Allgemeine Freude.
Aber die Wuth und der Aerger beschränkten sich auf eine sehr kleine Anzahl. Seit dem Restaurationsjahre hatte man nie ähnliche Kundgebungen der allgemeinen Freude gesehen. In allen Gegenden des Reichs, wo der Friede proklamirt wurde, äußerte sich die Volksstimmung durch Bankets, feierliche Aufzüge, loyale Toaste, Salven, Trommelwirbel, Trompetenschall und Aufschlagen von Biertonnen. An einigen Orten begab sich die ganze Bevölkerung unaufgefordert in die Kirchen, um dem Himmel zu danken. An anderen fanden Aufzüge von weißgekleideten und mit Lorbeer bekränzten Mädchen statt, welche Fahnen mit der Inschrift: God bless King William trugen. In jeder Grafschaftshauptstadt begleitete eine lange Cavalcade der angesehensten Gentlemen aus einem Umkreise von vielen Meilen den Mayor zum Marktkreuze. Ein Festtag genügte noch nicht zur Aeußerung so vieler Freude. Am 4. November, dem Geburtstage des Königs, und am 5., dem Jahrestage seiner Landung in Torbay, erneuerten sich das Glockengeläute, der Jubel und die Illuminationen in London wie im ganzen Lande.[130] An dem Tage, an welchem er in seine Hauptstadt zurückkehrte, wurde in den zweitausend Straßen dieses ungeheuren Marktes keine Arbeit gethan und kein Laden geöffnet. Die Hauptstraßen waren für diesen Tag mit Sand bestreut worden; alle Innungen hatten sich neue Fahnen, alle Magistratspersonen neue Amtskleider angeschafft. Zwölftausend Pfund Sterling waren auf Veranstaltung von Feuerwerken verwendet worden. Große Massen Volks aus allen benachbarten Grafschaften waren herbeigeströmt, um das Schauspiel mit anzusehen. Die City war nie in einer loyaleren oder heiterern Stimmung gewesen. Die schlimmen Tage waren vorüber. Die Guinee war auf einundzwanzig Schilling sechs Pence gefallen, die Banknote war auf Pari gestiegen. Die großen, schweren und scharf geprägten neuen Kronen und halben Kronen klangen auf allen Ladentischen.
Einzug des Königs in London.
Nach einigen Tagen ungeduldiger Erwartung erfuhr man am 14. Nov., daß Se. Majestät in Margate gelandet sei. Am 15. spät Abends erreichte er Greenwich und stieg in dem prächtigen Gebäude ab, das unter seinen Auspicien aus einem Palast in ein Hospital verwandelt wurde. Am nächsten Morgen, einem heiteren und warmen Morgen, schlossen sich achtzig sechsspännige Equipagen mit Edelleuten, Prälaten, Geheimräthen und Richtern seinem Zuge an. In Southwark wurde er von dem Lordmayor und den Aldermen mit allem Pomp empfangen. Der Weg durch diesen Stadttheil bis zur Brücke war von der Surreymiliz, der Weg von der Brücke bis Walbrook von drei Regimentern der Citymiliz besetzt. Durch ganz Cheapside hatten sich die Wahlbürger zu beiden Seiten mit ihren Innungsfahnen aufgestellt. Am östlichen Ende des St. Pauls-Kirchhofes standen die Knaben der Schule Eduard’s VI. in der Tracht des 16. Jahrhunderts, die sie noch jetzt tragen. Um die Kathedrale herum, Ludgate Hill und Fleet Street entlang waren drei weitere Regimenter Londoner aufgestellt. Von Temple Bar bis zum Eingangsthore von Whitehall standen die Milizen von Middlesex und die Fußgarden unter Waffen. Auf der ganzen Strecke waren alle Fenster mit Teppichen, Bändern und Fahnen geschmückt. Den schönsten Anblick aber gewährte die unzählige Masse der Zuschauer, alle in ihren Sonntagskleidern, und in solchen Kleidern, wie sie in anderen Ländern nur die höheren Klassen tragen konnten. „Nie,” schrieb Wilhelm diesen Abend an Heinsius, „habe ich eine solche Menge wohlgekleideter Leute gesehen.” Nicht minder angenehm berührten den König die Aeußerungen von Freude und Zuneigung, mit denen er vom Anfang bis zum Ende seines Triumphzuges begrüßt wurde. Von dem Augenblicke an, wo er in Greenwich in seinen Wagen stieg, bis zu dem Augenblicke, wo er im Hofe von Whitehall wieder ausstieg, war er von endlosen Lebehochrufen begleitet. Kaum war er in seinem Palaste angekommen, so wurden ihm Beglückwünschungsadressen von allen großen Corporationen des Landes überreicht. Man bemerkte, daß unter diesen Corporationen die Universität Oxford die erste war. Die beredte Ansprache, in welcher diese gelehrte Körperschaft die Weisheit, den Muth und die Energie Sr. Majestät pries, wurde von den Eidverweigerern mit heftigem Verdrusse, von den Whigs mit Entzücken gelesen.[131]
Der Tag des Dankgottesdienstes.
