Nichts konnte ohne die Beihülfe des Gefangenen geschehen, und mit diesem direct zu verkehren, war unmöglich. Man mußte sich der Vermittelung mehr als einer Agentin bedienen. Die Herzogin von Norfolk war eine Mordaunt und Monmouth’s erste Cousine. Sie war bekannt wegen ihrer Galanterien und ihr Gemahl hatte einige Jahre früher seine adeligen Collegen zu bestimmen versucht, eine Bill zur Auflösung seiner Ehe anzunehmen, aber der Versuch war, zum Theil in Folge des Eifers, mit dem Monmouth die Sache seiner Cousine verfochten hatte, gescheitert. Die Dame lebte, obgleich von ihrem Gatten getrennt, auf einem ihrem Range angemessenen Fuße und hatte Umgang mit vielen vornehmen Frauen, unter andern mit Lady Marie Fenwick und mit einer Verwandten derselben, Namens Elisabeth Lawson. Durch Vermittlung der Herzogin ließ Monmouth dem Gefangenen mehrere Papiere zukommen, welche sehr klug entworfene Rathschläge enthielten. Sir John, — dies war der wesentliche Inhalt dieser Rathschläge — möge dreist behaupten, daß sein Bekenntniß wahr sei, daß er Beschuldigungen, zwar nur nach Hörensagen, aber nicht nach gewöhnlichem Hörensagen, erhoben habe, daß er seine Kenntniß der behaupteten Facta aus den hochstehendsten Duellen schöpfe, und er möge ein Mittel angeben, wodurch seine Wahrhaftigkeit leicht auf die Probe gestellt werden könne. Er möge darum bitten, daß die Earls von Portland und von Romney, welche anerkanntermaßen das Vertrauen des Königs besäßen, aufgefordert würden zu erklären, ob sie nicht, im Besitz von Nachrichten seien, welche mit den von ihm erzählten Dingen übereinstimmten. Er möge darum bitten, daß der König ersucht würde, dem Parlamente die Aufschlüsse, welche die plötzliche Entlassung Lord Marlborough’s zur Folge gehabt, und alle Briefe vorzulegen, die auf dem Wege zwischen Saint-Germains und Lord Godolphin aufgefangen worden seien. „Wenn,” sagte Monmouth zu seinen Agentinnen, „Sir John nicht unter dem Einflusse eines Verhängnisses steht, wenn er nicht ganz von Sinnen ist, so wird er meinen Rath befolgen. Thut er es, so sind sein Leben und seine Ehre gerettet. Thut er es nicht, so ist er ein todter Mann.” Hierauf schmähte dieser kühne Intrigant mit seiner gewöhnlichen frechen Redeweise Wilhelm wegen dessen, was eigentlich einer seiner Hauptansprüche auf Ruhm war. „Er ist der schlechteste Mensch. Er hat schändlich gehandelt. Er giebt vor, diese Beschuldigungen gegen Shrewsbury, Russell, Marlborough und Godolphin nicht zu glauben, obgleich er weiß” — und Monmouth bekräftigte diese Behauptung mit einem entsetzlichen Schwure, — „daß jedes Wort der Beschuldigungen wahr ist.”

Die von Monmouth aufgesetzten Schriftstücke wurden von Lady Mary ihrem Gemahl übergeben. Wäre der Rath, den sie enthielten, befolgt worden, so unterliegt es kaum einem Zweifel, daß der Zweck des Rathgebers erreicht worden wäre. Der König würde sich heftig geärgert haben, es würde ein allgemeiner panischer Schrecken unter den Staatsmännern jeder Farbe entstanden sein; selbst Marlborough’s heiterer Gleichmuth würde auf eine harte Probe gestellt worden sein, und Shrewsbury würde sich wahrscheinlich erschossen haben. Ob aber Fenwick seine Lage dadurch verbessert haben würde, ist sehr zweifelhaft. Dies war auch seine Meinung. Er sah ein, daß der Schritt, zu dem man ihn drängte, ein sehr gefährlicher war. Er wußte, daß er nicht deshalb zu diesem Schritte gedrängt wurde, weil er möglicherweise dadurch gerettet werden konnte, sondern weil er gewiß Anderen dadurch schaden mußte, und er war entschlossen, nicht Monmouth’s Werkzeug zu sein.

