Hugo Speke. [Über] der Zelle, die er im Kingsbench­gefängnisse bewohnte, saß ein andrer Verbrecher, dessen Character wohl verdient studirt zu werden. Dies war Hugo Speke, ein junger Mann aus guter Familie, aber von merkwürdig verderbten und gemeinem Character. Seine Neigung zu Unfug und zu dunklen, krummen Wegen war fast eine krankhafte Manie. Unheil zu stiften, ohne entdeckt zu werden, war sein Geschäft und sein Vergnügen, und er besaß ein seltenes Geschick darin, ehrliche Fanatiker zu Werkzeugen seiner kaltblütigen Bosheit zu benutzen. So hatte er vermittelst einer seiner Strohmänner den Versuch gemacht, Karl und Jakob des Verbrechens zu beschuldigen, Essex im Tower ermordet zu haben. Bei dieser Gelegenheit war man dem Treiben Speke’s auf die Spur gekommen, und obgleich es ihm gelang, den größten Theil der Schuld auf den von ihm Bethörten zu wälzen, kam er doch nicht ungestraft davon. Er saß jetzt im Gefängniß, aber sein Vermögen erlaubte ihm anständig zu leben und seine Haft war so mild, daß er mit einem seiner Genossen, der eine geheime Druckerei betrieb, einen regelmäßigen Verkehr unterhalten konnte.

Johnson war ganz der Mann, wie Speke ihn für seine Zwecke brauchen konnte: eifrig und furchtlos, ein gelehrter und gewandter Polemiker, und dabei einfältig wie ein Kind. Es bildete sich ein intimes Freund­schafts­verhältniß zwischen den beiden Gefangenen. Johnson schrieb eine Reihe bitterer und heftiger Artikel, welche Speke zum Druck beförderte. Als das Lager von Hounslow gebildet war, drang Speke in Johnson, eine Ansprache zu schreiben, welche die Truppen zur Meuterei reizen könne. Die Schrift wurde sogleich verfaßt und in vielen tausend Exemplaren gedruckt, welche in Speke’s Zelle gebracht wurden, der sie von hier aus durch das ganze Land und namentlich unter die Soldaten verbreitete. Eine solche Herausforderung würde selbst eine mildere Regierung als die damals in England herrschende war, zu heftigem Zorne gereizt haben. Es wurde eine strenge Untersuchung eingeleitet und ein untergeordneter Agent, der zur Verbreitung der Ansprache verwendet worden war, rettete sich dadurch, daß er Johnson denuncirte, der aber nicht der Mann war, sich durch Denuncirung Speke’s zu retten.

Prozeß gegen Johnson. [Man] machte Johnson den Prozeß und erlangte ohne Schwierigkeit seine Schuldigerklärung. Julian Johnson, wie er gewöhnlich genannt wurde, ward verurtheilt, dreimal am Pranger ausgestellt und von Newgate nach Tyburn gepeitscht zu werden. Der Richter, Sir Franz Withins, sagte dem Verurtheilten, er solle dem Generalfiskal für seine große Nachsicht danken, denn er habe das Vergehen als einen Hochverrath behandeln können. „Ich bin ihm keinen Dank schuldig“, erwiederte Johnson furchtlos. „Soll ich, dessen einziges Verbrechen darin besteht, die Kirche und die Gesetze vertheidigt zu haben, mich noch dafür bedanken, daß ich wie ein Hund gepeitscht werden soll, während papistische Scribenten täglich ungestraft die Kirche beleidigen und die Gesetze übertreten dürfen?“ Er sprach mit einer solchen Energie, daß die Richter sowohl als die Kronanwälte es für nöthig hielten, sich zu vertheidigen, indem sie versicherten, sie wüßten von keinen solchen papistischen Schriften, deren der Gefangene erwähnt habe. Augenblicklich brachte er einige römisch-katholische Bücher und Zierrathen zum Vorschein, welche damals mit königlicher Bewilligung überall frei verkauft wurden, las die Titel der Bücher laut vor und warf dem Kronanwalt einen Rosenkranz über den Tisch zu. „Und jetzt“, rief er dann mit lauter Stimme, „erhebe ich diese Anklage vor Gott, vor diesem Gerichtshofe und vor dem englischen Volke. Wir werden bald sehen, ob der Herr Generalfiskal seine Pflicht thut.“

