Parlamentarische Schritte bezüglich des Mordanschlags.

Die beiden Häuser votirten sofort eine gemeinschaftliche Adresse, in der sie dankbar die göttliche Güte anerkannten, die ihn seinem Volke erhalten, und ihn beschworen, mehr als gewöhnlich Acht auf seine Person zu haben. Sie schlossen mit der dringenden Mahnung, alle Diejenigen, die er für gefährlich halte, festnehmen und in Sicherheit bringen zu lassen. An dem nämlichen Tage wurden zwei wichtige Bills bei den Gemeinen eingebracht. Durch die eine wurde die Habeascorpusacte suspendirt. Die andre bestimmte, daß das Parlament durch Wilhelm’s Tod nicht aufgelöst werden solle. Sir Rowland Gwyn, ein achtbarer Landgentleman, stellte einen Antrag, dessen wichtige Folgen er gewiß nicht im entferntesten ahnete. Er schlug vor, daß die Mitglieder einen Verein zur Vertheidigung ihres Souverains und ihres Vaterlandes bilden sollten. Montague, der die besondere Gabe besaß, einen Wink rasch aufzufassen und zu benutzen, erkannte sogleich, wie sehr ein solcher Verein die Regierung und die Whigpartei kräftigen mußte.[113] Es wurde unverzüglich ein Dokument aufgesetzt, durch das die Vertreter des Volks, jeder für seine Person, feierlich Wilhelm als rechtmäßigen und gesetzlichen König anerkannten und sich verpflichteten, ihm und einander unter sich gegen Jakob und dessen Anhänger beizustehen. Schließlich gelobten sie, daß, wenn Sr. Majestät Leben gewaltsam abgekürzt werden sollte, sie ihn exemplarisch an seinen Mördern rächen und einmüthig die durch die Rechtsbill festgestellte Thronfolge energisch aufrechterhalten würden. Es wurde angeordnet, daß die Mitglieder des Hauses am nächsten Morgen namentlich aufgerufen werden sollten.[114] Sie fanden sich in Folge dessen sehr zahlreich ein, die Associationsurkunde lag in einer Reinschrift auf Pergament auf dem Tische und die Mitglieder unterzeichneten dieselbe nach der Reihenfolge der Grafschaften.[115]

Stand der öffentlichen Stimmung.

Die Rede des Königs, die gemeinsame Adresse der beiden Häuser, der von den Gemeinen gebildete Verein und eine Proklamation, die eine Liste der Verschwörer enthielt und eine Belohnung von tausend Pfund auf die Ergreifung eines jeden derselben aussetzte, wurden bald in allen Straßen der Hauptstadt zum Verkauf ausgeboten und durch alle Posten über das ganze Land verbreitet. Ueberall wohin die Nachricht kam, gerieth das Volk in Bewegung. Die beiden verhaßten Worte Meuchelmord und Invasion wirkten wie ein Zauberspruch. Es bedurfte keines Preßgangs. Die Matrosen kamen zu Tausenden aus ihren Verstecken hervor, um die Flotte zu bemannen. Nur drei Tage nach der Berufung des Königs an die Nation verließ Russell mit einem starken Geschwader die Themse. Ein andres lag bei Spithead schlagfertig. Die Milizen aller Küstengrafschaften, vom Wash bis Land’s Ende standen unter den Waffen. Leute, welche bloßer politischer Vergehen wegen angeklagt waren, fanden in der Regel viel Theilnahme. Aber auf Barclay’s Mordgenossen machte die ganze Bevölkerung wie auf Wölfe Jagd. Der Abscheu, den die Engländer seit vielen Generationen gegen Haussuchungen und alle diejenigen Hindernisse empfinden, welche die Polizei der festländischen Staaten den Reisenden in den Weg legt, ruhte für einige Zeit. Die Thore der City von London wurden mehrere Stunden verschlossen gehalten, während drinnen genaue Durchsuchungen stattfanden. Die Behörden fast aller umwallten Städte des Königreichs folgten dem Beispiele der Hauptstadt. Auf jeder Landstraße waren Militärpikets postirt, mit dem Befehl, Reisende von verdächtigem Aussehen anzuhalten. Einige Tage lang war es fast unmöglich, ohne Paß zu reisen oder ohne besondere Autorisation eines Friedensrichters Postpferde zu erhalten. Und keine einzige Stimme erhob sich gegen diese Vorsichtsmaßregeln. Das gemeine Volk entwickelte sogar einen wo möglich noch größeren Eifer als die öffentlichen Beamten, um die Verräther in die Hände der Justiz zu bringen. Dieser Eifer mag vielleicht zum Theil der großen Belohnung zugeschrieben werden, welche die königliche Proklamation versprach. Der Haß, den jeder gute Protestant gegen die papistischen Mörder empfand, wurde nicht wenig verstärkt durch die Lieder, in denen die Straßenpoeten den glücklichen Miethkutscher besangen, der einen Hochverräther abgefaßt, seine tausend Pfund in Empfang genommen und sich als Gentleman zur Ruhe gesetzt hatte.[116] Der Eifer des Volks konnte an einigen Orten nur mit Mühe in den gesetzlichen Schranken gehalten werden. Auf Parkyns’ Landsitze in Warwickshire wurden Waffen und Armaturstücke zur Equipirung einer ganzen Reiterschwadron gefunden. Sobald dies bekannt wurde, rottete sich ein wüthender Pöbelhaufen zusammen, demolirte das Haus und verwüstete die Gartenanlagen vollständig.[117] Parkyns selbst wurde bis in eine Dachkammer im Temple verfolgt. Porter und Keyes, welche nach Surrey geflüchtet waren, wurden mit Steckbriefen verfolgt, bei Leatherhead durch das Landvolk angehalten, nach schwachem Widerstande festgenommen und ins Gefängniß geworfen. Friend wurde im Hause eines Quäkers versteckt gefunden. Knightley wurde in der Verkleidung einer eleganten Dame ergriffen und trotz Schönpflästerchen und Schminke erkannt. In wenigen Tagen waren alle Hauptverschwörer in sicherem Gewahrsam, mit Ausnahme Barclay’s, dem es gelang, nach Frankreich zu entkommen.