Debatten der Lords über die Verurtheilungsbill.

Am 1. December passirte die Bill ohne Abstimmung das erste Stadium. Hierauf wurde Fenwick’s Bekenntniß, das auf Befehl des Königs auf den Tisch gelegt worden war, vorgelesen, und dann erhob sich Marlborough. „Es kann Niemanden Wunder nehmen,” sagte er, „daß ein Mensch, dessen Kopf in Gefahr ist, sich durch Anschuldigung Anderer zu retten versucht. Ich versichere Euren Lordschaften, daß ich seit der Thronbesteigung der gegenwärtig regierenden Majestät mit Sir John wegen keines Gegenstandes irgendwie verkehrt habe, und ich erkläre dies auf mein Ehrenwort.”[71] Marlborough’s Behauptung mag wahr gewesen sein, aber sie vertrug sich vollkommen mit Allem was Fenwick gesagt hatte. Godolphin ging weiter. „Ich bin allerdings bis zum letzten Augenblicke im Dienste Jakob’s und seiner Gemahlin geblieben, und ich wurde von ihnen Beiden geschätzt. Aber ich kann dies nicht für ein Verbrechen halten. Möglich, daß sie und ihre Umgebungen noch jetzt glauben, ich sei ihrer Sache ergeben; dafür kann ich nicht. Aber es ist durchaus unwahr, daß ich mit dem Hofe von Saint-Germains in einem Verkehr gestanden habe, wie das Schriftstück angiebt, das Euren Lordschaften so eben vorgelesen worden ist.”[72]

Fenwick wurde nun eingeführt und gefragt, ob er noch etwas zu gestehen habe. Mehrere Peers befragten ihn, aber erfolglos. Monmouth, der nicht glauben konnte, daß die Papiere, die er nach Newgate gesandt, keine Wirkung gehabt haben sollten, richtete in freundlichem und ermuthigendem Tone verschiedene Fragen an den Gefangenen, durch die er ihm Antworten zu entlocken hoffte, welche den angeklagten Lords durchaus nicht angenehm gewesen sein würden. Aber keine solche Antwort war aus Fenwick herauszubringen. Monmouth sah, daß seine sinnreichen Machinationen ihren Zweck verfehlt hatten. Aufgebracht und enttäuscht, machte er nun plötzlich kehrt und wurde ein so eifriger Fürsprecher der Bill als irgend ein andrer Peer im Hause. Jedermann fiel der plötzliche Umschlag in seiner Stimmung und seinem Benehmen auf, aber man schrieb diesen Umschlag anfangs lediglich seiner wohlbekannten Unbeständigkeit zu.

Am 8. December wurde die Bill aufs neue in Erwägung gezogen, und an diesem Tage war Fenwick in Begleitung seines Vertheidigers anwesend. Bevor man ihn jedoch hereinrief, wurde eine Vorfrage gestellt. Mehrere vornehme Tories, namentlich Nottingham, Rochester, Normanby und Leeds sagten, daß es ihrer Ansicht nach unnütz sei, die Schuld oder Unschuld des Gefangenen zu untersuchen, wenn das Haus ihn nicht für einen so gefährlichen Menschen hielte, daß er, wenn schuldig, durch eine Parlamentsacte verurtheilt werden müsse. Sie wollten gar keine Beweise hören, sagten sie. Denn selbst angenommen, daß die Beweise keinen Zweifel an seiner Strafbarkeit übrig ließen, würden sie es dennoch für besser halten, ihn nicht zu bestrafen, als erst ein Gesetz zu seiner Bestrafung zu machen. Die allgemeine Ansicht war jedoch entschieden dafür, die Sache weiter zu verfolgen.[73] Es wurde dem Gefangenen und seinem Vertheidiger noch eine Woche bewilligt, um sich vorzubereiten, und endlich am 15. December begann der Kampf allen Ernstes.

