Unzufriedenheit der Armee. [Die] Armee war kaum weniger mißvergnügt, als die Geistlichkeit und die Gentry. Die Besatzung des Tower hatte auf das Wohl der gefangenen Bischöfe getrunken. Die in Lambeth stehenden Fußgarden hatten den Primas bei seiner Rückkehr in seinen Palast mit allen Zeichen der Ehrerbietung bewillkommnet. Nirgends war die Nachricht von der Freisprechung mit lauterem Jubel aufgenommen worden, als im Lager von Hounslow. Die große Truppenmacht, welche der König zusammengezogen hatte, um seine meuterische Hauptstadt im Schach zu halten, war in der That meuterischer geworden, als die Hauptstadt selbst, und wurde vom Hofe mehr gefürchtet, als von den Bürgern. Anfangs August wurde daher das Lager aufgehoben und die Truppen in verschiedenen Theilen des Landes einquartirt.[31]
Jakob schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß einzelne Bataillone leichter im Zaume zu halten sein würden, als viele tausend auf einem kleinen Raume zusammengedrängte Soldaten. Das erste Experiment wurde mit Lord Lichfield’s Infanterieregiment, dem gegenwärtigen zwölften Linienregiment gemacht. Man hatte dieses Regiment wahrscheinlich deshalb gewählt, weil es zur Zeit des Aufstandes im Westen in Staffordshire ausgehoben worden war, einer Provinz, die verhältnißmäßig mehr Katholiken zählte, als irgend ein andrer Theil Englands. Die Mannschaften wurden vor dem Könige aufgestellt und ihr Major setzte sie in Kenntniß, daß Seine Majestät wünschte, sie sollten eine Verpflichtung unterschreiben, durch die sie sich verbindlich machten, ihn bei der Ausführung seiner Absichten bezüglich des Testes zu unterstützen, und daß alle Diejenigen, die sich nicht dazu verstehen wollten, auf der Stelle den Militairdienst verlassen müßten. Zum großen Erstaunen des Königs legten ganze Reihen augenblicklich ihre Piken und Musketen nieder. Nur zwei Offiziere und einige Gemeine, sämmtlich Katholiken, gehorchten seinem Befehle. Er schwieg eine Weile, dann befahl er den Leuten, daß sie ihre Waffen wieder aufnehmen sollten, und sagte mit einem finstren Blicke zu ihnen: „Ein andermal werde ich Euch nicht die Ehre erzeigen, Euch erst zu fragen.“[32]
Es war klar, daß er die Armee vollständig reorganisiren mußte, wenn er auf seinen Plänen beharren wollte. Die dazu geeigneten Elemente aber konnte er auf unsrer Insel nicht finden. Die Mitglieder seiner Kirche bildeten selbst in den Districten, wo sie am zahlreichsten waren, nur den bei weitem kleineren Theil der Bevölkerung. Der Haß gegen den Papismus hatte sich durch alle Klassen seiner protestantischen Unterthanen verbreitet und war das vorherrschende Gefühl selbst der Landleute und Handwerker geworden. Aber es gab einen andren Theil seines Reichs, wo die Hauptmasse der Bevölkerung von einem ganz andren Geiste beseelt war. Die Zahl der römisch-katholischen Soldaten, welche durch den guten Sold und die guten Quartiere Englands von jenseit des St. Georgskanals herübergelockt werden würden, hatte keine Grenze. Tyrconnel hatte sich seit einiger Zeit bemüht, aus dem Landvolke seiner Heimath eine Heeresmacht zu bilden, auf die sein Gebieter sich verlassen konnte. Fast die ganze irische Armee bestand schon aus Papisten von celtischer Abkunft und Sprache. Barillon hatte dem Könige schon öfters ernstlich gerathen, diese Armee herüberkommen zu lassen, um der englischen Respekt einzuflößen.[33]
[31.] Luttrell’s Diary, Aug. 8, 1688.
[32.] Dies wird uns von drei Schriftstellern erzählt, die sich jener Zeit wohl erinnern konnten: von Kennet, Eachard und Oldmixon. Siehe auch das Caveat against the Whigs.
[33.] Barillon, 23. Aug. (2. Sept.), 3.(13.), 6.(16.) u. 8.(18.) Sept. 1688.
