Zustand des irischen Rechts in Glaubenssachen. [Die] Mißstände, unter denen die Mitglieder seiner Kirche in Irland litten, waren von denen, welche er in England und Schottland abzustellen versuchte, weit verschieden. Das irische Gesetzbuch, welches später durch eine ebenso barbarische Unduldsamkeit wie die der grauesten Vorzeit befleckt wurde, enthielt damals kaum eine einzige Bestimmung und nicht eine einzige bindende Bestimmung, welche über die Papisten als solche irgend eine Strafe verhängt hätte. Auf unsrer Seite des St. Georgskanals drohte jedem Priester, der einen Neubekehrten in den Schooß der römischen Kirche aufnahm, die Strafe, gehängt, geschleift und geviertheilt zu werden. Jenseit des Kanals war er keiner solchen Gefahr ausgesetzt. Ein Jesuit, der in Dover landete, setzte sein Leben aufs Spiel; in Dublin ging er vollkommen sicher einher. Bei uns konnte Niemand ein Amt bekleiden, oder sich nur als Advokat oder als Schullehrer seinen Unterhalt erwerben, wenn er nicht zuvor den Suprematseid leistete; in Irland war kein öffentlicher Beamter verbunden, diesen Eid zu leisten, wenn derselbe nicht ausdrücklich von ihm verlangt wurde.[150] Es war daher Niemand, den die Regierung anstellen wollte, dieses Grundes wegen von irgend einem Amte ausgeschlossen. Die Abendmahlsprobe und die Erklärung gegen die Transsubstantiation waren unbekannt und das Parlament keiner Religionssecte verschlossen.
[150.] Die Bestimmungen der irischen Suprematsacte, 2. Elis. Kap. 1. sind im wesentlichen dieselben wie die der englischen Suprematsacte, 1. Elis. Kap. 1., aber die englische wurde bald für mangelhaft befunden und der Mangel durch eine bindendere Acte, 5. Elis. Kap. 1. ersetzt. Ein solches Ergänzungsgesetz wurde in Irland nicht erlassen. Daß die im Texte erwähnte Auslegung auch auf die irische Suprematsacte angewendet wurde, erfahren wir vom Erzbischof King: State of Ireland, chap. II. sec. 9. Er nennt diese Auslegung jesuitisch, ich kann sie nicht in diesem Lichte sehen.
Feindseligkeit der Stämme. [Es] könnte demnach scheinen, daß sich der irische Katholik in einer Lage befunden hätte, um die ihn seine englischen und schottischen Brüder wohl beneiden durften. In der Wirklichkeit aber war seine Lage trauriger und erbitternder als die ihrige, denn wurde er auch nicht als Katholik verfolgt, so wurde er doch als Irländer bedrückt. In seinem Vaterlande trennte dieselbe Scheidelinie, welche die Confessionen trennte, auch die Stämme, und er gehörte dem überwundenen, unterjochten und mit Füßen getretenen Stamme an. Auf dem nämlichen Boden wohnten zwei Bevölkerungen, örtlich mit einander vermischt, aber moralisch und politisch gesondert. Der Glaubensunterschied war keineswegs der einzige und vielleicht nicht einmal der Hauptunterschied, der zwischen ihnen stattfand. Sie waren verschiedenen Stämmen entsprossen, sie sprachen verschiedene Sprachen, sie hatten verschiedene Nationalcharactere, die einander so ganz entgegengesetzt waren, als nur irgend zwei Nationalcharactere in Europa, und endlich standen sie auch auf weit verschiedenen Stufen der Bildung. Zwischen zwei solchen Bevölkerungen konnte unmöglich eine große Sympathie herrschen, und Jahrhunderte von Drangsal und Unbill hatten sogar eine starke Antipathie erzeugt. Das Verhältniß der Minderheit zu der Mehrheit glich dem, in welchem das Heer Wilhelm’s des Eroberers zu den sächsischen Bauern, oder die Mannschaft des Cortez zu den Indianern von Mexiko stand.
Der Name Iren wurde damals ausschließlich den Celten und denjenigen Familien gegeben, welche, obgleich nicht celtischen Ursprungs, doch im Laufe der Zeiten celtische Sitten und Gebräuche angenommen hatten. Diese Leute, an Zahl wahrscheinlich etwas unter eine Million Seelen stark, waren mit wenigen Ausnahmen Anhänger der römischen Kirche. Unter ihnen wohnten etwa zweihunderttausend Ansiedler, die auf ihr sächsisches Blut und auf ihren protestantischen Glauben stolz waren.[151]
[151.] Political Anatomy of Ireland.
Das eingeborne Landvolk. [Das] große numerische Übergewicht wurde auf der andren Seite durch eine große Überlegenheit an Intelligenz, Thatkraft und Organisation mehr als aufgewogen. Die englischen Ansiedler scheinen in Kenntnissen, Energie und Ausdauer eher über als unter dem Durchschnittsmaße der Bevölkerung des Mutterlandes gestanden zu haben. Das eingeborne Landvolk dagegen befand sich fast in einem Zustande von Wildheit. Sie arbeiteten nicht eher, als bis sie den Stachel des Hungers fühlten, und waren mit geringeren Bequemlichkeiten zufrieden, als man sie in glücklicheren Ländern den Hausthieren gewährt. Schon war die Kartoffel, ein Knollengewächs, das fast ohne Kunst, Betriebsamkeit und Kapital erbaut werden kann, die Hauptnahrung des gemeinen Volks geworden.[152] Von einem so genährten Volke waren Fleiß und Sorge für die Zukunft nicht zu erwarten. Schon wenige Meilen von Dublin sah der Reisende auf dem fruchtbarsten und üppigsten Boden der Welt mit wahrhaftem Ekel die erbärmlichen Höhlen, aus denen ihm schmutzige und halbnackte Barbaren wild anstarrten.[153]
[152.] Political Anatomy of Ireland, 1672; Irish Hudibras, 1689; John Dunton’s Account of Ireland, 1699.
