Liebeshändel des Königs. [Der] König stand trotz seines unfreundlichen Charakters und seiner ernsten Haltung doch nicht viel weniger unter der Herrschaft weiblicher Reize, als ehedem sein lebhafterer und liebenswürdigerer Bruder. Allerdings fragte Jakob nicht viel nach der Schönheit, durch die sich die begünstigten Damen Karl’s auszeichneten. Barbara Palmer, Eleonore Gwynn und Louise von Quérouaille gehörten zu den schönsten Frauen ihrer Zeit. Jakob hatte schon in früher Jugend um der unschönen Gesichtszüge der Anna Hyde willen seiner Freiheit entsagt, war unter seinen Rang herabgestiegen und hatte sich dadurch das Mißfallen seiner Familie zugezogen. Zum großen Ergötzen des Hofes hatte er sich bald von seiner simplen Gemahlin durch eine noch simplere Geliebte, Arabella Churchill, abziehen lassen. Seine zweite Gemahlin hatte häufig Ursache, sich über seine Unbeständigkeit zu beklagen, obgleich sie zwanzig Jahr jünger als er und von Gesicht wie von Gestalt nicht häßlich war. Aber die stärkste von allen seinen unerlaubten Neigungen war die, welche ihn an Katharine Sedley fesselte.
Katharine Sedley. [Diese] Dame war die Tochter des Sir Karl Sedley, eines der glänzendsten aber sittenlosesten Schöngeister der Restauration. Die Schamlosigkeit seiner Schriften wird nicht durch besondere Eleganz und Lebendigkeit der Sprache aufgewogen; aber der Zauber seiner Conversation wurde selbst von ernsten Männern, die seinen Character nicht achteten, anerkannt. Es wurde als eine besondere Gunst betrachtet, im Theater neben ihm zu sitzen und sein Urtheil über ein neues Stück zu hören.[65] Dryden hatte ihm die Ehre erzeigt, ihn zu einer Hauptperson in dem Gespräch über dramatische Dichtkunst zu machen, Sedley’s Lebenswandel war von der Art, daß er selbst zu jener Zeit Ärgerniß erregte. Einmal zeigte er sich nach einem schwelgerischen Gelage ohne eine Spur von Kleidungsstück auf dem Balcon eines Gasthauses unweit Coventgarden und haranguirte das vorübergehende Volk in einer so unanständigen und gottlosen Sprache, daß er deshalb gerichtlich verfolgt, zu einer schweren Geldbuße verurtheilt wurde und vom Gerichtshofe der Kings Bench einen sehr nachdrücklichen Verweis erhielt.[66] Seine Tochter hatte seine Talente und seine Schamlosigkeit geerbt. Körperliche Reize besaß sie nicht, außer einem Paar blitzender Augen, deren Glanz jedoch Männern von wirklich feinem Geschmack frech und unweiblich vorkam. Von Gestalt und Gesicht war sie hager. Karl fand zwar Gefallen an ihrer Unterhaltung, lachte aber über ihre Häßlichkeit und sagte die Priester müßten sie seinem Bruder als Bußmittel empfohlen haben. Sie wußte sehr wohl, daß sie nicht hübsch war und scherzte selbst über ihre Häßlichkeit. Sonderbarerweise aber schmückte sie sich trotzdem sehr gern und machte sich oft lächerlich, wenn sie mit Schönpflästerchen beklebt, geschminkt, in brüsseler Spitzen gekleidet, von Diamanten strahlend und alle Reize eines achtzehnjährigen Mädchens affectirend, im Theater erschien.[67]
Welcher Art ihr Einfluß auf Jakob war, ist nicht leicht zu erklären. Er war nicht mehr jung und ein religiöser Mann, oder wenigstens bereit, für seine Religion Anstrengungen und Opfer aufzuwenden, vor denen die meisten von Denjenigen, die man religiös nennt, zurückschrecken würden. Es muß auffallend erscheinen, daß irgend welche Reize im Stande waren, ihn zu einem Lebenswandel zu verleiten, den er als höchst strafbar betrachtet haben muß; und in diesem Falle konnte man nicht einmal begreifen, wo der Reiz lag. Katharine selbst war erstaunt über die Heftigkeit seiner Leidenschaft. „Meine Schönheit kann es nicht sein“, sagte sie, „denn er muß doch sehen, daß ich eben nicht schön bin; und mein Geist kann es auch nicht sein, denn er hat nicht genug, um zu bemerken, daß ich welchen habe.“
Zur Zeit seines Regierungsantritts machte das Gefühl der auf ihn lastenden neuen Verantwortlichkeit den König besonders empfänglich für religiöse Eindrücke. Er faßte und äußerte viele gute Vorsätze, sprach öffentlich mit großer Strenge von den gottlosen und ausschweifenden Sitten der Zeit und versprach privatim der Königin und seinem Beichtvater, daß er Katharine Sedley nicht mehr sehen wolle. Er ersuchte seine Maitresse schriftlich, die Gemächer, die sie in Whitehall bewohnte, zu verlassen und ein Haus am St. James Square zu beziehen, das auf seine Kosten prachtvoll für sie eingerichtet worden war. Zu gleicher Zeit versprach er ihr einen hohen Jahrgehalt aus seiner Chatulle. Die kluge, energische, unerschrockene und sich ihrer Macht bewußte Katharine aber weigerte sich das Feld zu räumen. Schon nach wenigen Monaten raunte man sich zu, daß Chiffinch’s Dienste wieder in Anspruch genommen würden und daß die Maitresse häufig durch die verborgene Thür aus- und eingehe, durch welche Pater Huddleston die Hostie an Karl’s Bett gebracht hatte. Die protestantischen Minister des Königs hofften wahrscheinlich, die Verblendung ihres Gebieters für dieses Weib könne ihn von der weit gefährlicheren Verblendung heilen, die ihn antrieb, ihre Religion anzugreifen. Sie besaß alle die Talente, die sie befähigen konnten, mit seinen Gefühlen und seinen Gewissensscrupeln Scherz zu treiben und ihm die Schwierigkeiten und Gefahren, in die er sich kopfüber stürzte, mit den grellsten Farben auszumalen.
