Inzwischen erregte Jakob durch seine Klagen und Drohungen die Heiterkeit und das Mitleid von ganz Europa. Er hatte vergebens sein Recht geltend gemacht, als der alleinige wirkliche König von England einen Gesandten zu dem Congresse zu schicken.[121] Er hatte umsonst an sämmtliche römisch-katholische Fürsten der Conföderation eine Denkschrift gerichtet, in der er sie beschwor, sich mit Frankreich zu einem Kreuzzuge gegen England zu verbinden, um ihn wieder in sein Erbe einzusetzen und die gottlose Rechtsbill zu annulliren, welche Mitglieder der wahren Kirche vom Throne ausschloß.[122] Als er sah, daß diese Aufforderung unbeachtet blieb, erließ er einen feierlichen Protest gegen die Gültigkeit jedes Vertrags, an welchem die bestehende englische Regierung sich betheiligen würde. Er erklärte alle Verpflichtungen, die sein Königreich seit der Revolution eingegangen war, für null und nichtig und kündigte an, daß, wenn er wieder zur Gewalt gelangen sollte, er sich an keine dieser Verpflichtungen gebunden erachten würde. Er gab zu, daß er durch die Nichtachtung dieser Verpflichtungen große Calamitäten sowohl über seine eigenen Lande als über die ganze Christenheit bringen könne; aber er erklärte, daß er sich wegen dieser Calamitäten weder vor Gott noch vor den Menschen für verantwortlich halten werde. Es scheint fast unglaublich, daß selbst ein Stuart, ja der schlimmste und beschränkteste aller Stuarts wähnen konnte, das es die erste Pflicht nicht nur seiner Unterthanen, sondern der ganzen Menschheit sei, seine Rechte zu vertheidigen; das Franzosen, Deutsche, Italiener und Spanier ein Verbrechen begingen, wenn sie nicht Jahr auf Jahr für ihn ihr Blut vergössen und ihr Geld opferten; daß die Interessen der sechzig Millionen Menschen, für welche der Friede ein Segen gewesen wäre, im Vergleich mit den Interessen eines Einzelnen von gar keinem Gewicht seien.[123]
Der Tractat von Ryswick unterzeichnet.
Trotz aller seiner Proteste rückte der Tag des Friedensschlusses heran. Am 10. September versammelten sich die Gesandten Frankreich’s, England’s, Spanien’s und der Vereinigten Provinzen in Ryswick. Es waren drei Verträge zu unterzeichnen, und man stritt sich lange über die wichtige Frage, welcher zuerst unterzeichnet werden sollte. Es war ein Uhr Morgens, als man sich endlich dahin einigte, daß der Tractat zwischen Frankreich und den Generalstaaten den Vorzug haben sollte, und erst bei Tagesanbruch waren sämmtliche Instrumente vollzogen. Dann beglückwünschten die Bevollmächtigten einander unter vielen Verbeugungen, daß sie die Ehre gehabt hatten, zu einem so großen Werke etwas beizutragen.[124]
Eine Schaluppe erwartete Prior. Er eilte an Bord und nachdem er einen Aequinoctialsturm überstanden, landete er am dritten Tage an der Küste von Suffolk.[125]
Spannung in England.
Selten hatte in England eine größere Aufregung geherrscht als während des letzten Monats vor seiner Ankunft. Wenn der Westwind die holländischen Packetboote zurückhielt, stieg die Spannung des Volks aufs Höchste. Jeden Morgen standen Hunderttausende mit der Hoffnung auf zu hören, daß der Tractat unterzeichnet sei, und jede Post, welche ankam, ohne die gute Nachricht mitzubringen, verursachte bittere Enttäuschung. Die Mißvergnügten versicherten sogar laut, daß der Friede gar nicht zu Stande kommen und die Unterhandlungen noch in dieser späten Stunde abgebrochen werden würden. Einer von ihnen hatte Jemanden gesprochen, der eben von Saint-Germains angekommen war; ein Andrer hatte ein eigenhändiges Schreiben Ihrer Majestät gelesen, und Alle waren überzeugt, daß Ludwig den Usurpator niemals anerkennen werde. Viele von Denen, welche diese Sprache führten, waren so verblendet, daß sie auf die Richtigkeit ihrer Meinung hohe Wetten machten. Als die Nachricht von dem Falle Barcelona’s eintraf, waren alle hochverrätherischen Tavernen mit eidverweigernden Priestern angefüllt, welche lachten, laut sprachen und einander die Hände schüttelten.[126]
Ankunft der Friedensnachricht in England.