Es werden irische Truppen herübergezogen. — Unwille des Volks. [Jakob] schwankte. Er wollte gern von Truppen umgeben sein, auf die er sich verlassen konnte; aber er fürchtete den Ausbruch des Nationalunwillens, den das Erscheinen einer bedeutenden irischen Militairmacht auf englischem Boden hervorrufen mußte. Wie es gewöhnlich zu geschehen pflegt, wenn ein schwacher Mann einander entgegengesetzte Nachtheile vermeiden will, schlug er endlich einen Weg ein, der sie alle in sich vereinigte. Er zog so viele Irländer herüber, als in der That nicht hingereicht haben würden, um nur die Hauptstadt oder die Grafschaft York im Zaume zu halten, die aber doch genügten, um die Besorgniß und den Unwillen des ganzen Königreiches von Northumberland bis Cornwall zu erregen. Ein Bataillon nach dem andren, von Tyrconnel ausgehoben und eingeübt, landete an der Westküste und marschirte nach der Hauptstadt, und irische Rekruten wurden in bedeutender Anzahl herübergezogen, um die Lücken in den englischen Regimentern auszufüllen.[34]
Dies war einer der verderblichsten von den vielen Fehlern, welche Jakob beging. Er hatte sich schon die Herzen seiner Nation durch Verletzung ihrer Gesetze, durch Einziehung ihrer Güter und durch Verfolgung ihrer Religion entfremdet. Von Denen, welche einst die eifrigsten Anhänger der Monarchie gewesen waren, hatte er schon viele dahin gebracht, daß sie im Herzen Rebellen waren. Indessen hätte er noch immer mit einiger Aussicht auf Erfolg den patriotischen Sinn seiner Unterthanen gegen einen eindringenden Feind aufrufen können. Denn sie waren der Gesinnung wie der geographischen Lage nach ein Inselvolk, und ganz besonders damals waren ihre nationalen Antipathien über alle Maßen heftig und lieblos. Noch nie waren die Engländer an die Gewalt oder Einmischung eines Fremden gewöhnt gewesen; das Erscheinen einer ausländischen Armee auf ihrem Boden hätte sie bestimmen können, sich selbst um einen solchen König zu schaaren, den sie zu lieben keine Ursache hatten. Wilhelm wäre vielleicht nicht im Stande gewesen, diese Schwierigkeit zu überwinden; aber Jakob räumte sie selbst aus dem Wege. Selbst die Ankunft einer Brigade von Ludwig’s Musketieren würde keine solche Entrüstung und Beschämung hervorgerufen haben, als sie unsere Vorfahren beim Anblick der aus Dublin ankommenden papistischen Colonnen empfanden, die sich mit militairischem Gepränge auf den Landstraßen fortbewegten. Kein geborener Engländer betrachtete damals die Ureinwohner Irlands als seine Landsleute. Sie gehörten nicht zu unsrem Zweige der großen menschlichen Familie, sie unterschieden sich von uns durch mehr als eine moralische und intellectuelle Eigenthümlichkeit, welche der Unterschied der Lage und der Erziehung, so groß derselbe auch sein mochte, nicht genügend erklärte. Sie hatten ein andres Aussehen und eine andre Muttersprache. Wenn sie englisch sprachen, war ihre Aussprache fehlerhaft; ihre Phraseologie war holprig, wie immer bei Denen, welche in einer Sprache denken und ihre Gedanken in einer andren ausdrücken. Sie waren daher Ausländer und zwar die am meisten verhaßten und verachteten von allen Ausländern; am meisten verhaßt deshalb, weil sie seit fünf Jahrhunderten stets unsere Feinde gewesen waren, und am meisten verachtet, weil wir sie besiegt, unterjocht und ausgeplündert hatten. Der Engländer verglich mit Stolz seine Felder mit den öden Sümpfen, aus denen irische Räuber hervorstürzten, um zu plündern und zu morden, und seine Wohnung mit den elenden Hütten, in denen die Landleute und die Schweine vom Shannon sich zusammen im Kothe wälzten. Der Engländer gehörte einer Gesellschaft an, welche in Reichthum und Civilisation allerdings noch weit unter der stand, in welcher wir jetzt leben, die aber doch eine der reichsten und civilisirtesten der damaligen Zeit war; der Irländer dagegen war fast so roh wie die Wilden von Labrador. Er war ein freier Mann, die Iren waren die erblichen Leibeigenen seines Stammes. Er verehrte Gott nach einem reinen und vernünftigen Brauche der Irländer und war in Götzendienerei und Aberglauben versunken. Er