Vor dem Zusammentritt der holländischen Synode hatte indeß jene Partei der anglikanischen Geistlichkeit, die dem calvinistischen Kirchenregimente und dem calvinistischen Gottesdienste besonders abhold war, angefangen, die calvinistische Metaphysik mißfällig zu betrachten, und dieses Mißfallen ward natürlich durch die auffallende Ungerechtigkeit, Anmaßung und Grausamkeit der in Dortrecht vorherrschenden Partei noch vermehrt. Die arminianische Lehre, nicht so streng logisch als die der früheren Reformatoren, aber den Volksbegriffen von der göttlichen Gerechtigkeit und Güte entsprechender, fand eine rasche und weite Verbreitung. Auch der Hof ward bald davon ergriffen. Ansichten, die zur Zeit der Thronbesteigung Jakobs kein Geistlicher aussprechen durfte, ohne den Verlust seines Priesterrockes befürchten zu müssen, gaben jetzt den besten Anspruch auf Beförderung. Ein Geistlicher jener Zeit, der von einem schlichten Landedelmann befragt ward, was die Arminianer denn eigentlich behaupteten, gab die eben so wahre als witzige Antwort: sie behaupten die besten Bisthümer und Dekaneien Englands.

Zu gleicher Zeit, als ein Theil des anglikanischen Clerus die ursprünglich eingenommene Stellung nach einer Richtung hin verließ, wich ein Theil der Puritaner gerade in entgegengesetzter Richtung von den Grundsätzen und Gewohnheiten seiner Väter ab. Die von den Separatisten erlittene Verfolgung war zwar hart genug gewesen, um zu erbittern, aber zu gelind, um zu vernichten; man hatte sie nicht bis zur Unterwürfigkeit gezähmt, sondern bis zur Wildheit und Unbeugsamkeit emporgestachelt. Wie alle unterdrückten Sekten, hielten auch sie ihre eigenen Rachegefühle für fromme Regungen, erhöhten durch Lesen und Nachdenken den Hang, über ihre Leiden zu brüten, und bildeten sich ein, wenn sie sich bis zum Hasse gegen ihre Feinde aufgeregt, daß sie die Feinde des Himmels haßten. Wenn sich auch im neuen Testamente nur wenig fand, was selbst bei unredlich verfälschter Auslegung dem Ergeben gehässiger Leidenschaften scheinbar Nachsicht gewährte, so enthielt doch das alte Testament die Geschichte eines Volks, das von Gott zum Zeugen seiner Einheit und zum Diener seiner Rache auserwählt worden, und dem er besonders mancherlei Dinge zu thun befohlen, die, ohne sein ausdrückliches Geheiß verübt, die gräßlichsten Verbrechen gewesen wären. In einer solchen Geschichte Vieles zu finden, was sich durch Verdrehung den betreffenden Wünschen entsprechend machen ließ, konnte erbitterten und düstern Gemüthern nicht schwer fallen. Bei den extremen Puritanern begann sich nun eine Vorliebe für das alte Testament zu bilden, die sich in ihrer ganzen Denkart und in allen ihren Gebräuchen zeigte, wenn sie es auch sich selbst nicht offen eingestehen mochten. Der hebräischen Sprache zollten sie eine Verehrung, die sie der Sprache versagten, in welcher uns die Unterredungen Jesu und die Briefe des Paulus überliefert worden; ihren Kindern gaben sie in der Taufe nicht die Namen christlicher Heiligen, sondern die hebräischer Patriarchen und Krieger; den wöchentlichen Festtag, den die Kirche von den ältesten Zeiten an zum Andenken an die Auferstehung des Herrn begeht, verwandelten sie, ungeachtet der ausdrücklichen und wiederholten Erklärungen Luthers und Calvins, in einen jüdischen Sabbath; Rechtsgrundsätze suchten sie in den mosaischen Bestimmungen, und Vorgänge, die ihrem gewöhnlichen Verhalten als Muster dienen sollten, in den Büchern der Richter und Könige; ihre Gedanken und Gespräche dreheten sich meistens um Handlungen, die man sicherlich nicht als nachahmungswürdige Beispiele für uns niedergeschrieben hat. Der Prophet, der einen gefangenen König in Stücke hieb, der ungehorsame Feldherr, der das Blut einer Königin den Hunden gab, das Weib, das ungeachtet eines gegebenen Versprechens und der morgenländischen Gastfreundschaft zum Trotz, mit einem Nagel das Gehirn des flüchtigen Bundesgenossen durchbohrte, der an ihrem Tische gesessen und unter ihrem Zelte schlief, diese alle wurden den unter der Tyrannei von Fürsten und Prälaten leidenden Christen als Muster aufgestellt. Moral und Sitten wurden von einem Codex abhängig gemacht, der dem der Synagoge in ihrem schlechtesten Zustande glich. Kleidung, Haltung, Sprache, Studien und Vergnügungen dieser strengen Sekte waren nach Grundsätzen geregelt, ähnlich denen der Pharisäer, die im Stolze auf ihre rein gewaschenen Hände und breiten Gedenkzettel den Erlöser als einen Sabbathschänder und Säufer schmähten. Einen Maibaum mit Kränzen zu schmücken, die Gesundheit eines Freundes zu trinken, einen Falken fangen zu lassen, einen Hirsch zu jagen, Schmachtlocken zu tragen, die Halskrause zu stärken, das Spinett zu schlagen oder die Königin der Feen zu lesen, war eine Sünde. Vorschriften dieser Art, die dem freien und fröhlichen Geiste Luthers unerträglich, und dem hellen philosophischen Verstande Zwingli’s verächtlich erschienen sein würden, breiteten ein mehr als mönchisches Duster über das ganze Leben. Die Gelehrsamkeit und Redekunst, durch die sich die großen Reformatoren so hoch auszeichneten, und denen sie größtentheils ihre Erfolge verdankten, betrachtete die neue Schule der Protestanten mit Argwohn, wenn nicht selbst mit Abneigung. — Einige der Rigorösesten trugen sogar Bedenken, aus der lateinischen Grammatik Unterricht ertheilen zu lassen, weil die Namen Mars, Bacchus und Apollo darin vorkamen. Die schönen Künste waren so gut wie verpönt; der feierliche Klang der Orgel erschien abergläubisch; die leichte Musik von Ben Jonson’s Maskenspielen galt für unsittlich; die eine Hälfte der schönen Gemälde in England war götzendienerisch, die andere unanständig. Den extremen Puritaner konnte man sofort an seinem Gange, seiner Kleidung, seinem glatten Haare, der kalten Feierlichkeit seines Gesichts, dem emporgekehrten Weißen der Augen, der näselnden Sprache und vor Allem an seiner eigenthümlichen Ausdrucksweise erkennen. Bei jeder Gelegenheit wendete er Bilder und Styl der heiligen Schrift an. Hebräismen, gewaltsam in die englische Sprache verflochten, und Metaphern, der kühnsten lyrischen Poesie eines fernen Zeitalters und Landes entlehnt, und auf die gewöhnlichsten Angelegenheiten des englischen Lebens angewendet, waren die hervorragendsten Eigenthüm­lichkeiten dieses Sprachgemisches, das mit vollem Rechte den Spott der Prälatisten sowohl als der Freigeister nach sich zog.

