So beschränkt Jakob auch war, mußte er doch merken, daß dies eine bloße Komödie war. Er sagte Barillon, Rochester’s Sprache sei nicht die eines Mannes, der den aufrichtigen Willen habe, zur Wahrheit zu gelangen. Indessen konnte sich der König doch noch nicht entschließen, seinem Schwager die einfache Alternative zu stellen: Übertritt oder Entlassung; drei Tage nach der Conferenz aber machte Barillon dem Schatzmeister einen Besuch und rückte nach vielen Umschweifen und wiederholten Versicherungen der freund­schaft­lichsten Theilnahme mit der unangenehmen Wahrheit heraus. „Meinen Sie damit“, sagte Rochester, den die unklaren und umständlichen Phrasen, in denen das Ansinnen an ihn gestellt wurde, irre machten, „daß ich meine Stelle verliere, wenn ich nicht Katholik werde?“ — „Davon spreche ich nicht“, erwiederte der vorsichtige Diplomat; „ich komme nur als Freund zu Ihnen, um die Hoffnung auszusprechen, daß Sie darauf bedacht sein werden, Ihre Stelle zu behalten.“ — „Aber jedenfalls“, sagte Rochester, „ist der einfache und klare Sinn von dem Allen, daß ich entweder Katholik werden oder abtreten muß.“ Er richtete noch mehrere Fragen an Barillon, um dahinter zu kommen, ob die Eröffnung ihm auf höheren Befehl gemacht worden war, konnte aber nur unbestimmte und geheimnißvolle Antworten erlangen. Endlich erklärte er Barillon mit einer affectirten Zuversicht, die er weit entfernt war zu fühlen, er müsse sich durch leeres oder böswilliges Gerede haben täuschen lassen. „Ich sage Ihnen“, setzte er hinzu, „daß der König mich nicht entlassen und daß ich eben so wenig freiwillig abtreten werde. Ich kenne ihn und er kennt mich; ich fürchte Niemanden.“ Der Franzos antwortete hierauf, er sei außerordentlich erfreut, dies zu hören, und der einzige Beweggrund seiner Einmischung in die Sache sei die aufrichtige Besorgniß um das Wohl und das Ansehen seines vortrefflichen Freundes des Schatzmeisters. So trennten sich die beiden Staatsmänner, und jeder schmeichelte sich, den andren dupirt zu haben.[198]

