Auf die erste dieser Forderungen entgegnete Ludwig, daß er vollkommen bereit sei, sich auf das Feierlichste zu verpflichten, keinem Versuche zur Störung der bestehenden Ordnung der Dinge in England in irgend einer Weise Unterstützung oder Vorschub zu leisten, daß es aber mit seiner Ehre unverträglich sei, daß der Name seines Vetters und Gastes in dem Vertrage genannt werde.
Auf die zweite Forderung entgegnete Ludwig, daß er einem unglücklichen Könige, der in seinem Lande eine Zufluchtsstätte gesucht habe, seine Gastfreundschaft nicht versagen und daß er nicht einmal versprechen könne, den Wunsch zu äußern, Jakob möchte Saint-Germains verlassen. Aber Boufflers gab, als ob er seine eigne Idee ausspräche, obgleich er ohne Zweifel nichts sagte, was nicht mit den Wünschen seines Gebieters übereinstimmte, zu verstehen, daß die Sache sich wahrscheinlich arrangiren lassen werde, und nannte Avignon als einen Ort, wo die verbannte Familie residiren könnte, ohne der englischen Regierung Grund zu Besorgnissen zu geben.
Ludwig verlangte dagegen seinerseits erstens, daß den Jakobiten eine allgemeine Amnestie gewährt werden, und zweitens, daß Marie von Modena ihr Leibgedinge von funfzigtausend Pfund jährlich erhalten sollte.
Die Bewilligung der ersten von diesen beiden Forderungen verweigerte Wilhelm entschieden. Er werde stets bereit sein, die Vergehen von Männern zu verzeihen, welche den Willen zeigten, in Zukunft ruhig unter seiner Regierung zu leben; allein er könne sich nicht dazu verstehen, die Ausübung seines Begnadigungsrechtes zum Gegenstande eines Uebereinkommens mit einer auswärtigen Macht zu machen. Das von Marien von Modena beanspruchte Jahrgeld werde er gern bezahlen, wenn er die Gewißheit habe, daß es nicht zu Machinationen gegen seinen Thron und seine Person, zur Unterhaltung eines neuen Etablissements an der Küste von Kent wie das Hunt’s oder zum Ankauf von Pferden und Waffen zu einem neuen Attentate wie das von Turnham Green verwendet werden würde. Boufflers habe von Avignon gesprochen. Wenn Jakob und seine Gemahlin dort ihren Aufenthalt nähmen, so sollten wegen des Jahrgeldes keine weiteren Schwierigkeiten gemacht werden.
Die Friedensbedingungen zwischen Frankreich und England werden festgesetzt.
Endlich waren alle streitigen Punkte geordnet. Nach langen Discussionen wurde ein Artikel aufgesetzt, in welchem Ludwig sein Ehrenwort gab, daß er keinen Versuch zum Umsturz oder zur Beunruhigung der bestehenden Regierung England’s irgendwie begünstigen werde. Dagegen versprach auch Wilhelm, kein Unternehmen gegen die Regierung Frankreich’s zu begünstigen. Dieses Versprechen hatte Ludwig nicht verlangt und er schien daher anfangs geneigt, es als eine Beleidigung zu betrachten. Sein Thron, sagte er, stehe vollkommen fest und Niemand bestreite sein Recht auf denselben. Es gebe in seinem Lande keine Eidverweigerer, keine Verschwörer, und er halte es für unvereinbar mit seiner Würde, einen Vertragspunkt zu genehmigen, in welchem zu liegen scheine, daß er Complots und Aufstände befürchte, wie sie eine aus einer Revolution hervorgegangene Dynastie naturgemäß fürchten müsse. Er gab jedoch in diesem Punkte nach, und man kam überein, daß die Verpflichtung streng gegenseitig sein sollte. Wilhelm verlangte nicht mehr, daß Jakob’s Name genannt werde und Ludwig verlangte nicht mehr, daß den Anhängern Jakob’s eine Amnestie bewilligt werde. Es wurde festgesetzt, daß in dem Vertrage weder über den Aufenthaltsort des verbannten Königs von England, noch über das Leibgedinge seiner Gemahlin etwas erwähnt werden sollte. Aber Wilhelm autorisirte seine Bevollmächtigten beim Congresse, zu erklären, das Marie von Modena das haben solle, worauf eine vorzunehmende Untersuchung ihren rechtmäßigen Anspruch darthun werde. Auf was sie rechtmäßigen Anspruch hatte, war eine Frage, deren Beantwortung ganz Westminsterhall in Verlegenheit gesetzt haben würde. Doch es war ausgemacht, daß sie ohne Sträuben so viel erhalten würde, als sie nur irgend verlangen konnte, sobald sie sich mit ihrem Gemahl in die Provence oder nach Italien zurückgezogen haben würde.[117]
Schwierigkeiten, durch Spanien und den Kaiser veranlaßt.