Das politische und religiöse Schisma, das im sechzehnten Jahrhunderte sich gebildet hatte, ward im ersten Viertheile des siebzehnten Jahrhunderts stets größer. In Whitehall waren Theorien Mode, die sich dem türkischen Despotismus näherten; der größte Theil des Unterhauses huldigte Theorien, die sich dem Republikanismus zuneigten. Die eifrigen Prälatisten, die bis auf den letzten Mann für das Hoheitsrecht kämpften, und die eifrigen Puritaner, welche eben so heftig für die Privilegien des Parlaments stritten, standen sich mit einer viel größern Erbitterung gegenüber, als in der vorangegangenen Generation je zwischen Katholiken und Protestanten geherrscht hat.

Bei dieser Gemüthsstimmung der Menschen ward das Land nach einem langjährigen Frieden in einen Krieg verwickelt, der große Anstrengungen nöthig machte. Durch diesen Krieg ward die große constitutionelle Krisis beschleunigt. Der König brauchte eine starke Militär-Macht, diese konnte er ohne Geld nicht erlangen, und Geld war ohne Zustimmung des Parlaments auf gesetzlichem Wege nicht zu erheben. Hieraus ging hervor, daß er entweder im Sinne des Hauses der Gemeinen regieren, oder eine Verletzung der Grundgesetze des Landes wagen mußte, die man seit mehreren Hundert Jahren nicht mehr kannte. Die Plantagenets und Tudors hatten zwar bei vorkommenden Gelegenheiten einen Ausfall in ihren Einkünften durch freiwillige oder gezwungene Anleihen gedeckt, aber diese Aushilfsmittel waren immer nur vorübergehend. Die regelmäßigen Bedürfnisse eines langen Kriegs durch regelmäßige Steuern, ohne Einwilligung der Stände des Reichs ausgeschrieben, zu decken, war ein Verfahren, dessen Ausführung selbst Heinrich VIII. nicht gewagt haben würde. So schien die entscheidende Stunde zu nahen, in der entweder das englische Parlament das Schicksal der festländischen Senate theilen, oder das höchste Übergewicht im Staate erlangen müsse.

[6.] Canon 55. of 1603.

[7.] Joseph Hall, damals Dechant von Worcester und später Bischof von Norwich, war einer jener Abgeordneten. In seiner Selbstbiographie sagt er: „Meine Unwürdigkeit wurde zu einem Theilnehmer an dieser ehrenwerthen, wichtigen und verehrungswürdigen Versammlung ernannt.“ Diese Demuth wird Hochkirchenmännern nicht recht am Platze erscheinen.

[8.] Peckard’s Life of Ferrar. Das arminianische Nonnenkloster, oder eine kurze Beschreibung der vor Kurzem gestifteten klösterlichen Anstalt, das arminianische Nonnenkloster genannt, zu Little Gidding in Huntingdonshire, 1641.