Die Debatten waren die längsten und heftigsten, die Abstimmungen die häufigsten, die Proteste die am zahlreichsten unterschriebenen, die man in der ganzen Geschichte des Hauses der Peers je gekannt hatte. Die Bänke waren mehrmals von zehn Uhr Morgens bis nach Mitternacht gefüllt.[74] Die Gesundheit vieler Lords litt darunter, denn der Winter war grimmig kalt; aber die Majorität war nicht zur Nachsicht geneigt. Eines Abends wurde Devonshire unwohl; er schlich sich fort und legte sich ins Bett; aber der schwarze Stab wurde ihm bald nachgeschickt, um ihn zurückzuholen. Leeds, der äußerst kränklicher Constitution war, beschwerte sich laut. „Junge Gentlemen,” sagte er, „mögen sich ohne Nachtheil um zwei Uhr Morgens zum Abendessen und zum Weine niedersetzen können; aber einige von uns bejahrten Leuten dürften hier wohl eben so viel werth sein als sie, und wir werden bald im Grabe liegen, wenn wir zu einer solchen Jahreszeit so lange aushalten müssen.”[75] Der Parteigeist war jedoch in solchem Grade erregt, daß diese Beschwerde unberücksichtigt blieb und das Haus vierzehn- bis funfzehnstündige Sitzungen hielt. Die Hauptgegner der Bill waren Rochester, Nottingham, Normanby und Leeds. Die Hauptredner auf der andren Seite waren Tankerville, der trotz der heftigen Erschütterungen, welche ein ausnehmend unglückliches Leben seinem öffentlichen wie seinem Privatrufe zugefügt hatte, stets mit einer die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer fesselnden Beredtsamkeit sprach; Burnet, der eine große historische Gelehrsamkeit entfaltete, Wharton, dessen lebhafte und familiäre Ausdrucksweise, die er sich im Hause der Gemeinen angewöhnt, zuweilen das Förmlichkeitsgefühl der Lords verletzte, und Monmouth, der die Redefreiheit stets bis an den Rand der Zügellosigkeit getrieben hatte und der jetzt nie den Mund öffnete, ohne den Gefühlen eines Gegners eine Wunde zu schlagen. Einige wenige Edelleute von großem Gewicht, Devonshire, Dorset, Pembroke und Ormond, bildeten eine dritte Partei. Sie wollten die Verurtheilungsbill als ein Folterwerkzeug gebrauchen, um dem Gefangenen ein ausführliches Geständniß auszupressen. Aber sie waren entschlossen, nicht für seine Verurtheilung zum Tode zu stimmen.

Die erste Abstimmung betraf die Frage, ob die Bestätigung dessen was Goodman hätte beweisen können, durch einen sekundären Zeugen zugelassen werden sollte. Bei dieser Gelegenheit schloß Burnet die Debatte mit einer gewaltigen Rede, auf welche keiner der toryistischen Redner unvorbereitet zu antworten wagen konnte. Es waren hundertsechsundzwanzig Lords anwesend, eine in unsrer Geschichte beispiellose Zahl. Darunter waren dreiundsiebzig zufrieden und dreiundfunfzig nicht zufrieden. Sechsunddreißig von der Minorität protestirten gegen die Entscheidung des Hauses.[76]

Die nächste große Kraftprobe fand bei der Frage statt, ob die Bill zum zweiten Male gelesen werden sollte. Eine interessante Episode brachte eine Diversion in die Debatte. Monmouth machte in einer heftigen Rede einige harte und wohlverdiente Bemerkungen über den verstorbenen Lord Jeffreys. Der Titel und ein Theil des übelerworbenen Vermögens Jeffreys’ war auf seinen Sohn übergegangen, einen ausschweifenden jungen Mann, der vor kurzem mündig geworden war und damals schon einen Sitz im Hause hatte. Der junge Mann fing Feuer, als er seinen Vater tadeln hörte. Das Haus mußte sich ins Mittel legen und den beiden Disputanten das Versprechen abnehmen, die Sache nicht weiter zu treiben. An diesem Tage waren hundertachtundzwanzig Peers anwesend. Die Frage der zweiten Lesung ging mit dreiundsiebzig gegen fünfundfunfzig Stimmen durch, und neunundvierzig von den fünfundfunfzig protestirten.[77]