Zu gleicher Zeit wurden einige notorische Mißvergnügte eingezogen und eine Zeit lang auf Verdachtgründe hin in Haft gehalten. So wurde der greise Roger Lestrange, der jetzt in seinem achtzigsten Lebensjahre stand, ergriffen. Ferguson wurde in Gray’s Inn Lane unter einem Bett versteckt gefunden und zur allgemeinen Freude in Newgate eingesperrt.[118] Inzwischen wurde eine Specialcommission zur Prozessierung der Hochverräther eingesetzt. An Zeugen fehlte es nicht, denn von den ergriffenen Verschwörern waren zehn oder zwölf bereit, ihre Köpfe dadurch zu retten, daß sie als Belastungszeugen gegen ihre Genossen auftraten. Niemand war strafbarer und Niemand hatte eine verächtlichere Furcht vor dem Tode als Porter. Die Regierung willigte ein, sein Leben zu schonen und erlangte dadurch nicht nur sein Zeugniß, sondern auch das viel achtbarere Zeugniß Pendergraß’. Pendergraß war nicht in Gefahr, er hatte nichts begangen, sein Ruf war unbescholten und seine Aussagen mußten daher bei einer Jury viel größeres Gewicht haben als die Aussagen einer Menge von Angebern, welche nur schwuren, um ihre Hälse zu retten. Aber er hatte das Ehrenwort des Königs, daß er nicht ohne seine freie Zustimmung als Ankläger benutzt werden sollte, und er war fest entschlossen, nur dann als solcher aufzutreten, wenn ihm die Zusicherung gegeben wurde, daß Porter nichts geschehen sollte. Diese Zusicherung war jetzt gegeben und Pendergraß nahm nun keinen Anstand mehr, die ganze Wahrheit zu erzählen.

Prozeß Charnock’s, King’s und Keyes’.

Charnock, King und Keyes wurden zuerst prozessirt. Die Oberrichter der drei Civilgerichtshöfe und mehrere andere Richter waren auf der Bank, und unter den Zuhörern bemerkte man viele Mitglieder beider Parlamentshäuser.

Es war der 11. März. Die neue Acte, welche das Verfahren in Hochverrathsfällen regulirte, sollte erst am 25. in Kraft treten. Die Angeklagten verlangten, daß, da die Legislatur durch Erlassung dieser Acte den Anspruch eines des Hochverraths Beschuldigten auf Einsicht seiner Anklage als begründet anerkannt und ihm den Beistand eines Advokaten zugestanden habe, das Tribunal ihnen entweder das was die höchste Autorität für eine gerechte Vergünstigung anerkannt, bewilligen oder die Untersuchung vierzehn Tage aufschieben müsse. Die Richter aber wollten in keinen Aufschub willigen. Sie sind deshalb von späteren Schriftstellern beschuldigt worden, den todten Buchstaben des Gesetzes angewendet zu haben, um Menschen ins Verderben zu stürzen, die, wenn das Gesetz nach seinem wahren Geiste ausgelegt worden wäre, einige Aussicht gehabt hätten davonzukommen. Diese Beschuldigung ist ungerecht. Die Richter brachten unzweifelhaft die wirkliche Intention des Gesetzes zur Anwendung, und wenn eine Ungerechtigkeit begangen wurde, so ist die Legislatur und nicht die Richter dafür verantwortlich zu machen. Die Worte „25. März” haben sich nicht aus Versehen in die Acte eingeschlichen. Alle Parteien im Parlamente waren über das Prinzip der neuen Verordnungen längst einverstanden. Der einzige noch strittige Punkt war die Zeit, zu welcher diese Verordnungen in Kraft treten sollten. Nach langen Debatten, die sich durch mehrere Sessionen zogen, nach wiederholten Abstimmungen mit verschiedenen Resultaten, war ein Vergleich getroffen worden, und es stand den Gerichtshöfen sicherlich nicht zu, die Bestimmungen dieses Vergleichs abzuändern. Man kann sogar zuversichtlich behaupten, daß die Häuser, wenn sie das Mordcomplott vorausgesehen hätten, nicht einen früheren, sondern einen späteren Tag für den Anfang des neuen Systems bestimmt haben würden. Unbestreitbar verdiente das Parlament und insbesondere die Whigpartei ernsten Tadel. Denn wenn die alten Procedurregeln der Krone keinen unbilligen Vortheil gewährten, so war kein Grund vorhanden, sie abzuändern, und wenn sie, wie allgemein angenommen wurde, der Krone einen unbilligen Vortheil gewährten, und dies gegen einen auf Leben und Tod Angeklagten, so durften sie dieselben nicht einen einzigen Tag länger fortbestehen lassen. Den Gerichten aber kann man keinen Vorwurf daraus machen, daß sie nicht in directem Widerspruch mit dem Buchstaben wie mit dem Geiste des Gesetzes handelten.