Inzwischen hatte sich trotz der dringend anempfohlenen Geheimhaltung dennoch in ganz London die Nachricht verbreitet, der Lordschatzmeister habe eingewilligt, sich in den papistischen Glaubenslehren unterrichten zu lassen. Man hatte Patrick und Jane durch die verborgene Thür, welche in Chiffinch’s Gemächer führte, in den Palast gehen sehen und einige römisch-katholische Höflinge hatten aus Indiscretion oder mit Absicht Alles was sie wußten und noch mehr als das erzählt. Die anglikanischen Tories sahen mit ängstlicher Spannung ausführlicheren Nachrichten entgegen. Schon der Gedanke war ihnen schmerzlich, daß ihr Oberhaupt sich nur gestellt haben könnte, als sei er in seiner Überzeugung schwankend geworden; daß er sich aber bis zum Renegaten erniedrigen werde, konnten sie nicht glauben. Gepeinigt von seinen heftigen Leidenschaften und seinen niedrigen Begierden, geängstigt durch den Tadel des Publikums und durch Barillon’s Andeutungen, voll Furcht sein Ansehen und seinen Posten zu verlieren, eilte der unglückliche Minister wieder in das königliche Kabinet. Er war entschlossen, seine Stelle durch jede Schlechtigkeit zu behaupten, eine einzige ausgenommen. Er wollte vorgeben, er sei in seiner religiösen Überzeugung wankend geworden und sei ein halber Konvertit, er wollte seine kräftige Unterstützung der Politik, der er bisher opponirt hatte, versprechen; würde er aber aufs Äußerste getrieben, so wollte er sich weigern, seinen Glauben zu wechseln. Er sagte daher zuerst dem Könige, daß die Angelegenheit, für welche Seine Majestät sich so lebhaft interessire, keineswegs ruhe, daß Jane und Giffard eben damit beschäftigt seien, über die zwischen den beiden Kirchen streitigen Punkte Bücher zu Rathe zu ziehen, und daß nach Beendigung dieser Nachforschung eine zweite Conferenz wünschenswerth sein werde. Dann beklagte er sich bitter darüber, daß die ganze Stadt bereits wisse, was doch sorgfältig hätte verschwiegen werden sollen, und daß einige Personen, die in Folge ihrer Stellung gut unterrichtet sein könnten, sonderbare Dinge in Bezug auf die Absichten des Königs erzählten. „Man flüstert einander zu,“ sagte er, „daß, wenn ich nicht thäte, was Eure Majestät von mir verlangt, ich nicht länger in meiner gegenwärtigen Stellung bleiben dürfte.“ Der König erwiederte mit einigen freundschaftlichen Gemeinplätzen, daß man den Leuten nicht wehren könne zu reden, daß man aber solch’ leeres Geschwätz nicht beachten dürfe. Diese hohlen Phrasen waren nicht geeignet, das ängstliche Gemüth des Ministers zu beruhigen. Er gerieth in eine heftige Aufregung und begann seine Stelle zu vertheidigen, als ob sein Leben davon abgehangen hätte. „Eure Majestät sieht, daß ich Alles, was in meiner Macht steht, thue, Ihnen zu gehorchen. Ich will in der That Alles thun, was ich kann, um Ihnen in Allem gehorsam zu sein, ich will Ihnen dienen, ganz nach Ihrem Sinne. Ja,“ rief er in einem verzweifelten Ausbruche von niedriger Feigheit, „ich will mich sogar bemühen, zu glauben, was Sie wünschen. Aber nur das sagen Sie mir nicht, daß ich Alles verlieren muß, wenn ich mich bei dem Versuche, meine Ansicht zu ändern, überzeuge, daß mir dies unmöglich ist. Denn ich muß Eurer Majestät offen sagen, daß hierbei noch andere Rücksichten obwalten.“ — „So, so. Sie müssen also?“ versetzte der König mit einem Fluche, denn ein einziges freimüthiges und männliches Wort, das inmitten dieser kriechenden Demuth­versicherungen entschlüpft war, reichte hin, um seinen Zorn zu reizen. „Ich hoffe, Sire,“ entgegnete der arme Rochester, „daß ich Sie nicht beleidigt habe. Eure Majestät würde sicherlich keine gute Meinung von mir haben, wenn ich nicht so gesprochen hätte.“ Der König beherrschte sich, versicherte daß er sich nicht beleidigt fühle und rieth dem Schatzmeister, unbekümmert um müßiges Gerede wieder mit Jane und Giffard zu conferiren.[199]

[196.] Barillon, 13.(23.) Sept. 1686; Bonrepaux, 4. Juni 1687.

[197.] Barillon, 2.(12.) Dec. 1686; Burnet I. 684; Clarke’s Life of James the Second, II. 100; Dodd’s Church History. Ich habe es versucht aus diesen einander widersprechenden Materialien eine möglichst richtige Erzählung zu entwerfen. Aus Rochester’s eigenen Papieren scheint mir klar hervorzugehen, daß er bei dieser Gelegenheit keineswegs so starrsinnig war, als er von Burnet und dem Biographen Jakob’s dargestellt wird.

[198.] Aus Rochester’s Minutes, d. d. 3. Dec. 1686.

[199.] Aus Rochester’s Minutes, d. d. 4. Dec. 1686.