Vor Ende Juli war Alles geordnet, soweit Frankreich und England betheiligt waren. Inzwischen erfuhren die in Ryswick versammelten Gesandten, daß Boufflers und Portland wiederholte Zusammenkünfte in Brabant gehalten und daß sie in höchst regelwidriger und unpassender Weise, ohne Beglaubigungsschreiben, ohne Vermittelung, ohne Noten, ohne Protokolle, ohne gegenseitig ihre Schritte zu zählen und ohne einander Excellenz zu nennen, mit einander unterhandelten. Sie waren so barbarisch unerfahren in den ersten Anfangsgründen der edlen Wissenschaft der Diplomatie, daß sie das Werk, der Christenheit den Frieden wiederzugeben, beinahe zu Stande gebracht hatten, während sie unter einigen Aepfelbäumen umhergingen. Die Engländer und Holländer zollten Wilhelm’s Klugheit und Entschiedenheit lauten Beifall. Er hatte den Knoten zerhauen, den der Congreß nur verwirrt und zusammengezogen hatte. Er hatte in einem Monate gethan, was die im Haag versammelten Formalisten und Pedanten nicht in zehn Jahren zu Stande gebracht haben würden. Auch die französischen Bevollmächtigten waren nicht unzufrieden. „Es ist interessant,” sagt Harlay, ein geistreicher und verständiger Mann, „daß, während die Gesandten sich bekriegen, die Generäle Frieden schließen.”[118]
Aber Spanien behielt die nämliche Miene arroganter Sorglosigkeit bei, und die Gesandten des Kaisers, welche offenbar vergaßen, daß ihr Gebieter wenige Monate früher, ohne Wilhelm zu fragen, einen Neutralitätsvertrag für Italien abgeschlossen hatte, schienen es höchst auffallend zu finden, daß Wilhelm sich erdreistete zu unterhandeln, ohne ihren Gebieter zu fragen. Es zeigte sich mit jedem Tage deutlicher, daß der Wiener Hof es darauf anfing, den Krieg in die Länge zu ziehen. Am 10. Juli proponirten die französischen Gesandten nochmals billige und ehrenvolle Friedensbedingungen, setzten aber hinzu, daß wenn diese Bedingungen bis zum 21. August nicht angenommen wären, der Allerchristlichste König sich nicht an sein Anerbieten gebunden erachten würde.[119] Wilhelm ermahnte umsonst seine Verbündeten vernünftig zu sein. Alle Argumente prallten an dem unsinnigen Stolze der einen Linie des Hauses Oesterreich, und an der selbstsüchtigen Politik der andren ab. Der 21. August kam und verging, und der Tractat war nicht unterzeichnet; es stand Frankreich somit frei, seine Forderungen zu steigern, und es that dies. Denn gerade um diese Zeit traf die Nachricht von zwei harten Schlägen ein, welche Spanien betroffen hatten, der eine in der alten, der andre in der neuen Welt. Ein französisches Armeecorps unter Vendome’s Befehlen hatte Barcelona genommen. Ein französisches Geschwader war heimlich aus Brest ausgelaufen, hatte die verbündeten Flotten umgangen, war über das Atlantische Meer gefahren, hatte Carthagena geplündert und war mit Schätzen beladen nach Frankreich zurückgekehrt.[120] Die spanische Regierung sprang mit einem Male von übermüthiger Apathie zu niedriger Angst über und war bereit jede Bedingung anzunehmen, die der Sieger vorschreiben würde. Die französischen Bevollmächtigten kündigten dem Congresse an, daß ihr Gebieter entschlossen sei, Straßburg zu behalten, und daß, wenn die von ihm angebotenen Bedingungen in so modificirter Gestalt bis zum 10. September nicht angenommen wären, er sich für berechtigt halten würde, auf weiteren Modificationen zu bestehen. Noch nie war Wilhelm’s Geduld auf eine härtere Probe gestellt worden. Er wurde sowohl durch den Starrsinn seiner Verbündeten, wie durch die gebieterische Sprache des Feindes gereizt. Nicht ohne schweren Kampf und heftige Seelenqual entschloß er sich, in das zu willigen, was Frankreich jetzt vorschlug. Aber er fühlte, daß es ganz unmöglich sein würde, selbst wenn es wünschenswerth gewesen wäre, das Haus der Gemeinen und die Generalstaaten zu bewegen, den Krieg zu dem Zwecke fortzusetzen, um Frankreich eine einzelne Festung zu entreißen, eine Festung, an deren Schicksal weder England noch Holland ein unmittelbares Interesse hatten, eine Festung, die dem Reiche nur durch die unverständige Hartnäckigkeit des kaiserlichen Hofes verloren gegangen war. Er beschloß, die modificirten Bedingungen anzunehmen und ließ seinen Gesandten in Ryswick die Weisung zukommen, daß sie an dem festgesetzten Tage unterzeichnen sollten. Die Gesandten Spanien’s und Holland’s erhielten ähnliche Instructionen. Es unterlag keinem Zweifel, daß auch der Kaiser trotz seines Murrens und Protestirens dem Beispiele seiner Bundesgenossen bald folgen würde. Um ihm Zeit zur Ueberlegung zu lassen wurde festgesetzt, daß er in den Tractat aufgenommen werden solle, wenn er seinen Beitritt bis zum 1. November anzeigte.