wußte, daß mehr als einmal große Massen von Iren vor einer kleinen englischen Streitmacht geflohen waren und daß eine kleine englische Colonie die ganze irische Bevölkerung niedergehalten hatte, und daraus zog er den selbstgefälligen Schluß, daß er von Natur ein höher stehendes Wesen sei als der Irländer, denn so erklärt ein herrschender Stamm immer sein Übergewicht und entschuldigt damit seine Tyrannei. Jetzt werden die Irländer allgemein als ein Volk anerkannt, das in Bezug auf Lebhaftigkeit, Mutterwitz und Beredtsamkeit einen hohen Rang unter den Nationen der Erde einnimmt, und daß sie bei guter Leitung vortreffliche Soldaten sind, haben sie auf hundert Schlachtfeldern bewiesen. Gleichwohl ist es gewiß, daß sie vor anderthalb Jahrhunderten auf unsrer Insel allgemein als ein dummes und zugleich feiges Volk verachtet wurden. Und ein solches Volk sollte mit bewaffneter Hand England im Schach halten, während des Letzteren bürgerliche und kirchliche Verfassung vernichtet wurde. Das Blut der ganzen Nation kochte bei diesem Gedanken. Von Franzosen oder Spaniern besiegt zu werden, würde im Vergleich damit noch als ein erträgliches Loos erschienen sein, denn die Franzosen und Spanier waren wir gewohnt als unsrer ebenbürtig zu betrachten. Wir hatten zuweilen ihr Glück beneidet, zuweilen ihre Macht gefürchtet, zuweilen uns zu ihrer Freundschaft gratulirt. Bei all unsrem schroffen Stolze gaben wir zu, daß sie große Nationen waren und daß sie sich in den Künsten des Kriegs und des Friedens ausgezeichneter Männer rühmen konnten. Aber von einer tief unter uns stehenden Kaste dominirt zu werden, war eine Schmach, gegen die jede andre Schmach nichts war. Die Engländer fühlten dasselbe, was die weißen Bewohner von Charleston oder Neworleans fühlen würden, wenn diese Städte Negergarnisonen erhalten sollten. Die wirklichen Thatsachen würden schon hingereicht haben, um Besorgniß und Unwillen zu erregen; die wirklichen Thatsachen aber verschwanden in einer Masse verworrener Gerüchte, welche unaufhörlich von einem Kaffeehause zum andren, von einer Bierschenke zur andren flogen und auf jeder Station ihrer Wanderung immer wunderbarer und erschreckender wurden. Die Zahl der irischen Truppen, welche an unseren Küsten gelandet waren, konnte allerdings ernste Besorgnisse wegen der daraus ersichtlichen Zwecke des Königs erregen, aber sie wurde durch den Schrecken des Publikums um das Zehnfache vergrößert. Es war wohl kaum anders zu erwarten, als daß der rohe Kerne von Connaught, mit bewaffneter Hand unter ein fremdes Volk gestellt, das er haßte und von dem er wieder gehaßt wurde, einige Excesse beging; aber diese Excesse wurden durch das Gerücht übertrieben und als Zugabe zu den Gewaltthätigkeiten, die sich der Fremde wirklich erlaubt hatte, wurden auch die, welche seine englischen Kameraden begangen, mit auf seine Rechnungen gesetzt. Aus allen Winkeln des Reiches erscholl ein allgemeiner Schrei gegen die fremden Barbaren, die sich in Privathäuser eindrängten, Pferde und Wagen wegnähmen, Geld erpreßten und die Frauen insultirten. Diese Menschen, sagte man, seien die Söhne Derer, welche vor siebenundvierzig Jahren die Protestanten zu Tausenden hingeschlachtet hätten. Die Geschichte des Aufstandes von 1641, eine Geschichte, die selbst bei nüchterner Betrachtung wohl Mitleid und Entsetzen erregen konnte und welche durch nationale und religiöse Antipathien schrecklich entstellt worden war, bildete jetzt das Lieblingsthema der Unterhaltung. Grauenvolle Geschichten von Häusern, welche sammt allen ihren Bewohnern niedergebrannt worden, von kaltblütig abgeschlachteten Frauen und Kindern, von nahen Verwandten, welche durch die Folter gezwungen wurden, einander gegenseitig zu morden, von geschändeten und verstümmelten Leichen, wurden in vollem Ernste erzählt und mit vollem Glauben und gespannter Aufmerksamkeit angehört. Dann setzte man hinzu, daß die feigen Wilden, welche heimtückischerweise alle diese Grausamkeiten an einer nichts Arges vermuthenden und wehrlosen Colonie verübt hätten, sobald Oliver zu seinem großen Rachewerk unter ihnen