Hyde und Falkland neben Hollis und Hampden in den feindlichen Reihen gesehen haben würde. In Wahrheit aber würde er gar nicht im Stande gewesen sein zu den Waffen zu greifen, denn es würden sich keine zwanzig Kavaliere seiner Fahne angeschlossen haben. Nur seinen ausgedehnten Zugeständnissen verdankte er die Unterstützung der großen Masse von Kavalieren und Gentlemen, die so lange und so tapfer für seine Sache fochten. Doch es wäre ganz umsonst gewesen, Jakob diese Dinge vorzustellen.

Außerdem war sein Geist noch in einem andren unseligen Irrthum befangen, den er sich nicht nehmen ließ, bis er ihn ins Unglück gestürzt hatte. Er glaubte steif und fest er könne thun was er wolle, die Mitglieder der Staatskirche würden nach ihren Grundsätzen handeln. Es war, wie er wußte, von zehntausend Kanzeln herab gepredigt und von der Universität Oxford feierlich erklärt worden, daß selbst eine so fürchterliche Tyrannei wie die der verderbtesten Cäsaren den Widerstand der Unterthanen gegen die königliche Autorität nicht rechtfertige, und er war schwach genug, hieraus den Schluß zu ziehen, daß die ganze Hauptmasse der toryistischen Gentlemen und Geistlichen sich geduldig von ihm ausplündern, bedrücken und verhöhnen lassen würde, ohne nur die Hand gegen ihn zu erheben. Man sollte es kaum für möglich halten, daß ein Mann, der sein fünfzigstes Lebensjahr zurückgelegt hatte, noch nicht dahinter gekommen war, daß die Menschen zuweilen etwas thun, obgleich sie es als unrecht erkennen. Jakob brauchte nur in sein eignes Herz zu blicken, um hinreichende Beweise dafür zu erhalten, daß selbst ein starkes religiöses Pflichtgefühl den schwachen Menschen nicht immer abhält, trotz aller göttlichen Gebote und auf die Gefahr der furchtbarsten Strafen hin, seinen Leidenschaften zu fröhnen. Er mußte wissen, daß er, obgleich er den Ehebruch für eine Sünde hielt, dennoch ein Ehebrecher war; aber nichts vermochte ihn zu überzeugen, daß ein Mensch, der den Aufruhr laut für sündlich erklärte, je einmal im Nothfalle selbst ein Aufrührer werden konnte. Die Kirche Englands war seiner Ansicht nach ein passives Opfer, das er ohne die mindeste Gefahr nach Gutdünken mißhandeln und quälen konnte, und er sah seinen Irrthum nicht eher ein, als bis die Universitäten Anstalt trafen, aus ihrem Silbergeschirr Geld schlagen zu lassen, damit sie die Kriegskasse seiner Feinde unterstützen konnten, und bis ein lange Zeit durch seine Loyalität ausgezeichneter Bischof den Priesterrock abwarf, das Schwert um die Lenden gürtete und das Commando eines Insurgenten­regiments übernahm.

[57.] Ganz dieselbe Methode befolgte auch seine Tochter Anna, und Marlborough sagt, sie habe das von ihrem Vater gelernt. — Vindication of the Duchess of Marlborough.

[58.] Wie zur Zeit des Prozesses der Bischöfe sagte Jacob beständig zu Adda, alles Unglück Karl’s I. sei „per la troppa indulgenza“ über ihn gekommen. Depesche vom 29. Juni (9. Juli) 1688.

