Es befanden sich unter Barclay’s Anhängern Leute, die zu schlecht, und Leute, die zu gut waren, als daß man ihnen ein Geheimniß wie das seinige hätte anvertrauen können. Der Erste, dem der Muth sank, war Fisher. Schon ehe noch Zeit und Ort des Verbrechens festgesetzt waren, suchte er um eine Audienz bei Portland nach und theilte diesem Lord mit, daß ein Anschlag auf das Leben des Königs im Werke sei. Einige Tage darauf brachte Fisher noch genauere Nachrichten. Doch sein Ruf war nicht von der Art, daß seine Aussagen besonderen Glauben verdient hätten, und die Schurkereien Fuller’s, Young’s, Whitney’s und Taafe’s hatten verständige Männer etwas ungläubig gegen Verschwörungsgeschichten gemacht. Portland scheint daher, obgleich er in der Regel sehr leicht zu beunruhigen war, wo es sich um das Wohl und Wehe seines Gebieters und Freundes handelte, wenig Gewicht auf die Sache gelegt zu haben. Am Abend des 14. Februars aber erhielt er einen Besuch von Jemandem, dessen Aussage er nicht leicht nehmen konnte. Dies war ein katholischer Gentleman von anerkanntem Muthe und ehrenhafter Gesinnung, Namens Pendergraß. Er war den Tag vorher aus Hampshire in die Stadt gekommen in Folge einer dringenden Einladung von Porter, der bei aller seiner Sittenlosigkeit und Characterlosigkeit Pendergraß stets der liebevollste Freund, ja fast ein Vater gewesen war. Bei einem jakobitischen Aufstande würde Pendergraß wahrscheinlich einer der Ersten gewesen sein. Aber mit Entsetzen vernahm er, daß man von ihm die Betheiligung an einer abscheulichen und schimpflichen That erwartete. Er sah sich in einer von den Lagen, welche für edle und gefühlvolle Naturen am quälendsten sind. Was sollte er thun? Sollte er einen Mord begehen? Sollte er einen Mord geschehen lassen, den er verhindern konnte? Doch sollte er einen Mann verrathen, der, wie strafbar er auch sein mochte, ihn stets mit Wohlthaten überhäuft hatte? War es nicht vielleicht möglich, Wilhelm zu retten, ohne Porter zu schaden? Pendergraß beschloß, den Versuch zu machen. „Mylord,” sagte er zu Portland, „wenn Ihnen das Leben des Königs Wilhelm lieb ist, so lassen Sie ihn morgen nicht zur Jagd fahren. Er ist der Feind meiner Religion; aber meine Religion gebietet mir, ihm diesen Wink zu geben. Die Namen der Verbrecher bin ich jedoch entschlossen zu verschweigen; einige von ihnen sind meine Freunde, einer insbesondere ist mein Wohlthäter, und ich mag sie nicht verrathen.”
Portland begab sich sogleich zum Könige; dieser aber nahm die Mittheilung sehr kalt auf und schien entschlossen, sich durch eine solche müßige Geschichte nicht das Vergnügen eines guten Jagdtages verderben zu lassen. Portland demonstrirte und bat vergebens. Endlich sah er sich gezwungen, die Drohung auszusprechen, daß er die ganze Geschichte auf der Stelle öffentlich bekannt machen würde, wenn Se. Majestät nicht einwilligte, den folgenden Tag zu Hause zu bleiben; und diese Drohung wirkte.[109]
Sonnabend der 15. erschien. Die Vierzig waren bereit zu Pferde zu steigen, als sie von den Ordonnanzen, welche Kensington House bewachten, die Meldung erhielten, daß der König diesen Morgen nicht auf die Jagd zu gehen gedenke. „Der Fuchs,” sagte Chambers mit rachsüchtiger Bitterkeit, „bleibt in seinem Baue.” Dann öffnete er sein Hemd, zeigte die große Narbe auf seiner Brust und gelobte Wilhelm Rache.
Der erste Gedanke der Verschwörer war, daß ihr Vorhaben entdeckt sei. Aber sie wurden bald darüber beruhigt. Es wurde ausgesprengt, das Wetter habe den König zu Hause zurückgehalten, und der Tag war in der That kalt und stürmisch. Es zeigte sich keine ungewöhnliche Bewegung im Palaste. Es wurden keine außerordentlichen Vorsichtsmaßregeln getroffen. Es fanden keine Verhaftungen statt. Man hörte in den Kaffeehäusern kein ominöses Geflüster. Die Verzögerung war unangenehm, aber im Grunde war der nächste Sonnabend, der 22., eben so gut.