Endlich, am Nachmittag des 13. Septembers, erhielten einige Spekulanten in der City auf Privatwegen die gewisse Nachricht, daß der Tractat am Morgen des 11. vor Tagesanbruch unterzeichnet worden sei. Sie hielten die Sache geheim und beeilten sich, sie zu ihrem Vortheile zu benutzen; aber ihre eifrigen Bemühungen Bankactien zu kaufen, und die hohen Preise, die sie dafür boten, erweckten Verdacht, und man glaubte allgemein, daß am folgenden Tage etwas Wichtiges angezeigt werden würde. Am folgenden Tage erschien denn auch Prior mit dem Tractate vor den Lords Justices in Whitehall. Es wurde sogleich eine Fahne auf der Abtei, eine andre auf der Martinskirche ausgesteckt und die Kanonen des Towers verkündeten die frohe Botschaft. Alle Kirchthürme und befestigten Schlösser von Greenwich bis Chelsea antworteten. Es war keiner von den Tagen, an welchen die Zeitungen gewöhnlich erschienen; aber zum ersten Male wurden Extrablätter mit großgedruckten Ueberschriften in den Straßen ausgerufen. Der Cours der Bankactien stieg rasch von 84 auf 97. In wenigen Stunden begannen sich auf einigen Plätzen Triumphbögen zu erheben, während auf anderen mächtige Freudenfeuer emporloderten. Der holländische Gesandte schrieb an die Generalstaaten, daß er versuchen werde, seine Freude durch ein der Republik, die er vertrete, würdiges Feuer an den Tag zu legen, und er hielt Wort, denn eine solche Flamme hatte London noch nie gesehen. Hundertvierzig Fässer Pech prasselten und leuchteten vor seinem Hause am St. James Square und bildeten ein Feuer, das Pall Mall und Piccadilly so hell machte wie am Tage.[127]
Schrecken der Jakobiten.
Der Schrecken unter den Jakobiten war groß. Einige von Denen, welche auf Ludwig’s Festigkeit hoch gewettet hatten, ergriffen die Flucht. Ein unglücklicher Zelot des göttlichen Rechts ertränkte sich. Doch bald faßte die Partei wieder Muth. Der Tractat war zwar unterzeichnet, aber ratificirt wurde er gewiß nie. In Kurzem kam die Ratification, der Friede wurde feierlich durch die Herolde proklamirt und auch die hartnäckigsten Eidverweigerer begannen zu verzweifeln. Einige Geistliche, welche Jakob acht Jahre lang treu geblieben waren, leisteten jetzt Wilhelm den Huldigungseid. Wahrscheinlich waren es Männer, welche, wie Sherlock, der Ansicht waren, daß eine feststehende, wenn auch in ihrem Ursprunge illegitime Regierung Anspruch auf den Gehorsam von Christen habe, die aber geglaubt hatten, daß die Regierung Wilhelm’s nicht wirklich feststehend genannt werden könne, so lange die größte europäische Macht sich nicht nur weigerte, sie anzuerkennen, sondern sogar ihren Rivalen kräftig unterstützte.[128] Die heftigeren und entschlosseneren Anhänger des verbannten Königshauses waren wüthend auf Ludwig. Er habe Die, welche ihn um Hülfe angefleht, hintergangen und verrathen. Man solle nicht von dem Elende seines Volks sprechen. Man solle nicht sagen, daß er jede Einnahmequelle erschöpft habe und daß in allen Provinzen seines Reichs das Landvolk in Lumpen gehüllt einhergehe und sich nicht einmal mehr mit dem gröbsten und schwärzesten Brode sättigen könne. Seine erste Pflicht sei die, welche er gegen die königliche Familie von England habe. Die Jakobiten sprachen und schrieben gegen ihn eben so absurd und fast eben so gemein, als sie lange gegen Wilhelm gesprochen und geschrieben hatten. Eines ihrer Libelle war so unanständig, daß die Lords Justices die Verhaftung des Verfassers anordneten.[129]