Sunderland bestärkt den König in seinen Irrthümern. [In] diesen unseligen Täuschungen wurde der König arglistigerweise durch einen Minister bestärkt, der Exclusionist gewesen war und sich noch immer einen Protestanten nannte, den Earl von Sunderland. Die Beweggründe und die Handlungsweise dieses grundsatzlosen Staatsmannes sind oft irrig dargestellt worden. Er wurde bei seinen Lebzeiten von den Jakobiten beschuldigt, daß er schon vor dem Regierungsantritte Jakob’s eine Revolution zu Gunsten des Prinzen von Oranien hervorzurufen beabsichtigt und daß er zu dem Ende eine Reihe von Gewaltmaßregeln gegen die staatliche und kirchliche Verfassung des Reichs anempfohlen habe. Diese grundlose Fabel ist bis auf unsere Tage von unwissenden Schriftstellern nacherzählt worden. Aber kein gut unterrichteter Geschichtsforscher, welches auch seine vorgefaßte Meinung sein mochte, hat sich entschließen können, daran zu glauben, denn es liegt durchaus kein Beweis dafür vor, und einsichtsvolle Männer würden sich kaum durch irgend einen Beweis überzeugen lassen, daß Sunderland absichtlich Schuld und Schande auf sich lud, um eine Veränderung herbeizuführen, durch die er offenbar unmöglich etwas gewinnen konnte und durch die er in der That nachher unermeßlichen Reichthum und Einfluß verlor. Auch ist nicht der mindeste Grund zu einer so sonderbaren Annahme vorhanden, denn das Wahre liegt klar auf der Hand. So krumm auch die Wege dieses Mannes waren, das Gesetz, welches sie ihm vorzeichnete, war sehr einfach. Sein Verfahren muß dem abwechselnden Einflusse der Habgier und der Furcht auf einen für diese beiden Leidenschaften sehr empfänglichen und mehr scharfsichtigen als weitsehenden Geist zugeschrieben werden. Er wollte mehr Macht und mehr Geld haben. Mehr Macht konnte er nur auf Unkosten Rochester’s erlangen, und das klar vorliegende Mittel zur Erreichung dieses Zweckes war, daß er das Mißfallen des Königs an Rochester’s gemäßigten Rathschlägen nährte. Geld war am leichtesten und am reichlichsten vom Hofe von Versailles zu erlangen, und Sunderland eilte, sich diesem Hofe zu verkaufen, er hatte keine heiteren und anständigen Laster, gegen Wein und Frauenschönheit war er sehr gleichgültig; aber er besaß eine zügellose, unersättliche Begierde nach Reichthum. Eine maßlose Spielwuth beherrschte ihn und war durch ungeheure Verluste nicht vermindert worden. Er war der Erbe eines großen Vermögens, hatte lange Zeit einträgliche Ämter bekleidet und kein Mittel gescheut, wodurch er sie noch einträglicher machen konnte; aber sein Unglück am Spieltisch war so groß, daß seine Güter von Tag zu Tag mit immer neuen Schulden belastet wurden. In der Hoffnung, sich aus seinen Verlegenheiten zu reißen, verrieth er Barillon alle gegen Frankreich gerichteten Pläne, die im englischen Kabinet geschmiedet worden waren, und gab zu verstehen, daß in solchen Zeiten ein Staatssekretär Dienste leisten könne, welche gut zu bezahlen von Ludwig sehr weise gehandelt sein würde. Der Gesandte sagte seinem Gebieter, daß sechstausend Guineen die kleinste Gratification sei, die man einem so einflußreichen Minister anbieten könne. Ludwig willigte ein bis zu fünfund­zwanzig­tausend Kronen zu gehen, was ungefähr so viel als fünftausend­sechs­hundert Pfund Sterling war. Man kam überein, daß Sunderland jährlich diese Summe erhalten und dagegen seinen ganzen Einfluß aufbieten sollte, um die Wiedereinberufung des Parlaments zu hintertreiben.[59]

Er trat deshalb der jesuitischen Cabale bei und wußte den Einfluß derselben so geschickt zu benutzen, daß er zum Nachfolger Halifax’ in der hohen Stellung eines Lordpräsidenten ernannt wurde, ohne deshalb den viel einflußreicheren und einträglicheren Posten als Staatssekretär aufgeben zu müssen.[60] Er sah jedoch wohl ein, daß er nie hoffen konnte einen überwiegenden Einfluß bei Hofe zu erlangen, so lange er noch für ein Mitglied der Staatskirche galt. Ihm war jede Religion gleich, und er pflegte in Privatzirkeln oft von den heiligsten Dingen mit einer empörenden Geringschätzung zu sprechen. Er beschloß daher, dem Könige das Vergnügen und den Ruhm zu verschaffen, eine Bekehrung zu Stande gebracht zu haben. Die Sache mußte indessen mit Vorsicht und Geschick angegriffen werden. Niemand ist völlig gleichgültig gegen die Meinung seiner Nebenmenschen, und wenn sich auch Sunderland aus der Schande wenig machte, so fürchtete er doch das Schimpfliche eines öffentlichen Abfalles. Er spielte seine Rolle mit seltener Gewandtheit. Der Welt zeigte er sich als Protestanten; im königlichen Kabinet nahm er die Miene eines ernsten Wahrheitsforschers an, der schon fast dahin gebracht war, sich für römisch-katholisch zu erklären, und in Erwartung weiterer Erleuchtung vorläufig schon geneigt war, den Bekennern des alten Glaubens jeden in seiner Macht stehenden Dienst zu leisten. Jakob, der nie sehr scharfsichtig, in religiösen Dingen aber völlig blind war, ließ sich trotz Allem, was er von menschlicher Schurkerei, der Schurkerei der Höflinge im Allgemeinen und der Schurkerei Sunderland’s im Besonderen erfahren hatte, zu dem Glauben verlocken, daß die göttliche Gnade das falscheste und verstockteste aller menschlichen Herzen gerührt habe. Viele Monate lang wurde der schlaue Minister am Hofe für einen hoffnungsvollen Katechumenen gehalten, ohne daß er deshalb in den Augen des Publikums als Renegat erschien.[61]

Er machte den König in Zeiten darauf aufmerksam, daß es zweckmäßig sein dürfte, einen geheimen Ausschuß von Katholiken zu bilden, der in allen die Interessen ihres Glaubens berührenden Angelegenheiten Rath zu ertheilen habe. Dieser Ausschuß versammelte sich bald in Chiffinch’s Privatwohnung, bald in den amtlichen Gemächern Sunderland’s, der, obgleich dem Namen nach noch Protestant, an allen ihren Berathungen Theil nahm und bald ein entschiedenes Übergewicht über die anderen Mitglieder erlangte. Jeden Freitag speiste die jesuitische Cabale bei dem Staatssekretär. Bei Tafel herrschte eine sehr freie Unterhaltung und die Schwächen des Fürsten, den die Verbündeten zu leiten hofften, wurden dabei nicht geschont. Dem Petre versprach Sunderland den Cardinalshut, Castelmaine eine glänzende Gesandtschaft in Rom, Dover ein einträgliches Commando in der Garde und Tyrconnel eine hohe Stellung in Irland. So durch die stärksten Bande des Interesses mit einander verbunden, gingen diese Männer ans Werk, die Macht des Schatzmeisters zu stürzen.[62]