Viele glaubten jetzt, daß Fenwick der Muth sinken werde. Es war bekannt, daß er nicht gern sterben wollte. Bisher konnte er sich mit der Hoffnung geschmeichelt haben, daß die Bill scheitern werde. Jetzt aber, wo sie in dem einen Hause angenommen worden war und wo es gewiß zu sein schien, daß sie auch in dem andren angenommen werden würde, war es wahrscheinlich, daß er sich durch Enthüllung alles dessen was er wußte, retten würde. Er wurde aufs neue vor die Schranke gebracht und verhört. Er weigerte sich zu antworten, aus dem Grunde, weil seine Antworten von der Krone vor der Old Bailey gegen ihn gebraucht werden möchten. Man versicherte ihm, daß das Haus ihn in Schutz nehmen werde; aber er behauptete, diese Versicherung sei nicht genügend, das Haus bleibe nicht immer beisammen und er könne während einer Vertagung prozessirt und gehängt werden, bevor ihre Lordschaften wieder zusammenträten. Das Wort des Königs allein, sagte er, werde ihm eine vollständige Garantie sein. Die Peers ließen ihn wieder fortführen und beschlossen unmittelbar darauf, daß Wharton sich nach Kensington begeben und Se. Majestät bitten sollte, das Versprechen zu geben, das der Gefangene verlangte. Wharton eilte nach Kensington und kam mit einer günstigen Antwort zurück. Fenwick wurde wieder vor die Schranke gebracht. Man sagte ihm, der König habe sein Wort gegeben, daß nichts von dem was er an dieser Stelle aussagen würde, an einem andren Orte zu seinem Nachtheil benutzt werden sollte. Er machte indeß noch immer Schwierigkeiten. Wenn er auch Alles gestehe was er wisse, sagte er, könne man doch glauben, er verschweige noch immer etwas. Kurz, er werde nichts sagen, bis er die Zusicherung seiner Begnadigung habe. Er wurde nun zum letzten Male feierlich vom Wollsacke aus gewarnt. Es wurde ihm versichert, daß, wenn er offen gegen die Lords sei, sie sich am Fuße des Thrones für ihn verwenden und daß ihre Fürsprache nicht erfolglos sein würde. Wenn er jedoch obstinat bliebe, so würden sie die Bill weiter verfolgen. Es ward ihm eine kurze Bedenkzeit bewilligt und er dann aufgefordert, seine definitive Antwort zu geben. „Ich habe sie bereits gegeben,” sagte er; „ich habe keine Sicherheit. Wenn ich sie hätte, würde ich den Wünschen des Hauses sehr gern entsprechen.” Er wurde hierauf in seine Zelle zurückgebracht, und die Peers trennten sich nach einer Sitzung, welche bis tief in die Nacht hinein gedauert hatte.[78] Die Peers, welche Fenwick angeklagt hatte, hielten sich zu verschiedenen Seiten. Marlborough stimmte beharrlich mit der Majorität und bewog den Prinzen Georg das Nämliche zu thun. Godolphin stimmte ebenso beharrlich mit der Minorität, enthielt sich aber mit characteristischer Vorsicht, Gründe für seine Voten anzugeben. Keine Periode seines Lebens berechtigt uns dazu, sein Verfahren einem höheren Motive zuzuschreiben. Wahrscheinlich hielt er es, nachdem er durch die Whigs aus dem Amte vertrieben und gezwungen worden war, sich zu den Tories zu flüchten, für rathsam mit seiner Partei zu gehen.[79]