Rückkehr des Wohlstandes.

Thatsächlich war die Fluth bereits im Zurückgehen begriffen. Von dem Augenblicke an wo die Gemeinen ihren festen Entschluß kundgaben, den Nominalwerth der Münzen nicht zu erhöhen, begann das geprägte Geld aus tausend Geldkassen und geheimen Fächern wieder zum Vorschein zu kommen. Es herrschte zwar noch Geldmangel, aber er wurde von Tag zu Tag weniger fühlbar. Die Nation war, obwohl noch immer leidend, von Freude und Dankbarkeit erfüllt. Ihre Stimmung glich der eines Menschen, welcher, nachdem er lange von einer Krankheit gepeinigt worden ist, die ihm das Leben verbitterte, sich endlich entschlossen hat, sich dem Messer des Wundarztes zu unterwerfen, eine schmerzhafte Operation glücklich bestanden hat und zwar noch die Schmerzen des Stahles fühlt, aber viele Jahre der Gesundheit und des heiteren Lebensgenusses vor sich sieht und Gott dankt, daß das Schlimmste überstanden ist.

Schon vier Tage nach dem Zusammentritt des Parlaments nahm der Handelsverkehr einen bemerkbaren Aufschwung. Der Discont auf Banknoten war um ein Dritttheil niedriger. Der Preis der Kerbhölzer, welche nach einem aus einem rohen Zeitalter auf uns gekommenen Gebrauch als Quittungen für an die Schatzkammer geleistete Zahlungen gegeben wurden, war gestiegen, der Wechselcours, der seit mehreren Monaten für England sehr ungünstig stand, begann in die Höhe zu gehen.[52]

Einfluß der Maßnahmen des Hauses der Gemeinen auf die auswärtigen Regierungen.

Bald machte sich die Wirkung der edlen Festigkeit des Hauses der Gemeinen an jedem europäischen Hofe fühlbar. Das Haus war sogar in einer so freudigen Stimmung, daß es dem Könige schwer wurde, die Whigs von der Beantragung und Durchsetzung einer Resolution abzuhalten, nach welcher ihm eine Adresse überreicht werden sollte, die ihn ersuchte, sich in keine Unterhandlung mit Frankreich einzulassen, bis es ihn als König von England anerkannt habe.[53] Eine solche Adresse war unnöthig. Die Beschlüsse des Parlaments hatten Ludwig bereits die Ueberzeugung aufgedrungen, daß keine Aussicht zu einer Contrerevolution war. Ebensowenig Aussicht war dazu vorhanden, daß es ihm gelingen werde, den Vergleich zu Stande zu bringen, auf den er im Laufe der Unterhandlungen hingedeutet hatte. Es war nicht zu hoffen, daß Wilhelm oder die englische Nation jemals darein willigen würde, die englische Thronfolge zu einem Handelsobjecte mit Frankreich zu machen. Und selbst wenn Wilhelm und die englische Nation geneigt gewesen wären, den Frieden mit einem solchen Opfer des Ansehens zu erkaufen, würde es auf einer andren Seite unüberwindliche Schwierigkeiten gegeben haben. Jakob konnte von dem Auskunftsmittel, welches Ludwig vorgeschlagen, gar nicht sprechen hören. „Ich kann es ertragen,” sagte der Verbannte zu seinem Wohlthäter, „ich kann es mit christlicher Geduld ertragen, von dem Prinzen von Oranien beraubt zu sein; nie aber werde ich darein willigen, von meinem eigenen Sohne beraubt zu werden.” Ludwig erwähnte den Gegenstand auch nie wieder, Callieres erhielt Befehl, das Zugeständniß zu machen, von welchem der Friede der civilisirten Welt abhing. Er und Dykvelt kamen zusammen in den Haag zu dem Baron Lilienroth, dem Repräsentanten des Königs von Schweden, dessen Vermittelung die kriegführenden Mächte angenommen hatten. Dykvelt theilte Lilienroth mit, daß der Allerchristlichste König sich verpflichtet habe, den Prinzen von Oranien als König von Großbritannien anzuerkennen, sobald der Friedenstractat unterzeichnet sein würde, und er setzte mit einer sehr deutlichen Anspielung auf den von Frankreich vorgeschlagenen Vergleich hinzu, daß die Anerkennung ohne Beschränkung, Bedingung, oder Vorbehalt stattfinden werde. Callieres erklärte sodann, daß er das was Dykvelt gesagt habe, im Namen seines Gebieters betätige.[54] Ein Brief von Prior, der die erfreuliche Nachricht enthielt, wurde Jakob Vernon, dem Unterstaatssekretär, im Hause der Gemeinen übergeben. Die Nachricht lief durch die Bänke — so drückt Vernon sich aus — wie Feuer über ein Stoppelfeld. Jedes Herz war von einer Last befreit und Alles war Freude und Triumph.[55] Die whiggistischen Mitglieder konnten sich allerdings mit gutem Grunde Glück wünschen, denn der Weisheit und Entschlossenheit, die sie in einem Augenblicke der größten Gefahr und Noth bewiesen hatten, verdankte ihr Vaterland die nahe Aussicht auf einen ehrenvollen Frieden.