[153.] Clarendon an Rochester vom 4. Mai 1686.
Der eingeborne Adel. [Der] eingeborne Adel besaß noch in nicht gewöhnlichem Maße seinen Geburtsstolz, hatte aber den Einfluß verloren, den Reichthum und Macht verleihen. Seine Ländereien hatte Cromwell unter seine Anhänger vertheilt. Es war zwar ein Theil des von ihm in Beschlag genommenen großen Gebiets nach der Wiedereinsetzung des Hauses Stuart den früheren Eigenthümern zurückgegeben worden, aber den bei weitem größten Theil hatten noch immer englische Emigranten unter Garantie einer Parlamentsacte im Besitz. Diese Acte war ein Vierteljahrhundert in Kraft gewesen und während dieser Zeit hatten unzählige Verpfändungen, Verträge, Verkäufe und Verpachtungen stattgefunden. Die alte irische Gentry war über die ganze Welt zerstreut. An allen Höfen und in allen Armeen des Continents wimmelte es von Abkömmlingen milesischer Häuptlinge. Die beraubten Eigenthümer, welche in der Heimath zurückgeblieben waren, brüteten finster über ihren Verlust, sehnten sich nach dem ihnen entrissenen Reichthum und Ansehen und nährten wilde Hoffnungen auf eine neue Umwälzung. Eine dieser Klasse angehörende Person wurde von ihren Landsleuten als ein Gentleman geschildert, der reich sein würde, wenn es nach Recht und Gerechtigkeit ginge, der ein schönes Gut hätte, wenn er es nur bekommen könnte.[154] Er ergriff selten einen friedlichen Beruf, denn er betrachtete den Handel als eine entehrendere Erwerbsquelle als den Raub. Zuweilen wurde er ein Freibeuter; zuweilen fristete er auch sein Leben dem Gesetze zum Trotz durch das, was man coshering nannte, das heißt, indem er sich von den ehemaligen Pächtern seiner Familie füttern ließ, welche bei allem Elend ihrer eigenen Lage doch dem Manne, den sie noch immer als ihren rechtmäßigen Grundherrn betrachteten, einen Theil ihres kümmerlichen Erwerbs nicht abschlagen konnten.[155] Der eingeborne Gentleman, der so glücklich gewesen war, etwas von seinem Grundbesitze zu behalten oder zurückzubekommen, lebte nur zu oft wie der Häuptling eines Indianerstammes und entschädigte sich für die Demüthigungen, die er von dem herrschenden Stamme ertragen mußte, dadurch, daß er seine Vasallen despotisch behandelte, sich einen rohen Harem hielt und sich täglich durch geistige Getränke um Verstand und Vernunft brachte.[156] Eine politische Bedeutung hatte er nicht. Zwar war er durch kein Gesetz vom Hause der Gemeinen ausgeschlossen, aber er hatte fast eben so wenig Aussicht, einen Sitz in demselben zu erhalten, als ein Farbiger, in den Senat der Vereinigten Staaten gewählt zu werden. Es war in der That seit der Restauration nur ein einziger Papist in das irische Parlament gewählt worden. Die ganze gesetzgebende und ausübende Gewalt war in den Händen der Ansiedler, und das Übergewicht des herrschenden Stammes wurde durch ein stehendes Heer von siebentausend Mann aufrecht erhalten, auf dessen Eifer für das sogenannte Interesse Englands man zuversichtlich rechnen konnte.[157]
Eine genaue Untersuchung würde ergeben haben, daß weder das Irenthum, noch das Engländerthum einen völlig homogenen Körper bildete. Der Unterschied zwischen den Iren celtischen Geblüts und den von den Begleitern Strongbow’s und De Burgh’s abstammenden war noch nicht ganz verwischt; die Fitz erlaubten sich zuweilen mit Geringschätzung von den O und Mac zu sprechen, und die O und Mac vergalten diese Geringschätzung zuweilen mit Haß. Unter der vorhergehenden Generation weigerte sich einer der mächtigsten der O’Neill, einem römisch-katholischen Gentleman alt-normännischer Abkunft ein Zeichen von Achtung zu geben. „Sie sagen, die Familie sei schon seit vierhundert Jahren hier. Das bleibt sich gleich, ich hasse den Bauerklotz, als ob er erst gestern hierhergekommen wäre.“[158] Es scheint jedoch, daß solche Gesinnungen selten waren und daß die Fehde, welche lange zwischen den eingeborenen Celten und den entarteten Engländern gewüthet hatte, von der heftigeren Fehde, welche beide Racen von den neuen protestantischen Ansiedlern trennte, in den Hintergrund gedrängt worden war.