Die Regierung hätte allerdings die Untersuchungen so lange aufschieben können, bis die neue Acte in Kraft trat, und es würde eben so weise als gerecht gewesen sein, wenn sie dies gethan hätte, denn die Angeklagten würden dadurch nichts gewonnen haben. Der gegen sie vorliegende Fall war einer von Denen, auf welche der Scharfsinn der Juristenfacultäten keinen Eindruck machen konnte. Porter, Pendergraß, De la Rue und Andere gaben Aussagen ab, die keine Entgegnung zuließen. Charnock sagte das Wenige was er zu sagen hatte, mit Gewandtheit und Geistesgegenwart. Die Jury fand alle Angeklagten schuldig. Es gereicht der damaligen Zeit eben nicht zu großer Ehre, daß die Verkündigung des Verdicts von der Volksmenge, welche das Gerichtshaus umgab, mit lauten Hurrahs begrüßt wurde. Diese Hurrahs wiederholten sich, als die drei Unglücklichen, nachdem sie ihr Urtheil angehört, in Begleitung einer Wache fortgeführt wurden.[119]

Charnock hatte bisher kein Zeichen von Schwäche blicken lassen; als er aber wieder in seiner Zelle war, verließ ihn seine Standhaftigkeit und er bat flehentlich um Gnade. Er wolle zufrieden sein, sagte er, wenn er den Rest seiner Tage in leichter Haft zubringen dürfe. Nur um sein Leben bitte er. Dafür werde er dann auch von den Anschlägen der Jakobiten gegen die Regierung Alles entdecken was er wisse. Wenn es sich herausstellen sollte, daß er Winkelzüge mache oder etwas verschweige, so sei er bereit, sich der äußersten Strenge des Gesetzes zu unterwerfen. Dieses Anerbieten rief große Aufregung und einige Meinungsverschiedenheit unter Wilhelm’s Räthen hervor. Der König aber entschied, wie in solchen Fällen fast immer, mit Weisheit und Großmuth. Er sah, daß die Entdeckung des Mordcomplots die ganze Lage der Dinge verändert hatte. Sein vor kurzem schwankender Thron stand jetzt auf einer unerschütterlich festen Basis. Seine Popularität war mit ungestümer Schnelligkeit eben so hoch gestiegen, als zur Zeit seines Marsches von Torbay nach London. Viele, die mit seiner Verwaltung unzufrieden gewesen waren und in ihrem Unmuth mit Saint-Germains Verkehr gepflogen hatten, machten die betrübende Erfahrung, daß sie gewissermaßen mit Mördern verbündet gewesen waren. Er wollte diese Leute nicht zur Verzweiflung treiben, er wollte sie nicht einmal beschämen. Sie sollten nicht nur ungestraft bleiben, es sollte ihnen auch die Demüthigung einer Begnadigung erspart werden. Er wollte gar nicht wissen, daß sie gesündigt hatten. Charnock wurde jedoch seinem Schicksale überlassen.[120] Nachdem er die Ueberzeugung gewonnen, daß er keine Aussicht hatte, als Ueberläufer aufgenommen zu werden, affectirte er den würdevollen Stolz eines Märtyrers und führte seine Rolle bis zu Ende durch. Um mit möglichstem Anstande aus der Welt zu gehen, bestellte er sich einen schönen neuen Rock für seine Hinrichtung und ließ an seinem Todestage seine Perrücke mit besonderer Sorgfalt pudern und frisiren.[121] Unmittelbar vor seiner Aufknüpfung händigte er den Sheriffs ein Schriftstück ein, worin er gestand, daß er gegen das Leben des Prinzen von Oranien conspirirt, aber feierlich leugnete, daß Jakob den Mordplan irgendwie autorisirt habe. Diese Behauptung war allerdings buchstäblich richtig; aber Charnock leugnete nicht und hätte auch sicherlich nicht leugnen können, daß er eine von Jakob geschriebene und unterzeichnete Vollmacht gesehen, welche Worte enthielt, die, ohne der Wahrheit im Geringsten Gewalt anzuthun, als eine Autorisirung des mörderischen Ueberfalls von Turnham Green ausgelegt werden konnten und von Allen, denen sie zu Gesicht kamen, auch wirklich so ausgelegt wurden.