Besserung der Finanzen.

Inzwischen war der öffentliche Credit, der im Herbste auf den Nullpunkt gesunken war, in raschem Steigen begriffen. Gewöhnliche Finanzmänner waren starr vor Entsetzen, als sie erfuhren, daß zur Deckung der Ausfälle früherer Jahre mehr als fünf Millionen erfordert würden. Montague aber war kein gewöhnlicher Finanzmann. Ein von ihm vorgeschlagener kühner und einfacher Plan, im Volksmunde die Generalverpfändung (General Mortgage) genannt, stellte das Vertrauen wieder her. Es wurden neue Steuern ausgeschrieben, alte erhöht oder verlängert und so ein consolidirter Fond gebildet, der hinreichte, um jeder gerechten Anforderung an den Staat zu begegnen. Zu gleicher Zeit wurde die Bank von England durch eine neue Subscription erweitert, und die Bestimmungen wegen Einzahlung der Subscriptionsbeträge wurden solchergestalt entworfen, daß sowohl der Werth der Noten der Corporation als auch der der Staatsschuldscheine stieg.

Inzwischen floß das neue Silbergeld rascher als je aus den Münzstätten. Die Noth, welche am 4. Mai 1696 begann, während der nächsten fünf Monate fast unerträglich war und von dem Tage, an welchem die Gemeinen erklärten, daß es ihr unabänderlicher Entschluß sei, den alten Münzfuß beizubehalten, leichter wurde, hörte im März 1697 auf, schmerzlich gefühlt zu werden. Einige Monate sollten jedoch noch vergehen, bevor sich der Credit von dem furchtbarsten Stoße, den er je erhalten hatte, vollkommen wieder erholte. Aber schon war der tiefe und feste Grund gelegt, auf dem sich das riesigste Gebäude von Handelsblüthe erheben sollte, das die Welt je gesehen. Die große Masse der Whigs schrieb die Wiedergenesung des Staats dem Genie und der Festigkeit ihres Führers Montague zu. Selbst seine Feinde mußten, wenn auch mit Unmuth und mit höhnischem Lächeln, gestehen, daß jeder seiner Pläne gelungen sei: die erste Banksubscription, die zweite Banksubscription, die Umprägung, die allgemeine Verpfändung und die Schatzkammerscheine. Einige Tories aber murmelten, daß er nicht mehr Lob verdiene als ein Verschwender, der sein ganzes Vermögen aufs Spiel setzt und der fortwährend Glück hat. England habe zwar glücklich eine furchtbare Krisis überstanden und sei um so kräftiger, weil es dieselbe bestanden; aber es sei in großer Gefahr gewesen unterzugehen, und der Minister, der es dieser Gefahr ausgesetzt habe, verdiene nicht gelobt, sondern gehängt zu werden. Andere gaben zu, daß die Pläne, welche allgemein Montague zugeschrieben wurden, vortrefflich seien, leugneten aber, daß diese Pläne Montague angehörten. Die Stimme der Verleumdung wurde jedoch auf einige Zeit durch den lauten Beifall des Parlaments und der City übertäubt. Die Autorität, welche der Kanzler der Schatzkammer im Hause der Gemeinen besaß, war ohne Beispiel und ohne Rivalität. Auch im Cabinet nahm sein Einfluß mit jedem Tage zu. Im Schatzamte war ihm Keiner mehr überlegen. In Folge des Fenwick’schen Bekenntnisses war der letzte Tory, der ein hohes und einflußreiches Amt im Staate bekleidete, entfernt worden, und es gab endlich ein reines Whigministerium.