[65.] Pepys, 4. Oct. 1664.
[66.] Pepys, 1. Juli 1663.
[67.] Siehe Dorset’s satyrische Verse auf sie.
Intriguen Rochester’s zu Gunsten der Katharine Sedley. [Rochester,] der Vorkämpfer der Kirche, bemühte sich, ihren Einfluß zu vergrößern. Ormond, der gewöhnlich als die personificirte Sittenreinheit und Hochsinnigkeit des englischen Kavaliers betrachtet wird, unterstützte ebenfalls diesen Plan. Selbst Lady Rochester schämte sich nicht, das Ihrige dazu beizutragen und zwar in der abscheulichsten Weise. Ihre Aufgabe bestand darin, die Eifersucht der beleidigten Gemahlin auf eine ganz unschuldige junge Dame zu lenken. Dem ganzen Hofe fiel die Kälte und Härte auf, mit der die Königin dem armen Mädchen begegnete, auf welche der Verdacht geworfen war, aber die Ursache der üblen Laune Ihrer Majestät war ein Geheimniß. Eine Zeit lang wurde die Intrigue glücklich und unentdeckt fortgesponnen. Katharine sagte dem Könige oft keck ins Gesicht, was die protestantischen Lords des Geheimen Raths nur in den zartesten Ausdrücken leise anzudeuten wagten. Seine Krone, sagte sie, sei in Gefahr, der alte kindische Arundell und der großsprecherische Tyrconnel würden ihn ins Verderben führen. Es ist leicht möglich, daß sie durch ihre Liebkosungen noch das erreicht haben würde, was dem vereinten Zureden der Lords und Gemeinen, des Hauses Österreich und des heiligen Stuhles nicht gelingen wollte, hätte nicht ein sonderbarer Unfall die ganze Gestalt der Dinge verändert. Jakob beschloß in einem Anfalle von Zärtlichkeit, seine Geliebte zur Gräfin von Dorchester zu erheben. Katharine erkannte die ganze Gefährlichkeit eines solchen Schrittes und lehnte die gehässige Ehre ab. Ihr Geliebter aber beharrte darauf und drückte ihr selbst das Diplom in die Hand. Endlich nahm sie es unter einer Bedingung an, welche ihr Vertrauen auf ihre Macht und seine Schwäche beweist. Er mußte ihr das feierliche Versprechen geben, nicht daß er sie nie verlassen, sondern nur daß er ihr in diesem Falle seinen Entschluß selbst ankündigen und ihr eine Abschiedszusammenkunft gewähren wolle.