Es wurde beschlossen, daß Johnson vor der Vollziehung der Strafe seiner Priesterwürde entkleidet werden sollte. Die Prälaten, denen die Verwaltung der Londoner Diöcese von der hohen Commission übertragen war, forderten ihn vor sich in das Kapitelhaus der St. Paulskathedrale. Sein Benehmen während der Ceremonie machte einen tiefen Eindruck auf alle Anwesenden. Als ihm sein heiliges Gewand ausgezogen wurde, rief er aus: „Ihr nehmt mir meinen Rock, weil ich mich bemüht habe, Euch den Eurigen zu erhalten.“ Das Einzige was ihn bei der ganzen Ceremonie wirklich zu betrüben schien, war der Augenblick als man ihm die Bibel aus der Hand riß. Er sträubte sich schwach das heilige Buch herzugeben, küßte es und brach in Thränen aus. „Die Hoffnungen, die ich ihm verdanke“, sagte er, „könnt Ihr mir nicht rauben.“ Es wurden einige Versuche gemacht, um den Erlaß der Peitschenstrafe für ihn zu erwirken. Ein römisch-katholischer Priester bot für die Summe von zweihundert Pfund seine Fürsprache an. Das Geld würde aufgebracht und der Priester that sein Möglichstes, aber vergebens. „Mr. Johnson“, sagte der König, „hat den Muth eines Märtyrers, und er soll deshalb auch einer werden.“ Wilhelm III. sagte einige Jahre später von einem der giftigsten und unerschrockensten Jakobiten: „Er hat sich vorgenommen ein Märtyrer zu werden, und ich habe mir vorgenommen, seine Hoffnung zu vereiteln.“ Diese beiden Äußerungen würden allein hinreichen, um den großen Unterschied in dem Geschick der beiden Fürsten zu erklären.

Der für die Auspeitschung festgesetzte Tag erschien. Man bediente sich einer neunschwänzigen Katze und der Verurtheilte erhielt mit derselben dreihundertsiebzehn Hiebe, ohne eine Miene zu verziehen. Er sagte nachher, der Schmerz sei fürchterlich gewesen, aber er habe sich, während er von dem Karren fortgezogen wurde, der Geduld erinnert, mit der das Kreuz einst den Calvarienberg hinauf getragen ward, und dieser Gedanke habe ihn so gestärkt, daß er, wenn er nicht befürchtet hätte, sein Benehmen könnte als eitle Prahlerei ausgelegt werden, mit eben so fester und freudiger Stimme als ob er sich im Kreise seiner Gemeinde befände, einen Psalm gesungen haben würde. Man kann sich des Wunsches nicht enthalten, daß ein solcher Heldenmuth weniger mit Leiden­schaft­lichkeit und Unduldsamkeit hätte gepaart sein sollen.[116]

[116.] Johnson’s Lebensbeschreibung als Einleitung zu seinen Werken; Secret History of the happy Revolution, von Hugo Speke; Collection of State Trials; Citters, 23. Nov. (3. Dec.) 1686. Citters giebt die beste Darstellung des Prozesses. Ich habe einen Bogen gesehen, der seine Erzählung bestätigt.

Eifer der anglikanischen Geistlichkeit gegen den Papismus. [Unter] den anglikanischen Geistlichen fand Johnson keine Theilnahme. Er hatte den Aufruhr zu rechtfertigen versucht, er hatte sogar eine Billigung des Königsmordes angedeutet, und so viel sie auch beleidigt und gereizt wurden, hielten sie doch noch immer fest an der Lehre vom Nichtwiderstande. Aber sie sahen mit Schmerz und Besorgniß die Fortschritte der Religion, die sie als einen schädlichen Aberglauben betrachteten, und während sie jeden Gedanken an eine Vertheidigung ihres Glaubens durch das Schwert aufgaben, griffen sie mannhaft zu Waffen andrer Art.