Ehe jedoch der nächste Sonnabend herankam, war ein dritter Angeber, De la Rue, im Palaste erschienen. Sein Lebenswandel verlieh ihm zwar keinen großen Anspruch auf Achtung; aber seine Erzählung stimmte mit den Angaben Fisher’s und Pendergraß’ so genau überein, daß selbst Wilhelm an eine wirkliche Gefahr zu glauben begann.
Sehr spät am Freitagabend, dem 21., wurde Pendergraß, der bis jetzt noch viel weniger enthüllt hatte, als die beiden anderen Angeber, dessen einfaches Wort aber mehr werth war als Beider Eide zusammengenommen, ins königliche Cabinet beschieden. Der treue Portland und der tapfere Cutts waren die einzigen Zeugen der sonderbaren Unterredung zwischen dem Könige und seinem hochherzigen Feinde. Wilhelm drang mit einer Artigkeit und Lebhaftigkeit, die er selten zeigte, aber niemals anwendete, ohne damit einen tiefen Eindruck zu machen, in Pendergraß, sich offen auszusprechen. „Sie sind ein Mann von wahrer Rechtschaffenheit und Ehre, und ich bin Ihnen zu großem Danke verpflichtet; aber Sie müssen einsehen, daß die nämlichen Betrachtungen, die Sie bewogen haben, uns so viel zu sagen, Sie bestimmen sollten, uns noch mehr zu sagen. Die warnenden Winke, die Sie bis jetzt gegeben haben, sind nur geeignet, mich gegen Jeden, der in meine Nähe kommt, mißtrauisch zu machen. Sie sind hinreichend, mir das Leben zu verbittern, nicht aber es mir zu erhalten. Sie müssen mir die Namen dieser Leute nennen.” Ueber eine halbe Stunde fuhr der König fort zu bitten, Pendergraß, sich zu weigern. Endlich sagte Pendergraß, daß er die verlangten Aufschlüsse geben wolle, wenn man ihm die Zusicherung gebe, daß sie nur zur Verhinderung des Verbrechens und nicht zum Verderben der Verbrecher benutzt werden sollten. „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,” sagte Wilhelm, „daß Ihre Aussage gegen Niemanden ohne Ihre freie Zustimmung benutzt werden wird.” Es war längst Mitternacht vorüber, als Pendergraß die Namen der Hauptverschwörer aufschrieb.
Während dies in Kensington geschah, schwelgte ein großer Theil der Mörder in einem jakobitischen Wirthshause in Maiden Lane. Hier empfingen sie ihre letzten Befehle für den folgenden Tag. „Morgen oder nie,” sagte King. „Morgen Kinder,” rief Cassels mit einem Fluche, „wollen wir reine Wirthschaft machen.” Der Morgen kam. Alles war bereit; die Pferde waren gesattelt, die Pistolen geladen, die Degen geschliffen, die Ordonnanzen auf ihrem Posten. Letztere schickten frühzeitig die Meldung aus dem Palaste, daß der König gewiß auf die Jagd fahre; alle gewöhnlichen Anstalten seien getroffen, eine Abtheilung Garden sei über Kingston Bridge nach Richmond geschickt worden; die königlichen Wagen, jeder mit sechs Pferden bespannt, seien aus den Ställen von Charing Croß nach Kensington abgegangen. Die Hauptmörder versammelten sich in der heitersten Stimmung in Porter’s Wohnung. Pendergraß, der auf Befehl des Königs ebenfalls in ihrer Mitte erschien, wurde mit wildem Jubel empfangen. „Pendergraß,” sagte Porter, „Sie sind zu einem der Acht ernannt, die ihn hinüber befördern sollen. Ich habe ein Musketon für Sie, das acht Kugeln hält.” — „Mr. Pendergraß,” sagte King, „bitte, scheuen Sie sich nicht, die Glasscheiben zu zertrümmern.” Von Porter’s Wohnung begab sich die Gesellschaft nach den „Blue Posts” in Spring Gardens, wo sie einige Erfrischungen einzunehmen gedachte, bevor sie nach Turnham Green aufbrach. Sie saßen bei Tische, als von einer der Ordonnanzen die Meldung kam, daß der König sich anders besonnen habe und nicht auf die Jagd fahren werde; und kaum hatten sie sich von ihrem Erstaunen über diese unheilverkündende Botschaft erholt, als Keyes, der ausgegangen war, um unter seinen ehemaligen Kameraden zu recognosciren, mit noch unheilverkündenderen Nachrichten ankam, „Die Wagen sind nach Charing Croß zurückgekehrt. Die nach Richmond vorausgeschickten Garden sind so eben im