Rochester’s Entlassung. [Von] dieser Unterredung an verstrichen noch vierzehn Tage, ehe der entscheidende Schlag fiel. Diese vierzehn Tage brachte Rochester mit Intriguiren und Flehen hin. Er bemühte sich, die Katholiken, welche bei Hofe den meisten Einfluß hatten, zu seinen Gunsten zu stimmen. Seinem Glauben, sagte er, könne er nicht untreu werden; sonst aber wolle er Alles thun, was sie nur verlangen könnten. Wenn er nur seine Stelle behielte, würden sie bald sehen, daß er ihnen als Protestant mehr nützen könne, denn als Mitglied ihrer Kirche.[200] Seine Gemahlin, welche damals krank darniederlag, hatte angeblich bereits die tief gekränkte Königin um die Ehre eines Besuchs bitten lassen und das Mitleid Ihrer Majestät zu erwecken versucht.[201] Aber die Hyde erniedrigten sich umsonst. Dem Petre waren sie ganz besonders ein Dorn im Auge und er arbeitete daraufhin, sie zu stürzen.[202] Am Abend des 17. December wurde der Earl in das königliche Kabinet beschieden. Jakob war ungewöhnlich ergriffen und weinte sogar. Diese Scene mußte allerdings Erinnerungen in ihm wecken, die wohl im Stande sind, auch das härteste Gemüth zu erweichen. Er sprach sein Bedauern aus, daß seine Regentenpflichten ihm nicht gestatteten, seinen persönlichen Neigungen zu folgen; es sei durchaus nöthig, daß die Männer, denen die Oberleitung seiner Angelegenheiten übertragen sei, seine Ansichten und Gesinnungen theilten. Er räumte ein, daß er große persönliche Verpflichtungen gegen Rochester habe und daß die Art und Weise, wie die Finanzen in neuerer Zeit verwaltet worden seien, ganz seinen Beifall gehabt habe; das Amt eines Lordschatzmeisters aber sei von so hoher Wichtigkeit, daß es überhaupt nicht einem Einzelnen übertragen werden sollte und von einem katholischen Könige nicht mit Sicherheit einem eifrigen Anhänger der anglikanischen Kirche anvertraut werden könne. „Denken Sie noch besser darüber nach, Mylord,“ fuhr er fort; „lesen Sie wiederholt die Papiere aus meines Bruders Cassette; ich will Ihnen etwas mehr Zeit zur Überlegung gönnen, wenn Sie es wünschen.“ Rochester sah, daß Alles vorbei war und daß er nichts Besseres thun konnte, als aus seinem Schiffbruche soviel Geld und soviel Ansehen als möglich zu retten. Beides gelang ihm. Er erhielt aus dem Ertrage des Postamts einen Jahrgehalt von viertausend Pfund auf doppelte Lebenszeit. Aus den Besitzungen von Hochverräthern hatte er sich große Summen zu erwerben gewußt und insbesondere Grey’s Verschreibung auf vierzigtausend Pfund eingesteckt, sowie auch den ganzen Antheil der Krone an Grey’s ausgedehnten Gütern erhalten.[203] Noch nie war ein Minister unter so günstigen Bedingungen aus dem Amte geschieden. Auf den Beifall der wahren Freunde der Staatskirche hatte er allerdings sehr geringen Anspruch. Um seine Stelle zu retten, hatte er in dem Tribunale gesessen, das zu dem Zwecke, sie zu verfolgen, gesetzwidrig errichtet worden war; um seine Stelle zu retten, hatte er ehrloserweise für die Absetzung eines ihrer ausgezeichnetsten Diener gestimmt, hatte sich gestellt, als zweifle er an ihrer Rechtgläubigkeit, hatte mit anscheinendem Interesse Lehrer angehört, die sie schismatisch und ketzerisch nannten, und hatte sich erboten, ihren Todfeinden bei deren Plänen gegen dieselbe kräftigen Beistand zu leisten. Der höchste Ruhm, auf den er Anspruch machen konnte, war der, daß er vor dem Übermaß von Gewissenlosigkeit und Gemeinheit zurückgeschreckt war, um schnöden Gewinns willen öffentlich den Glauben abzuschwören, in welchem er erzogen war, den er für den wahren hielt und dessen er sich so lange gerühmt hatte. Dennoch wurde er von der großen Masse der Anglikaner gepriesen, als ob er der muthigste und makelloseste aller Märtyrer gewesen wäre. Das Alte und das Neue Testament, die Martyrologien von Eusebius und von Fox wurden durchstöbert, um Parallelen für seine heldenmüthige Frömmigkeit zu finden. Er war ein Daniel in der Löwengrube, ein Sadrach im feurigen Ofen, ein Petrus im Kerker des Herodes, ein Paulus vor den Schranken Nero’s, ein Ignatius im Amphitheater, ein Latimer auf dem Scheiterhaufen. Unter den vielen Thatsachen, welche beweisen, daß der Maßstab der Ehre und Tugend unter den Staatsmännern jener Zeit ein sehr niedriger war, ist die durch Rochester’s Standhaftigkeit erregte Bewunderung vielleicht die entscheidendste.

[200.] Barillon, 20.(30.) Dec. 1686.

[201.] Burnet, I. 684.

[202.] Bonrepaux, 25. Mai (4. Juni) 1687.