Folgen des Fenwick’schen Bekenntnisses.

Man hatte es nicht verhindern können, daß Gerüchte über dieses Bekenntniß in Umlauf kamen. Der Gefangene hatte sogar Mittel gefunden sich mit seinen Freunden in Communication zu setzen und hatte ihnen wahrscheinlich zu wissen gethan, daß er nichts gegen sie, sehr viel aber gegen die Creaturen des Usurpators gesagt habe. Wilhelm wünschte die Sache den gewöhnlichen Gerichten zu überlassen und wollte durchaus nicht, daß sie anderwärts untersucht würde. Seine Räthe aber, welche die Denkweise zahlreicher und getheilter Versammlungen besser kannten als er, waren der Meinung, daß eine parlamentarische Discussion wenn auch vielleicht nicht wünschenswerth, doch unvermeidlich sei. Es stand in der Macht eines einzelnen Mitglieds jedes der beiden Häuser, eine solche Discussion zu erzwingen, und es gab in beiden Häusern Mitglieder, welche entweder aus Pflichtgefühl oder aus bloßem Hang zum Unheilstiften, entschlossen waren zu erfahren, ob der Angeklagte, wie erzählt wurde, gegen einige der vornehmsten Männer des Königreichs schwere Beschuldigungen erhoben habe. Wenn einmal eine Untersuchung stattfinden mußte, so war es gewiß wünschenswerth, daß die beschuldigten Staatsmänner zuerst darauf antrugen. Es war jedoch eine große Schwierigkeit dabei. Die Whigs, welche die Majorität des Unterhauses bildeten, waren bereit, wie ein Mann für die völlige Freisprechung Russell’s und Shrewsbury’s zu stimmen, und sie verlangten auch nicht danach, Marlborough, der nicht mehr im Staatsdienste war und daher wenig Neid erweckte, ein Brandmal aufzudrücken. Aber eine große Anzahl ehrenwerther Gentlemen, wie Wharton sie nannte, war durch nichts zu bewegen, einem Beschlusse beizutreten, der Godolphin freigesprochen hätte. Ihnen war Godolphin ein Dorn im Auge. Alle übrigen Tories, welche in den ersten Jahren der Regierung Wilhelm’s eine Hauptrolle bei der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten gespielt hatten, waren nach einander entlassen worden. Nottingham, Trevor, Leeds waren nicht mehr am Ruder. Pembroke war kaum ein Tory zu nennen und war niemals wirklich am Ruder gewesen, Godolphin aber bekleidete seinen Posten in Whitehall noch, und den Männern der Revolution schien es unerträglich, daß ein Mann, der im Staatsrathe Karl’s und Jakob’s gesessen und für eine Regentschaft gestimmt hatte, erster Finanzminister war. Die so Denkenden hatten mit boshafter Schadenfreude erfahren, daß der erste Lord des Schatzes in dem Bekenntnisse genannt war, von dem Jedermann sprach, und sie hatten sich vorgenommen, eine so günstige Gelegenheit, ihn aus dem Amte zu vertreiben, nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen. Auf der andren Seite mußte Jeder, der Fenwick’s Schrift gelesen und nicht im Rausche der Parteileidenschaft allen Sinn für Vernunft und Gerechtigkeit verloren hatte, nothwendig einsehen, daß es unmöglich war, zwischen zwei Theilen dieser Schrift einen Unterschied zu machen und alles auf Russell und Shrewsbury Bezügliche als falsch, alles auf Godolphin Bezügliche als wahr zu betrachten. Dies gab selbst Wharton zu, der von allen Staatsmännern am wenigsten von Gewissensscrupeln oder von Schamgefühlsregungen beunruhigt wurde.[56]