gestreckten Galopp, die Flanken ihrer Pferde mit Schaum bedeckt, wieder in Kensington angelangt. Ich habe mit einem der Blauen einige Worte gesprochen, und er sagte mir, daß ganz wunderliche Dinge gemunkelt würden.” Die Gesichter der Mörder verlängerten sich und das Herz sank ihnen in der Brust. Porter machte einen schwachen Versuch, seine Unruhe zu verbergen. Er nahm eine Orange und zerdrückte sie. „Was heute nicht geschehen kann, kann ein andermal geschehen. Kommen Sie, meine Herren, lassen Sie uns, bevor wir auseinandergehen, noch ein Glas auf das Zerquetschen der faulen Orange trinken.” Man trank auf das Zerquetschen der faulen Orange und die Gesellschaft zerstreute sich.[110]
Noch wenige Stunden und sämmtliche Verschwörer gaben jede Hoffnung auf. Einige von ihnen schöpften Trost aus dem Gerücht, daß der König Arzenei eingenommen habe und daß dies der einzige Grund gewesen, warum er nicht nach Richmond gefahren sei. Wenn dies wahr sei, könne der Schlag noch immer geführt werden. Zwei Sonnabende seien ungünstig gewesen; aber der Sonntag stehe bevor, und man könne einen der früher besprochenen und aufgegebenen Pläne wieder in Erwägung ziehen. Man könne den Usurpator am Rande von Hydepark auf seinem Wege in die Kapelle überfallen. Charnock war zu jedem, auch noch so verzweifelten Unternehmen bereit. Wenn die Jagd einmal begonnen habe, meinte er, sei es besser, bis zum letzten Athemzuge um sich beißend und kratzend zu sterben, als sich ohne Widerstand oder Rache zu Tode hetzen zu lassen. Er berief einige seiner Complicen in eines der zahlreichen Häuser, in denen er eine Wohnung hatte, und setzte ihnen mit Toasten auf den König, die Königin, den Prinzen und den großen Monarchen, wie sie Ludwig XIV. nannten, hart zu. Aber die Angst und Muthlosigkeit der Bande waren stärker, als die Macht des Weines, und es hatten sich so Viele heimlich fortgeschlichen, daß die Zurückgebliebenen wenig ausrichten konnten. Im Laufe des Nachmittags erfuhr man, daß die Palastwachen verstärkt worden seien, und bald nach Einbruch der Dunkelheit eilten Boten des Staatssekretärs mit Fackeln, begleitet von Musketierpikets, durch die Straßen. Vor Anbruch des Sonntagmorgens war Charnock in Sicherheit gebracht. Ein wenig später wurden Rookwood und Bernardi in einem jakobitischen Alehause auf Tower Hill im Bett gefunden. Im Laufe des Vormittags wurden noch siebzehn weitere Verräther ergriffen und auch drei Mann von den Blauen in Arrest geschickt. Es wurde noch diesen Morgen eine Staatsrathssitzung gehalten, und sobald sie aufgehoben war, ging ein Expresser nach Flandern ab, um einige Regimenter von dort zurückzuberufen; Dorset reiste nach Sussex ab, dessen Lordlieutenant er war; Romney, der Aufseher der Fünfhäfen, begab sich an die Küste von Kent, und Russell eilte die Themse hinunter, um das Commando der Flotte zu übernehmen. Am Abend hielt der Staatsrath wieder Sitzung. Einige der Gefangenen wurden verhört und ins Gefängniß geschickt. Der anwesende Lordmayor wurde von der gemachten Entdeckung in Kenntniß gesetzt und speciell beauftragt, für die Ruhe der Hauptstadt zu sorgen.[111]
Am Montagmorgen waren alle Milizen der City unter den Waffen. Der König begab sich mit feierlichem Gepränge ins Haus der Lords, ließ die Gemeinen entbieten und sagte dem Parlamente vom Throne herab, daß er ohne den Schutz einer allgütigen Vorsehung in diesem Augenblicke eine Leiche und eine französische Armee unterwegs sein würde, um in das Königreich einzufallen. Die Gefahr einer Invasion, setzte er hinzu, sei noch immer groß, aber er habe bereits diejenigen Anordnungen getroffen, die, wie er hoffe, zum Schutze des Landes hinreichen würden. Einige Verräther seien eingezogen, gegen andere seien Verhaftsbefehle erlassen; er werde in dieser Krisis seine Schuldigkeit thun und hege das feste Vertrauen zu den Häusern, daß sie auch die ihrige thun würden.[112]