Sobald die Nachricht von ihrer Erhebung bekannt wurde, kam der ganze Palast in Aufruhr. Das heiße italienische Blut kochte in den Adern der Königin. Stolz auf ihre Jugend und ihre Reize, auf ihren hohen Rang und ihre makellose Tugend konnte sie sich nicht ohne tiefen Schmerz und Zorn um einer solchen Nebenbuhlerin willen verlassen und beleidigt sehen. Rochester, der sich vielleicht erinnerte, wie geduldig sich Katharine von Braganza nach kurzem Widerstreben darein gefügt hatte, die Maitresse Karl’s höflich zu behandeln, hatte erwartet, daß auch Marie von Modena nach ein wenig Murren und Schmollen so fügsam sein werde. Aber dem war nicht so. Sie versuchte es gar nicht, die Heftigkeit ihrer empörten Gefühle vor den Augen der Welt zu verbergen. Tag für Tag bemerkten die Höflinge, welche herbeikamen, um sie speisen zu sehen, daß die Schüsseln unberührt von ihrer Tafel wieder abgetragen wurden. Im Beisein sämmtlicher Minister und Gesandten ließ sie ihren Thränen freien Lauf, und zum Könige sprach sie mit wilder Heftigkeit. „Lassen Sie mich!“ rief sie aus, „Sie haben Ihre Dirne zur Gräfin gemacht, machen Sie sie auch zur Königin, setzen Sie ihr meine Krone aufs Haupt. Nur gestatten Sie mir, mich in einem Kloster zu verbergen, damit ich sie nicht mehr sehe.“ Dann fragte sie ihn ein wenig ruhiger, wie er sein Benehmen mit seinen religiösen Ansichten vereinigen könne. „Sie sind bereit“, sagte sie, „um Ihres Seelenheils willen Ihr Königreich aufs Spiel zu setzen, und doch werfen Sie Ihre Seele um eines solchen Geschöpfes willen weg.“ Pater Petre stimmte auf den Knieen liegend in diese Vorstellungen ein. Dies war seine Pflicht, und er erfüllte sie nur um so eifriger, da sie mit seinem Interesse zusammenfiel. Der König fuhr noch eine Zeit lang fort zu sündigen und zu bereuen. In seinen Stunden der Zerknirschung legte er sich strenge Bußübungen auf. Marie bewahrte die Geißel, mit der er das ihr zugefügte Leid an seinen eigenen Schultern schonungslos gerächt hatte, sorgfältig auf bis an ihr Ende und vermachte sie dem Kloster von Chaillot. Nur Katharinen’s Entfernung konnte diesem Kampfe zwischen schmachvoller Liebe und schmachvollem Aberglauben ein Ziel setzen. Jakob bat sie und befahl ihr schriftlich, abzureisen. Er leugnete es nicht, daß er ihr versprochen habe, persönlich Abschied von ihr zu nehmen. „Aber“, setzte er hinzu, „ich weiß nur zu gut, welche Gewalt sie über mich ausüben. Ich werde nicht Seelenstärke genug haben, um meinen Vorsatz auszuführen, wenn ich Sie sehe.“ Er bot ihr eine Yacht an, damit sie mit allen Ehren und Bequemlichkeiten nach Flandern gehen könne, und drohte ihr, daß er sie mit Gewalt entfernen lassen werde, wenn sie nicht gutwillig gehe. Einmal suchte sie ihn dadurch zu erweichen, daß sie sich krank stellte. Dann nahm sie die Miene einer Märtyrin an und nannte sich unverschämterweise eine Dulderin für die protestantische Religion. Dann sprach sie wieder in dem Style Johann Hampden’s. Sie forderte den König heraus, sie fortbringen zu lassen, sie werde den Rechtsweg gegen ihn einschlagen, so lange die Magna Charta und die Habeas-Corpus-Acte im Lande Gesetzeskraft hätten, werde sie leben, wo es ihr gefalle. „Und vollends nach Flandern!“ rief sie, „dahin gehe ich nimmermehr! Eines habe ich von meiner Freundin, der Herzogin von Mazarin gelernt, und das ist, mich nie einem Lande anzuvertrauen, wo es Klöster giebt.“ Endlich wählte sie Irland als Verbannungsort, wahrscheinlich, weil der Bruder ihres Gönners Rochester dort Vicekönig war. Nach langem Zögern reiste sie endlich ab und räumte so der Königin das Feld.[68]
Die Geschichte dieser merkwürdigen Intrigue würde unvollständig sein, wenn wir nicht hinzusetzten, daß noch eine religiöse Betrachtung existirt, die der Lordschatzmeister mit eigner Hand an dem Tage niederschrieb, an welchem sein Versuch, den König durch eine Concubine am Gängelbande zu führen, von Bonrepaux nach Versailles berichtet wurde. Kein Werk Ken’s oder Leighton’s athmet den Geist einer glühenderen und exaltirteren Frömmigkeit als diese Herzensergießung. Heuchelei kann man hier nicht vermuthen, denn der Aufsatz war offenbar nur für den Verfasser selbst bestimmt und wurde erst veröffentlicht, als dieser schon über hundert Jahre im Grabe lag. So viel wunderbarer als Dichtung ist oft die Geschichte, so wahr ist es, daß die Natur Launen hat, welche die Kunst nicht nachzuahmen wagt. Ein dramatischer Dichter würde es schwerlich wagen, einen am Abend seines Lebens stehenden ernsten Fürsten auf die Bühne zu bringen, der bereit wäre, seine Krone den Interessen seines Glaubens zu opfern, der unermüdlich dahin wirkte, Proselyten zu machen, und der bei alledem eine Gemahlin, mit Jugend und Schönheit begabt, um einer verworfenen Maitresse willen, die keines von beiden besitzt, verließe und beleidigte. Womöglich noch weniger würde ein dramatischer Dichter es wagen, einen Staatsmann auf der Bühne darzustellen, der sich zu dem gemeinen und entehrenden Amte eines Kupplers hergäbe, sich in diesem schmachvollen Geschäft durch seine Gattin unterstützen ließe und sich dabei doch in seinen Mußestunden in ein stilles Kämmerlein zurückzöge, um hier im Verborgenen sein Herz in reuigen Thränen und frommen Stoßseufzern gegen Gott auszuschütten.[69]