Thronbesteigung und Charakter Karls I. [In] dieser verhängnißvollen Zeit starb Jakob, und Karl I. bestieg nach ihm den Thron. Die Natur hatte ihn mit einem größern Verstande, mit einem stärkern Willen und einem strengern, festern Charakter begabt, als seinen Vater. Die politischen Theorien desselben hatte er nicht nur geerbt, er war auch weit mehr als jener geneigt, sie praktisch auszuführen. Er war wie jener ein eifriger Anhänger der bischöflichen Kirche, außerdem, was der Vater nie gewesen, ein eifriger Arminianer, und sah, obgleich kein Papist, dennoch einen Papisten lieber, als einen Puritaner. Man würde ungerecht sein, wollte man läugnen, daß Karl einige der Eigenschaften eines guten, ja selbst eines großen Fürsten besaß. Er schrieb und sprach nicht mit der Genauigkeit eines Professors, wie sein Vater, sondern wie ein intelligenter, wohlunterrichteter Edelmann. Sein Geschmack in Literatur und Kunst war vortrefflich, seine Manieren waren würdevoll, wenn auch nicht gewinnend, und sein häusliches Leben tadellos. Treulosigkeit war der Hauptgrund zu seinem Mißgeschick, und bildet den schwärzesten Fleck auf seinem Andenken, denn er besaß wirklich einen unheilbaren Hang, dunkle und krumme Wege zu gehen. Es erscheint seltsam, daß sein Gewissen ihn dieses großen Lasters wegen nie plagte, während es bei unbedeutenden Gelegenheiten sich ziemlich empfindsam zeigte; man muß indeß mit gutem Grunde annehmen, daß er nicht nur aus Neigung und Gewohnheit, sondern aus Grundsatz treulos war. Man möchte glauben, er habe von den Theologen, die er hoch schätzte, gelernt, daß zwischen ihm und seinen Unterthanen kein gegenseitiger Vertrag bestehe, daß er sich seiner despotischen Autorität, auch wenn er wollte, nicht entäußern dürfe, und daß in jedem seiner Versprechen der stillschweigende Vorbehalt liege, es im Falle der Nothwendigkeit wieder brechen zu können, und daß ihm allein die Entscheidung zustehe, ob dieser Nothfall eingetreten sei.

Taktik der Opposition im Hause der Gemeinen. [Und] nun begann das gewagte Spiel, das über das Geschick des englischen Volks entschied. Auf Seite des Hauses der Gemeinen ward mit Eifer, aber auch mit bewunderungs­würdiger Geschicklichkeit, Ruhe und Ausdauer, gespielt. An der Spitze der Versammlung standen große Staats­männer, die weit zurück und weit hinaus zu blicken vermochten, und diese waren entschlossen, den König in eine Lage zu versetzen, daß er entweder nach den Wünschen des Parlamentes regieren, oder die heiligsten Grundsätze der Verfassung gewaltsam antasten müsse. Aus diesem Grunde bewilligten sie ihm nur kärgliche Geldunterstützungen. Der König erkannte, daß er entweder im Einverständnisse mit dem Hause der Gemeinen, oder mit allen Gesetzen im Widerspruche regieren müßte, und sein Entschluß stand bald fest: er löste sein erstes Parlament auf und erhob aus eigner Machtvollkommenheit Steuern. Nun berief er ein zweites Parlament, und fand es noch unbeugsamer als das erste. Wiederum nahm er zu dem Mittel der Auflösung seine Zuflucht, erhob, ohne den leisesten Anschein eines gesetzlichen Rechts, neue Steuern, und ließ die Führer der Opposition einkerkern. Eine neue Beschwerde, welche die eigenthümlichen Gefühle und Gewohnheiten des englischen Volks zu einer kaum erträglichen Last machten und die allen scharfblickenden Männern als eine furchtbare Vorbedeutung erschien, erregte zu derselben Zeit allgemeine Unzufriedenheit und Unruhe: es wurden Compagnien Soldaten bei dem Volke einquartiert und das Kriegsrecht verdrängte an einigen Orten die alten Rechte des Reichs.

Bitte um Recht. [Der] König berief ein drittes Parlament, und bald ward er gewahr, daß ihm die Opposition stärker und heftiger entgegentrat, als je. Nun entschloß er sich, die Taktik zu ändern. Statt den Forderungen der Gemeinen hartnäckig entgegen zu sein, ging er nach manchem Streite und manchen Ausflüchten auf einen Vergleich ein, der, wenn er ihm treulich nachgekommen wäre, ein dauerndes Ungemach abgewendet haben würde. Das Parlament bewilligte eine namhafte Geldunterstützung; der König bestätigte feierlich das berühmte Gesetz, das unter dem Namen der Bitte des Rechts bekannt ist, und die zweite große Urkunde der Freiheiten Englands bildet. Durch die Bestätigung dieses Gesetzes legte er sich zugleich die Verpflichtung auf, nie wieder ohne Bewilligung der Häuser Geld zu erheben, nie wieder eine Person, wenn nicht der Rechtsgang dabei beobachtet, einzukerkern, und nie wieder das Volk den Kriegs­gerichten zu unterwerfen.