Die Freudenbezeigungen waren noch nicht zu Ende. In einer Staatsrathssitzung, welche einige Stunden nach dem öffentlichen Einzuge des Königs gehalten wurde, ward der 2. December zur Abhaltung eines Dankgottesdienstes wegen des zu Stande gekommenen Friedensschlusses bestimmt. Das Kapitel von St. Paul beschloß, daß an diesem Tage seine stolze Kathedrale, die sich langsam auf den Trümmern einer Reihenfolge von heidnischen und christlichen Tempeln erhoben hatte, dem öffentlichen Gottesdienste übergeben werden sollte. Wilhelm that seine Absicht kund, an der Eröffnungsfeier theilzunehmen. Man stellte ihm jedoch vor, daß, wenn er in diesem Vorhaben beharrte, dreihunderttausend Menschen herbeiströmen würden, um ihn zu sehen, und daß dann alle Pfarrkirchen London’s leer bleiben würden. Er wohnte daher dem Gottesdienste in seiner Kapelle zu Whitehall bei und hörte Burnet eine Predigt halten, die für den Ort etwas zu lobhudelnd war.[132] In der St. Paulskirche erschien die Magistratur der City in all’ ihrem Pompe. Campton bestieg zum ersten Male einen mit Schnitzwerk von Gibbons reich verzierten Thron und sprach auf demselben zu der zahlreichen und glänzenden Versammlung. Seine Rede ist uns nicht erhalten worden, aber man kann den Inhalt derselben leicht errathen, denn er predigte über den herrlichen Psalm: „Ich freue mich deß, das mir geredet ist, daß wir werden ins Haus des Herrn gehen.” Er erinnerte ohne Zweifel seine Zuhörer, daß sie als Londoner, außer der Dankbarkeitsschuld, die sie mit allen Engländern theilten, noch besondere Ursache hätten, für die göttliche Güte dankbar zu sein, die ihnen gestattet habe, die letzte Spur der Verheerungen des großen Feuers zu verwischen und sich nach so langen Jahren endlich wieder an dieser durch die Andacht von dreißig Generationen geweihten Stätte zu Gebet und Lobpreisung zu versammeln. In ganz London und in allen Theilen des Landes, bis in die entferntesten Kirchspiele von Cumberland und Cornwallis, waren die Kirchen am Morgen des Tages gefüllt und der Abend war ein Abend festlicher Vergnügungen.[133]
Man hatte aber auch Ursache, sich zu freuen und dem Himmel zu danken. England hatte schwere Prüfungen überstanden und war mit verjüngter Kraft und Gesundheit aus denselben hervorgegangen. Zehn Jahre früher hatte es den Anschein gehabt, als ob jene Freiheit und Unabhängigkeit vernichtet seien. Seine Freiheit hatte es durch eine gerechte und nothwendige Revolution behauptet. Es hatte die durch die Rechtsbill festgestellte Ordnung der Dinge siegreich gegen die mächtige französische Monarchie, gegen die eingeborne Bevölkerung Irland’s, gegen die erklärte Feindschaft der Eidverweigerer und gegen die noch gefährlichere Feindschaft von Verräthern vertheidigt, welche bereit waren, jeden Eid zu leisten und die kein Eid binden konnte. Seine offenen Feinde hatten auf vielen Schlachtfeldern gesiegt. Seine versteckten Feinde hatten seine Flotten und Heere befehligt, seine Arsenale verwaltet, an seinen Altären fungirt, auf seinen Universitäten gelehrt, seine Amtsbureaux gefüllt, in seinem Parlamente gesessen und im Schlafzimmer seines Königs geheuchelt und geschmeichelt. Mehr als einmal hatte es unmöglich geschienen, daß etwas eine Restauration abwenden könnte, welche unvermeidlich zuerst Proscriptionen und Confiscationen, die Verletzung der Grundgesetze und die Verfolgung der Landeskirche, und dann eine dritte Erhebung der Nation gegen das Fürstenhaus, das eine zweimalige Entthronung und eine zweimalige Verbannung nur hartnäckiger im Bösen gemacht hatte, in ihrem Gefolge gehabt haben würde. Zu den Gefahren des Kriegs und den Gefahren des Verraths hatten sich neuerdings die Gefahren einer schweren Finanz- und Handelskrisis gesellt. Aber alle diese Gefahren waren vorbei. Außen und innen war Friede. Das Königreich hatte nach vielen Jahren einer schmachvollen Vasallenschaft seinen früheren Platz in der vordersten Reihe der europäischen Mächte wieder eingenommen. Viele Anzeichen berechtigten zu der Hoffnung, daß die Revolution von 1688 unsre letzte Revolution gewesen sein würde. Die alte Verfassung schmiegte sich durch eine natürliche, eine allmälige, eine friedliche Entwickelung den Bedürfnissen einer neueren Gesellschaft an. Die Freiheit des Gedankens und die Freiheit der Rede bestanden schon in einem Umfange, wie ihn kein früheres Zeitalter gekannt hatte. Die Valuta war wieder hergestellt. Der öffentliche Credit war wieder befestigt. Der Handel lebte wieder auf. Die Schatzkammer war zum Ueberströmen voll. Allenthalben, von der Börse bis zum entlegensten Dorfe in den Gebirgen von Wales und den Sümpfen von Lincolnshire äußerte sich ein Gefühl der Erleichterung. Die Landbauer, die Hirten, die Bergleute der Kohlengruben von Northumberland, die Arbeiter, die sich an den Webstühlen von Norwich und an den Amboßen von Birmingham abmühten, empfanden die Veränderung, ohne sie zu verstehen, und das heitere Gewühl in jedem Seehafen und in jeder Marktstadt verrieth nicht undeutlich den Anfang einer glücklicheren Zeit.