erschienen sei, in panischem Schrecken die Waffen weggeworfen hätten, und ohne das Glück einer einzigen Schlacht zu versuchen, in die ihnen gebührende Sklaverei versunken seien. Viele Anzeichen deuteten darauf hin, daß der Lordstatthalter eine zweite große Beraubung und Niedermetzelung der sächsischen Ansiedler beabsichtige. Tausende protestantischer Colonisten, die sich vor der Ungerechtigkeit und frechen Willkür Tyrconnel’s geflüchtet, hatten durch Schilderung der überstandenen und der nur zu wahrscheinlich in Aussicht stehenden ferneren Leiden den Unwillen des Mutterlandes erregt. Wie heftig das Publikum durch die Klagen dieser Flüchtlinge erbittert wurde, hatte sich noch ganz kürzlich in unverkennbarer Weise gezeigt. Tyrconnel hatte der königlichen Genehmigung die Hauptpunkte einer Bill unterbreitet, die das Gesetz aufhob, auf welchem das Besitzrecht der Hälfte des ganzen irländischen Grund und Bodens beruhte, und hatte als Bevollmächtigte zwei seiner katholischen Landsleute, die erst unlängst zu hohen richterlichen Ämtern befördert worden waren, nach Westminster gesandt: Nugent, Oberrichter der irischen Kings Bench, eine Verkörperung aller Laster und Schwächen, welche die Engländer damals für characteristische Eigenschaften der papistischen Celten hielten, und Rice, ein Baron der irischen Schatzkammer, der in Talent und Wissen vielleicht der Ausgezeichnetste seines Stammes und seines Glaubens war. Der Zweck dieser Sendung war wohl bekannt, und die beiden Richter durften es daher nicht wagen, sich auf der Straße sehen zu lassen, denn wo sie erkannt wurden, rief sogleich der Pöbel: „Platz für die irischen Gesandten!“ und ihr Wagen wurde mit höhnischer Feierlichkeit von einem Zuge Ceremonienmeister und Läufer begleitet, welche Stöcke mit daran gespießten Kartoffeln trugen.[35]
Die Abneigung der Engländer gegen die Irländer war damals in der That so groß und so allgemein, daß selbst die ausgezeichnetsten Katholiken sie theilten. Powis und Bellasyse sprachen sogar im Geheimen Rathe in den rücksichtslosesten und schärfsten Worten ihren Widerwillen gegen die Fremdlinge aus.[36] Unter den englischen Protestanten war diese Aversion noch stärker und vielleicht am stärksten war sie in der Armee. Weder Offiziere noch Soldaten waren geneigt, den Vorzug, den ihr Gebieter einem fremden und unterjochten Stamme gab, sich ruhig gefallen zu lassen. Der Herzog von Berwick, welcher Oberst des damals in Portsmouth stehenden achten Linieninfanterieregiments war, gab Befehl, daß dreißig Mann, welche soeben von Irland angekommen waren, eingereiht werden sollten. Die englischen Soldaten erklärten, daß sie mit diesen Eindringlingen nicht dienen wollten. Der Oberstlieutenant Johann Beaumont protestirte für sich und im Namen von fünf Hauptleuten dem Herzoge ins Gesicht gegen diese Beschimpfung der englischen Armee und Nation. „Wir haben,“ sagte er, „das Regiment auf unsere eigenen Kosten errichtet, um die Krone Seiner Majestät in Zeiten der Gefahr zu vertheidigen. Es wurde uns damals nicht schwer, Hunderte von englischen Rekruten zu finden, und wir können leicht jede Compagnie vollzählig erhalten, ohne Irländer aufzunehmen. Wir halten es daher für unvereinbar mit unsrer Ehre, und diese Fremdlinge aufdringen zu lassen, und bitten, daß es uns gestattet werde, entweder Leute unsrer eignen Nation zu befehligen, oder unsren Abschied zu nehmen.“ Berwick schickte nach Windsor, um sich Verhaltungsbefehle zu erbitten. Der König war höchlich entrüstet und sandte sofort eine Abtheilung Reiterei nach Portsmouth mit dem Befehl, die sechs widerspenstigen Offiziere vor ihn zu bringen. Sie wurden vor ein Kriegsgericht gestellt, und da sie sich durchaus nicht fügen wollten, wurden sie zur Ausstoßung aus der Armee verurtheilt, der höchsten Strafe, welche damals ein Kriegsgericht zuerkennen konnte. Die ganze Nation zollte den entlassenen Offizieren ihren Beifall und die herrschende Stimmung wurde durch das ungegründete Gerücht, daß sie während ihrer Haft mit Härte behandelt worden seien, noch mehr aufgereizt.[37]
[34.] Luttrell’s Diary, Aug. 27. 1688.