Streitschriften. [Gegen] die Irrthümer des Papstthums zu predigen, betrachteten sie jetzt als eine Pflicht und eine Ehrensache. Die Londoner Geistlichkeit, welche damals in Hinsicht des Talents und des Einflusses obenan stand, gab ein Beispiel, das von ihren weniger gebildeten Amtsbrüdern im ganzen Lande wacker nachgeahmt wurde. Hätten nur einzelne kühne Männer sich diese Freiheit herausgenommen, so würden sie wahrscheinlich sofort vor die kirchliche Commission citirt worden sein; aber es war kaum möglich ein Vergehen zu bestrafen, das jeden Sonntag von Tausenden von Geistlichen, von Barwick bis Penzance, begangen wurde. Die Pressen von London, Oxford und Cambridge ruhten keinen Augenblick. Das Gesetz, welches die literarischen Erscheinungen einer Censur unterwarf, war kein ernstes Hinderniß für die Anstrengungen der protestantischen Polemiker, denn es enthielt eine Ausnahmsbestimmung zu Gunsten der beiden Universitäten und gestattete die Veröffentlichung aller theologischen Werke, die der Erzbischof von Canterbury genehmigt hatte. Es stand daher nicht in der Macht der Regierung, den Vertheidigern der Staatskirche Schweigen zu gebieten. Sie bildeten eine zahlreiche, unerschrockene und wohlgeordnete Schaar von Streitern und es befanden sich unter ihnen ausgezeichnete Redner, erfahrene Dialectiker und in den Schriften der Kirchenväter wie in allen Theilen der Kirchengeschichte gründlich bewanderte Gelehrte. Einige von ihnen kehrten später die furchtbaren Waffen, die sie gegen den gemeinsamen Feind geschwungen hatten, gegen einander und brachten durch ihr heftiges Streiten und ihr übermüthiges Triumphiren Schmach über die Kirche, die sie gerettet hatten. Gegenwärtig aber bildeten sie eine fest zusammenhaltende Phalanx. In erster Linie erblickte man eine Reihe standhafter und geschickter Veteranen: Tillotson, Stillingfleet, Sherlock, Prideaux, Whitby, Patrick, Tenison und Wake. Die ausgezeichnetsten Baccalaureen der Philosophie, deren Studienziel die Diakonatsweihe war, bildeten die Nachhut. Unter den Kämpfern, welche Cambridge ins Feld stellte, ragte einer der vorzüglichsten Schüler des großen Newton hervor, Heinrich Wharton, der einige Monate früher der beste Disputant seines Jahrescursus gewesen war und dessen bald darauf erfolgender frühzeitiger Tod von allen Parteien als ein unersetzlicher Verlust für die Wissenschaft beklagt wurde.[117] Oxford war nicht minder stolz auf einen jungen Mann, der sein großes Talent in diesem Streite zum ersten Male versuchte und der nachher vierzig ereignisvolle Jahre hindurch Kirche und Staat beunruhigte: Franz Atterbury. Von solchen Männern wurde jede Streitfrage zwischen den Papisten und den Protestanten bald in einem populären Style, den jeder Knabe und jede Frau verstehen konnte, bald mit der scharfsinnigsten Logik, bald mit einem ungeheuren Aufwand von Gelehrsamkeit erörtert. Die Anmaßungen des heiligen Stuhles, die Autorität der Überlieferungen, das Fegefeuer, die Transsubstantiation, das Meßopfer, die Anbetung der Hostie, die Verweigerung des Kelches an Laien, die Beichte, die Buße, der Ablaß, die letzte Ölung, die Anrufung der Heiligen, die Anbetung von Bildern, der Cölibat der Geistlichen, die Klostergelübde, die Anwendung einer dem Volke nicht verständlichen Sprache beim öffentlichen Gottesdienste, die Verderbtheit des römischen Hofes, die Geschichte der Reformation, der Character der wichtigsten Reformatoren: dies Alles wurde ausführlich erörtert. Eine große Anzahl abgeschmackter Sagen von Wundern, welche Heilige und Reliquien bewirkt, wurden aus dem Italienischen übersetzt und als Belege für den Pfaffentrug, der den größten Theil der Christenheit genarrt, veröffentlicht. Von den Schriften, welche von anglikanischen Geistlichen während der kurzen Regierung Jakob’s II. erschienen, sind wahrscheinlich viele verloren gegangen. Diejenigen, von denen sich in unseren großen Bibliotheken noch Exemplare befinden, bilden eine Masse von nahe an zwanzigtausend Seiten.[118]

[117.] Siehe die Vorrede zu Heinrich Wharton’s hinterlassenen Predigten.

[118.] Dies kann ich aus meinen eigenen Nachforschungen bestätigen. Im Britischen Museum befindet sich eine vorzügliche Sammlung. Birch sagt uns in seiner Lebensbeschreibung Tillotson’s, daß der Erzbischof Wake nicht einmal im Stande gewesen sei, einen vollständigen Katalog aller in dieser Streitsache erschienenen Schriften anzufertigen.